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Das Global Network: Völkerverständigung auf Facebook

20. Dezember 2009

Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen, war das Letzte, was ich schrieb, als ich über das Wiedersehen mit meinen früheren Kollegen nachdachte. Warum also länger in der Vergangenheit leben? Ich tue das viel zu oft, archiviere, kann nichts wegschmeißen, hatte zehn Jahre des „Spiegels“ und der „Wirtschaftswoche“ bei mir herumliegen– Stapel, so überkommen wie das Jahrzehnt. Weg damit, man kann das Leben nicht archivieren. Man muss es leben.

Jetzt! Also will ich auf Facebook einmal etwas tun, was ich bisher nicht getan habe. Neue Leute kennenlernen. Die Vergangenheit und die Gegenwart: Mit den beiden bin ich auf Facebook befreundet. Ob ich will oder nicht – ich habe es aufgegeben, mich den Anfragen zu verweigern, ich habe nichts zu verbergen, oder? Life is short and then you die, so it better be damn good, sagt Steve Jobs immer. Also aufhören, über den Rest nachzudenken.

Aber wenn es schon so kurz ist, will ich auch das Maximale rausholen. Nicht nur das Bekannte. Was mich die ganze Zeit bei der Debatte um Facebook fasziniert, ist die unfassbare Größe, die das Social Network längst erreicht hat. 350 Millionen User können wohl nicht irren. Facebook wäre mittlerweile das drittgrößte Land der Erde, wahrscheinlich werden auch irgendwann Indien und China überholt, ich bin mir ziemlich sicher.  Wenn also irgendwann die ganze Welt miteinander auf Facebook befreundet ist – warum sollte ich das nicht auch sein?

Gebremste Globalisierung: Facebook ist nicht für neue Freundschaften da

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ist genau das meine heimliche Sehnsucht , die mich ursprünglich auf Facebook gelockt hat. Den Gedanken dieser einen Welt zu teilen. Das ist für mich wirklich das Größte überhaupt. Die Kollegen, die Freunde, die Bekannt- und Verwandtschaften, die Ex-Freudinnen – geschenkt. Die sind da. Wie gerne würde ich aber mehr kennenlernen über das Unbekannte: über die Web-Designerin aus Bukarest. Oder die Kunst-Studentin aus Rio de Janeiro.

Also gehe ich auf die Suche! Doch wo findet man neue Freunde in Facebook? Mark Zuckerberg will das ja eigentlich nicht fördern: „Wir wollen keine Community aufbauen“, diktierte der smarte Ex-Harvard-Student dem „Time Magazine“ vor zweieinhalb Jahren, „wir versuchen nicht, neue Verbindungen herzustellen.“ Vielmehr gehe es darum, bestehende zu verbessern.

Tatsächlich sind die regionalen Hürden im weltgrößten sozialen Netzwerk über die Jahre immer höher geworden, was mir ziemlich absurd erscheint. Da ich im Germany-Network bin, kann ich z.B. keine beliebige 27-jährige Norwegerin aus Oslo finden, die gerne in R&B-Clubs geht – ich kann überhaupt nicht nach solchen Kriterien suchen, sondern nur nach Vor- und Nachnamen, was Facebook von Dating-Seiten ganz klar abgrenzt.

Ich finde das verständlich, dann aber doch ein bisschen bedauerlich. Gesetzt den Fall, ich unternehme einen Wochenendtrip nach Oslo und würde mir dort gerne von einer/m Einheimischen die Stadt und das Nachtleben zeigen lassen wollen, wie man das im Lonely Planet-Zeitalter so macht,  so ist mir Facebook nicht besonders behilflich dabei.

Die eigene Stadt zeigen: Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt

Stattdessen lerne ich Nisha kennen. Und das kommt so: Seit einigen Wochen bin ich in einer der unzähligen Hamburg-Gruppen auf Facebook, in denen Mitglieder nicht nur neue Bilder hochladen, sondern auch Anfragen posten. Eine davon kommt von der südafrikanischen Politik-Studentin, die ihr Auslandssemester in Hamburg verbringen wird und sich schon mal nach „Must Sees“ erkundigt.

Also schreibe ich Nisha eine Nachricht, selbstverständlich mache ich das als Lokalpatriot. Ich erzähle ihr von Alster und Elbe, warum es unmöglich ist, zwischen den beiden zu entscheiden, und warum auch total nötig, schreibe ihr vom Alsterufer und Elbstrand, von den Beachclubs, die im Mai öffnen und der schönste Ort in der Stadt sind, um einen Sommerabend zu verbringen, vom Grillen im Stadtpark, von Radtouren im Alten Land und natürlich Partynächten auf der Schanze bis zum Morgengrauen.  Die Antwort kommt am nächsten Tag:

I am already so excited to experience German history, culture and people!
I shall see you sometime when I come to Hamburg 🙂
Be in touch and thank you for your kindness!

Schön ist das. „Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt„, hat Franz Beckenbauer nach der WM 2006 sein Gefühl der Völkerverständigung einmal beschrieben. So geht es mir auch ein bisschen, komplett ohne Hintergedanken. Ich möchte etwas von meiner Stadt zeigen und teilen. Doch das ist nicht ohne Gefahren. „Immer dieses Facebook!“ zischt mich Saskia an, meine Freundin, die plötzlich kopfschüttelnd hinter mir steht. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit? Und wem schreibst Du da?“ Tja, wem schreibe ich da eigentlich…?

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.