Archiv für das Tag 'Studium'

Zurück auf dem Campus

20. November 2009

Comme le temps passe. As time goes by. Wie die Zeit vergeht… Der Stein ist ins Rollen gekommen: Wenn ich über die Schule und meine französische Austauschschülerin nachdenke, dann ist es logisch, dass ich via Facebook auch mehr über die Menschen wissen will, die danach eine Rolle gespielt haben – das heißt: über die Frauen.

Der ziemlich überschätzte britische Schriftsteller Nick Hornby verdankt seinen Erfolg diesem romantischen Ansatz: In High Fidelity nimmt er, mehr oder weniger erfolgreich, die Spur seiner Ex-Freundinnen wieder auf. Im Facebook-Zeitalter muss man dafür nicht mal ein Telefon in die Hand nehmen – ein paar Mausklicks reichen.

Also mache ich mich an die Suche. Ich fange mit dem Studium an, alles davor ist indiskutabel. Danach jedoch war es eine einzige Party. Jedes Semester neue Bekanntschaften, die in der ersten Woche geschlossen wurden, während ich neue Seminare austestete, und die dann genau ein Semester über hielten. Dann kamen die Ferien, und es verflüchtigte sich wieder – auch weil man wusste, dass es mit Semesteranfang wieder von vorne losging, mit dieser ersten Woche, in der sich das Semester und damit das Halbjahr entschieden.

Auf der Suche nach der Vergangenheit zurück zum ersten Semester – und studiVZ
Ich beginne also ganz am Anfang, Orientierungseinheit erstes  Semester. Babsie aus Breisgau, blonder Kurzhaarschnitt, ein ausgeprägtes Faible für Literatur des Mittelalters und R. Kelly, gelebte Gegensätze – was für ein Mädchen. Aber nicht bei Facebook. Ich überprüfe das andere große soziale Netzwerk, das sich vor vier Jahren aufgeschwungen hatte, es Facebook nachzumachen und dabei so kreativ war, gleich den Quellcode zu kopieren, was nicht der einzige Grund ist, warum ich gegen studiVZ voreingenommen bin.

Ich passe einfach nicht mehr zur Zielgruppe, die Uni liegt genau ein Jahrzehnt hinter mir, und obwohl ich die Zeit manchmal zur schönsten meines Leben verkläre, ist es doch gut, dass sie vergangen ist. Vor ein paar Jahren habe ich einmal, genervt von langer Weile und der Monotonie des Redaktionsalltags etwas getan, was man tunlichst vermeiden sollte, wenn man die dreißig erreicht hat und eigentlich zufrieden mit seinem Leben ist – nämlich wieder den Campus betreten und abendliche Vorlesungen und sogar wieder ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht. Besser gesagt: es versucht.

Drei Wochen und zwei Mensa-Besuche später war mir klar: Es geht nichts darüber, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Wer einmal mit dem Journalismus, also mit der täglichen Arbeit mit Deadlines angefangen hat, steht 90 Minuten in Seminaren, die „vorbürgerliche Ideen zu Theatralität und Inszenierung und ihren Nachhall  in der Gegenwart“  zu  analysieren versuchen, nicht mehr durch – zumindest nicht unbeschadet.

Eine Mädchenstimme flüstert in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“
Doch kurz bevor ich entnervt dabei war, mir die Blöße zu geben und mitten im Seminar aufzustehen, machte ich meine prägendste Erfahrung der Uni 2.0-Ära, wie ich jenes Mini-Comeback auf den Campus nennen sollte: Während ich hektisch auf meinem iPhone herumspiele und im 30-Sekundentakt Aktienkurse, das Wetter der nächsten fünf Tage und vor allem Twitter checke,  flüstert eine Mädchenstimme in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“

Wie ein Ufo sah ich sie an. Wasguckstdu? Dabei war nicht mal alles gesagt – aber ich hatte verstanden. Sie wollte Studi VZ checken. Auf meinem iPhone. Jetzt und sofort im Seminar. „Ja, klar“, brachte ich schließlich hervor und händigte ihr das silberne Apple-Smartphone der ersten Generation aus, das damals ein paar Wochen alt war und schon zu seltsamen Bekanntschaften geführt hatte. Die mit Tülay, wie ich später herausfinden sollte, war jedoch bei weitem die seltsamste von allen. „Danke“ sagte sie grinsend. Und das war alles, was sie jemals sagen sollte. Mit einem routinierten Lächeln einer Kellnerin, die froh ist, das Essen endlich abzuräumen,  gab sie mir das iPhone – und damit ihre geöffnete studiVZ-Seite zurück.

