Archiv für das Tag 'St. Petersburg'

Wunderland Facebook: Ein Ende und ein Anfang

15. Mai 2010

So endet es also.

Ich hatte nicht mehr wirklich erwartet, noch in dieser Nacht zu schlafen. 5 Uhr durch ist es, schon hell, seit Stunden klicke ich zwischen Facebook und Twitter hin und her und starre auf die Timeline. Was für ein belangloser Mist da steht! Rumgequatsche über Schlag den Raab oder Lenas Nacktszene. Halleluja! Nicht, dass ich das alles lesen würde – man macht dann ja immer irgendwas, ganz egal was. Übersprungshandlung nennt das die Psychologie.

Meine ist Facebook. Jetzt – und seit gefühlten Ewigkeiten. Ist es nicht genau das Problem gewesen, frage ich mich. Ich weiß, dass Über-Ich kann jetzt grausame Fragen stellen. Also nur zu. Da ich zu dieser Stunde nicht mehr von Maria, sondern nur noch von Sinatra Zuspruch erwarte, bleibt die Frage an mir hängen.

Ist Facebook schuld?
Ist Facebook schuld an der Trennung? Ist es das?
20 Prozent aller Scheidungen in den USA gehen auf Facebook zurück, habe ich gelernt. Jede fünfte Ehe also. Würde nicht jeder Partner kapitulieren, wenn er merkt, dass man in eine Gegenwelt abtaucht, in der man einfach nicht zu Hause ist? Oder flüchtet man in diese Gegenwelt, weil man zu Hause nicht mehr zu Hause ist?

Ich habe es Saskia zehn- oder zwanzigmal angeboten, auch zu Facebook zu kommen. Es war mir zuerst noch wichtig gewesen. Aber irgendwann hat es aufgehört, wichtig zu sein, und dann haben wir angefangen uns dabei zuzusehen, wem es weniger wichtig ist, wen es mehr trifft – mich, als sie zum ersten Mal auf einer Party mit einem anderen Mann tanzte oder sie, wenn ich meine Zeit mit virtuellen Bekannten, also Frauen, im Internet verbringe, während sie keine drei Meter weiter alleine den Tatort schaut. Ein Austesten, bis irgendwann die Reitstunden immer länger, die SMS am Abend mehr und die Entschuldigungen für Spaziergänge alleine um zehn Uhr abends immer dümmer werden.

Parallelwelt Facebook: Die irrste Zeitreise überhaupt

Ich habe stattdessen eine ungeplante Reise unternommen, die sich schnell als Expedition in eine Parallelwelt herausstellen sollte. Wenn ich an Facebook denke, dann denke ich an diesjährige Verfilmung von Alice im Wunderland.

Es wimmelt ja nur so von Freaks da draußen. Ich habe applaussüchtige Zirkusclowns kennen gelernt ebenso wie Familienväter, die auf Facebook zum Sugar Daddy werden und sich um Kopf und Kragen statusupdaten, nur um der 23-jährigen Praktikantin zu imponieren. Peinliche Egoshooter und getriebene Selbstdarsteller ohne Selbstzweifel.

Und genauso habe ich Dinge gesehen und neue Weggefährten kennen gelernt, von denen ich nie dachte, dass sie schnell zu Freunden im besten Sinne des Wortes werden können, obwohl sie in Südafrika sitzen, in Danzig oder in Lima.

Diese Reise ist nun beendet, irgendwie. Zumindest dieser Teil. Und wie Alice, die aus dem Loch herauskrabbelt, um zur wartenden Adelsgesellschaft zurückzukehren, habe ich etwas mitgenommen aus diesem verrückten halben Jahr: Wenn ich in Facebook eines gelernt habe, dann, was ich nicht will. Es stimmt ja nicht, dass es nur eine luizide Parallelwelt wäre, in der man sich verlöre. Das Gegenteil ist der Fall: Facebook lässt einen vieles im klareren Licht sehen.

Man sieht die Flüchtigkeit mancher Freundschaft.
Man sieht den Narzissmus manches Kollegen.
Man sieht die einfachen Verlockungen, die hinter flirtbereiten Profilbildern stecken.
Man sieht mit einem Klick, was aus der Jugendliebe geworden ist – und freut sich oder sich beglückwünscht sich selbst, dass es zu Ende ist.

