Archiv für das Tag 'Skype'

Eine Facebook-Trennung: Die zweite Halbzeit

10. Mai 2010

Es ist nicht zu Ende, bis es zu Ende ist, lautet diese weit verbreitete amerikanische Redensart. Wie schnell es aber dann zu Ende gehen kann, merkt man ja selbst immer als Letzter.

Samstagabend ist es, wieder ein Samstagabend alleine, wie die letzten Wochenenden, an denen ich in der Wohnung umherschleiche und nichts zu tun hatte, außer über uns nachzudenken. Und wenn selbst das zu nichts führt, gibt es immer noch Facebook, dort gibt es schließlich allerhand  zu tun – bzw. zu kommentieren, posten, klicken.

Frühling soll das sein, was wir an diesem zweiten Maiwochenende haben, aber Frühling sieht anders aus. Ich sitze auf der Couch, zappe durch das TV-Programm, bleibe bei den Bierduschen für Louis van Gaal und seine Bayern stehen, ich habe nicht mal mehr etwas gegen den, eigentlich finde ich den Bayern-Coach in seiner kauzigen Art fast schon Kult, dieses Feierbiest.

Als ich fast drohe, vor dem Aktuellen Sportstudio einzuschlafen, fällt mir ein, dass ich diese neue Erkenntnis twittern könnte: Louis van Gaal, ein Trainer für die zweite Halbzeit. Oder, damit es auch Retweets gibt: Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit. Das hat gestern in der Reh Bar ein ehemaliger Klassenkamerad von mir gesagt, der jetzt bei PriceWaterhouseCoopers arbeitet und das Up in the Air-Leben lebt.

Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit, bedeutet: Es geht immer weiter. Oliver Kahn-Weisheiten. Ich will das twittern oder facebooken, finde aber das iPhone nicht – Drama pur. Ich rutsche auf dem Sofa herum und greife nach meinem alten MacBook, das ich mehr oder weniger an Saskia abgetreten habe, seit ich das Pro benutze, Zweitverwendung.

Der Moment, in dem Zeit gefriert: Eine Facebookseite, die nicht meine ist

Auch leer natürlich. Wie gut, dass das Ladekabel in der Nähe ist. Plugin, MacBook hochfahren. Eine Menge Seiten sind da offen, ich kann sie nicht ganz zuordnen. Pferdezeug, Sättel für über tausend Euro, Abschwitzdecken in den Hunderten – alles für den vierbeinigen Liebling. Ist schließlich ein Rassewallach, ein Turnierpferd, ich sollte es mir wirklich häufiger ansehen und nächstes Wochenende mal wieder in den Reitstall kommen, denke ich halb schlaftrunken, während ich durch das Album auf Facebook klicke.

Dann schlägt der Blitz ein. Es gibt diesen Augenblick, wenn der Zeiger über die 12 läuft, wenn das Band zerreißt, wenn man über die Klippe in den Abgrund fällt, aber der Aufprall noch aussteht – man weiß aber, dass er im nächsten Bruchteil der Sekunde kommen wird – der Harry Potter-Moment, in dem Zeit gefriert.

Was ich sehe, als meine Zeitrechnung kristallisiert, ist dies: Eine Facebookseite, die nicht meine ist, das Bild meiner Freundin, Pferdebilder, Kommentare von immer demselben Nutzer, ein Beziehungsstatus, der Single lautet und eine Nutzerin, die sich Sas Kia nennt. Ganz clever.

Trennung 2.0: Nicht Face-to-Face – auf Facebook

Als die Zeit weitertickt, ich meinen Herzschlag hämmern spüre und ich auszuatmen vergesse, lese ich:

Hey Maus, Du machst Dich so gut auf dem Braunen, freu mich schon sooo auf unseren Reiterurlaub!
Samstag, 8. Mai, 8:42 Uhr.

Das Datum wird zum Meilenstein.

Vorbei also.

Es ist eigenartig: Ich habe mir diesen Tag X immer anders vorgestellt. Dramatischer. Ehrlicher. Ohne Dritte. Nicht schriftlich. Face-to-Face. Nicht auf Facebook. Oder ist das Absicht, damit es richtig wirkt, damit es nicht den Hauch eines Zurücks gibt? Keine Frage: Wenn das der Plan war, dann geht er auf.

