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Mythos Privatsphäre: Alles ist öffentlich

25. Januar 2010

„Bitte respektieren Sie die Privatsphäre“, ist so ein Satz aus der Business Class. Dort passiert seit vergangenem Jahr bei immer mehr Airlines dies: Ein Paravent trennt nicht nur die Billig-Flieger der Economy Class von den elitären Geschäftsreisenden, die unter sich sein möchten – sie trennt sie auch selbst. Mit einem Druck wird so bald in immer mehr Boeings und Airbussen eine milchglas-farbene Abtrenung hochgefahren. Mind the privacy, please!

Schließlich wird die Privatsphäre im deutschen Grundgesetz als nicht weniger als ein Persönlichkeitsrecht deklariert.  „Das besondere Persönlichkeitsrecht dient dem Schutz eines abgeschirmten Bereichs persönlicher Entfaltung. Dem Menschen soll dadurch ein räumlicher Bereich verbleiben, in dem er sich frei und ungezwungen verhalten kann, ohne befürchten zu müssen, dass Dritte von seinem Verhalten Kenntnis erlangen…“, ist in der Wikipedia zu lesen. Klare Sache also, oder?


„Wer ist eigentlich Nataliya? Nataliya mit ‚y’ nicht mit ‚i’“

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat indes eine sehr moderne Auffassung des Begriffs, die in der Internetwelt allerspätestens vor knapp zwei Wochen nachzulesen war: „Menschen sind einverstanden damit, Informationen über sich mit anderen zu teilen und werden immer offener zu immer mehr Menschen. Die sozialen Normen hier haben sich in der Zeit entwickelt“, erklärte der erst 25-jährige Facebook-Gründer unlängst „TechCrunch“-Boss Michael Arrington.

Tatsächlich kennen sich Facebook-Mitglieder mit dieser dehnbaren Entwicklung seit ihrer Nutzung des weltgrößten Netzwerks bestens in der Praxis aus. Für mich klang es lange wie ein eher reißerisches Medien-Phänomen, schließlich habe ich ja gut  achtgegeben und die zwölf Privatsphäre-Einstellungen für mein Profil, die zehn Privatsphäre-Einstellungen für die „Kontakt- Informationen“, die vier Privatsphäre-Einstellungen zu den Anwendungen und Webseiten, die ich mit anderen teile, nach bestem Wissen und Gewissen angeklickt und aktiviert bzw. deaktiviert. Oder?

Oder nicht. „Wer ist eigentlich Nataliya“, fragt mich Saskia, meine Freundin, zum Ende des Mittagessens beim Bok in der Schanze, als noch zwei Stücken Sushi  übrig bleiben. „Nataliya mit „y“, nicht mit „i““ Sie dippt das vorletzte Nigri ein bisschen zu forsch in die Soya-Ingwer-Soße. Es spritzt etwas.

Der kleine Fleck auf der Tischdecke ist unübersehbar. Es ist unser erstes Mittagessen  seit drei Monaten, obwohl zwischen Agentur und Redaktion nur etwa 800 Meter Luftlinie liegen.

Wer? „Na – Nataliya?“, verhaspele ich mich etwas zu gewollt.

„Natali-ya Yadadadada“.  Sie blickt auf ihren Blackberry und fixiert mich dann. Ein Blick,  der das Alstereisvergnügen im Handumdrehen  garantieren würde. Gefroren wäre noch gelogen.

„Ach so“. Ich grinse bescheuert. „Nataliya“

„Nataliya.“
„Nataliya.“

„Nataliya!“

Eine Facebook-Freundin ist das!“ Ich kaue angestrengt.

„Eine Facebook-Freundin.“ Noch ehe mich Saskia grillen kann, vibriert ihr Blackberry. Von Pharma-Workshops und Pitches ist die Rede, sie spannt die Wangenknochen zu einem Lächeln, legt einen 10 Euro-Schein auf den Tisch und hebt die Hand, während ich den Wortfetzen lausche „Pitch nächste Woche, Corporate Responsibility-Kampagne, natürlich verxingen wir uns gleich Frau Wer-auch-immer.“ Das ist Saskias Welt. Auf den Punkt professionell, so professionell wie ihr Blackberry Storm und ihr Xing-Kontaktbuch. Ich hingegen zücke mein iPhone und klicke bedröppelt auf meine Facebook-App. Erwischt!

