Archiv für das Tag 'Südfrankreich'

Notizzettel 2.0

30. April 2010

Wenn die Nacht am schwärzesten ist, ist der Morgen am nächsten, sagt man ja so gern. Ich sitze im Zug nach Hause von Berlin nach Hamburg, 5:17 Uhr am Gleis 8, voll wie nie, das Vulkanwochenende ist schuld. Das fast leere iPhone auf dem Schoß, 20 Prozent Batterie noch für das letzte Mia-Album, Willkommen im Club, das – zugegeben – ein bisschen zum verkitschten Abziehbild des Berliner Lebensgefühls verkommen ist. Ich mag die Stadt ja.

Was für eine verrückte Nacht, was für eine verrückte Woche. Häuser, Bahnsteige und Rapsfelder ziehen vorbei, während mir einfällt, dass ich ja die Isländerin auf Facebook zuklicken wollte, die ich vorhin im sorsi e morsi kennengelernt habe, eine Isländerin, die ich nicht nach dem Eyjafjallajökull gefragt habe, der mir nicht mal eingefallen war, während mir Facebook einfällt. „Bist Du auf Facebook“ ist ja das neue „Bist du öfter hier“. Die Kontaktaufnahme geht so:

„Hey! Coole Bar, bist Du öfter hier?“
„Ja, schon, gerne, ich mag es hier.“
iPhone zücken.
„Ganz vielen Leuten gefällt das auch auf Facebook, sehe ich gerade.“ Bedeutungsvolle Pause. „Bist Du eigentlich auf Facebook?“
„Ja, klar.“
„Sag mal deinen Namen.“
Es funktioniert immer, ein Automatismus.

Verfängliche Sicherheit der Privacy-Settings: Macht ja nichts, die Freundin liest nicht mit

Ich schweige und denke an das verrückte letzte Jahr mit Facebook. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Das erste Mal war auf einer dieser Datschapartys, als eine junge Türkin angerannt kam und „das iPhone, das iPhone“, schrie. Anfang 2008 war das. Ich dachte zunächst an eine Veralberung, aber dann war es das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich angefangen habe, mit anderen Frauen zu flirten.

Man schickt Mails, man schreibt sich auf die Pinnwand – und glaubt, dass es nichts mache, weil die eigene Freundin da ja nicht lese und ihre Arbeitskollegen in den Privacy Settings gefiltert sind. Man hört von seinen Freunden und Freundinnen, die ihre Freunde und Freundinnen betrügen, liest in Frauen- und Männermagazinen, wie aufregend und belebend ein Seitensprung wäre, hört allen Ernstes Paarpsychologen behaupten, dass ein Seitensprung eine Beziehung retten könne und fühlt sich wie ein Heiliger, weil man lediglich einen Party-Flirt bestätigt und dummes Zeug zurückschreibt.

Internationale Facebook-Freundinnen: Das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und die paar internationalen Frauen, die man über Meet new People kennengelernt hat, weil man den Gedanken der one world so toll findet und sich darüber freut, wie eine rassige Italienerin im Travel Asia Forum zur Thailandreise Unterkünfte auf Koh Koh Phi empfiehlt – das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und so freut man sich dann auch am Geburtstag über die nächsten 20 Pinnwand-Glückwünsche und 10 Facebook-Mails, während man am Nachmittag in altbekannten Phrasen über die Reiseziele in der Toskana, die Amalfiküste oder Südfrankreich philosophiert, während man selbst viel lieber nach St. Petersburg, Moskau oder Kiew will, um das Leben von einer ganz anderen Seite zu besichtigen – abseits, dieser ausgetreten Pfade der satten, mediokren 30er-Spießerreisen.

Der Akku ist leer: „Schon wieder?“ „Immer noch“

All das und der Rest von meinem Geburtstag geht mir durch den Kopf, während der ICE langsam in Richtung Hauptbahnhof einläuft. Während wir schweigend vor ein paar Wochen an der Alster entlanggingen, wusste ich schlagartig, was ich ja längst weiß: dass dies der letzte gemeinsame Geburtstag sein würde, dass es nichts gibt, was es mehr aufhalten kann, dass es nur einen einzigen Satz bräuchte, und alles würde in die Luft fliegen. Aber den sprechen wir nicht aus. Stattdessen sagt Saskia in die Pause hinein:

„Was hat Matthias Dir eigentlich geschrieben?“ fragt sie über einen gemeinsamen Bekannten, der in ihrer Agentur arbeitet, „er ist doch auch auf Facebook?“
„Das würde ich auch gern wissen“, entgegne ich ins Nichts hinein, „aber der Akku ist leer.“ Eine glatte Lüge, um nicht die 20 anderen Pinnwandeinträge der Facebook-Freundinnen zeigen zu müssen.
„Schon wieder?“ fragt sie, halb ironisch.
„Immer noch“, entgegne ich bitterernst.

Der Akku ist leer. So war das am Geburtstag. So geht es ja seit Monaten, jeder betrachtet den anderen dabei, wie er den anderen betrachtet. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich heim komme, aber Saskia ist nicht zu Hause. Es ist Samstagmorgen, sie ist beim Pferd, im Reitstall. Bin reiten, warte nicht auf mich, steht da hingeschmiert auf einem Zettel in der Küche.

Dieses Zettelchenschreiben, das war ja einst wie eine Liebeserklärung. Ich habe die kleinen Zettel, dieses Gekritzel auf Briefumschläge oder Post-Its bis heute in einer Schuhbox gesammelt, das weiß Saskia gar nicht. Nun haben die Notizzettel wieder ihren Sinn zurück. Status-Update, Kommentare, Pinnwand-Einträge wären es auf Facebook – Notizzettel 2.0, die Spuren des täglichen Lebens.