Man sieht aber auch die Schönheit, die in der Freundschaft liegt – sei es, dass sie am Strand von Barcelona geschlossen und in Warschau weitergeführt wird oder sei es, dass sie auf Facebook gemacht wird und im echten Leben bestätigt werden muss. Facebook, das ist die irrste Zeitreise überhaupt. Man kann permanent in der Zeitachse nach vorn und hinten springen.

Eine Welt voller Optionen: Aufbrechen, um woanders anzukommen

Herausgekommen ist eine Welt voller Optionen, denke ich, während ich wie im Winter wieder am Altonaer Balkon stehe und den Schiffen nachblicke, die da unten beim Hafengeburtstag auslaufen – immer zieht es mich hierin, ich bin Bürgermeister auf Foursquare von diesem Fleckchen Erde, wirklich wahr.

Nun ist Frühling, echter Frühling jetzt, und die Welt ist voller Verheißungen. Ich sitze auf einer der Bänke und klicke mich auf meinem iPhone durch Flugverbindungen. St. Petersburg steht da oben auf der Liste, das ist klar. Antwerpen für ein Wochenende mit dieser ironischen Belgierin ist schon gebucht, rein freundschaftlich. Aber da ist noch jemand anders, die mich wirklich neugierig macht. Ich recherchiere Flüge nach Tirana.

Im selben Moment poppt eine Facebook-Mail auf. How are you, any improvement with the Hamburg summer? 😉 Melaz macht Witze. 12 Grad bei uns, 25 in Tirana. I’m so sorry for you guys, just embrace the summer! In Tirana you’ll get just that – it’s awesome, it’s the real summer! So come on over 🙂

Das glaube ich ihr aufs Wort. Der Flug ist rausgesucht. Landung um Mitternacht in Rinas, das verrückteste Date aller Zeiten wäre das. Nur ein Klick fehlt – nur ein Fingertipp auf dem iPhone.

Ich blicke in den Hafen, blicke in die majestätische Frühlingskulisse, sehe wie ein Schiff das Trockendock verlässt und aufbricht in die sieben Meere, auf dem Weg ins Irgendwo. Jeden Tag verlassen Menschen ihre Heimat, brechen auf und kommen als andere woanders an.

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu“, beendet F. Scott Fitzgerald den Großen Gatsby. Aber das stimmt ja nicht. Denn wenn man denkt, es wäre vorbei, hat es tatsächlich erst angefangen.

Ich tippe aufs iPhone und sehe, wie die Seite umspringt. Gebucht.

Moving is living, schreibe ich in mein Statusupdate.

Und so beginnt es.

Eine Facebook-Trennung: Die zweite Halbzeit

10. Mai 2010

Es ist nicht zu Ende, bis es zu Ende ist, lautet diese weit verbreitete amerikanische Redensart. Wie schnell es aber dann zu Ende gehen kann, merkt man ja selbst immer als Letzter.

Samstagabend ist es, wieder ein Samstagabend alleine, wie die letzten Wochenenden, an denen ich in der Wohnung umherschleiche und nichts zu tun hatte, außer über uns nachzudenken. Und wenn selbst das zu nichts führt, gibt es immer noch Facebook, dort gibt es schließlich allerhand  zu tun – bzw. zu kommentieren, posten, klicken.

Frühling soll das sein, was wir an diesem zweiten Maiwochenende haben, aber Frühling sieht anders aus. Ich sitze auf der Couch, zappe durch das TV-Programm, bleibe bei den Bierduschen für Louis van Gaal und seine Bayern stehen, ich habe nicht mal mehr etwas gegen den, eigentlich finde ich den Bayern-Coach in seiner kauzigen Art fast schon Kult, dieses Feierbiest.

Als ich fast drohe, vor dem Aktuellen Sportstudio einzuschlafen, fällt mir ein, dass ich diese neue Erkenntnis twittern könnte: Louis van Gaal, ein Trainer für die zweite Halbzeit. Oder, damit es auch Retweets gibt: Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit. Das hat gestern in der Reh Bar ein ehemaliger Klassenkamerad von mir gesagt, der jetzt bei PriceWaterhouseCoopers arbeitet und das Up in the Air-Leben lebt.

Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit, bedeutet: Es geht immer weiter. Oliver Kahn-Weisheiten. Ich will das twittern oder facebooken, finde aber das iPhone nicht – Drama pur. Ich rutsche auf dem Sofa herum und greife nach meinem alten MacBook, das ich mehr oder weniger an Saskia abgetreten habe, seit ich das Pro benutze, Zweitverwendung.