Zuerst ist da die Verachtung: Mit dem Erstbesten, dem Reitlehrer, einem Protagonisten aus einem Groschenroman, in dem es nun Zeit für die Heuszene wäre. Ich bin fast dankbar dafür: Dass mir das, über was ich mir selbst seit geraumer Zeit selbst den Kopf zerbreche, so leicht gemacht wird. Dass –

Dann kommt die zweite Welle. Die Wände scheinen zu bröckeln, der Boden sich aufzutun, Fenster zu zersplittern. Diese Wohnung ist kein zu Hause mehr. Das hier ist vermintes Territorium.

Für einen Moment spiele ich damit, meinen Beziehungstatus auf ‚Single’ zu setzen. Revanchegelüste. Stattdessen fahre ich Skype hoch.
Nico ist online.
St. Peterburg, hämmere ich in die Tastatur, wann?
Im Juni.
Bin dabei, schreibe ich.

Vor mir aus hätte es morgen sein können, aber das ist mir auch recht. Weiße Nächte sind die längsten Nächte.

Und von mir aus danach direkt nach Moskau. Oder was der Sommer noch so an kurzen Röcken hergibt, denke ich, bis mir einfällt, dass gekränkte Kinder die dümmsten Dinge anstellen…

Während die Freundin ihren Feierabend im Reitstall verbrachte, verbrachte ich ihn auf Facebook

Aber darum geht es ja gar nicht. Es ist der Moment danach, wenn man weiß, dass die Schlacht geschlagen, aber noch nicht die Bereitschaft vorhanden ist, die Verluste abzuschätzen. Ein Lebensabschnitt, der zerbirst, statt zu zerfasern – auf Facebook, welch Ironie, dass sich der Kreis hier schließt.

Ich wusste es ja längst: Wir haben uns auseinandergelebt und es verpasst, den nächsten Schritt zu tun. Wenn man sechs Jahre miteinander lebt, geht man davon aus, dass es immer so weitergeht. Irgendwann wird geheiratet, irgendwann kommen Kinder. So der Plan.

Die Wirklichkeit jedoch verläuft ja anders. Wenn der HSV 2:0 in der ersten Halbzeit führt und das Spiel bestimmt, wäre es trotzdem gut, das 3:0 zu machen. Wenn man an der Börse einhundert Prozent vorne liegt, wäre es ganz gut, Gewinne mitzunehmen. Die nächste Krise kommt nämlich bestimmt: an den Aktienmärkten wie in der zweiten Halbzeit – und erst recht in der zweiten Halbzeit der Beziehung.

Statt Hochzeitsglocken und Nachwuchs kam das Pferd – und Facebook. Während die Freundin ihren Feierabend und die Wochenenden im Reitstall verbrachte, verbrachte ich sie vor Facebook. Und wie ich hier nun lernen sollte, verbrachte die Liebste ihre Freizeit nicht nur beim Pferdchen, sondern irgendwann auch beim Reiter. Und sogar auf Facebook.

Simple together: One final goodbye after all those years

Während ich langsam zu begreifen beginne, was ‚vorbei‘ bedeutet, fällt mir schlagartig ein, welchen Song ich dazu auf Facebook posten sollte. Im vermutlich einschneidendsten Moment der letzten Jahre, des letzten Jahrzehnts, ist das mein erster klarer Gedanke – dass zu jedem Abschied auch ein Soundtrack gehört. Der Soundtrack des Lebens. Krankes Leben.

Also bring ich zu Ende, was zu Ende gebracht werden muss. Wir wussten es beide seit einem halben Jahr, als Saskia uns von Boston nach Montreal fuhr und plötzlich auf dem 6.99-Dollar-BestBuy-Alanis Morissette-Bestof der Track lief. Ich wusste damals, dass es unserer Song wäre, im schlechten Sinne, dass es der wäre, der es besiegelt, dass er Wort für Wort ausdrückt, was schiefgelaufen ist, und ich habe mich damals weder getraut ihn wegzuschalten, noch ihn zu facebooken. The autumn leaves von Tony Bennett war der Kompromiss danach, der ist auch traurig genug.

