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Von Schwänen und Haien: Alte Freunde, neue Bekannte

15. Februar 2010

„Beziehungen sind das Schwerste im Leben“, sagt George Clooney im vielleicht bislang besten Film des Jahres, Up in the Air. Clooneys Charakter Ryan Bingham, der durch die USA jettet, um Menschen zu feuern, will sie nicht eingehen. Es bleibt alles ziemlich flüchtig beim Unternehmensberater.

Kaum anders ist es auf Facebook, wenn wir uns einmal auf unserer Pinnwand und Startseite umsehen. Im Minutentakt fliegen dort neue Meldungen ein so wie auf der Abflugtafel des Flughafens:

Maximilian ist jetzt mit Olga befreundet.

Flug Nummer 232 von München nach Moskau steht jetzt zum Boarding bereit.

Alona ist jetzt verlobt.

Bitte gehen Sie zum Gate Nummer B 23, Ihr Flug ist jetzt zum Abflug bereit.

So geht es dauernd zu auf Facebook. Die Nachrichten unserer Freunde heben ab und landen wie Flugzeuge. Immer weiter, immer schneller. 322 Tage im Jahr fliegt Ryan Bingham durch die USA. „Was mich die übrigen 43 Tage hassen lässt“, scherzt der Clooney-Charakter, ganz eins mit seinem smarten Hollywood-Klischee. Sind wir eigentlich so oft im Jahr offline, bzw. nicht auf Facebook? 43 Tage im Jahr? Ich nicht.

„Du bist nicht auf Facebook?“ – „Genau“ – Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“

Vielleicht sollte ich das aber, erklärt mir Ina gestern, die ich auf der Geburtstagsparty einer Freundin kennenlerne. Der Dialog geht so:

„Hey, kennen wir uns schon?“
„Glaube nicht, aber das sollten wir ändern. Ina“. Es kommt zum Handshake.
Pause.
„Auch aus Berlin?“
„Hamburg.“
„Hamburg, wie smart“. Sie grinst und taxiert mich. Luftanhalten, Bauch einziehen und endlich mal mit den Fritz-Kolas aufhören, denke ich.
„Und, was machst Du?“ Die Standardfrage über 30, ob man will oder nicht.
„Ich schreibe“, sage ich.
„Cool, ich auch“, sagt Ina.
Damit hat sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen. „Wirklich, was denn?“
„Romane. Und Du?“
„Da kann ich nicht mithalten. Artikel. Blogs. Und all den Kram dazwischen.“
„Oh.“
„Oh, so schlimm?“
„Oh, nein gar nicht“. Die nächste Pause, etwas länger.
Ich versuche es mit dem Clooney-Lächeln, das ich gestern gelernt habe. „Warum dann ‚oh‘?“

„Darauf war ich nicht vorbereitet. Das ist so öffentlich. Nicht meins.“ Jetzt grinst sie.
„Wieso? Als Autor bist Du doch viel öffentlicher.“
„Bin ich nicht. Ich veröffentliche nicht.“
„Oh. Das ist natürlich auch ein Weg.“ Das ist so großartig berlinerisch, denke ich und halte inne, dann fällt mir etwas anderes ein. „Dann bist Du also auch nicht auf Google auffindbar.“
„Genau“.
Letzte Chance. „Aber auf Facebook.“
„Never.“
„Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“, grinse ich und entschuldige mich in Richtung der Drinks, um das gleich auf meinem iPhone zu kontrollieren.

„Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“

Drei Stunden und zwei leere Rotweinflaschen später bedauere und bewundere ich Ina gleichzeitig. Dass sie schreibt, aber nicht veröffentlicht und dass sie schreibt, aber unerkannt bleibt. Leider wird der Abend nun so enden, dass wir uns nicht befreunden können. Sie existiert schließlich nicht in der digitalen Welt. Das macht sie verdächtig. „Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“, feuere ich unterdessen als Status-Update an meine 300 Freunde auf Facebook und 600 Follower auf Twitter heraus. Musste ja mal so gefragt werden.
Doch statt einer Antwort stellte Ina die Fragen. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit mit deinem Handy?“
„iPhone“, korrigiere ich.
„Was auch immer. Kannst Du nicht mal ohne das Teil zuhören?“ Es fällt mir schwer.
„Ja, nein – Moment“. Es surrt. Statt der SMS, die ich erwarte, eine Direct Message.

„Sag mal, Nils, hast Du über dein digitales Leben eigentlich dein analoges vergessen?“ fragt mich Miriam. „Ich lese seit Monaten nur noch Status-Updates von Dir. Unsere Freundschaft kann ich auch wohl knicken, oder?“ Früher waren wir eng miteinander befreundet, doch über die Jahre ist etwas passiert. Obwohl wir auf Facebook Freunde sind, hat sich unsere Freundschaft spürbar abgekühlt. Miriam wirft mir vor, Neuigkeiten beliebig mit allen sogenannten Freunden auf Facebook zu teilen, statt mit ihr, wie früher, exklusiv per Mail. Weil ich nicht weiß, was ich darauf entgegnen soll, ohne noch mehr Porzellan zu zerschlagen, lasse ich es.

Beziehungen und Freundschaften sind das Schwerste im Leben. „All die Kompromisse, Streitereien und Geheimnisse“, bilanziert George Clooneys Protagonist in Up in the Air. „Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sterben wir.“ Fühlen wir uns deshalb trotz Stunden am Tag vor dem Computer so lebendig, weil einem Facebook so unverbindlich und doch so aufregend erscheint wie ein Transatlantikflug? Moving is living.