Der Moment, in dem Zeit gefriert: Eine Facebookseite, die nicht meine ist

Auch leer natürlich. Wie gut, dass das Ladekabel in der Nähe ist. Plugin, MacBook hochfahren. Eine Menge Seiten sind da offen, ich kann sie nicht ganz zuordnen. Pferdezeug, Sättel für über tausend Euro, Abschwitzdecken in den Hunderten – alles für den vierbeinigen Liebling. Ist schließlich ein Rassewallach, ein Turnierpferd, ich sollte es mir wirklich häufiger ansehen und nächstes Wochenende mal wieder in den Reitstall kommen, denke ich halb schlaftrunken, während ich durch das Album auf Facebook klicke.

Dann schlägt der Blitz ein. Es gibt diesen Augenblick, wenn der Zeiger über die 12 läuft, wenn das Band zerreißt, wenn man über die Klippe in den Abgrund fällt, aber der Aufprall noch aussteht – man weiß aber, dass er im nächsten Bruchteil der Sekunde kommen wird – der Harry Potter-Moment, in dem Zeit gefriert.

Was ich sehe, als meine Zeitrechnung kristallisiert, ist dies: Eine Facebookseite, die nicht meine ist, das Bild meiner Freundin, Pferdebilder, Kommentare von immer demselben Nutzer, ein Beziehungsstatus, der Single lautet und eine Nutzerin, die sich Sas Kia nennt. Ganz clever.

Trennung 2.0: Nicht Face-to-Face – auf Facebook

Als die Zeit weitertickt, ich meinen Herzschlag hämmern spüre und ich auszuatmen vergesse, lese ich:

Hey Maus, Du machst Dich so gut auf dem Braunen, freu mich schon sooo auf unseren Reiterurlaub!
Samstag, 8. Mai, 8:42 Uhr.

Das Datum wird zum Meilenstein.

Vorbei also.

Es ist eigenartig: Ich habe mir diesen Tag X immer anders vorgestellt. Dramatischer. Ehrlicher. Ohne Dritte. Nicht schriftlich. Face-to-Face. Nicht auf Facebook. Oder ist das Absicht, damit es richtig wirkt, damit es nicht den Hauch eines Zurücks gibt? Keine Frage: Wenn das der Plan war, dann geht er auf.

Zuerst ist da die Verachtung: Mit dem Erstbesten, dem Reitlehrer, einem Protagonisten aus einem Groschenroman, in dem es nun Zeit für die Heuszene wäre. Ich bin fast dankbar dafür: Dass mir das, über was ich mir selbst seit geraumer Zeit selbst den Kopf zerbreche, so leicht gemacht wird. Dass –

Dann kommt die zweite Welle. Die Wände scheinen zu bröckeln, der Boden sich aufzutun, Fenster zu zersplittern. Diese Wohnung ist kein zu Hause mehr. Das hier ist vermintes Territorium.

Für einen Moment spiele ich damit, meinen Beziehungstatus auf ‚Single’ zu setzen. Revanchegelüste. Stattdessen fahre ich Skype hoch.
Nico ist online.
St. Peterburg, hämmere ich in die Tastatur, wann?
Im Juni.
Bin dabei, schreibe ich.

Vor mir aus hätte es morgen sein können, aber das ist mir auch recht. Weiße Nächte sind die längsten Nächte.

Und von mir aus danach direkt nach Moskau. Oder was der Sommer noch so an kurzen Röcken hergibt, denke ich, bis mir einfällt, dass gekränkte Kinder die dümmsten Dinge anstellen…

Während die Freundin ihren Feierabend im Reitstall verbrachte, verbrachte ich ihn auf Facebook

Aber darum geht es ja gar nicht. Es ist der Moment danach, wenn man weiß, dass die Schlacht geschlagen, aber noch nicht die Bereitschaft vorhanden ist, die Verluste abzuschätzen. Ein Lebensabschnitt, der zerbirst, statt zu zerfasern – auf Facebook, welch Ironie, dass sich der Kreis hier schließt.

Ich wusste es ja längst: Wir haben uns auseinandergelebt und es verpasst, den nächsten Schritt zu tun. Wenn man sechs Jahre miteinander lebt, geht man davon aus, dass es immer so weitergeht. Irgendwann wird geheiratet, irgendwann kommen Kinder. So der Plan.