Befreundet mit der ukrainischen Version von Kate Moss: „Nach Odessa. Sofort!“

Und wie. Aber wobei eigentlich?  Ich kenne Nataliya aus ‚Meet New People’. Kommt aus der Ukraine, schreibt ein perfekteres Englisch als manches Mädel aus Brooklyn und sieht aus wie die ukrainische Version von Kate Moss. „Oh mein Gott“, sagt mein zehn Jahre jüngerer Kollege Felix, als ich zurück in die Redaktion trotte. „Was machst Du hier überhaupt noch? Fahr sofort nach Odessa. Sofort!“

Ich schüttele den Kopf. Wieso kennt er auch Nataliya? Steht ihr Name auf meiner Stirn geschrieben? Ehe ich darüber nachdenken kann, was in Facebook  schiefgelaufen ist, poppt Skype auf. Nicolay schreibt mir: „Gute Nachricht! Ab April gibt es Direktverbindungen nach Odessa. Bin dabei – aber frag vorher, ob Nataliya eine große Schwester oder Freundin hat!“
WTF! tippe ich nur. „Woher weißt Du von der?“

„Das ist ziemlich schnell erklärt, wenn ich das lese: Außer Dir dürften noch etwa 214 Freunde wissen, wie wild Du letzte Nacht mit der rumgeflirtet hast. Weißt Du nicht von den neuen  Privatsphäre-Einstellungen?“

WAS IST DAMIT? tippe ich wie in Trance.
„Naja: Foto-Kommentare sind doch jetzt sichtbar… Likes auch….“

„Wow, how cute are you?“ Meine Freunde lesen und klicken mit

In diesem Moment friert die Zeit ein wie meine Finger beim Radfahren in diesen Tagen. Das darf doch nicht wahr sein! Foto-Kommentare waren IMMER geschützt, wenn man die Einstellung vorher aktiviert hatte. Wenn nicht, tauchten sie vorher in den „Höhepunkten“ auf. Meine Kommentar-Serie letzte Nacht – ich habe nichts daran geändert. Oder doch?

SCREENSHOT, bitte schicke sofort einen  Screenshot!, skype ich Nico.

Eine Minute später  mein blankes Entsetzen:

„Wow, how cute are you?“, lese ich da. Ich erinnere mich. Dunkel. Gut, dass ich so beherrscht und gut erzogen bin. ‚Cute’ schreibe ich – nie ‚hot’. Doch das nützt nichts: Die ganze Welt weiß, wie ‚hübsch’ – also: heiß Nataliya ist. Ein Klick auf ihr Profil und jeder, aber auch jeder kann ihre Bilder begutachten – durch alle 18 Profilbilder aus den letzten zweieinhalb Jahren kann man sich klicken. Nataliya hat, wie wohl 80 Prozent aller User, nach den Einstellungsänderungen im Dezember nicht ihre Profilbilder gesichert. Jeder kann sie sehen – und gesehen werden, wenn er den Haken nicht an der richtigen Stelle setzt.

Genau wie meine Freunde, die plötzlich für jeden sichtbar sind. Genau wie die Fanpages – was etwa ein großer Spaß für jemanden mit gewissen Vorlieben sein muss. Und zwar in Echtzeit. Genau wie die Freundschaftsbestätigungen – alles live, alles sichtbar, alles für alle!

Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert

„Was ist denn, Nils“, fragt mich der Chefredakteur. „Du siehst so blass aus. Komm, schreib was über Facebook, ist doch Dein Lieblingsthema“, muntert er mich auf. „Und ein heißes dazu. Die Leute laufen nach Zuckerbergs jüngsten Äußerungen Sturm“.

Das stimmt. ’Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei’, wird Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vom Webblog „ReadWriteWeb“ zitiert. Natürlich soll das Zitat aus dem Kontext gegriffen worden sein. Aber gilt das nicht auch für den Begriff der Privatsphäre selbst?

Facebook, das mit 350 Millionen Nutzern bei weitem größte Social Network der Welt, nahm es mit der Privatsphäre bislang eigentlich ziemlich genau. Genauer gesagt: Sehr genau. So genau, dass kein User etwas gegen die neue Öffentlichkeit sagen kann, schließlich gibt es für sie Regeln. Dass einiges, was im letzten Jahr noch als privat galt, nun plötzlich öffentlich ist, gehört schlicht zur Umschreibung dieser Regeln. Öffentlich ist das neue Privat.

„I’m trying to make the world a more open place“, schreibt Mark Zuckerberg in seinem Statement in seinem eigenen Profil. Plötzlich bekommt das Zitat eine neue Bedeutung. Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert – böse Zungen könnten auch behaupten: abgeschafft. Alles ist öffentlich. Aber wusste ich das nicht schon vorher?

1.0 vs. 2.0: Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen

10. Dezember 2009

Mann, ist der alt geworden? Mann, bin ich alt geworden! Was haben Hugh Grant und ich gemeinsam? Nichts – außer der Haarfarbe. Und der Tatsache, dass wir beide, mal mehr, mal weniger explizit ausgesprochen, der Binsenweisheit des großen amerikanischen Altmeisters Philip Roth huldigen dürften: Das Alter ist ein Massaker.

