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Mythos Privatsphäre: Alles ist öffentlich

25. Januar 2010

„Bitte respektieren Sie die Privatsphäre“, ist so ein Satz aus der Business Class. Dort passiert seit vergangenem Jahr bei immer mehr Airlines dies: Ein Paravent trennt nicht nur die Billig-Flieger der Economy Class von den elitären Geschäftsreisenden, die unter sich sein möchten – sie trennt sie auch selbst. Mit einem Druck wird so bald in immer mehr Boeings und Airbussen eine milchglas-farbene Abtrenung hochgefahren. Mind the privacy, please!

Schließlich wird die Privatsphäre im deutschen Grundgesetz als nicht weniger als ein Persönlichkeitsrecht deklariert.  „Das besondere Persönlichkeitsrecht dient dem Schutz eines abgeschirmten Bereichs persönlicher Entfaltung. Dem Menschen soll dadurch ein räumlicher Bereich verbleiben, in dem er sich frei und ungezwungen verhalten kann, ohne befürchten zu müssen, dass Dritte von seinem Verhalten Kenntnis erlangen…“, ist in der Wikipedia zu lesen. Klare Sache also, oder?


„Wer ist eigentlich Nataliya? Nataliya mit ‚y’ nicht mit ‚i’“

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat indes eine sehr moderne Auffassung des Begriffs, die in der Internetwelt allerspätestens vor knapp zwei Wochen nachzulesen war: „Menschen sind einverstanden damit, Informationen über sich mit anderen zu teilen und werden immer offener zu immer mehr Menschen. Die sozialen Normen hier haben sich in der Zeit entwickelt“, erklärte der erst 25-jährige Facebook-Gründer unlängst „TechCrunch“-Boss Michael Arrington.

Tatsächlich kennen sich Facebook-Mitglieder mit dieser dehnbaren Entwicklung seit ihrer Nutzung des weltgrößten Netzwerks bestens in der Praxis aus. Für mich klang es lange wie ein eher reißerisches Medien-Phänomen, schließlich habe ich ja gut  achtgegeben und die zwölf Privatsphäre-Einstellungen für mein Profil, die zehn Privatsphäre-Einstellungen für die „Kontakt- Informationen“, die vier Privatsphäre-Einstellungen zu den Anwendungen und Webseiten, die ich mit anderen teile, nach bestem Wissen und Gewissen angeklickt und aktiviert bzw. deaktiviert. Oder?

Oder nicht. „Wer ist eigentlich Nataliya“, fragt mich Saskia, meine Freundin, zum Ende des Mittagessens beim Bok in der Schanze, als noch zwei Stücken Sushi  übrig bleiben. „Nataliya mit „y“, nicht mit „i““ Sie dippt das vorletzte Nigri ein bisschen zu forsch in die Soya-Ingwer-Soße. Es spritzt etwas.

Der kleine Fleck auf der Tischdecke ist unübersehbar. Es ist unser erstes Mittagessen  seit drei Monaten, obwohl zwischen Agentur und Redaktion nur etwa 800 Meter Luftlinie liegen.

Wer? „Na – Nataliya?“, verhaspele ich mich etwas zu gewollt.

„Natali-ya Yadadadada“.  Sie blickt auf ihren Blackberry und fixiert mich dann. Ein Blick,  der das Alstereisvergnügen im Handumdrehen  garantieren würde. Gefroren wäre noch gelogen.

„Ach so“. Ich grinse bescheuert. „Nataliya“

„Nataliya.“
„Nataliya.“

„Nataliya!“

Eine Facebook-Freundin ist das!“ Ich kaue angestrengt.

„Eine Facebook-Freundin.“ Noch ehe mich Saskia grillen kann, vibriert ihr Blackberry. Von Pharma-Workshops und Pitches ist die Rede, sie spannt die Wangenknochen zu einem Lächeln, legt einen 10 Euro-Schein auf den Tisch und hebt die Hand, während ich den Wortfetzen lausche „Pitch nächste Woche, Corporate Responsibility-Kampagne, natürlich verxingen wir uns gleich Frau Wer-auch-immer.“ Das ist Saskias Welt. Auf den Punkt professionell, so professionell wie ihr Blackberry Storm und ihr Xing-Kontaktbuch. Ich hingegen zücke mein iPhone und klicke bedröppelt auf meine Facebook-App. Erwischt!