Die Wirklichkeit jedoch verläuft ja anders. Wenn der HSV 2:0 in der ersten Halbzeit führt und das Spiel bestimmt, wäre es trotzdem gut, das 3:0 zu machen. Wenn man an der Börse einhundert Prozent vorne liegt, wäre es ganz gut, Gewinne mitzunehmen. Die nächste Krise kommt nämlich bestimmt: an den Aktienmärkten wie in der zweiten Halbzeit – und erst recht in der zweiten Halbzeit der Beziehung.

Statt Hochzeitsglocken und Nachwuchs kam das Pferd – und Facebook. Während die Freundin ihren Feierabend und die Wochenenden im Reitstall verbrachte, verbrachte ich sie vor Facebook. Und wie ich hier nun lernen sollte, verbrachte die Liebste ihre Freizeit nicht nur beim Pferdchen, sondern irgendwann auch beim Reiter. Und sogar auf Facebook.

Simple together: One final goodbye after all those years

Während ich langsam zu begreifen beginne, was ‚vorbei‘ bedeutet, fällt mir schlagartig ein, welchen Song ich dazu auf Facebook posten sollte. Im vermutlich einschneidendsten Moment der letzten Jahre, des letzten Jahrzehnts, ist das mein erster klarer Gedanke – dass zu jedem Abschied auch ein Soundtrack gehört. Der Soundtrack des Lebens. Krankes Leben.

Also bring ich zu Ende, was zu Ende gebracht werden muss. Wir wussten es beide seit einem halben Jahr, als Saskia uns von Boston nach Montreal fuhr und plötzlich auf dem 6.99-Dollar-BestBuy-Alanis Morissette-Bestof der Track lief. Ich wusste damals, dass es unserer Song wäre, im schlechten Sinne, dass es der wäre, der es besiegelt, dass er Wort für Wort ausdrückt, was schiefgelaufen ist, und ich habe mich damals weder getraut ihn wegzuschalten, noch ihn zu facebooken. The autumn leaves von Tony Bennett war der Kompromiss danach, der ist auch traurig genug.

Simple together, steht da nun im Status Update. One final goodbye after all those years.

Notizzettel 2.0

30. April 2010

Wenn die Nacht am schwärzesten ist, ist der Morgen am nächsten, sagt man ja so gern. Ich sitze im Zug nach Hause von Berlin nach Hamburg, 5:17 Uhr am Gleis 8, voll wie nie, das Vulkanwochenende ist schuld. Das fast leere iPhone auf dem Schoß, 20 Prozent Batterie noch für das letzte Mia-Album, Willkommen im Club, das – zugegeben – ein bisschen zum verkitschten Abziehbild des Berliner Lebensgefühls verkommen ist. Ich mag die Stadt ja.

Was für eine verrückte Nacht, was für eine verrückte Woche. Häuser, Bahnsteige und Rapsfelder ziehen vorbei, während mir einfällt, dass ich ja die Isländerin auf Facebook zuklicken wollte, die ich vorhin im sorsi e morsi kennengelernt habe, eine Isländerin, die ich nicht nach dem Eyjafjallajökull gefragt habe, der mir nicht mal eingefallen war, während mir Facebook einfällt. „Bist Du auf Facebook“ ist ja das neue „Bist du öfter hier“. Die Kontaktaufnahme geht so:

„Hey! Coole Bar, bist Du öfter hier?“
„Ja, schon, gerne, ich mag es hier.“
iPhone zücken.
„Ganz vielen Leuten gefällt das auch auf Facebook, sehe ich gerade.“ Bedeutungsvolle Pause. „Bist Du eigentlich auf Facebook?“
„Ja, klar.“
„Sag mal deinen Namen.“
Es funktioniert immer, ein Automatismus.

Verfängliche Sicherheit der Privacy-Settings: Macht ja nichts, die Freundin liest nicht mit

Ich schweige und denke an das verrückte letzte Jahr mit Facebook. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Das erste Mal war auf einer dieser Datschapartys, als eine junge Türkin angerannt kam und „das iPhone, das iPhone“, schrie. Anfang 2008 war das. Ich dachte zunächst an eine Veralberung, aber dann war es das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich angefangen habe, mit anderen Frauen zu flirten.

Man schickt Mails, man schreibt sich auf die Pinnwand – und glaubt, dass es nichts mache, weil die eigene Freundin da ja nicht lese und ihre Arbeitskollegen in den Privacy Settings gefiltert sind. Man hört von seinen Freunden und Freundinnen, die ihre Freunde und Freundinnen betrügen, liest in Frauen- und Männermagazinen, wie aufregend und belebend ein Seitensprung wäre, hört allen Ernstes Paarpsychologen behaupten, dass ein Seitensprung eine Beziehung retten könne und fühlt sich wie ein Heiliger, weil man lediglich einen Party-Flirt bestätigt und dummes Zeug zurückschreibt.