Zehn Jahre liegen zwischen den Aufnahmen in „Wetten, dass“. 1999 – 2009. Ich weiß, was diese eine Dekade mit einem machen kann. „Das verlorene Jahrzehnt“ zog der „Spiegel“ am Montag vier Wochen vor dem Ende das vorweggenommene Fazit des Jahrzehnts – um mir damit auch die sorgsam beiseite gelegte Headline für Aktienrückblicke zum Jahresende zu zertrümmern.

Tatsächlich: Diese 2000er waren schon ein seltsam verworrenes Jahrzehnt. Und doch: Rückblicke lassen einen ja traditionell nostalgisch werden. Das gilt auch für ein Wiedersehen mit den ehemaligen Kollegen meines ersten richtigen Arbeitgebers am vergangenen Freitag – zehn Jahre danach.

Zehn Jahres-Revival: Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail

Die Tomorrow Internet AG, in der ich seit  ihrer Vorstufe von 1998 bis 2002 gearbeitet habe, war tatsächlich um die Jahrtausendwende ein heller Stern der deutschen Internetszene. Es war eine jener glorreichen New Economy-Storys, die – das weiß man ohne die Hintergründe zu kennen – natürlich nicht ganz glücklich endete. Vor allem für den überwältigenden Teil der Belegschaft, die sich, dank der virtuellen Verheißungen von Stock Options, zumindest im Februar 2000 für Wochen als angehender Dot.com-Millionär fühlen durfte.

Knapp zehn Jahre und zwei gewaltige Börsencrashs später ist davon nicht mehr besonders viel übrig. Als fusionierte Tomorrow Focus firmiert die AG heute, inklusive der alten Milchstraßen-Marken Amica.de, Fitforfun.de oder natürlich TVSpielfilm.de. Ein printloses Eigengewächs hat die Fusion nicht überlebt – der Playground, einst Deutschlands größte Online-Community und mit seinen Profilseiten und seinen unzähligen Chatapplikationen  in gewisser Weise so etwas wie ein Facebook-Vorläufer.

Geschichten gibt es sich also genug zu erzählen, zehn Jahre später. Doch nicht unbedingt über das Maß aller Dinge der heutigen Dotcom-Generation. Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail via meinen längst abgelegten T-Online-Account, den ich spaßeshalber einmal im Monat checke. Hat funktioniert. Als ich so weit bin, mich auf den Weg zu machen, überkommt mich die Skepsis wie beim Klassentreffen. Macht das überhaupt Sinn, zehn Jahre später? Ein paar Kollegen kenne und sehe ich ja noch diese Tage. Aber der Rest? Was ist mit dem Rest?

Generation twitterlos: „Du hast den einzigen #Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Facebook gibt mir keine Auskunft. Vielleicht liegt es an meiner Suchabfrage, vielleicht wurde ich in die Ehemaligen-Gruppen einfach nie eingeladen. Ich checke also Twitter, wer kommen mag. Hashtag #TIAG, das muss funktionieren.

Twitter, das ist ja das Facebook to go. On the fly. Mal so kurz was aus der Hüfte schießen, das macht man hier, am liebsten mit dem iPhone. Ich mache seit rund zwei Jahren mit, ein irrer Spaß ist das – aber auch ein wenig egomaner Slapstick, immer auf der Suche nach dem besten Gassenhauer, das schon. In jedem Fall: Das große Ding des Internet-Jahres 2009, noch heißer als Facebook in diesen Tagen.

Twitter wäre, genauso wie Facebook, das ultimative Geek-Tool gewesen, auf dem sich die Belegschaft heute vernetzt und digitale Kommunikation gepflegt hätte – der AIM-Messenger von 2009 eben. Doch wo sind die TIAGs heute? Nur mein ehemaliger Chefredakteur twittert: „Berlin-HH zur Party 10 Jahre Tomorrow Internet AG“ Ich antworte umgehend: „Mache mir ernsthaft Sorgen. Du hast den einzigen #TIAG-Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben  offenbar nicht alle mitgemacht

Grund zur Sorge bestand nicht, wie ich sechs Stunden später weiß. 50 bis 60 von einst 250 Kollegen – gar nicht schlecht. Tatsächlich ganz gut: So nett wie beim Klassentreffen, nur netter, höflicher geht es in der Amandabar in der Schanze  zu. Ein vollauf gelungenes Wiedersehen!

Nur etwas befremdet mich. Der Onliner von gestern ist nicht der von heute. Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben viele offenbar nicht mitgemacht. Wie ein Handlungsreisender bin ich bemüht, jeden netten Kontakt am Ende des Gesprächs auf Facebook zu ziehen – live sogar, ich habe ja das iPhone dabei und fuchtele permanent damit herum.  Erfolglos, zumeist.  Da geht dann so aus:

Bin noch nicht drin, sagen die einen.
Hab so wenig Zeit, sagen die anderen
Nicht meins, geben die Ehrlichsten zu.

