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Meine Klasse: Schulfreunde wiederfinden in Facebook

11. November 2009

Mit der Schule ist es so eine Sache. Lang ist es her, unfassbare 15 Jahre – fast ein halbes Leben also, Zeit genug, um die Schulzeit erneut zu betrachten, in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon zu bekommen, was in der Welt um einen herum passiert.

Der Blick zurück im Rückspiegel löst unweigerlich ein Gefühl von Nostalgie aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich längst ein seidener Schleier der Verklärung über jene Zeit der frühen 90er Jahre gehüllt, Tage des wiedervereinigten Deutschlands, des frühen HipHops und der Geburtsstunde des Grunge. Milde gestimmt blicke ich auf jene Zeit zurück, in der man für neun Jahre immer wieder dieselben Gesichter sah. Eine surreale Schicksalsgemeinschaft. Doch wo und was sind die einstigen Weggefährten heute?

Nicht einmal ein 15-jähriges Klassentreffen kam dieses Jahr zustande, traurig irgendwie. Und trotzdem ist der Faden zur eigenen Vergangenheit nie ganz abgerissen. Überraschend viele Klassenkameraden treffe ich alle halbe Jahre dann doch irgendwo zwischen Ottensen, der Schanze oder der Alster wieder. Meistens zufällig, doch dann immer wieder gerne.

Falsche Klassenkameraden: Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet

Wie wäre es also, bewusst nach seinen Klassenkameraden in Facebook zu suchen? Ich versuche es – und scheitere. Keiner meiner näheren Bekannten ist hier – oder will zu Facebook. Ich versende Einladungsmails, werde schon zum Fürsprecher des weltgrößten Social Networks. Ging schnell. Und dauert lange. Keine Reaktion – und wenn: negative. Lass mal, ist mir zu heikel mit der Privatsphäre, sagt einer. Ich wende ein, dass man darüber volle Kontrolle habe, doch das Unbehagen ist mächtiger. Oder die Bequemlichkeit. Keine Zeit, meint ein anderer, wir kommunizieren doch auch über eMail und SMS prima. Sehr einsnullig.

Dann passiert doch etwas – eine neue Freundschaftsbestätigung. Doch den Sportsfreund kenne ich nicht – persönlich. Ich kenne ihn, nur anders. Aus dem Fernsehen. Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet, verrät mir mein Facebook-Profil. Zuerst finde ich das lustig, dann doof. Otto Pfister war bekanntermaßen lange Zeit Trainer der kamerunischen Nationalmannschaft, bei der WM 2006 in Deutschland noch der togoischen – und nicht zuletzt dank seines Nachnamens eher eine Witzfigur als realer Kontakt.

Da hat sich ein Schulfreund wohl nicht ganz getraut, seinen realen Namen anzugeben und stattdessen den 61-jährigen Handlungsreisenden in Sachen Fußballkultur in Afrika vorgeschickt. Ich belehre den Freund in einer eMail, dass soziale Netzwerke wie Facebook durchaus von ihrer Authentizität leben und er sich doch bitte zu erkennen geben möge. Das will er nicht, und so ist Otto am Ende des Tages nicht mehr mein Freund.

Das Fenster zur Vergangenheit: Plötzlich tauchen die Klassenkameradinnen wieder auf – mit ersten Falten, Umstandskleidern und anderen Nachnamen

Was mir auf Facebook bleibt, ist eine Klassenkameradin, mit der mich zu Schulzeiten nicht so viel verbunden hat und die dann plötzlich in den langen Fluren der Milchstraße vor mir stand. Wiedersehen im Journalismus. Auf Facebook sehe ich, was ich schon aus ihrem Blog wusste: Julia ist verheiratet und hat Kinder. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen, lese ich da auf der Geburtstagstorte für die Kleinste in einem ihrer Fotoalben. Herzallerliebst!

Und plötzlich öffnet sich damit dann doch das Fenster zur Vergangenheit: Ich finde in Julias Fotoalben die Gesichter wieder, die ich zumindest fünf Jahre nicht gesehen habe – und Bäuche, die noch gar nicht. In der Freundesliste vervollständigt sich dann das Bild. Da sind sie plötzlich wieder, die drei, vier umschwärmten Mädels der Schulzeit, die jeder toll fand, aber niemand aus der Klasse kriegte – sondern nur die Jungs aus der Oberstufe.

