Archiv für das Tag 'Reh Bar'

Ein Facebook-Geburtstag

10. April 2010

Wieder ein Jahr älter. Besser wird es ja nicht: Wenn man einmal die magische 30er-Schwelle überschritten hat, ziehen die Jahre an einem vorbei wie Rücklichter auf einer Landstraße – schneller und schneller geht das. Auch wenn gerne behauptet wird, Geburtstage wären nichts Besonderes, stimmt das ja so nicht.

Natürlich gibt es keine schlaflosen Nächte durchzustehen wie beim zehnten Geburtstag, als man der Carrera-Bahn entgegengefiebert hat – oder eben nicht. Aber völlig egal, wie manch älterer Freund von mir behauptet, ist mir der Geburtstag nicht. Und sei es als Reality-Check, um zu wissen, wer an einen gedacht hat – und wer nicht.

Vier SMS und zwei Anrufe lautet die Ausbeute der ersten Viertelstunde im neuen Lebensjahr, denn, seien wir ehrlich, darum es geht doch, so kindisch das auch sein mag: um das Gratulationssammeln wie früher Panini-Bilder auf dem Schulhof.

From iDay to myDay: Die meisten Glückwünsche auf Facebook

Die dickste Ausbeute, das wird bereits kurz nach Mitternacht klar, wird woanders gemacht. In Facebook, in meinem Freundesnetzwerk, das mein Leben wie nichts anderes im vergangenen Jahr bestimmt und verändert hat und viel schneller als ich es für möglich gehalten hätte, in dreistelligen Höhen angekommen ist.

Zugegebenermaßen war die Vorlage dieses Jahr ziemlich groß. Ein reiner Feiermarathon ist das: Ostern, Geburtstag und dann noch der iPad-Verkaufsstart, der für Leute wie mich durchaus eine Bedeutung hat, wie meine Freunde wissen: „Nils, meine besten Wünsche! Gestern war der iDay, heute ist Dein Day! 🙂 Feier schön doppelt – Ostern und Geburtstag in einem – Deinen Ostergeburtstag!! ))“, lauten die ersten Glückwünsche auf Facebook. Auch die anderen Freunde wissen Bescheid:

Happy BirthDay – yourDay : )))
Yes, Nils, today is your day!! 😉 Happy Birthday.., I wish you all the best! 😉
Make a glorious day !!!! I-ppy birthday
Lieber Nils, alles, alles Liebe zu Deinem myDay von Martin und mir!!! Take it easy…
Happy birthday! Best wishes for you! Spend it in a special way and have a good celebration. Bisous!

Mitteilung 2.0: Auf Foursquare einchecken, um jedermann auf Twitter und Facebook wissen zu lassen, wo ich mich gerade befinde

„In a special way“ an Ostern und Geburtstag bedeutet, dass die Nacht nun zum Tag gemacht wird, Saskia hat nur kurz am 12-Uhr-Sekt genippt und schläft längst, das ist wahrscheinlich ohnehin besser für uns. Früher gab es einmalige Geburtstage in einer abgelegenen Bucht in Mallorca, in einer Finca mit Pool in Südspanien, im frühlingshaften Barcelona, in der Sky Bar, im 62. Stock eines 5-Sterne-Hotels in Bangkok – heute geht es nur noch um Konfliktvermeidung, wenn es noch um irgendetwas geht. Es ist die 89. Minute unserer Beziehung, das wissen wir beide. Aber an Geburtstagen will man keine rote Karte provozieren, oder?

Eine halbe Stunde später treffe ich Nico vor der Reh Bar in Ottensen. „Poste doch auf Facebook, dass Du hier feierst“, schlägt er vor, „ich wette, da sind noch ein paar von den Jungs hier in der Gegend.“
„Das ginge doch viel einfacher“, entgegne ich. Ich könnte auf Foursquare klicken und schon wüsste jeder in meiner Timeline auf Twitter und Facebook, dass ich in der Reh Bar „eingecheckt“ habe. Ich weiß auch nicht genau warum, aber ich mache seit einiger Zeit mit bei dieser virtuellen Schnitzeljagd: Dieses Ich-bin-hier-und-wo-bist-Du-Ding? Während ich an der Bar stehe, Cuba Libres bestellen will und überlege ich, ob tatsächlich jeden wissen will, wo ich gerade in meinen Geburtstag reinfeiere, poppen die nächste Glückwünsche auf dem iPhone auf, das vor mir auf der Bar liegt.