Internationale Facebook-Freundinnen: Das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und die paar internationalen Frauen, die man über Meet new People kennengelernt hat, weil man den Gedanken der one world so toll findet und sich darüber freut, wie eine rassige Italienerin im Travel Asia Forum zur Thailandreise Unterkünfte auf Koh Koh Phi empfiehlt – das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und so freut man sich dann auch am Geburtstag über die nächsten 20 Pinnwand-Glückwünsche und 10 Facebook-Mails, während man am Nachmittag in altbekannten Phrasen über die Reiseziele in der Toskana, die Amalfiküste oder Südfrankreich philosophiert, während man selbst viel lieber nach St. Petersburg, Moskau oder Kiew will, um das Leben von einer ganz anderen Seite zu besichtigen – abseits, dieser ausgetreten Pfade der satten, mediokren 30er-Spießerreisen.

Der Akku ist leer: „Schon wieder?“ „Immer noch“

All das und der Rest von meinem Geburtstag geht mir durch den Kopf, während der ICE langsam in Richtung Hauptbahnhof einläuft. Während wir schweigend vor ein paar Wochen an der Alster entlanggingen, wusste ich schlagartig, was ich ja längst weiß: dass dies der letzte gemeinsame Geburtstag sein würde, dass es nichts gibt, was es mehr aufhalten kann, dass es nur einen einzigen Satz bräuchte, und alles würde in die Luft fliegen. Aber den sprechen wir nicht aus. Stattdessen sagt Saskia in die Pause hinein:

„Was hat Matthias Dir eigentlich geschrieben?“ fragt sie über einen gemeinsamen Bekannten, der in ihrer Agentur arbeitet, „er ist doch auch auf Facebook?“
„Das würde ich auch gern wissen“, entgegne ich ins Nichts hinein, „aber der Akku ist leer.“ Eine glatte Lüge, um nicht die 20 anderen Pinnwandeinträge der Facebook-Freundinnen zeigen zu müssen.
„Schon wieder?“ fragt sie, halb ironisch.
„Immer noch“, entgegne ich bitterernst.

Der Akku ist leer. So war das am Geburtstag. So geht es ja seit Monaten, jeder betrachtet den anderen dabei, wie er den anderen betrachtet. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich heim komme, aber Saskia ist nicht zu Hause. Es ist Samstagmorgen, sie ist beim Pferd, im Reitstall. Bin reiten, warte nicht auf mich, steht da hingeschmiert auf einem Zettel in der Küche.

Dieses Zettelchenschreiben, das war ja einst wie eine Liebeserklärung. Ich habe die kleinen Zettel, dieses Gekritzel auf Briefumschläge oder Post-Its bis heute in einer Schuhbox gesammelt, das weiß Saskia gar nicht. Nun haben die Notizzettel wieder ihren Sinn zurück. Status-Update, Kommentare, Pinnwand-Einträge wären es auf Facebook – Notizzettel 2.0, die Spuren des täglichen Lebens.

L’Auberge Facebook

5. Januar 2010

Jeder hat seinen Lieblingsfilm. „Ist das Leben nicht schön„, ist so ein Epos, gerade in den Weihnachtstagen. James Stewart erlebt darin an Heiligabend seine ganz persönliche Himmel- und Höllenfahrt, um am Ende buchstäblich zu erkennen, wie schön das Leben ist.

Für mich besitzt ein anderer Film aus den vergangenen Jahren eine solche Faszination.  „L’Auberge Espagnole„, ein Überraschungshit, der 2003 in die Kinos kam und zwei Jahre später eine grandiosen Fortsetzung fand, beschreibt wunderbar die Wirren des jungen Erwachsenenlebens  im globalisierten Europa der Nullerjahre. Es ist gleichzeitig ein Porträt der 20- und 30-Somethings des letzte Woche zu Ende gegangenen Jahrzehnts.

Was waren die 2000er? Von kollabierenden Aktienmärkten und Dauerkrisen mal abgesehen, bleiben vor allem zwei Megatrends hängen, die Menschen näher zueinander brachten. Das Internet und Billigflieger.