Einige Dinge werden sich nie ändern, andere hingegen fundamental – die ersten Falten, die Umstandskleider, die Nachnamen etwa. Doch das ist es nicht, was mich stutzig macht. Mit ein paar Klicks bin ich so tief in die Vergangenheit eingetaucht und gleichzeitig mit Überschallgeschwindigkeit in die Zukunft zurückkatapultiert worden, wie es kein Klassentreffen schaffen könnte. Facebook ist härter und direkter – ein unbarmherziger Reality-Check im Fastforward-Modus. That was then, this is now.

40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg – bei mir sind es mehr

Es wird viel passieren, heißt es im unsäglichen Jingle zur noch unsäglicheren Vorabendserie „Marienhof“, die unsäglicherweise ziemlich genauso alt ist wie die Zeit nach dem Abitur. Es ist viel passiert nach der Schulzeit, in diesen 15 Jahren, die Soziologen „die Rushour des Lebens“ nennen, in der man eigentlich alles geregelt kriegen sollte. Karriere starten, die Beziehung fürs Leben eingehen, Nachwuchs zeugen. Schließlich sollten wir ja eigentlich erwachsen werden.

Bei mir ist es so wie in wohl vielen Beziehungen der Generation NEON: Einige Dinge kommen von selbst, andere lassen auf sich warten. Man schiebt sie Jahr für Jahr vor sich hin, weil es so viel anderes zu erleben gibt. Ein Jahr noch. Die Thailand-Reise, die Lateinamerika-Reise, die geplante Weltreise, Arbeit jeden Tag bis nach 20 Uhr, immer noch eine Geschichte fertig schreiben, immer noch eine Präsentation vorbereiten, in dem Fitzelchen Freizeit bei Saskia das Pferd, bei mir – Facebook?

Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen meine liebste Freizeit-Beschäftigung geworden. 40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg, hat eine Studie der britischen IT-Beraterfirma Morse vorvergangene Woche rausgefunden – ein Scherz gegen das, was ich inzwischen auf Facebook zubringe.

Das endet nicht gut, ich weiß. Aber hört man deswegen mittendrin auf? Ich klicke durch die Bilder unseres letzten Australien-Urlaubs, Zeit ein Fotoalbum hochzuladen. „Awesome Australia“, nenne ich es. So war das. Awesome. Und jetzt? Dreaming of days gone by down under, schreibe ich in mein Status-Update. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen.

Status-Update: Ein Leben in Echtzeit

5. November 2009

Ein Geständnis vorab: Ich bin einer dieser Tech-Freaks, die die ganze Zeit mit ihrem iPhone herumspielen, Apps herunterladen, Twittern, Aktienkurse checken und dauernd neue Webseiten öffnen. Always on. Das Internet ist gemacht für Leute wie mich. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wie das früher war, eine Welt im Rückspiegel, analog, schwarzweiß, mit viel freier Zeit, Briefe auf edlem Papier mit Füllfederhalter geschrieben, die Tage später den Adressaten erreichten.

Heute passiert alles live. Das ganze Leben scheint wie ein Aktienticker zu verlaufen, jede Minute poppt etwas Neues auf, eine neue Mail, eine SMS, eine Breaking News. Protokollführer dieses Lebens in Echtzeit ist Facebook, wie ich gerade lerne, als ich wieder eingeloggt bin und die ersten Freundschaftsbestätigungen bekommen habe.

Status-Update: Die Mitteilung an alle

„Live-Meldungen“ nennt Facebook dieses Killer-Feature mit erheblichem Suchtpotential. Live-Meldungen sind Benachrichtigungen über die Aktivitäten eines Nutzers auf Facebook: Mit wem er eine neue Freundschaft geschlossen hat, dass er gerade ein Fan von Roger Federer, Kim Clijsters oder John Mayer geworden oder etwa einer Nutzer-Gruppe mit dem skurrilen Namen „I don’t sleep enough because I stay up late for no reason“ beigetreten ist, welches Musik-Video er auf seiner Profilseite veröffentlicht und welche Botschaft ihm die Glücknuss, eine der unzähligen Spiele-Applikationen auf Facebook, hinterlassen hat.