Es surrt und leuchtet so auffällig, dass es auch den beiden Blondinen vor mir auffällt. Die sehen sich, mich – und ich sie an. Es wäre nun der Augenblick, etwas zu sagen, aber wie immer sagt niemand etwas in Hamburg. Zum Glück ist das auch nicht nötig, das iPhone übernimmt die Sache . „Lieber Nils, meine herzlichen Glückwünsche. May your wishes come’, steht da. ‚Wie läuft Dein Birthday-WE? Busserl!“

„Du kennst die aber schon im wirklichen Leben, oder ist das wieder so eine Facebook-Nummer?“

Die etwas kleinere der beiden Blondinen schaut mich an, groß sind sie beide.
„Du hast Geburtstag?“
Ich nicke etwas peinlich berührt.
„Na Glückwunsch dann“, sagt sie betont gleichgültig.
Offline-Glückwünsche halt, denke ich, während mir noch immer kein gescheiter erster Satz einfällt – meine größte Schwäche im Nachtleben.
Peinliche Pause. Nachdem ich endlich meine Cuba-Order aufgeben kann, sagt sie schließlich: „Die will doch was von Dir?“

Sie spricht über Maria, meine Facebook-Freundin aus Österreich, mit der ich seit einiger Zeit so etwas wie eine Email-Freundschaft pflege, wenn es denn so was gibt. Ich schreibe inzwischen ganz schön viel dafür, dass wir uns noch gar nicht gesehen haben – die klassische Online-Krankheit.
„Glaub ich nicht“, nuschel ich endlich.
„Du kennst die aber schon im wirklichen Leben, oder ist das wieder so eine Facebook-Nummer?“, sagt die Blondine, die mich genau taxiert und mir auf den zweiten Blick ziemlich gut gefällt – der erste gehörte ihrer Freundin. Typische Hamburger Mädel mit Segelschein und so, hieß das bei Christian Kracht vor 15 Jahren in Faserland.

Der Facebook-Add ist die neue Handynummer

„Ja und ja“, entgegne ich bewusst gedehnt und versuche, halbwegs lustig zu sein.
„Ja und ja?“, beißt sie an.
„Ja“, lüge ich, „klar kennen wir uns im wirklichen Leben.“ Ich taxiere sie auf Mitte, Ende 20, eher 26 als 29, irgendwo glaube ich da hinter der coolen Fassade eine gewisse Unerfahrenheit auszumachen, die sie überspielt, „und ja, das ist so ein Facebook-Ding.“

Sie schaut erstaunt, ich nutze die Pause.
„Da bist Du auch, oder?“
„Na, klar“
„Sag mal Deinen Namen.“
Sie schaut verblüfft und lacht.
„Oder besser: Schreib mal.“
Sie schreibt. Es dauert etwas, mit dem iPhone kommt sie nicht zurecht, aber es klappt im dritten Anlauf. Ich klicke sie zu. Live-Adding nennt man so was heute.
„Cool. Morgen sind wir Facebook-Freunde“, freue ich mich.
„Das will ich hoffen“, sagt das blonde Mädchen, das Annika heißt. Passt.

Die Cocktails kommen, Zeit zu gehen, ehe ich das hier vermasseln kann. Ich verabschiede mich und komme mit zwei Cuba Libres und Annikas Facebook-Freundschaftsanfrage zu Nico zurück.
„Hat etwas länger gedauert.“
„Ganz offensichtlich. Geaddet?“
Ich nicke. „Nie ging ein Kontakt schneller.“
„Stimmt, Facebook ist das Tamagotchi der iPhone-Generation.“
„Und der Facebook-Add ist die neue Handynummer.“
Er grinst.
„Schöner Start ins neue Lebensjahr.“
Wir stoßen an.
„Cheerio! Auf Facebook.“
„Auf Facebook.“