Die Gegenwart gewinnt. Man muss schließlich Entscheidungen treffen

„Was ist denn nun“, herrscht mich unterdessen Ina an.
„Moment, das ist wichtig.“ Ich setze zur Antwort auf Facebook an.

„Wichtig, wichtig – was kann wichtiger sein als der Moment?“
„Eine zerbrochene Freundschaft“
„Ja, oder eine nicht geschlossene“. Sie guckt herausfordernd und dabei ziemlich lasziv.

Crunchtime.

Ich blicke sie einen Moment zu lange an, klicke Facebook weg und schalte das iPhone aus.
„Ok“, sage ich ihr, „die Gegenwart gewinnt.“ Man muss schließlich Entscheidungen treffen. Entscheidungen bedeuten Bewegung.

Nicht immer sind die spontanen Entscheidungen allerdings die besten, wie George Clooneys Charakter Ryan Bingham in Up in the Air feststellen muss, als er mitten im bestbezahlten Vortrag seines Lebens eine weiche Stelle in seinem Herz entdeckt und aufbricht, um außerplanmäßig nach Chicago zu fliegen. Dass mir Miriam das Schweigen übel nehmen wird, ahne ich. Dass Saskia, meine Freundin, in den nächsten Stunden zwei SMS verschicken und drei Anrufe starten wird, erwischt mich allerdings auf dem Nachhauseweg so eiskalt wie der Schneesturm im Morgengrauen. Vollkommene Verdrängung.

Die Schneeflocken im Gesicht verharre ich noch einen Moment am Altonaer Balkon und blicke über den Hafen, über die Docklands, die von merklich weniger Eisschollen eingerahmt sind. Ein erster Vogel zwitschert, ein anderer erwidert. In zwei, drei Wochen werden sie den Frühling ankündigen. Manche Tiere sind dazu bestimmt, immer beieinander zu bleiben, symbiotisch, ein Leben lang. Wie Schwäne. Aber machen wir uns nichts vor: Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie.

Das Jahrzehnt der Selbstentblößung

15. Januar 2010

Zwei Wochen ist es her, dass ziemlich still und mit wenig Melancholie das vorherige Jahrzehnt zu Ende ging. Zu viel ist danebengegangen in diesem verlorenen Jahrzehnt, in dem an den Aktienmärkten so viel Kapital wie nie vernichtet wurde, in dem der Terror ein trauriges Comeback erlebte und die Weltgemeinschaft mit kriegerischen Verstrickungen belastet wurde wie lange nicht mehr.

Doch es war nicht alles schlecht an den Nullerjahren. Der ganz große Dekadengewinner war zweifellos das Internet. Erinnern wir uns: Zur Jahrtausendwende war das WWW zwar auch schon in aller Munde – zehn Jahre später ist es indes längst zum festen Bestandteil des Alltags geworden. So ziemlich alles, was wir für unseren Alltag benötigen, können wir im Internet erledigen, kaufen, nachschauen, recherchieren.

So scheint es denn, dass das Internet selbst für immer mehr Menschen zum Alltag geworden ist. 350 Millionen von ihnen sind inzwischen in Facebook, dem ersten wirklich globalen sozialen Netzwerk versammelt, ganz selbstverständlich so wie früher in der Schule oder der Uni. Alles teilen wir inzwischen online – unsere Handynummer, unsere letzten Urlaubsbilder, unsere Befindlichkeiten.

Aktualisierungszwang: Meine Facebook-Freunde bauen sozialen Druck auf

Zehn Jahre zuvor wäre diese Form der Alltags-Kommunikation, die die Branche so gerne als Social Media umschreibt, als sozialer Wahnsinn abgetan worden. Wie gerne haben wir uns noch in den späten 90er-Jahren hinter kryptischen Mail- oder AIM-Pseudonymen versteckt. Moonman73. Oder sweetiegirl84. Oder, am schlimmsten: suessemaus86. Heutige Twitternutzer haben zumindest ihren Jahrgang fallen lassen und nennen sich nun snoopsmaus. Freiwillige Online-Preisgabe unserer aktuellen Gefühlslage, des Arbeitgebers oder gar des Beziehungsstatus‘ an alle unsere Freunde, Bekannten und Verwandten? Ende der 90er undenkbar!

Doch was ist inzwischen eigentlich mit uns – oder zumindest: einigen von uns – passiert? Wie Getriebene teilen wir unser Leben mit den seltsam flüchtigen Netzwerk-Freunden, so dass es manchmal aussieht wie ein realer Lebenswettbewerb in Echtzeit. Die besseren Bilder, die cooleren Status-Updates, die meisten Freunde – das ist aus der Idee des Teilens geworden.

So könnte man es sehen, wenn ich mich durch die Neuigkeiten auf meiner Startseite klicke. So viele Winterbilder sehe ich da, dass ich mich irgendwo unter Druck gesetzt fühle, auch schnell rauszulaufen, so lange die Eisschollen noch auf der Elbe schwimmen und die schneebedeckten Wiesen die Alster umrahmen. Und natürlich sollte ich auch Fan der Facebook-Gruppe Alstereisvergnügen 2010 werden, wie alle meine Hamburger oder Nicht-Hamburger Facebook-Freunde. „Sozialen Druck“ nennt das die Psychologie.

Ein Leben für Facebook: Stunden echter Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt

Dann lese ich in den Neuigkeiten von einem Tool, das wohl als echter Indikator des Social Media-Wahns durchgehen kann. „Time Spent On FaceBook!!“ heißt die Applikation, denn schließlich gibt es auf Facebook genau wie auf dem iPhone keine App, die es nicht gibt. Ich befürchte nichts Gutes. 29 Stunden und 31 Minuten hat eine polnische Freundin, die ich über ‚Meet New People‘ kennengelernt habe, auf Facebook verbracht – in einer Woche. Das sind mehr als 4 Stunden – am Tag!