Vor allem jedoch ist da das Status-Update (im deutschen Facebook: Statusmeldung), in dem Nutzer ihren Freunden mitteilen, was sie gerade machen. „HSV-Celtic… „, lese ich ganz oben in meinen Live-Meldungen neben dem Profilbild meines ehemaligen Redaktionsleiters, der seit Jahren in München lebt. Geschrieben vor 8 Minuten über die Applikation „Facebook für iPhone“, der frühere Kollege muss als echter HSV-Fan für das Spiel nach Hamburg gekommen sein. „Gefällt mir“, klicke ich neben dem Eintrag an und sehe, wie ein nach oben ausgestreckter Daumen unter dem Posting genau das bestätigt: Dir gefällt das.

Anderen Facebook-Freunden gefällt ganz anderes. „Fängt gerade eine Liebelei mit ihrem neuen MacBook Pro an. Bisher mag ich alles an ihm“, teilt etwa eine ehemalige Klassenkameradin mit. Der Inhaber einer großen Hamburger PR-Agentur, der gleichzeitig bekennender HSV-Fan ist, hat unterdessen über sein Lunch Folgendes zu berichten: „War heute mit einem Werder-Bremen-Fan Mittag essen. Sind auch Menschen, habe ich gelernt.“ Sein Chefredakteur lässt seine Facebook-Freunde unterdessen an Reise- und Urlaubsplänen teilhaben: „Fühlt sich etwas verwöhnt. Letzte Woche London, diese Zürich, nächste Südafrika. Nennt mich jetzt aber keinen Poser!“

Facebook als persönlicher Newsticker: Erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets

So geht es zu in Facebook: Es menschelt! Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Geschichten von Aktivitäten, Ansichten und anderen Befindlichkeiten, mal belanglos, mal informativ, mal provokant – ein Live-Journal der Nichtig- und Wichtigkeiten.

„Was machst Du gerade? “ fragt uns Facebook in der Kopfzeile unseres Profils und provoziert damit sage und schreibe 45 Millionen Status-Updates – am Tag! Das vom boomenden Mikroblogging-Dienst Twitter nachempfundene Kommunikationstool ist die eigentliche Nahtstelle zwischen den Nutzern – natürlich können wir unseren Freunden auf Facebook Mails schreiben, mit ihnen chatten und Beiträge an ihre Pinnwände posten, doch mit dem Status-Update treten wir in direkte Verbindung mit allen Freunden.

Gerade bei übergreifenden zeithistorischen Ereignissen sind die Status-Updates die erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets, die auch traditionelle Medien immer mehr faszinieren. Mehr als 1,5 Millionen Status-Updates via Facebook flossen am 20. Januar dieses Jahres auf der Website von CNN ein, als Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA vereidigt wurde – Facebook wurde zur ersten Anlaufstelle, um mit seinen Freunden ein besonderes Ereignis zu teilen.

Und die werden immer mehr: Der Tod von Michael Jackson, die folgende Trauerfeier, der Tod von Patrick Swayze, die Olympia-Vergabe an Rio de Janeiro oder der Friedensnobelpreis für Barack Obama – es gibt Ereignisse, die Menschen auf der ganzen Welt bewegen. Bei Facebook werden diese Ereignisse zum gemeinsamen Erlebnis. Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie erführen durch ihre Freunde bei Facebook als Erstes davon und würden kein Nachrichtenportal mehr benötigen – Facebook als persönlicher Newsticker.

Facebook auf dem iPhone: Das Status-Update von unterwegs

Wie schnell das gehen kann, wird mir selbst klar, als ich wieder auf meine Startseite blicke.
Schottenkick – Grottenkick. 0:0„, lese ich da als Status-Update von Ulf. Facebook hat für mich gerade zum ersten Mal SPIEGEL Online ersetzt. 21 Uhr, es ist noch Zeit: „Wie wäre es mit einem Drink in Ottensen?“ kommentiere ich umgehend den Beitrag. Eine Minute später leuchtet eine rote „1“ in der rechten Ecke des Browsers auf – ich habe eine Benachrichtigung. „Prima Idee, in einer Stunde in der Reh-Bar“. So verabredet man sich heute.

In der U-Bahn lade ich die Facebook-Applikation für das iPhone herunter und blicke auf die ovale Kopfzeile. Zeit für mein erstes Update: „Auf dem Weg nach… „, tippe ich hinein und ergänze schließlich: „Ottensen“. Die „Reh-Bar“ bleibt mein Geheimnis. Für multiple Verabredungen bin ich nicht reif – noch nicht.

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