Simple together, steht da nun im Status Update. One final goodbye after all those years.

Facebook? Twitter? Im Zweifel für Lisa

5. März 2010

Jonah Peretti muss ein ziemlich smarter Bursche sein. Der amerikanische Internet-Unternehmer ist Co-Gründer des enorm beliebten News-Aggregators The Huffington Post und des Medienmagazins BuzzFeed. Nahe liegend also, dass man von Medienmenschen seines Schlages Geistesblitze am Fließband erwarten kann. Perettis letzter kluger Einfall wurde dann gleich von mehr als hundert Nutzern des Mikroblogging-Dienstes Twitter geretweeted – also: zitiert. Er lautet: „Twitter ist ein einfacher Service, der von smarten Leuten genutzt wird. Facebook hingegen ist ein smarter Service, der von einfachen Leuten genutzt wird.“

Das stimmt natürlich, wie es nicht stimmt. Während man bei Facebook bei inzwischen über 400 Millionen Nutzern so ziemlich alles zu lesen bekommt, gilt es für den noch immer weitaus kleineren Echtzeitnachrichten-Konkurrenten, der seinen Durchbruch in erster Linie der Verbreitung des iPhones und Blackberrys zu verdanken hat, nur, wenn man „die Schwatzbude Twitter“ (Der SPIEGEL) richtig zu filtern weiß.

Und wenn man Lisa liest. Lisa Rank heißt auf Twitter kumullus und schreibt die fantastischsten Sachen, die in 140 Zeichen – oder manchmal auch nur vier Worte passen. „Endorphinparty. Powered by Sonne“, ist da zu den ersten frühlingshaften Tagen zu lesen. Oder: „Wenn mir das Herz aufgeht, macht es das Geräusch von zwischen den Zähnen zerploppenden Nimm2Soft.“ Oder: „Ich als Arzt würde schleimlösende Mittel ja verstärkt bei Werbern einsetzen.“

Lisa Ranks bemerkenswertes Roman-Debüt

Lisa schreibt gerne, das wird schnell klar. So gerne, dass 140 Zeichen dafür nicht reichen – und digitale Formate wie ihr enorm lesenwertes Blog auch nicht. Manche Gedanken wollen zu Papier gebracht, gedruckt und verleimt werden. So geschehen in den vergangenen drei Jahren, in denen Lisa nicht nur in der Berliner Social Media-Szene um Sasha Lobos Zentrale Intelligenz Agentur ihre Spuren hinterlassen, sondern auch noch nebenbei einen bemerkenswerten Debütroman geschrieben hat.

Und im Zweifel für dich selbst“ heißt er und ist seit Montag in den Buchhandlungen. Mittwochabend hat die Neu-Hamburgerin, die seit Ende vergangenen Jahres für eine der größten PR-Agenturen des Landes arbeitet, ihre erste Lesung in Hasenschaukel auf dem Kiez gegeben. Book Release-Party, nennt man das heute. „Ich geh Hasen schaukeln jetzt“ , twittert Lisa ein paar Stunden vorher.

Die Agentur ist zahlreich versammelt, der Chefredakteur hat mich freundlicherweise eingeladen, auch wenn er mein iPhone nicht leiden kann. Der Agenturchef, der auch gekommen ist, dagegen schon. Seltsam komplizenhaft liegen unsere iPhones auf dem Tisch nebeneinander. Er checkt Facebook, ich Twitter. Dass es nicht genau anders herum der Fall ist, liegt an einer anderen Sache, die auffällt, als ich während der Lesung nicht aufhören kann, herumzutippen.

Es ist kompliziert: Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde

‚Lisa’ steht da oben auf meinem Multitouch-Display neben dem Bild-Icon. „Du schreibst ihr jetzt Direct Messages?“ flüstert der Agenturchef halb belustigt, als er auf meinem Display liest: Skype nachher? Oder musst Du noch arg viel machen?  „Ähem, nein, das ist ’ne andere Lisa“, nuschel ich vor mich hin. „Die ist, naja, aus – Facebook. Also: ursprünglich Twitter. Egal, beides.“ Er nickt, als hätte er verstanden.