Ein bisschen eigenartig für die digital natives von einst ist das schon. Was aber ist mit Twitter?
Twitter ist zu klein, meint ein früherer Kollege, der es wissen muss – der hat heute eine eigene Softwarefirma. Wieso zu klein? 500+ Verfolger habe ich dort. So viel wie nicht in Xing und Facebook zusammen. Twitter ist so 2007, meint meine frühere Redaktionsleiterin. Das ist schon wieder vorbei. Hmm.

Xing und Facebook vertragen sich nicht: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Also bleibt am Ende des Abends nur Xing. Wahrscheinlich ist es doch am besten, so genau will man es vielleicht doch nicht wissen, was der treibt? Damit verhält es sich auch bei den Onlinern wie in jeder anderen Berufsgruppe. Nicht mal 1 Prozent der Xing-Nutzer hat sein Facebook-Profil angegeben, hat mir Xing-Sprecher Thorsten Vespermann beim letzten Social Media Club verraten. Und erklärt: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Der floss doch reichlich am vergangenen Freitag. Ich habe seitdem ein bisschen  herumgeklickt in Facebook und ein paar mehr Ehemalige gefunden. Dann sehe ich auf der Startseite, wie meine Kollegin Julia einer Gruppe mit einem dubiosen Namen beigetreten ist, der mir sehr bekannt vorkommt. The day after Tomorrow! Ich ahne, was jetzt kommt.

Da ist sie doch noch, die TIAG-Gruppe. Irre. Ein Grüppchen, 20 Leutchen sind da – 20  aus 250. Der Morgen stirbt doch nie. Das Gestern – ein bisschen. The day after tomorrow, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Die lieben Kollegen: Vom Freundschaftszwang

29. November 2009

Facebook ist nicht gesund. Seit ich mich angemeldet habe, steigt meine Verweildauer beständig an – und mit ihr das Unbehagen. Es scheint nur dieses Entweder-Oder zu geben. Entweder man macht es ganz oder gar nicht. Ich habe mich für das ‚Ganz’ entschieden und bekomme gerade eine Vorahnung davon, wie sehr Facebook mein Leben verändern wird.

Facebook, das ist wie ein trügerisches Fenster in eine andere Welt, in der man sich scheinbar spielerisch bewegen kann, ohne die andere zu verlassen. Das stimmt aber nicht. Alles, was wir in der einen Welt tun, hat seine Folgen in der anderen. Wie sehr und warum, bemerke ich im Umgang mit meinen Kollegen, den heikelsten aller Facebook-Freunde.

Wer in der Medienbranche arbeitet, weiß, was ich meine. Grundsätzlich ist hier jeder erst einmal nett, freundlich und extrem aufgeschlossen. In der New Economy-Zeit gab es noch jeden Freitag oder manchmal sogar Montag ab 17 Uhr irgendwelche Anlässe, wieder die Sektflaschen zu entkorken, alles so cool und lässig. Und auch in der größten Medienkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Niedergang mit Fassung getragen – schließlich geht als Journalist ja immer was: Die Neuen Medien, der Paradigmenwechsel, jede Woche irgendwo ein neues Portal – klappt schon.

Befreiung vom Business-Alltag: Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke

Was auch ganz gut klappt, ist das Befreunden auf sogenannten Business-Netzwerken, allen voran natürlich Xing, was bei mir zur wöchentlichen Überflutung der Mailbox mit Anfragen von irrsinnig gut gelaunten PR-Frauen führt, die – ganz selbstlos – wieder auf ein Mega-Event, eine ganze tolle Kooperationsmöglichkeit oder einen exklusiven Gesprächspartner hinweisen.

Xing, das früher openBC hieß, ist das Must für alle Berufstätigen, die entweder in einem größeren Konzern arbeiten oder im entferntesten Sinne etwas mit der Kommunikationsbranche zu tun haben, denn schließlich gibt es ja nichts Wichtigeres als zu netzwerkeln.
Dass das vielleicht sogar auf nur 140 Zeichen geht, glauben immer mehr Bürohengste, die inzwischen den Microblogging-Dienst Twitter stürmen, um mitzuteilen, wen man wieder @Bahnbrechendes getroffen hat und zu RT: retweeten, damit auch ein bisschen Glanz vom schlauen Sprüchlein auf einen selbst abfallen möge. I’m huge on Twitter. Yeah, right.