Psychopathen mögen einräumen, dass dies sicher so etwas wie eine Botschaft war, wer leiht sich schon während eines Seminars iPhones aus, um sich für 30 Sekunden auf ihnen einzuloggen und die Seite dann offen zu lassen? Das war, wenn man so wollte, die zweinullige Aufforderung, miteinander in Kontakt zu treten, fand ich. Doppelt dumm nur für mich: Nicht nur, dass ich kein Student mehr war,  ich war  auch nicht – was nun viel schlimmer war – auf studiVZ.

Die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009

Aber ich sollte nun lernen, wie es hier zugeht, als ich mich nach dem Seminar zu Balzac Coffee neben dem Abaton geschlichen und einen Lachs Bagel mit Latte Macchiato bestellt hatte, ganz Studi eben. Ich surfte auf Tülays studiVZ-Seite und war so neidisch wie lange nicht mehr. 22 war sie, studierte Germanistik und Skandinavistik auf Bachelor und hatte unfassbare 78 Freunde auf dieser Studentennetzwerke-Seite, 78 Freunde! Ich hatte während meines Studiums vielleicht 7 oder 8 gehabt in den fünf Jahren – Freunde.

Doch die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009. Dies waren flüchtige Freunde, die einen „gruschelten“, semi-lustigen Gruppen beitraten, die Namen trugen wie „Kalorien sind kleine Tiere, die nachts die Kleidung enger nähen“ oder „Ich singe immer Lieder mit, auch wenn ich die Texte nicht kann“ und sich Geburtstagsglückwünsche auf ihre Pinnwand schrieben, die lauteten: „Du, ich hatte gestern so viel um die Ohren, dass ich es nicht geschafft habe, dir zu gratulieren… 😉 Also: alles Gute nachträglich! “

Und dann waren da noch die Fotoalben, die das Studentenleben als einzige Party erscheinen ließen – ich erinnerte mich, aber nie an solche Bilderserien. Wie auch, in den 90ern hatte man Besseres zu tun, als mit einer Jackentaschen füllenden Ixus auf Mensapartys herumzuhopsen. Nicht so heute, wo jedes Handy den Job erledigt: „Statt miteinander zu feiern, fotografiert sich die Verwandtschaft lieber beim Fotografieren, um dann  anschließend die digitalen Fotos zu bestaunen“, hatte der SPIEGEL das Phänomen einst auf den Punkt gebracht.

Was für ein Spaß musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt?

Und trotzdem: Student 2.0 zu sein, schien ein noch größerer Spaß zu sein als vor einem Jahrzehnt, als an studiVZ oder Facebook noch nicht zu denken war, ich mich aber ziemlich fortgeschritten fand, als einer der Ersten im Uni-Rechenzentrum zwischen all den Super-Nerds einen Online-Zugang zu beantragen. Ich beneidete die Tülays von heute um diese Möglichkeit, wie toll musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt, gläsern für alle, die sich auf die Versuchung von studiVZ einließen.

Für einen Moment wollte ich nun genau dasselbe tun und mich mit Tülay befreunden, es wäre schließlich die einzige Möglichkeit. Aber ging das so einfach? ‚Hey, wir saßen heute im Seminar nebeneinander, ich habe zwar keine Freunde auf studiVZ, bin nicht mal ein echter Student,  aber ich dachte, es wäre nett, mit Dir befreundet zu sein?‘ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die einem deutlich machen, dass man älter wird. Ich ließ den Latte Macchiato stehen und klickte Tülays studiVZ-Profil weg. Das hier war nichts für mich.