Das war keine richtig gute Idee. Er kennt Saskia, meine Freundin, wenn auch nicht den aktuellen Beziehungsstand. Passendes Bar-Gespräch dazu vorhin vor der Lesung, beschwingt bei einem Drink: Trennungen – und wie man sie am anständigsten über die Bühne bekommt. „Einfach ehrlich sein“, meinte jemand. „Wir sind halt an unterschiedlichen Punkten in unserem Leben.“ Was für eine Phrase. „Es ist kompliziert“, meinte eine andere. Der Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde.

Auch Lisa liest, so scheint es, unterdessen über Abschiede – wenn auch andere: „Wenn du dann aus der Tür bist, ist die Realität ohne dich, mein Leben ohne dich. Die Kissen liegen zerfleddert über der Bettdecke. Hier und da ein Haar auf dem Überwurf, der sich dazwischen schlängelt wie ein Fluss, Flecken auf dem Laken.“

Beziehungs-Ende auf Facebook: Nicht mal 140 Zeichen braucht eine Trennung

Auf dem Nachhauseweg scrolle ich durch meinen Newsfeed. Auf Facebook lerne ich, dass Deutschland heute 0:1 gegen Argentinien verloren hat. Das fließt direkt in meine Timeline ein. Auf Twitter dagegen: „Hmm, Hunger, aber keine Ahnung, was ich essen soll“, schreibt eine Viel-Twitterin. „Ich will in den Arm!“ eine andere besonders mitteilsame Kurznachrichtenversenderin, während manchem einfach ein kurzer, schmachtender Ausruf reicht: „Hach“. Ich klicke Tweetie weg und schalte das iPhone aus, während die S3 an der Reeperbahn einläuft.

Stattdessen lese ich Lisas letzte Seite. Eine dumme, aber auch schöne Angewohnheit:  „Wenn du mir die Hand auf den Kopf legst, weil ich kein Ende finde, dann liebe ich dich, weil ich nie ein Ende finde und du dann allem ein Ende machst mit deiner Hand, dem Streit und dem Überschwang; und ich liebe Dich sogar, wenn du gehst.“ Die Worte fliegen vorbei wie Plakate im S-Bahn-Tunnel. Wenn es in der jungen deutschen Popliteratur einen Gegenentwurf zur „übelst geilen“ Kraftmeierei gerade so Volljähriger gibt, die aus anderen Blogs abschreiben, dann lese ich ihn nun – schließlich zitiert Lisa, wenn überhaupt mal, nur ihr eigenes.

Ich denke an Saskia, meine Freundin, den Valentinstag und die seltsame Begegnung mit dem Reitlehrer im Reitstall. Der Täter verrät sich am Übereifer, war das nicht immer so im Tatort? War es das? Macht man das so, funktioniert das so mit der Trennung? Der Gedanke von vorhin füllt meinen Kopf, als wollte er platzen.

„Denn wenn du gehst, dann ist das immer noch so, dann geht das nicht weg, was ich immer zu dir sage und was du zu mir sagst, denn auch wenn du schon am S-Bahnhof bist oder in einem anderen Land, ist es immer noch bei mir und drückt kleine Falten in den Kissenbezug“, heißt es in Lisas Roman. Im Zweifel für dich selbst. „XY ist jetzt nicht mehr in einer Beziehung“, heißt es bei Facebook, das Twitter hier sogar in der Effizienz schlägt: Nicht mal 140 Zeichen braucht man dafür. Nur ein Klick wäre das. Nur ein Klick.

Mythos Privatsphäre: Alles ist öffentlich

25. Januar 2010

„Bitte respektieren Sie die Privatsphäre“, ist so ein Satz aus der Business Class. Dort passiert seit vergangenem Jahr bei immer mehr Airlines dies: Ein Paravent trennt nicht nur die Billig-Flieger der Economy Class von den elitären Geschäftsreisenden, die unter sich sein möchten – sie trennt sie auch selbst. Mit einem Druck wird so bald in immer mehr Boeings und Airbussen eine milchglas-farbene Abtrenung hochgefahren. Mind the privacy, please!