Man folgt jedem Bekannten und Unbekannten – was liegt also näher, als seine Bekannt-, Verwandt-, und Kollegenschaft nun also auch bedenkenlos auf Facebook zuzuklicken, schließlich geht hier ja alles etwas ungezwungener zu. Facebook, das ist die Befreiung des Büro-Menschen aus seiner selbst verschuldeten Xing-Existenz und die logische Ergänzung der Twitter-Mitteilsamkeit. Es ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke.

In dieses Facebook kriegst du mich nicht: Nun mit jedem Eintrag mehr Erstaunen

Wie ‚casual’ erfahre ich, als ich mich daranmache, die lang aufgeschobenen Xing-Kontakte in Facebook zuzuklicken – oder eben doch nicht. Da ist etwa der ehemalige Ressortleiter aus München, den ich gerne bestätige. Ich mag ihn: Seit zehn Jahren kennen wir uns, reden nicht nur über Aktien und den HSV, sondern auch, wie das mit der Ehe ist und mit Kindern wäre, er hat schließlich schon eine hinter sich und ein Kind auf dem Weg. Und wir sitzen nicht mehr in einer Redaktion. Das sind die besten Facebook-Freunde.

Das gilt auch für Harald, der heute die Redaktion einer großen Hamburger PR-Agentur leitet und den ich dort von einem IT-Projekt kenne – und natürlich von der Financial Times Deutschland. In dieses ‚Facebook’ kriegst du mich nicht, hat er mir noch vor Kurzem beim Lunch gesagt. Nun ist Harald selbst drin und schreibt Sachen, die mich mit jedem Eintrag mehr staunen lassen.

Nicht nur, dass meine Links, Fanpages und ein Snoop Dogg-Video, das ich vor 5 Minuten selbst gepostet habe, nun auf seiner Pinnwand auftauchen („check it out!“) – da ist auch noch ein interessantes Posting über eine Lesung heute Abend im Thalia Theater, die „Schade um den schönen Sex“ heißt. Und die entsprechend kommentiert wird: „Mal schauen, ob ich es jobzeitlich zu der Lesung schaffe. Aber wahrscheinlich komme ich wieder zu spät…“

Alle sind Freunde: Ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt

Doch das ist noch nicht alles. Da gibt es noch die echten Kollegen, die mich seit Tagen daran erinnern, dass sie mir Freundschaftsanfragen geschickt haben. „Wirklich? „, bringe ich so schlecht geschauspielert wie Wolfgang Schäuble bei Maybrit Illner heraus, „sehe ich mir gleich heute Abend an.“

Am nächsten Morgen wird die Nase noch länger, als ich mal wieder zu spät zur Arbeit komme. „Na, gestern gar nicht mehr vorm Rechner gewesen?“, fragt Alex. „Aber cooler Tweet um halb drei. Hat der Google-Conference Call echt sooo lange gedauert? “ In solchen Situationen hasse ich die soziale Realität, die in der Ära des Mitmach-Internets so gerne und so reflexartig als Social Media beschrieben wird.

Warum bekomme ich es nicht hin, die Wahrheit zu sagen? Warum sage ich nicht einfach: Ich finde, Du bist ein prima Kollege, ich sitze gerne neben Dir, es macht einen höllischen Spaß, mit Dir über Fußball – meinetwegen sogar über die Eintracht – zu reden, erst recht über alte Springsteen-Alben und am liebsten über Frauen, die sich seltsam auf Twitter und beim Social Media Club inszenieren. Aber ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt, die dir irgendwann den Spiegel vorhält, weil Facebook genau wie Google nie vergisst – und im Gegenteil nicht mal neu bewertet, also sortiert, denn deine Bilder und Postings sind immer greifbar.

Privatsphäre war gestern: Alles ist öffentlich – finde dich damit ab

Ist das paranoid? Wahrscheinlich. Aber ich bin ganz sicher, dass diese leicht anzüglichen Foto-Kommentare von der Polin mit dem engen Oberteil, für jeden sichtbar durch ihr Profilfoto, in der schlechtest denkbaren Situation ebenso auf mich zurückfallen wie ein Status-Update um vier Uhr nachts oder der Startseiten-Eintrag, dass ich nun Fan von Megan Fox bin. Egal, ich bestätige. Es gibt kein Entkommen, ich weiß nicht, was ich heute sagen würde. Alexander sitzt neben mir. Ich muss ihn bestätigen.

„Hammerbilder, Megan Fox“, höre ich am nächsten Morgen als Erstes. „Splitternackt im Hochsicherheitstrakt – bin auch Fan geworden. Gleich heute morgen. Kann ich gut verstehen, dass Du bis vier Uhr wach warst – bei den Bildern“. Gegröle im Newsroom. Mir fällt nichts mehr dazu ein. Außer das Zitat des früheren Sun-CEOs Scott McNealy, der schon Mitte der Neunziger die neue Realität in der Internet-Ära voraussah: Privacy is dead. Deal with it, schreibe ich in mein Status-Update.