4 Stunden echte Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt, was man gemacht hat oder machen will: Das Online-Leben beginnt das Offline-Leben zu ersetzen. Dass das nicht erlischt, ist klar – und hat auch ein befreundeter Ex-Kollege erkannt, den ich letztes Jahr zu Facebook verleitet habe. „Countdown: my facebook communication terminates 31-12-2009“, steht da als vorweggenommene Neujahrsresolution ein Tag vor Silvester. „F***ed up with Social Media. Schreibe höchstens noch mal Mails…“

Ein konsequenter, aber auch mutiger Entschluss, schließlich ist der Kollege Chefredakteur einer Hamburger PR-Agentur, die in Sachen Social Media macht. Kann man das durchhalten? Ich finde den Vorsatz so schlecht nicht. Es ist so schnell gegangen mit Facebook und mir – meine Freundeszahl liegt im dreistelligen Bereich, ich teile manches mit manchen, die ich im wirklichen Leben – IRL – gar nicht kenne.

Verlorene Unschuld: „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“

Doch das Leben endet ja nicht einfach am 31.12. – man gibt es ja nicht einfach an der Silvester-Garderobe ab. Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen, und allein das muss mitgeteilt werden. Und weil wir Neujahr alle rund um den Globus anders erlebt haben, ist die Vorlage ziemlich groß, unsere Silvester-Befindlichkeit via Facebook und Twitter mitzuteilen – und zwar in Echtzeit. Mit Bildern dazu.

Plötzlich war es 2010, und „Daisy“ war da. Dann nannten meine Facebook-Freundinnen nur noch eine Farbe in ihren Status-Updates, was am Ende so etwas war wie der erste kollektive Facebook-Flashmob. Manche fanden es lustig, manche behämmert, manche männliche Nutzer einfach eine schön subtile Anspielung auf weibliche Vorzüge, während es um etwas anderes ging. Morgen geht es um Haarfarbe. Übermorgen über den nächsten „Sex-and-the City“-Film. Überübermorgen um Miley Cyrus, Megan Fox oder Cristiano Ronaldo.

Überüberübermorgen beginnt beim Kollegen elf Stunden nach dem Jahreswechsel. „under the blue moon – though hidden I found it“, steht da. Was auch immer. Einen halben Tag später : „blue moon, blue eyes – what else?“ Was sonst? Was auch sonst! „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“, hat die Schriftstellerin und Sascha Lobo-Mitstreiterin Kathrin Passig gestern in einem bemerkenswerten Interview erklärt.

Befreiende Selbstentblößung: Die Katharsis der Beichte beflügelt

So ist das im größten aller sozialen Netzwerke: Wir hängen darin wie eine Spinne – und sind doch selbst Gefangene. Einmal drin im Netz, spinnen wir selbst eifrig unsere Netze und schreiben weiter an Status-Updates, als ginge es um unser Leben, als könnten wir unser Leben umschreiben, als schrieben wir also unsere Biografie.

Warum gibt er das überhaupt zu„, hat Boris Becker über die Medien André Agassi gefragt, der sich mit seiner gerade erschienenen Biografie „Open“ um Kopf und Kragen geschrieben hat – und im schlimmsten Fall wegen seines Drogengeständnisses Titel hätte aberkannt bekommen können. Um Geld kann es nicht mehr gehen. Es ist die Katharsis der Beichte, die beflügelt.

Genauso ist es auch bei Facebook. Es ist ein bisschen wie die Stimmung nach dem Rendezvous, wenn es passiert ist, wenn man nackt im Bett liegt und nichts zu verbergen hat. Nichts mehr zu verbergen. Nackt sein hat etwas Befreiendes – vielleicht gerade, wenn es vor 350 Millionen Menschen geschieht. Vielleicht ist dieser Reiz der Selbstentblößung der Treiber von Selbstoffenbarungsplattformen wie Facebook.

„Today my chances to have Sex are: 81%“, spuckt die Facebook-Applikation einer Freundin aus – und postet es, für alle ersichtlich, auf die Startseite. Der Facebook-Freundin gefällt das. Einem Freund auch. „Go for it“, schreibt er – und setzt das obligatorische Smiley. So öffentlich war der Umgang mit der eigenen Sexualität wohl nie.

Ich will darauf auch etwas schreiben – irgendwas Geistreiches, aber was könnte das sein, was nicht verspießt oder, schlimmer noch, neidisch klingt? Vielleicht sollte ich einfach selbst die Applikation starten und meine Chancen messen? Ich zögere und drehe die Heizung höher. Minus 8 Grad sind es draußen immer noch – mir ist das eindeutig zu kalt für ein schlüpfriges Status-Update im noch so jungen Jahrzehnt der Selbstentblößung.

Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Zurück auf dem Campus

20. November 2009

Comme le temps passe. As time goes by. Wie die Zeit vergeht… Der Stein ist ins Rollen gekommen: Wenn ich über die Schule und meine französische Austauschschülerin nachdenke, dann ist es logisch, dass ich via Facebook auch mehr über die Menschen wissen will, die danach eine Rolle gespielt haben – das heißt: über die Frauen.

Der ziemlich überschätzte britische Schriftsteller Nick Hornby verdankt seinen Erfolg diesem romantischen Ansatz: In High Fidelity nimmt er, mehr oder weniger erfolgreich, die Spur seiner Ex-Freundinnen wieder auf. Im Facebook-Zeitalter muss man dafür nicht mal ein Telefon in die Hand nehmen – ein paar Mausklicks reichen.