Schließlich wird die Privatsphäre im deutschen Grundgesetz als nicht weniger als ein Persönlichkeitsrecht deklariert.  „Das besondere Persönlichkeitsrecht dient dem Schutz eines abgeschirmten Bereichs persönlicher Entfaltung. Dem Menschen soll dadurch ein räumlicher Bereich verbleiben, in dem er sich frei und ungezwungen verhalten kann, ohne befürchten zu müssen, dass Dritte von seinem Verhalten Kenntnis erlangen…“, ist in der Wikipedia zu lesen. Klare Sache also, oder?


„Wer ist eigentlich Nataliya? Nataliya mit ‚y’ nicht mit ‚i’“

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat indes eine sehr moderne Auffassung des Begriffs, die in der Internetwelt allerspätestens vor knapp zwei Wochen nachzulesen war: „Menschen sind einverstanden damit, Informationen über sich mit anderen zu teilen und werden immer offener zu immer mehr Menschen. Die sozialen Normen hier haben sich in der Zeit entwickelt“, erklärte der erst 25-jährige Facebook-Gründer unlängst „TechCrunch“-Boss Michael Arrington.

Tatsächlich kennen sich Facebook-Mitglieder mit dieser dehnbaren Entwicklung seit ihrer Nutzung des weltgrößten Netzwerks bestens in der Praxis aus. Für mich klang es lange wie ein eher reißerisches Medien-Phänomen, schließlich habe ich ja gut  achtgegeben und die zwölf Privatsphäre-Einstellungen für mein Profil, die zehn Privatsphäre-Einstellungen für die „Kontakt- Informationen“, die vier Privatsphäre-Einstellungen zu den Anwendungen und Webseiten, die ich mit anderen teile, nach bestem Wissen und Gewissen angeklickt und aktiviert bzw. deaktiviert. Oder?

Oder nicht. „Wer ist eigentlich Nataliya“, fragt mich Saskia, meine Freundin, zum Ende des Mittagessens beim Bok in der Schanze, als noch zwei Stücken Sushi  übrig bleiben. „Nataliya mit „y“, nicht mit „i““ Sie dippt das vorletzte Nigri ein bisschen zu forsch in die Soya-Ingwer-Soße. Es spritzt etwas.

Der kleine Fleck auf der Tischdecke ist unübersehbar. Es ist unser erstes Mittagessen  seit drei Monaten, obwohl zwischen Agentur und Redaktion nur etwa 800 Meter Luftlinie liegen.

Wer? „Na – Nataliya?“, verhaspele ich mich etwas zu gewollt.

„Natali-ya Yadadadada“.  Sie blickt auf ihren Blackberry und fixiert mich dann. Ein Blick,  der das Alstereisvergnügen im Handumdrehen  garantieren würde. Gefroren wäre noch gelogen.

„Ach so“. Ich grinse bescheuert. „Nataliya“

„Nataliya.“
„Nataliya.“

„Nataliya!“

Eine Facebook-Freundin ist das!“ Ich kaue angestrengt.

„Eine Facebook-Freundin.“ Noch ehe mich Saskia grillen kann, vibriert ihr Blackberry. Von Pharma-Workshops und Pitches ist die Rede, sie spannt die Wangenknochen zu einem Lächeln, legt einen 10 Euro-Schein auf den Tisch und hebt die Hand, während ich den Wortfetzen lausche „Pitch nächste Woche, Corporate Responsibility-Kampagne, natürlich verxingen wir uns gleich Frau Wer-auch-immer.“ Das ist Saskias Welt. Auf den Punkt professionell, so professionell wie ihr Blackberry Storm und ihr Xing-Kontaktbuch. Ich hingegen zücke mein iPhone und klicke bedröppelt auf meine Facebook-App. Erwischt!