Die französische Austauschschülerin

16. November 2009

Wer A sagt, muss auch B sagen. So heißt dieser dämliche Poesie-Album-Spruch, den man in der Orientierungsstufe immer wieder hineingeschrieben bekommen hat. Snoopy-Weisheiten. Eigentlich müsste es heißen: Wer A sagt, muss auch F sagen. Oder richtiger: Wer F wählt, muss auch A sagen. So war das nämlich in der 9. Klasse, in jenen Wendemonaten, als man für seine Wahl der zweiten Fremdsprache Französisch in das zunächst fragwürdige Vergnügen der Auslandsreise kam.

Doch dass es ein Vergnügen war, das wissen wir erst im Rückspiegel der Zeit. Wenn man gerade 16 geworden und in einer Streberschule ohne Internet aufgewachsen ist, dann erwartet man von einem Schüleraustausch in Frankreich während der Fußballweltmeisterschaft 1990 ungefähr so viel wie von Quarantäne in Gemeinschaft: Man weiß nicht, was einen da erwartet, aber man muss da hin.

Was mich erwartete, war eine frühreife Französin, die sich nicht genierte, vor mir mit ihrem Freund, einem Dorfhorst in Trainingshosen, herumzuknutschen und bei mir im frischen Teenager-Alter einen seltsamen Hormoncocktail aus Neid, Eifersucht und Begierde zu entfachten. Angelique war heiß. Und ich schüchterner als der Klassenlehrer erlaubt. Wo hat Dich Dein Freund geküsst, fragten die Eltern ihre Tochter einmal beim Abendessen. Angelique verdrehte genervt die Augen, neigte den Kopf nach unten und hauchte genervt: . Die Mutter lachte, ich wurde rot. So funktioniert Erziehung auf Französisch. Meilensteine des Erwachsenwerdens.

Acht Jahre später rief Angelique plötzlich bei meinen Eltern an, um meine Nummer zu erfragen. Sie hatte Resturlaub und wollte Hamburg noch mal näher kennenlernen. Und vielleicht auch mich noch mal, nachdem ich nun kein halbes Kind mehr war. Seitdem ist wieder mehr als ein Jahrzehnt vergangen.

Wieder Facebook-Freunde: Ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter von Hogwarts

Also facebooke ich Angelique – und werde natürlich nicht fündig. Man kann nicht alles finden. Ich google sie, was ich das letzte Mal vor ungefähr einem halben Jahrzehnt getan hatte und dabei Ergebnisse von ihrer Arbeit bei einer internationalen Marktforschungsagentur und Marathonstatistiken unter 4 Stunden erhalten hatte – nichts Neues diesmal. Doch es gibt noch eine andere Option. Das Xing für das Ausland. Und tatsächlich: LinkedIn schlägt mir eine Angelique mit anderem Nachnamen vor. Ein Missverständnis?

Eine Heirat! Und Nachwuchs, wie ich dann auf Facebook feststelle: Ein Kind auf dem Profilfoto – ein Realitycheck binnen weniger Sekunden. Wie sollte es auch anders sein: Mit 35 ist es ziemlich normal, verheiratet zu sein und Kinder zu haben – ich bin die Ausnahme. Also klicke ich Angelique hinzu und schreibe ein paar nette Worte in die Einladung. Angelique, it’s been a while, ich will mich mit meinen Kinderfranzösisch für Anfänger nicht komplett blamieren. How is everything in Paris? Would be nice being connected via facebook, after all…

Zwei Stunden später ist genau das der Fall. Angelique und ich sind befreundet. Wieder. Nach mehr als einem Jahrzehnt. Also ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter der Bahnsteig 9 3/4 von Hogwarts. Ich klicke auf die Freundschaftsbestätigung und bin in Angeliques Welt, anno 2009.

Es gibt wohl nicht viele surrealere Dinge in der digitalen Welt als diese Instant-Zeitreisen. Früher mussten wir einer alten Bekanntschaft schon real begegnen, um von der Macht der Zeit beeindruckt zu werden. Physisch haben wir diese Veränderungen erfahren von Angesicht zu Angesicht, während der Angesehene sich gleichzeitig wie im Zoo fühlen muss, begafft wie ein exotisches Tier. Das Vom-Anderen-gesehen-werden ist die Wahrheit des Den-Anderen-Sehens. Sartre reloaded.

Heute verläuft diese enorm weltliche Erfahrung komplett digital. Mit einem Mausklick bekommen wir die Veränderungen zu sehen, die das Objekt unseres Interesses uns gestattet. Das ist, natürlich, oft geschönt, wer will schon seine unvorteilhaften Seiten präsentieren? Und doch sind selbst diese Bilder so ungleich  vielsagender, weil uns die Veränderungen nach all der Zeit viel weniger auffallen als den anderen.