Also mache ich mich an die Suche. Ich fange mit dem Studium an, alles davor ist indiskutabel. Danach jedoch war es eine einzige Party. Jedes Semester neue Bekanntschaften, die in der ersten Woche geschlossen wurden, während ich neue Seminare austestete, und die dann genau ein Semester über hielten. Dann kamen die Ferien, und es verflüchtigte sich wieder – auch weil man wusste, dass es mit Semesteranfang wieder von vorne losging, mit dieser ersten Woche, in der sich das Semester und damit das Halbjahr entschieden.

Auf der Suche nach der Vergangenheit zurück zum ersten Semester – und studiVZ
Ich beginne also ganz am Anfang, Orientierungseinheit erstes  Semester. Babsie aus Breisgau, blonder Kurzhaarschnitt, ein ausgeprägtes Faible für Literatur des Mittelalters und R. Kelly, gelebte Gegensätze – was für ein Mädchen. Aber nicht bei Facebook. Ich überprüfe das andere große soziale Netzwerk, das sich vor vier Jahren aufgeschwungen hatte, es Facebook nachzumachen und dabei so kreativ war, gleich den Quellcode zu kopieren, was nicht der einzige Grund ist, warum ich gegen studiVZ voreingenommen bin.

Ich passe einfach nicht mehr zur Zielgruppe, die Uni liegt genau ein Jahrzehnt hinter mir, und obwohl ich die Zeit manchmal zur schönsten meines Leben verkläre, ist es doch gut, dass sie vergangen ist. Vor ein paar Jahren habe ich einmal, genervt von langer Weile und der Monotonie des Redaktionsalltags etwas getan, was man tunlichst vermeiden sollte, wenn man die dreißig erreicht hat und eigentlich zufrieden mit seinem Leben ist – nämlich wieder den Campus betreten und abendliche Vorlesungen und sogar wieder ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht. Besser gesagt: es versucht.

Drei Wochen und zwei Mensa-Besuche später war mir klar: Es geht nichts darüber, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Wer einmal mit dem Journalismus, also mit der täglichen Arbeit mit Deadlines angefangen hat, steht 90 Minuten in Seminaren, die „vorbürgerliche Ideen zu Theatralität und Inszenierung und ihren Nachhall  in der Gegenwart“  zu  analysieren versuchen, nicht mehr durch – zumindest nicht unbeschadet.

Eine Mädchenstimme flüstert in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“
Doch kurz bevor ich entnervt dabei war, mir die Blöße zu geben und mitten im Seminar aufzustehen, machte ich meine prägendste Erfahrung der Uni 2.0-Ära, wie ich jenes Mini-Comeback auf den Campus nennen sollte: Während ich hektisch auf meinem iPhone herumspiele und im 30-Sekundentakt Aktienkurse, das Wetter der nächsten fünf Tage und vor allem Twitter checke,  flüstert eine Mädchenstimme in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“

Wie ein Ufo sah ich sie an. Wasguckstdu? Dabei war nicht mal alles gesagt – aber ich hatte verstanden. Sie wollte Studi VZ checken. Auf meinem iPhone. Jetzt und sofort im Seminar. „Ja, klar“, brachte ich schließlich hervor und händigte ihr das silberne Apple-Smartphone der ersten Generation aus, das damals ein paar Wochen alt war und schon zu seltsamen Bekanntschaften geführt hatte. Die mit Tülay, wie ich später herausfinden sollte, war jedoch bei weitem die seltsamste von allen. „Danke“ sagte sie grinsend. Und das war alles, was sie jemals sagen sollte. Mit einem routinierten Lächeln einer Kellnerin, die froh ist, das Essen endlich abzuräumen,  gab sie mir das iPhone – und damit ihre geöffnete studiVZ-Seite zurück.

Psychopathen mögen einräumen, dass dies sicher so etwas wie eine Botschaft war, wer leiht sich schon während eines Seminars iPhones aus, um sich für 30 Sekunden auf ihnen einzuloggen und die Seite dann offen zu lassen? Das war, wenn man so wollte, die zweinullige Aufforderung, miteinander in Kontakt zu treten, fand ich. Doppelt dumm nur für mich: Nicht nur, dass ich kein Student mehr war,  ich war  auch nicht – was nun viel schlimmer war – auf studiVZ.

Die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009

Aber ich sollte nun lernen, wie es hier zugeht, als ich mich nach dem Seminar zu Balzac Coffee neben dem Abaton geschlichen und einen Lachs Bagel mit Latte Macchiato bestellt hatte, ganz Studi eben. Ich surfte auf Tülays studiVZ-Seite und war so neidisch wie lange nicht mehr. 22 war sie, studierte Germanistik und Skandinavistik auf Bachelor und hatte unfassbare 78 Freunde auf dieser Studentennetzwerke-Seite, 78 Freunde! Ich hatte während meines Studiums vielleicht 7 oder 8 gehabt in den fünf Jahren – Freunde.