Befreundet mit der ukrainischen Version von Kate Moss: „Nach Odessa. Sofort!“

Und wie. Aber wobei eigentlich?  Ich kenne Nataliya aus ‚Meet New People’. Kommt aus der Ukraine, schreibt ein perfekteres Englisch als manches Mädel aus Brooklyn und sieht aus wie die ukrainische Version von Kate Moss. „Oh mein Gott“, sagt mein zehn Jahre jüngerer Kollege Felix, als ich zurück in die Redaktion trotte. „Was machst Du hier überhaupt noch? Fahr sofort nach Odessa. Sofort!“

Ich schüttele den Kopf. Wieso kennt er auch Nataliya? Steht ihr Name auf meiner Stirn geschrieben? Ehe ich darüber nachdenken kann, was in Facebook  schiefgelaufen ist, poppt Skype auf. Nicolay schreibt mir: „Gute Nachricht! Ab April gibt es Direktverbindungen nach Odessa. Bin dabei – aber frag vorher, ob Nataliya eine große Schwester oder Freundin hat!“
WTF! tippe ich nur. „Woher weißt Du von der?“

„Das ist ziemlich schnell erklärt, wenn ich das lese: Außer Dir dürften noch etwa 214 Freunde wissen, wie wild Du letzte Nacht mit der rumgeflirtet hast. Weißt Du nicht von den neuen  Privatsphäre-Einstellungen?“

WAS IST DAMIT? tippe ich wie in Trance.
„Naja: Foto-Kommentare sind doch jetzt sichtbar… Likes auch….“

„Wow, how cute are you?“ Meine Freunde lesen und klicken mit

In diesem Moment friert die Zeit ein wie meine Finger beim Radfahren in diesen Tagen. Das darf doch nicht wahr sein! Foto-Kommentare waren IMMER geschützt, wenn man die Einstellung vorher aktiviert hatte. Wenn nicht, tauchten sie vorher in den „Höhepunkten“ auf. Meine Kommentar-Serie letzte Nacht – ich habe nichts daran geändert. Oder doch?

SCREENSHOT, bitte schicke sofort einen  Screenshot!, skype ich Nico.

Eine Minute später  mein blankes Entsetzen:

„Wow, how cute are you?“, lese ich da. Ich erinnere mich. Dunkel. Gut, dass ich so beherrscht und gut erzogen bin. ‚Cute’ schreibe ich – nie ‚hot’. Doch das nützt nichts: Die ganze Welt weiß, wie ‚hübsch’ – also: heiß Nataliya ist. Ein Klick auf ihr Profil und jeder, aber auch jeder kann ihre Bilder begutachten – durch alle 18 Profilbilder aus den letzten zweieinhalb Jahren kann man sich klicken. Nataliya hat, wie wohl 80 Prozent aller User, nach den Einstellungsänderungen im Dezember nicht ihre Profilbilder gesichert. Jeder kann sie sehen – und gesehen werden, wenn er den Haken nicht an der richtigen Stelle setzt.

Genau wie meine Freunde, die plötzlich für jeden sichtbar sind. Genau wie die Fanpages – was etwa ein großer Spaß für jemanden mit gewissen Vorlieben sein muss. Und zwar in Echtzeit. Genau wie die Freundschaftsbestätigungen – alles live, alles sichtbar, alles für alle!

Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert

„Was ist denn, Nils“, fragt mich der Chefredakteur. „Du siehst so blass aus. Komm, schreib was über Facebook, ist doch Dein Lieblingsthema“, muntert er mich auf. „Und ein heißes dazu. Die Leute laufen nach Zuckerbergs jüngsten Äußerungen Sturm“.

Das stimmt. ’Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei’, wird Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vom Webblog „ReadWriteWeb“ zitiert. Natürlich soll das Zitat aus dem Kontext gegriffen worden sein. Aber gilt das nicht auch für den Begriff der Privatsphäre selbst?

Facebook, das mit 350 Millionen Nutzern bei weitem größte Social Network der Welt, nahm es mit der Privatsphäre bislang eigentlich ziemlich genau. Genauer gesagt: Sehr genau. So genau, dass kein User etwas gegen die neue Öffentlichkeit sagen kann, schließlich gibt es für sie Regeln. Dass einiges, was im letzten Jahr noch als privat galt, nun plötzlich öffentlich ist, gehört schlicht zur Umschreibung dieser Regeln. Öffentlich ist das neue Privat.