Verschollene Bilder vom Schüleraustausch: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen
Das, was ich sehe, ist eine ernste, aber glückliche Französin, noch nicht wirklich mittleren Alters, aber eben auch nicht mehr jung. Ich sehe, wie athletisch, fast sehnig Angelique geworden ist. Wie sich Falten über ihre Mundwinkel spannen beim Lachen. Wie sie ihre Haare kürzer trägt und kaum noch Make-up.

Sie ist nicht mehr die sexy femme fatale, sondern sichtbar gealtert. Elegant aber. In Würde, würde man wohl sagen. Nicht unbedingt schön. Und trotzdem ein angenehmes Wesen. Ich schaue heute anderen Frauen nach, sie wäre nicht mehr mein Fall – nicht unbedingt. Das finde ich irgendwie ziemlich erschreckend, sagt aber wahrscheinlich mehr über mich aus als über sie.

Ich klicke immer weiter. Fotos mit dem Kind, ihren Brüdern, dem Mann, den ich völlig unter Wert finde, was soll ich auch anderes finden. Und dann trifft mich der Schlag. Da ist dieses eine Bild, Angelique ist markiert, es kommt nicht aus ihrem Fotoalbum, sondern aus dem einer Freundin. „Échanges scolaire franco-allemands 1990“ steht da. Unser Schüleraustausch, ein Fotoalbum von Delphine, einer Klassenkameradin, längst verschollene Gesichter in unfassbar bunten Grausamkeiten des schlechten Modegeschmacks.

Dieses Bild ist das Schönste, was ich in Facebook finden kann: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen, kichernde Mädchen in Polsterblazern, halbstarke Jungs auf Poserbildern und dann Angelique mit ihrem Schäferhund auf dem Balkon des chateaus ihrer Eltern – ein Blick, so überrascht, so unverbraucht, so mädchenhaft, wie man mit 16 sein kann, wenn das ganze Leben noch vor einem liegt. So wie sie war. Es macht mich glücklich, das zu sehen.

Ich überlege, ob ich Angelique etwas schreiben soll, eine Gratulation zum Kind, eine Reminiszenz an die Vergangenheit, irgendetwas. Ich überlege, setze an – und lasse es. Es ist alles gesagt. Oder gesehen. Sie ist zu dem geworden, was sie ist. Ganz bei sich. Ich freue mich für Angelique, wahnsinnig freue ich mich für sie. Ich lade ein neues Profilbild von meinem letzten Paris-Besuch aus dem Jardin du Luxembourg hoch und schreibe ein neues Status-Update. Comme le temps passe…, steht da, als ich die Seite aktualisiere.

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.

Auf zu Facebook!

30. Oktober 2009

Die ganze Welt redet über Facebook. 300 Millionen Nutzer können schließlich nicht irren: Es wäre das spannendste aller Web 2.0-Angebote, sagen die einen. Man treffe dort die coolsten Leute, glauben die anderen. Genug der Manie, auf zu Facebook!   Für das HAMBURGER ABENDBLATT will ich ab sofort Woche für Woche skizzieren, was passiert, wenn man sich auf das Abenteuer einlässt und beim mit Abstand größten sozialen Netzwerk unserer Zeit anmeldet.

Zugegeben: Dies ist natürlich nicht meine erste Begegnung mit Facebook. Im Gegenteil: Der Anfang ist Jahre her. Er geht zurück in eine Zeit, in der die Finanzkrise noch nicht ausgebrochen, das iPhone gerade auf den Markt gekommen und Social Networks für nicht mehr als eine ‚nerdige’ Randnotiz taugten – der Zeit vor Facebook. Seitdem ist alles anders – auch und vor allem durch Facebook. Aber das sollte ich erst später erfahren. Als ich an jenem Winterabend vor zwei Jahren vor meinem MacBook saß und auf diese unspektakuläre Seite mit blauem Logo starrte, die seinerzeit in Deutschland kaum einer wahrnahm, ging es mir, wie es Millionen Nutzern nach mir ging – und noch heute geht.

Es ist die Neugierde, die einen auf Facebook treibt – diese unbändige Neugierde, dass sich hinter diesem seinerzeit in den USA schon viel gehypten sozialen Netzwerk die Einlösung eines Versprechens verbirgt, das unausgesprochen durch das Web geistert. Nämlich: Dass dieses Netzwerk endlich die menschliche Seite des Internet hervorbringen könnte – all meine Freunde, Kollegen, Bekannten endlich auf einer Seite, wäre das nicht toll?