Doch die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009. Dies waren flüchtige Freunde, die einen „gruschelten“, semi-lustigen Gruppen beitraten, die Namen trugen wie „Kalorien sind kleine Tiere, die nachts die Kleidung enger nähen“ oder „Ich singe immer Lieder mit, auch wenn ich die Texte nicht kann“ und sich Geburtstagsglückwünsche auf ihre Pinnwand schrieben, die lauteten: „Du, ich hatte gestern so viel um die Ohren, dass ich es nicht geschafft habe, dir zu gratulieren… 😉 Also: alles Gute nachträglich! “

Und dann waren da noch die Fotoalben, die das Studentenleben als einzige Party erscheinen ließen – ich erinnerte mich, aber nie an solche Bilderserien. Wie auch, in den 90ern hatte man Besseres zu tun, als mit einer Jackentaschen füllenden Ixus auf Mensapartys herumzuhopsen. Nicht so heute, wo jedes Handy den Job erledigt: „Statt miteinander zu feiern, fotografiert sich die Verwandtschaft lieber beim Fotografieren, um dann  anschließend die digitalen Fotos zu bestaunen“, hatte der SPIEGEL das Phänomen einst auf den Punkt gebracht.

Was für ein Spaß musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt?

Und trotzdem: Student 2.0 zu sein, schien ein noch größerer Spaß zu sein als vor einem Jahrzehnt, als an studiVZ oder Facebook noch nicht zu denken war, ich mich aber ziemlich fortgeschritten fand, als einer der Ersten im Uni-Rechenzentrum zwischen all den Super-Nerds einen Online-Zugang zu beantragen. Ich beneidete die Tülays von heute um diese Möglichkeit, wie toll musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt, gläsern für alle, die sich auf die Versuchung von studiVZ einließen.

Für einen Moment wollte ich nun genau dasselbe tun und mich mit Tülay befreunden, es wäre schließlich die einzige Möglichkeit. Aber ging das so einfach? ‚Hey, wir saßen heute im Seminar nebeneinander, ich habe zwar keine Freunde auf studiVZ, bin nicht mal ein echter Student,  aber ich dachte, es wäre nett, mit Dir befreundet zu sein?‘ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die einem deutlich machen, dass man älter wird. Ich ließ den Latte Macchiato stehen und klickte Tülays studiVZ-Profil weg. Das hier war nichts für mich.

Zwei Jahre später hatte sich daran nichts geändert. Ich war nun bei Facebook, aber nicht bei der VZ-Gruppe. Vielleicht hätte studiVZ mir dabei geholfen, Babsie aus dem Breisgau wiederzufinden, aber wenn ich sie nicht in meiner Welt, in Facebook,  wiederfand, dann eben nicht – es gab ja noch weitere Semester aufzuarbeiten. Etwa das zweite. Summer of 1995, schreibe ich in mein Status-Update, nachdem Facebook einen Volltreffer gelandet hat. Ein Klick – und ich sehe die Sommerliebe von vor 14 Jahren wieder.

Meine Klasse: Schulfreunde wiederfinden in Facebook

11. November 2009

Mit der Schule ist es so eine Sache. Lang ist es her, unfassbare 15 Jahre – fast ein halbes Leben also, Zeit genug, um die Schulzeit erneut zu betrachten, in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon zu bekommen, was in der Welt um einen herum passiert.

Der Blick zurück im Rückspiegel löst unweigerlich ein Gefühl von Nostalgie aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich längst ein seidener Schleier der Verklärung über jene Zeit der frühen 90er Jahre gehüllt, Tage des wiedervereinigten Deutschlands, des frühen HipHops und der Geburtsstunde des Grunge. Milde gestimmt blicke ich auf jene Zeit zurück, in der man für neun Jahre immer wieder dieselben Gesichter sah. Eine surreale Schicksalsgemeinschaft. Doch wo und was sind die einstigen Weggefährten heute?

Nicht einmal ein 15-jähriges Klassentreffen kam dieses Jahr zustande, traurig irgendwie. Und trotzdem ist der Faden zur eigenen Vergangenheit nie ganz abgerissen. Überraschend viele Klassenkameraden treffe ich alle halbe Jahre dann doch irgendwo zwischen Ottensen, der Schanze oder der Alster wieder. Meistens zufällig, doch dann immer wieder gerne.

Falsche Klassenkameraden: Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet

Wie wäre es also, bewusst nach seinen Klassenkameraden in Facebook zu suchen? Ich versuche es – und scheitere. Keiner meiner näheren Bekannten ist hier – oder will zu Facebook. Ich versende Einladungsmails, werde schon zum Fürsprecher des weltgrößten Social Networks. Ging schnell. Und dauert lange. Keine Reaktion – und wenn: negative. Lass mal, ist mir zu heikel mit der Privatsphäre, sagt einer. Ich wende ein, dass man darüber volle Kontrolle habe, doch das Unbehagen ist mächtiger. Oder die Bequemlichkeit. Keine Zeit, meint ein anderer, wir kommunizieren doch auch über eMail und SMS prima. Sehr einsnullig.

Dann passiert doch etwas – eine neue Freundschaftsbestätigung. Doch den Sportsfreund kenne ich nicht – persönlich. Ich kenne ihn, nur anders. Aus dem Fernsehen. Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet, verrät mir mein Facebook-Profil. Zuerst finde ich das lustig, dann doof. Otto Pfister war bekanntermaßen lange Zeit Trainer der kamerunischen Nationalmannschaft, bei der WM 2006 in Deutschland noch der togoischen – und nicht zuletzt dank seines Nachnamens eher eine Witzfigur als realer Kontakt.

Da hat sich ein Schulfreund wohl nicht ganz getraut, seinen realen Namen anzugeben und stattdessen den 61-jährigen Handlungsreisenden in Sachen Fußballkultur in Afrika vorgeschickt. Ich belehre den Freund in einer eMail, dass soziale Netzwerke wie Facebook durchaus von ihrer Authentizität leben und er sich doch bitte zu erkennen geben möge. Das will er nicht, und so ist Otto am Ende des Tages nicht mehr mein Freund.