„I’m trying to make the world a more open place“, schreibt Mark Zuckerberg in seinem Statement in seinem eigenen Profil. Plötzlich bekommt das Zitat eine neue Bedeutung. Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert – böse Zungen könnten auch behaupten: abgeschafft. Alles ist öffentlich. Aber wusste ich das nicht schon vorher?

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

2. November 2009

Also geht es los!

Eine Sekunde später springt die Startseite um, und das Facebook-Universum liegt vor mir – zumindest fast. Bevor ich es nutzen kann, hat Facebook eine Frage an mich. Eigentlich ist es die Frage der Fragen, weshalb man sich schließlich beim größten aller Netzwerke angemeldet hat:

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

Facebook legt mir die Antwort bereits nahe: „Viele deiner Freunde sind vielleicht schon hier“, werde ich gelockt. Wer das wohl ist? „Das Durchsuchen deines E-Mail-Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden“, schlägt mir das Supernetzwerk vor.

Eine solche Aufforderung ist jedoch der sicherste Weg, um Datenneurotiker wie mich in die Flucht zu schlagen. Facebook durchsucht meine Email-Konten? No way! Ich überspringe den Schritt, schließlich gibt es im Online-Zeitalter immer ein Zurück.

Doch dann will Facebook schon wieder etwas von mir wissen: „Gib deine Profilinformationen ein“, lautet die nächste Aufforderung. Warum? „Diese Informationen helfen dir dabei deine Freunde auf Facebook zu finden.““

Freunde bedeutet hier: Klassenkameraden, Kommilitonen und (Ex-)Kollegen. Ich zögere. Möchte ich das? Diese Zeitreise im Fastforward-Modus zurück um fünf, zehn, 15 Jahre – die ersten Jobs, die Studienzeit, die Abiklasse? Eigentlich schon. Eigentlich geht es am Ende bei Facebook um genau diese Neugierde – es ist eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich Köpfe und Gesichter aus dem Web auftauchen lassen könnte, die ich mit Google nie gefunden hätte.


Freunde finden auf Facebook: Per Zeitreise im Fastforward-Modus zurück zur Jugend- und Studienzeit

Und doch: Nicht sofort, nicht nach der Anmeldung, nicht mit diesem blanken Profil. Die Schule könnte komisch werden. Uni indes – Uni geht immer. 40.000 Studenten sind eine Masse. Eine undurchschaubare dazu: Denn die Facebook-Vorschläge gehen alle ins Leere, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nach dem amerikanischen Vorbild der Jahrgänge ausgespuckt werden. Doch so funktionierte es in der Vor-Master-Ära schließlich nicht: Die Absolventen der Jahrtausendwende sind für mich alle Unbekannte.

Also zurück zur Schulzeit. Ich gebe  tatsächlich dieses Gymnasium im Hamburger Nordosten ein, das einst den Ruf der reinsten Streberschule hatte und auf dem ich seinerzeit so urkomische Dinge getan habe, wie Kurzgeschichten in einer Schülerzeitung namens „Cocktail“ zu schreiben – Jugendsünden, möchte man sie zurückholen?

Egal. Ich klicke „Speichern und fortfahren“ und male mir so etwas wie das virtuelle Klassentreffen aus. Das zehnjährige war ein echtes Erlebnis, das fünfzehnjährige indes war einfach ausgefallen. Wird es jetzt auf Facebook nachgeholt? Eine Übersicht aus fingernagelgroßen Porträtfotos poppt auf. Ich scrolle – zwei, drei, vier bekannte Gesichter erkenne ich sofort wieder. Niemand, mit dem mich wirklich viel verbunden hätte, aber spannend natürlich.

Sofort schießen mir die Standardfragen der „Generation NEON“ durch den Kopf: Na, verheiratet, Kinder, Karriere gemacht – oder was man dafür halten könnte? Klickbar sind die Profile leider nicht. Ich müsste den Klassenkamerad als „Freund hinzufügen“.