Ein Klick bis dahin ist es noch. Nur noch dieser eine Klick, der mich davon trennt, in etwas einzutauchen, das faszinierender, unkontrollierbarer und vielleicht größer ist als das Leben da draußen – das Leben, das so mechanisch verläuft zwischen Montag und Sonntag, zwischen dem Arbeitsalltag und dem bisschen Freizeit, das dazwischen bleibt.


Das Facebook-Motto: Erleben, um davon zu erzählen

Und doch: Welche Hemmschwelle! Wenn man einmal die 30 überschritten hat, ist der Umgang mit dem öffentlichen Leben im Netz nicht so einfach, nicht ganz so unbefangen. Um Gottes willen: Da sind doch diese Webseiten, auf denen man so viel von sich preisgibt – Dinge, die man am Ende nicht mehr löschen kann, sagen die Eltern, wenn sie etwas über Datensicherheit bei sozialen Netzwerken hören. Der ultimative Karrierekiller könnte das sein, vielleicht sogar Online-Mobbing entstehen. Sogar Morde und Selbstmorde soll es wegen Facebook schon gegeben haben. Wie verrückt muss man also sein, um freiwillig diese Büchse der Pandora zu öffnen?

Ziemlich verrückt, wie die inzwischen unglaublichen 300 Millionen Nutzer beweisen. Damit wäre Facebook das viertgrößte Land der Erde. In ein paar Jahren soll sogar die Milliardengrenze fallen. Jeden Tag kommen 250.000 neue Mitglieder dazu, die meisten zwischen 20 und 30, die offenbar nicht mehr anders können, als pausenlos Partybilder zu kommentieren und jeden Winkel ihres Privatlebens öffentlich in Status-Updates auszubreiten: Ist genervt von der Arbeit, ist da etwa zu lesen. Ist auf dem Weg in den Waagenbau „. Oder: „Sucht Karten fürs HSV-Heimspiel am Samstag gegen Gladbach (unter 40 EUR!). Oder: Kommt noch nicht ins Rollen, weil immer noch kein Kaffee in Sicht… Dazu Tapeten von Bilderschnipseln – aus fernsten und absurdesten Ländern, den ausschweifendsten und offenkundig lustigsten Partys der Republik.

Genug vom Vernetzungszwang und den aufpolierten Lebensläufen der Xing-Welt

So klingt das gute Leben, das richtige vielleicht. Oder: So könnte es aussehen, ich weiß nicht. Erleben, um davon zu berichten. Das scheint das Facebook-Motto zu sein. Eine ewige Live-Reportage. Das Leben ist, was du zu erzählen – und erst recht zu bebildern hast. Es macht mich ein bisschen neidisch, sehnsüchtig zumindest.

Dabei bin ich eigentlich längst zu alt für solche Ego-Spielchen! Ich bin über 30, Generation Xing. StudiVZ habe ich im Studium nicht mehr kennengelernt, leider – das wäre ein Spaß gewesen -, LinkedIn noch nicht wirklich gebraucht. Xing also, das ist der kleinste gemeinsame Nenner meiner meisten Bekannten, Kollegen und Freunde. Doch was für eine lahme Veranstaltung! Das öffentliche Aufpolieren der Lebensläufe, dieser Vernetzungszwang, diese dauernde Klickkontrolle beim Besuch eines Profils – es geht mir so auf die Nerven, dass ich schon oft überlegt habe, die Mitgliedschaft zu kündigen. Macht man ja aber dann doch nicht.

Also Facebook. Nicht, dass es eine Alternative wäre. Das eine hat mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Das eine ist Business, das andere Privatleben. Wobei sich die Grenzen zunehmend vermischen: Xing versucht mit seinen Status-Meldungen lässiger zu werden, während Facebook ernsthafter wird, indem es nach und nach die Xing-Zielgruppe anspricht. Die Generation 30+ ist angeblich die stärkste Wachstumsgruppe, habe ich gelernt.

Ein letzter Moment des Innehaltens: Soll ich wirklich diese Spielwiese der Eitelkeiten betreten?

Also rein da! Fünf einfache Fragen hat Facebook an mich: Meinen Namen, meine E-Mail-Adresse, ein Passwort soll ich mir ausdenken, mein Geschlecht auswählen und meinen Geburtstag angeben. All das tippe ich intuitiv ein, längst in Gedanken daran, welche bekannten Gesichter ich in der Facebook-Welt wohl wiedersehen werde – und wie?

Ein letzter Moment des Innehaltens… Sollte ich das wirklich tun: Soll ich wirklich diese Spielwiese der Selbstdarstellung und Eitelkeiten betreten? Die Antwort kommt von selbst: Den Bruchteil einer Sekunde später haue ich entschlossen auf die Entertaste meiner Tastatur und sehe, wie das Browserfenster umspringt. Es gibt kein Zurück mehr: Ich bin drin im Facebook-Universum!