Das Fenster zur Vergangenheit: Plötzlich tauchen die Klassenkameradinnen wieder auf – mit ersten Falten, Umstandskleidern und anderen Nachnamen

Was mir auf Facebook bleibt, ist eine Klassenkameradin, mit der mich zu Schulzeiten nicht so viel verbunden hat und die dann plötzlich in den langen Fluren der Milchstraße vor mir stand. Wiedersehen im Journalismus. Auf Facebook sehe ich, was ich schon aus ihrem Blog wusste: Julia ist verheiratet und hat Kinder. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen, lese ich da auf der Geburtstagstorte für die Kleinste in einem ihrer Fotoalben. Herzallerliebst!

Und plötzlich öffnet sich damit dann doch das Fenster zur Vergangenheit: Ich finde in Julias Fotoalben die Gesichter wieder, die ich zumindest fünf Jahre nicht gesehen habe – und Bäuche, die noch gar nicht. In der Freundesliste vervollständigt sich dann das Bild. Da sind sie plötzlich wieder, die drei, vier umschwärmten Mädels der Schulzeit, die jeder toll fand, aber niemand aus der Klasse kriegte – sondern nur die Jungs aus der Oberstufe.

Einige Dinge werden sich nie ändern, andere hingegen fundamental – die ersten Falten, die Umstandskleider, die Nachnamen etwa. Doch das ist es nicht, was mich stutzig macht. Mit ein paar Klicks bin ich so tief in die Vergangenheit eingetaucht und gleichzeitig mit Überschallgeschwindigkeit in die Zukunft zurückkatapultiert worden, wie es kein Klassentreffen schaffen könnte. Facebook ist härter und direkter – ein unbarmherziger Reality-Check im Fastforward-Modus. That was then, this is now.

40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg – bei mir sind es mehr

Es wird viel passieren, heißt es im unsäglichen Jingle zur noch unsäglicheren Vorabendserie „Marienhof“, die unsäglicherweise ziemlich genauso alt ist wie die Zeit nach dem Abitur. Es ist viel passiert nach der Schulzeit, in diesen 15 Jahren, die Soziologen „die Rushour des Lebens“ nennen, in der man eigentlich alles geregelt kriegen sollte. Karriere starten, die Beziehung fürs Leben eingehen, Nachwuchs zeugen. Schließlich sollten wir ja eigentlich erwachsen werden.

Bei mir ist es so wie in wohl vielen Beziehungen der Generation NEON: Einige Dinge kommen von selbst, andere lassen auf sich warten. Man schiebt sie Jahr für Jahr vor sich hin, weil es so viel anderes zu erleben gibt. Ein Jahr noch. Die Thailand-Reise, die Lateinamerika-Reise, die geplante Weltreise, Arbeit jeden Tag bis nach 20 Uhr, immer noch eine Geschichte fertig schreiben, immer noch eine Präsentation vorbereiten, in dem Fitzelchen Freizeit bei Saskia das Pferd, bei mir – Facebook?

Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen meine liebste Freizeit-Beschäftigung geworden. 40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg, hat eine Studie der britischen IT-Beraterfirma Morse vorvergangene Woche rausgefunden – ein Scherz gegen das, was ich inzwischen auf Facebook zubringe.

Das endet nicht gut, ich weiß. Aber hört man deswegen mittendrin auf? Ich klicke durch die Bilder unseres letzten Australien-Urlaubs, Zeit ein Fotoalbum hochzuladen. „Awesome Australia“, nenne ich es. So war das. Awesome. Und jetzt? Dreaming of days gone by down under, schreibe ich in mein Status-Update. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen.

20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis

9. November 2009

Als ich aufwachte, war die Mauer offen. Ein solch zeithistorisches Ereignis buchstäblich zu verschlafen, wäre für einen Journalisten die Höchststrafe – am Morgen des 10. November 1989 war ich jedoch nichts anderes als einer von Hunderten Hamburger Schülern in einer 9. Klasse, die im Klassenzimmer aufgeregt diskutieren, was sie im Radio und Frühstücksfernsehen gehört und gesehen hatten. Die Zeitungen hatten die Geschehnisse der Nacht längst noch nicht gedruckt, und die Geburtsstunde des Internet, wie wir es als WWW kennen, sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen.

Zwei Jahrzehnte später findet die Erinnerung an jenen Tag, der für immer die bundesdeutsche Geschichte ändern sollte, in aller erster Linie online statt – und zwar wie selbstverständlich. Keine nachrichtliche Website, die heute nicht mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls aufmacht – keine Features, keine Videodokumente, keine Photostrecken sind zu aufwendig für die multimedialen Angebote von SPIEGEL Online, stern.de, WELT Online oder der Öffentlich-Rechtlichen.

Was mich indes wirklich interessiert, ist die Geschichte hinter der Geschichte. Wo könnte ich sie finden – wo könnte ich Puzzleteile der Vergangenheit zurückholen, wenn nicht im sozialen Internet, bei Facebook, dem mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern auch in Deutschland größten Netzwerk, das längst zu so etwas wie dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit geworden ist?

Facebook-Gruppen: Gemeinsame Interessen und Ereignisse teilen

„Mauerfall“ gebe ich in die Facebook-Suche ein und bin überrascht. Zunächst – wenig Treffer. Das liegt daran, dass die Suche natürlich auf die Nachnamen von Personen spezialisiert ist. Unter dem Menüpunkt „Gruppen“, in denen sich Nutzer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen können, dann weitaus mehr Treffer: Da ist etwa die Gruppe „Pro Deutsche Einheit – Berlin – 20 Jahre – Mauerfall„, in der „Geschichten, Gedanken, Erinnerungen und Ideen für die Zukunft, über das Gestern – Heute – Morgen ausgetauscht werden können“.