Spätestens an dieser Stelle wird es für viele von uns problematisch. Man merkt, dass Facebooks Freundesverständnis auf eine amerikanischen Sozialisierung zurückgeht: Ein Facebook-Freund muss noch lange kein echter Freund sein, echte Freunde hat man schließlich vielleicht eine Handvoll, auf Facebook sollte es eigentlich am besten eine dreistellige Anzahl sein.


Die Crux mit dem Profilfoto: Angestrengte Lässigkeit im Casual Friday der sozialen Netzwerke

Dumm nur, dass ich immer noch keinen einzigen habe. Es muss also etwas passieren – und dafür gibt es schließlich noch die dritte Kontaktmöglichkeit; man kann nachUnternehmen“ suchen, also der Zeit im Berufsleben.

Hier muss einem nichts peinlich sein – oder alles, doch das sollte ich erst später erfahren. Zunächst sind viele Berufstätige bei Facebook Newbies, echte Anfänger also, die sich gerne mit dem Hauch des Coolen schmücken würden – in Xing sind wir schließlich alle, in Facebook möchten wir alle rein.

Also gebe ich nun diverse Verlage in die Suche ein, aus zehn Jahren in der Medienbranche sollte etwas hängen geblieben sein. Und siehe da: Meine Kollegen sind natürlich schon längst drin, fast alle aus der Online-Redaktion, und auch aus diversen Internet- und PR-Agenturen erkenne ich jede Menge bekannter Gesichter. Ich fange bei meinem ehemaligen Redaktionsleiter, jetzt in München, an – die erste Freundschaftsanfrage. Zwölf weitere folgen, immerhin zweistellig sollte die Ausbeute zum Start sein, finde ich.

Dann der nächste Schritt, der schwierigste: Ich soll ein Profilbild festlegen. Ich weiß ja – Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke, hier ist alles ein bisschen lässiger. Aber wie lässig ist lässig wirklich – und wann wird lässig peinlich? Jetzt wäre es wohl an der Zeit für das Urlaubsbild meines Lebens, denke ich – für das Dauergrinsen beim Sonnenuntergang auf Ko Phi Phi oder das Glücklich-wie-ein-Honigkuchenpferd-Foto unter der Sydney-Harbour-Bridge mit der Freundin, der ich damals besser den Antrag gemacht hätte. Aber das eine tut hier so wenig zur Sache wie das andere, finde ich.


Facebook als Metapher unseres Erwachsenenlebens: Was wollen wir sein – und wie wollen wir von anderen gesehen werden?

Mir ist das zu privat, ich bin wohl noch zu sehr in der Xing-Welt geerdet, muss ich zugeben. Also bleibt eben nur dieses Profil-Bild, das inzwischen überall gelandet ist – auf Blogs, über Artikeln, auf meinem Presseausweis. Sieh es als Marke, schreibt mir die Fotografin, der ich parallel meine Bedenken mitteile, über Skype.

Doch auch Marken haben ihre Lebenszeit, muss ich schnell feststellen, während ich dabei bin, die letzten Angaben für meine Profilseite einzugeben:

„Nils! Endlich bei Facebook!“ lese ich da tatsächlich als ersten Eintrag auf meiner noch so nackten Pinnwand von einer Ex-Kollegin aus der Milchstraße: „Aber wie wäre es mal mit einem neuen Foto, mh? Schön, dass Du hier bist! Enjoy, J.“

So ist das also, denke ich, während ich mich noch immer nicht entschieden habe, was ich auf die Frage angeben soll, was ich bei Facebook eigentlich suche: Facebook ist Freizeitstress. Selbstdarstellungsstress. Inszenierungsstress.

Doch bildet dieses Supernetzwerk damit nicht genau die Grundsatzfrage unseres Erwachsenenlebens ab: Der Frage, was wir sein wollen – und wie wir von anderen gesehen werden wollen? Ich starte iPhoto und sehe noch einmal genau hin. Ich weiß, wie ich den Abend heute verbringen werde – auf der Suche nach diesem einen coolen Bild, das es zum Profilfoto schaffen soll. Wozu habe ich schließlich die 40 GB Digitalbilder angehäuft, in all den Jahren?