Zwei Jahre später hatte sich daran nichts geändert. Ich war nun bei Facebook, aber nicht bei der VZ-Gruppe. Vielleicht hätte studiVZ mir dabei geholfen, Babsie aus dem Breisgau wiederzufinden, aber wenn ich sie nicht in meiner Welt, in Facebook,  wiederfand, dann eben nicht – es gab ja noch weitere Semester aufzuarbeiten. Etwa das zweite. Summer of 1995, schreibe ich in mein Status-Update, nachdem Facebook einen Volltreffer gelandet hat. Ein Klick – und ich sehe die Sommerliebe von vor 14 Jahren wieder.

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

2. November 2009

Also geht es los!

Eine Sekunde später springt die Startseite um, und das Facebook-Universum liegt vor mir – zumindest fast. Bevor ich es nutzen kann, hat Facebook eine Frage an mich. Eigentlich ist es die Frage der Fragen, weshalb man sich schließlich beim größten aller Netzwerke angemeldet hat:

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

Facebook legt mir die Antwort bereits nahe: „Viele deiner Freunde sind vielleicht schon hier“, werde ich gelockt. Wer das wohl ist? „Das Durchsuchen deines E-Mail-Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden“, schlägt mir das Supernetzwerk vor.

Eine solche Aufforderung ist jedoch der sicherste Weg, um Datenneurotiker wie mich in die Flucht zu schlagen. Facebook durchsucht meine Email-Konten? No way! Ich überspringe den Schritt, schließlich gibt es im Online-Zeitalter immer ein Zurück.

Doch dann will Facebook schon wieder etwas von mir wissen: „Gib deine Profilinformationen ein“, lautet die nächste Aufforderung. Warum? „Diese Informationen helfen dir dabei deine Freunde auf Facebook zu finden.““

Freunde bedeutet hier: Klassenkameraden, Kommilitonen und (Ex-)Kollegen. Ich zögere. Möchte ich das? Diese Zeitreise im Fastforward-Modus zurück um fünf, zehn, 15 Jahre – die ersten Jobs, die Studienzeit, die Abiklasse? Eigentlich schon. Eigentlich geht es am Ende bei Facebook um genau diese Neugierde – es ist eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich Köpfe und Gesichter aus dem Web auftauchen lassen könnte, die ich mit Google nie gefunden hätte.


Freunde finden auf Facebook: Per Zeitreise im Fastforward-Modus zurück zur Jugend- und Studienzeit

Und doch: Nicht sofort, nicht nach der Anmeldung, nicht mit diesem blanken Profil. Die Schule könnte komisch werden. Uni indes – Uni geht immer. 40.000 Studenten sind eine Masse. Eine undurchschaubare dazu: Denn die Facebook-Vorschläge gehen alle ins Leere, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nach dem amerikanischen Vorbild der Jahrgänge ausgespuckt werden. Doch so funktionierte es in der Vor-Master-Ära schließlich nicht: Die Absolventen der Jahrtausendwende sind für mich alle Unbekannte.

Also zurück zur Schulzeit. Ich gebe  tatsächlich dieses Gymnasium im Hamburger Nordosten ein, das einst den Ruf der reinsten Streberschule hatte und auf dem ich seinerzeit so urkomische Dinge getan habe, wie Kurzgeschichten in einer Schülerzeitung namens „Cocktail“ zu schreiben – Jugendsünden, möchte man sie zurückholen?

Egal. Ich klicke „Speichern und fortfahren“ und male mir so etwas wie das virtuelle Klassentreffen aus. Das zehnjährige war ein echtes Erlebnis, das fünfzehnjährige indes war einfach ausgefallen. Wird es jetzt auf Facebook nachgeholt? Eine Übersicht aus fingernagelgroßen Porträtfotos poppt auf. Ich scrolle – zwei, drei, vier bekannte Gesichter erkenne ich sofort wieder. Niemand, mit dem mich wirklich viel verbunden hätte, aber spannend natürlich.

Sofort schießen mir die Standardfragen der „Generation NEON“ durch den Kopf: Na, verheiratet, Kinder, Karriere gemacht – oder was man dafür halten könnte? Klickbar sind die Profile leider nicht. Ich müsste den Klassenkamerad als „Freund hinzufügen“.