Aktuelle Artikel rund um den 20. Jahrestag  reihen sich an Videoschnipsel, wie etwa Genschers denkwürdiger Ausreise-Mitteilung in der Prager Botschaft, allesamt gepostet von einer scheinbar übereifrigen Userin, die sich bei einem Klick weiter als CDU Kreisvorsitzende entpuppt. Auch Parteien haben Facebook also bereits als Instrument für Viral Marketing entdeckt. Internationale Gruppen gibt es ebenfalls – etwa „Mauerfall 20 Jahre – Chute du mur de Berlin, 20 ans apres„, die „20 Jahre deutsch-französische Erlebnisse seit dem Fall der Mauer“ sammelt.

Aufruf via Facebook zum größten Flashmob der Welt: Die Mauer als Menschenkette für 15 Minuten

Doch es geht auch weitaus vernetzter: Über die Suchfunktion „Alle Beiträge“  erhalte ich einen Überblick über alle Einträge von Facebook- Nutzern, die das Schlagwort „Mauerfall“ verwendet haben.  Ich stoße etwa auf die Fanpage des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, der eigenwillige Wende-Erinnerungen zum Besten gibt („Wir kamen mit Gitarren, nicht mit Panzern“).
Der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy erinnert sich unterdessen auf seiner Facebook-Seite, auf der ihm immerhin schon 180.000 „Fans“ folgen, an die historischen Stunden, in denen der seinerzeit 34-Jährige in Erwartung des großen Ereignisses nach West-Berlin gekommen war: „Wir sind dann zum Checkpoint Charlie gezogen, um auf die Ostseite der Stadt zu wechseln und endlich diese Mauer zu sehen, auf die wir einige Pickelhiebe geben konnten.“  Das hat damalige Vizegeneralsekretär der RPR dann auch tatsächlich getan – fraglich ist nur wann – und nun medienwirksam auf Facebook festgehalten: Man sieht Sarkozy als „Mauerspecht“.
Und ich lerne, dass heute um 20 Uhr der größte Flashmob der Welt stattfinden soll: 33.000 Menschen sollen in einer  Menschenkette die einstige Mauer herstellen – für 15 Minuten, um „daran zu erinnern, wie Berlin nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein Ganzes wurde – körperlich wie auch in den Köpfen… „, erklärt der britische Performance-Künstler Martin Butler. Das „Mauer Mob.2009“-Projekt soll ein zeitlich begrenztes Monument zur Reflektion sein.

Facebook-Nutzer erinnern sich: „Die Umarmungen, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…“
Doch da ist noch mehr. Wie zur Amtseinführung von Barack Obama haben auch die deutschen Medien längst erkannt, wie wichtig es ist, soziale Netzwerke mit ins Boot zu holen. Entsprechend forderte Nachrichtenmoderator Claus Kleber die ZDF-Zuschauer via Facebook auf, ihre Geschichte  zum Mauerfall zu erzählen: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ fragte der 54-Jährige via Videobotschaft auf der Facebook-Fanpage.

„Ich war auf der damals wöchentlichen Donnerstagsdemo in Erfurt mit selbst bemalten Bettlaken und der Aufforderung zur Reisefreiheit unterwegs“, erinnert sich etwa der User Marco Steinert. Der Nutzer h-g radusch schreibt: „Ich stand mit einem Freund am Checkpoint Charlie und empfing die ersten Trabbi mit „Mumm“ in Plastikbechern. Die Umarmungen, die Fröhlichkeit, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…ich werde es nie vergessen!!! “ Michael Kopcka fragt sich unterdessen, „… wie wäre es wohl gewesen, wenn wir damals schon so vernetzt gewesen wären?“ Die Antwort scheint klar: Facebook wäre wohl die erste Anlaufstelle gewesen, über die Nutzer ihre mit Smartphones festgehaltenen Eindrücke als Photos und Bewegtbilder miteinander geteilt hätten.

ZDF-Anchorman Claus Kleber war zum Zeitpunkt des Mauerfalls übrigens Segeln in der Karibik und ärgert sich bis heute, das größte zeitgeschichtliche Ereignis in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst zu haben – genau wie ich.

Als wollte ich das gutmachen, ertappe ich mich dabei, wie ich Digitalbilder aus dem vergangenen Sommer in der zweitschönsten Stadt Deutschlands durchsuche – ein neues Profilbild muss her, heute sind wir schließlich alle Berliner. Ich bleibe letztendlich beim Brandenburger Tor hängen, an dem letzte Woche erst U2 ihren umjubelten MTV-Auftritt gaben. One, schreibe ich in mein Status-Update.

Status-Update: Ein Leben in Echtzeit

5. November 2009

Ein Geständnis vorab: Ich bin einer dieser Tech-Freaks, die die ganze Zeit mit ihrem iPhone herumspielen, Apps herunterladen, Twittern, Aktienkurse checken und dauernd neue Webseiten öffnen. Always on. Das Internet ist gemacht für Leute wie mich. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wie das früher war, eine Welt im Rückspiegel, analog, schwarzweiß, mit viel freier Zeit, Briefe auf edlem Papier mit Füllfederhalter geschrieben, die Tage später den Adressaten erreichten.

