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Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.