Spätestens an dieser Stelle wird es für viele von uns problematisch. Man merkt, dass Facebooks Freundesverständnis auf eine amerikanischen Sozialisierung zurückgeht: Ein Facebook-Freund muss noch lange kein echter Freund sein, echte Freunde hat man schließlich vielleicht eine Handvoll, auf Facebook sollte es eigentlich am besten eine dreistellige Anzahl sein.


Die Crux mit dem Profilfoto: Angestrengte Lässigkeit im Casual Friday der sozialen Netzwerke

Dumm nur, dass ich immer noch keinen einzigen habe. Es muss also etwas passieren – und dafür gibt es schließlich noch die dritte Kontaktmöglichkeit; man kann nachUnternehmen“ suchen, also der Zeit im Berufsleben.

Hier muss einem nichts peinlich sein – oder alles, doch das sollte ich erst später erfahren. Zunächst sind viele Berufstätige bei Facebook Newbies, echte Anfänger also, die sich gerne mit dem Hauch des Coolen schmücken würden – in Xing sind wir schließlich alle, in Facebook möchten wir alle rein.

Also gebe ich nun diverse Verlage in die Suche ein, aus zehn Jahren in der Medienbranche sollte etwas hängen geblieben sein. Und siehe da: Meine Kollegen sind natürlich schon längst drin, fast alle aus der Online-Redaktion, und auch aus diversen Internet- und PR-Agenturen erkenne ich jede Menge bekannter Gesichter. Ich fange bei meinem ehemaligen Redaktionsleiter, jetzt in München, an – die erste Freundschaftsanfrage. Zwölf weitere folgen, immerhin zweistellig sollte die Ausbeute zum Start sein, finde ich.

Dann der nächste Schritt, der schwierigste: Ich soll ein Profilbild festlegen. Ich weiß ja – Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke, hier ist alles ein bisschen lässiger. Aber wie lässig ist lässig wirklich – und wann wird lässig peinlich? Jetzt wäre es wohl an der Zeit für das Urlaubsbild meines Lebens, denke ich – für das Dauergrinsen beim Sonnenuntergang auf Ko Phi Phi oder das Glücklich-wie-ein-Honigkuchenpferd-Foto unter der Sydney-Harbour-Bridge mit der Freundin, der ich damals besser den Antrag gemacht hätte. Aber das eine tut hier so wenig zur Sache wie das andere, finde ich.


Facebook als Metapher unseres Erwachsenenlebens: Was wollen wir sein – und wie wollen wir von anderen gesehen werden?

Mir ist das zu privat, ich bin wohl noch zu sehr in der Xing-Welt geerdet, muss ich zugeben. Also bleibt eben nur dieses Profil-Bild, das inzwischen überall gelandet ist – auf Blogs, über Artikeln, auf meinem Presseausweis. Sieh es als Marke, schreibt mir die Fotografin, der ich parallel meine Bedenken mitteile, über Skype.

Doch auch Marken haben ihre Lebenszeit, muss ich schnell feststellen, während ich dabei bin, die letzten Angaben für meine Profilseite einzugeben:

„Nils! Endlich bei Facebook!“ lese ich da tatsächlich als ersten Eintrag auf meiner noch so nackten Pinnwand von einer Ex-Kollegin aus der Milchstraße: „Aber wie wäre es mal mit einem neuen Foto, mh? Schön, dass Du hier bist! Enjoy, J.“

So ist das also, denke ich, während ich mich noch immer nicht entschieden habe, was ich auf die Frage angeben soll, was ich bei Facebook eigentlich suche: Facebook ist Freizeitstress. Selbstdarstellungsstress. Inszenierungsstress.

Doch bildet dieses Supernetzwerk damit nicht genau die Grundsatzfrage unseres Erwachsenenlebens ab: Der Frage, was wir sein wollen – und wie wir von anderen gesehen werden wollen? Ich starte iPhoto und sehe noch einmal genau hin. Ich weiß, wie ich den Abend heute verbringen werde – auf der Suche nach diesem einen coolen Bild, das es zum Profilfoto schaffen soll. Wozu habe ich schließlich die 40 GB Digitalbilder angehäuft, in all den Jahren?