Heute passiert alles live. Das ganze Leben scheint wie ein Aktienticker zu verlaufen, jede Minute poppt etwas Neues auf, eine neue Mail, eine SMS, eine Breaking News. Protokollführer dieses Lebens in Echtzeit ist Facebook, wie ich gerade lerne, als ich wieder eingeloggt bin und die ersten Freundschaftsbestätigungen bekommen habe.

Status-Update: Die Mitteilung an alle

„Live-Meldungen“ nennt Facebook dieses Killer-Feature mit erheblichem Suchtpotential. Live-Meldungen sind Benachrichtigungen über die Aktivitäten eines Nutzers auf Facebook: Mit wem er eine neue Freundschaft geschlossen hat, dass er gerade ein Fan von Roger Federer, Kim Clijsters oder John Mayer geworden oder etwa einer Nutzer-Gruppe mit dem skurrilen Namen „I don’t sleep enough because I stay up late for no reason“ beigetreten ist, welches Musik-Video er auf seiner Profilseite veröffentlicht und welche Botschaft ihm die Glücknuss, eine der unzähligen Spiele-Applikationen auf Facebook, hinterlassen hat.

Vor allem jedoch ist da das Status-Update (im deutschen Facebook: Statusmeldung), in dem Nutzer ihren Freunden mitteilen, was sie gerade machen. „HSV-Celtic… „, lese ich ganz oben in meinen Live-Meldungen neben dem Profilbild meines ehemaligen Redaktionsleiters, der seit Jahren in München lebt. Geschrieben vor 8 Minuten über die Applikation „Facebook für iPhone“, der frühere Kollege muss als echter HSV-Fan für das Spiel nach Hamburg gekommen sein. „Gefällt mir“, klicke ich neben dem Eintrag an und sehe, wie ein nach oben ausgestreckter Daumen unter dem Posting genau das bestätigt: Dir gefällt das.

Anderen Facebook-Freunden gefällt ganz anderes. „Fängt gerade eine Liebelei mit ihrem neuen MacBook Pro an. Bisher mag ich alles an ihm“, teilt etwa eine ehemalige Klassenkameradin mit. Der Inhaber einer großen Hamburger PR-Agentur, der gleichzeitig bekennender HSV-Fan ist, hat unterdessen über sein Lunch Folgendes zu berichten: „War heute mit einem Werder-Bremen-Fan Mittag essen. Sind auch Menschen, habe ich gelernt.“ Sein Chefredakteur lässt seine Facebook-Freunde unterdessen an Reise- und Urlaubsplänen teilhaben: „Fühlt sich etwas verwöhnt. Letzte Woche London, diese Zürich, nächste Südafrika. Nennt mich jetzt aber keinen Poser!“

Facebook als persönlicher Newsticker: Erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets

So geht es zu in Facebook: Es menschelt! Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Geschichten von Aktivitäten, Ansichten und anderen Befindlichkeiten, mal belanglos, mal informativ, mal provokant – ein Live-Journal der Nichtig- und Wichtigkeiten.

„Was machst Du gerade? “ fragt uns Facebook in der Kopfzeile unseres Profils und provoziert damit sage und schreibe 45 Millionen Status-Updates – am Tag! Das vom boomenden Mikroblogging-Dienst Twitter nachempfundene Kommunikationstool ist die eigentliche Nahtstelle zwischen den Nutzern – natürlich können wir unseren Freunden auf Facebook Mails schreiben, mit ihnen chatten und Beiträge an ihre Pinnwände posten, doch mit dem Status-Update treten wir in direkte Verbindung mit allen Freunden.

Gerade bei übergreifenden zeithistorischen Ereignissen sind die Status-Updates die erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets, die auch traditionelle Medien immer mehr faszinieren. Mehr als 1,5 Millionen Status-Updates via Facebook flossen am 20. Januar dieses Jahres auf der Website von CNN ein, als Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA vereidigt wurde – Facebook wurde zur ersten Anlaufstelle, um mit seinen Freunden ein besonderes Ereignis zu teilen.

Und die werden immer mehr: Der Tod von Michael Jackson, die folgende Trauerfeier, der Tod von Patrick Swayze, die Olympia-Vergabe an Rio de Janeiro oder der Friedensnobelpreis für Barack Obama – es gibt Ereignisse, die Menschen auf der ganzen Welt bewegen. Bei Facebook werden diese Ereignisse zum gemeinsamen Erlebnis. Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie erführen durch ihre Freunde bei Facebook als Erstes davon und würden kein Nachrichtenportal mehr benötigen – Facebook als persönlicher Newsticker.

Facebook auf dem iPhone: Das Status-Update von unterwegs

Wie schnell das gehen kann, wird mir selbst klar, als ich wieder auf meine Startseite blicke.
Schottenkick – Grottenkick. 0:0„, lese ich da als Status-Update von Ulf. Facebook hat für mich gerade zum ersten Mal SPIEGEL Online ersetzt. 21 Uhr, es ist noch Zeit: „Wie wäre es mit einem Drink in Ottensen?“ kommentiere ich umgehend den Beitrag. Eine Minute später leuchtet eine rote „1“ in der rechten Ecke des Browsers auf – ich habe eine Benachrichtigung. „Prima Idee, in einer Stunde in der Reh-Bar“. So verabredet man sich heute.

In der U-Bahn lade ich die Facebook-Applikation für das iPhone herunter und blicke auf die ovale Kopfzeile. Zeit für mein erstes Update: „Auf dem Weg nach… „, tippe ich hinein und ergänze schließlich: „Ottensen“. Die „Reh-Bar“ bleibt mein Geheimnis. Für multiple Verabredungen bin ich nicht reif – noch nicht.

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.