„L’Auberge Espagnole“ – das Porträt der Generation „Global Twens“

Beides nutze ich natürlich seit dem Aufkommen intensiv, und doch anders als die Protagonisten in L’Auberge Espagnole. Ich bin nämlich ein paar Jahre zu spät gekommen. Vor exakt zehn Jahren habe ich mein Studium beendet, wenige Tage vor dem Millenniumswechsel. Ein oder zwei Jahre später, und ich hätte vielleicht so ein Auslandssemester drangehängt wie Xavier, der französische Wirtschaftsstudent – und das dann auch noch in der zweitschönsten Stadt der Welt: Barcelona!

Der Plot geht so: Die Protagonisten sind nicht die Global Teens, wie sie Douglas Coupland einst in den 90er Jahren beschrieben hat, sondern nur zehn Jahre später, die Global Twens einer inzwischen wirklich globalisierten Ära. Im ersten Teil treffen in einer WG in Barcelona ein Franzose, ein Italiener, ein Däne, eine Spanierin, eine Engländerin, eine Belgierin  und ein Deutscher aufeinander – das alte Europa, wir schreiben das Jahr 2002.

Im zweiten Teil, der drei Jahre später in die Kinos kommt, aber einen Sprung um fünf Jahre im Leben der Protagonisten macht, sehen sich die ehemaligen Erasmus-Studenten in St. Petersburg wieder, weil der kleine Bruder der Engländerin heiratet – und zwar eine Russin. Keine Frage: Es ist ein anderes Leben. Das osterweiterte Europa hat sich gewandelt, erst recht bei den globalisierten Ex-Erasmus-Studenten, die heute mit ihren ersten Jobs voll im Leben stehen und wie  selbstverständlich für Aufträge mal eben zwischen London, Paris und Brüssel pendeln.

Globale Vernetzung – dank Facebook

Einen dritten Teil gibt es nicht, was unendlich schade ist. Aber wenn es ihn geben würde, ist klar, wer der heimliche Held des nächsten Plots wäre – Facebook, der Campus aller vernetzten Global Twenty- und Thirtysomethings aus der ganzen Welt.

Also entschließe ich mich, an meinem eigenen Plot zu schmieden, so sehr hat meine virtuelle Bekanntschaft mit Nisha nachgewirkt. Ich möchte mehr davon: vernetzt mit der ganzen Welt sein, das wäre mein großer Traum. Bekanntschaften von Andorra bis Zaïre.

Es gibt schließlich so viel nachzuholen: Die ganze Welt möchte ich  kennenlernen – virtuell und real. Nach Thailand soll die nächste Reise gehen. Also auf in die Foren! „Travelling Asia“ lautet eins, auf dem eine enorm attraktive Italienerin, die gerade Thailand und Bali bereist hat, unglaublich hilfsbereit Bilder und Reiseempfehlungen mit anderen Mitgliedern teilt. Also trete ich der Gruppe bei und schreibe Chiara direkt an – wohin zu reisen wäre, welche Geheimtipps sie hätte und welche Unterkünfte sie empfehlen kann.

Meet new people – on Facebook

Am nächsten Tag habe ich nicht nur umgehend eine Nachricht von Chiara, sondern auch ihre Freundschaftsanfrage – eine Facebook-Freundschaft, nach deren Profilfoto zu urteilen, mich jeder beneiden wird. ‚Woher kennst Du die denn?‘, skypt mich umgehend ein Freund an. „Facebook“, tippe ich nur ein und ergänze das obligatorische Smiley 🙂

Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich möchte mehr neue Freunde – viel mehr. Ich google, wo man Leute  im weltgrößten Social Network kennenlernen kann. „Meet new people on facebook“ gebe ich ein. Und bekomme genau diese Antwort: Meet new people – on Facebook.  So heißt die Applikation.

Und so geschieht es. Caroline aus Antwerpen kommt hinzu. Ania aus Warschau. Philippa aus Melbourne. Meine Ferientage zwischen den Jahren sind ausgefüllt. Dass Saskia, meine Freundin, unterdessen bei ihren Eltern ein paar Tage im Reitstall  dranhängt – kein Problem, ich habe ja Facebook. Mir mein ganz persönliches weltumfassendes Netzwerk aufzubauen und rund um den Erdball zu schreiben – das ist meine heimliche  Neujahrsresolution. Die L’Auberge Facebook zu finden – daran arbeite ich. Discovering more about Tirana steht in meinem Status-Update, als ich das Profil aktualisiere, während mich Melaz aus Albanien anskypt…

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.