Befreundet mit der ukrainischen Version von Kate Moss: „Nach Odessa. Sofort!“

Und wie. Aber wobei eigentlich?  Ich kenne Nataliya aus ‚Meet New People’. Kommt aus der Ukraine, schreibt ein perfekteres Englisch als manches Mädel aus Brooklyn und sieht aus wie die ukrainische Version von Kate Moss. „Oh mein Gott“, sagt mein zehn Jahre jüngerer Kollege Felix, als ich zurück in die Redaktion trotte. „Was machst Du hier überhaupt noch? Fahr sofort nach Odessa. Sofort!“

Ich schüttele den Kopf. Wieso kennt er auch Nataliya? Steht ihr Name auf meiner Stirn geschrieben? Ehe ich darüber nachdenken kann, was in Facebook  schiefgelaufen ist, poppt Skype auf. Nicolay schreibt mir: „Gute Nachricht! Ab April gibt es Direktverbindungen nach Odessa. Bin dabei – aber frag vorher, ob Nataliya eine große Schwester oder Freundin hat!“
WTF! tippe ich nur. „Woher weißt Du von der?“

„Das ist ziemlich schnell erklärt, wenn ich das lese: Außer Dir dürften noch etwa 214 Freunde wissen, wie wild Du letzte Nacht mit der rumgeflirtet hast. Weißt Du nicht von den neuen  Privatsphäre-Einstellungen?“

WAS IST DAMIT? tippe ich wie in Trance.
„Naja: Foto-Kommentare sind doch jetzt sichtbar… Likes auch….“

„Wow, how cute are you?“ Meine Freunde lesen und klicken mit

In diesem Moment friert die Zeit ein wie meine Finger beim Radfahren in diesen Tagen. Das darf doch nicht wahr sein! Foto-Kommentare waren IMMER geschützt, wenn man die Einstellung vorher aktiviert hatte. Wenn nicht, tauchten sie vorher in den „Höhepunkten“ auf. Meine Kommentar-Serie letzte Nacht – ich habe nichts daran geändert. Oder doch?

SCREENSHOT, bitte schicke sofort einen  Screenshot!, skype ich Nico.

Eine Minute später  mein blankes Entsetzen:

„Wow, how cute are you?“, lese ich da. Ich erinnere mich. Dunkel. Gut, dass ich so beherrscht und gut erzogen bin. ‚Cute’ schreibe ich – nie ‚hot’. Doch das nützt nichts: Die ganze Welt weiß, wie ‚hübsch’ – also: heiß Nataliya ist. Ein Klick auf ihr Profil und jeder, aber auch jeder kann ihre Bilder begutachten – durch alle 18 Profilbilder aus den letzten zweieinhalb Jahren kann man sich klicken. Nataliya hat, wie wohl 80 Prozent aller User, nach den Einstellungsänderungen im Dezember nicht ihre Profilbilder gesichert. Jeder kann sie sehen – und gesehen werden, wenn er den Haken nicht an der richtigen Stelle setzt.

Genau wie meine Freunde, die plötzlich für jeden sichtbar sind. Genau wie die Fanpages – was etwa ein großer Spaß für jemanden mit gewissen Vorlieben sein muss. Und zwar in Echtzeit. Genau wie die Freundschaftsbestätigungen – alles live, alles sichtbar, alles für alle!

Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert

„Was ist denn, Nils“, fragt mich der Chefredakteur. „Du siehst so blass aus. Komm, schreib was über Facebook, ist doch Dein Lieblingsthema“, muntert er mich auf. „Und ein heißes dazu. Die Leute laufen nach Zuckerbergs jüngsten Äußerungen Sturm“.

Das stimmt. ’Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei’, wird Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vom Webblog „ReadWriteWeb“ zitiert. Natürlich soll das Zitat aus dem Kontext gegriffen worden sein. Aber gilt das nicht auch für den Begriff der Privatsphäre selbst?

Facebook, das mit 350 Millionen Nutzern bei weitem größte Social Network der Welt, nahm es mit der Privatsphäre bislang eigentlich ziemlich genau. Genauer gesagt: Sehr genau. So genau, dass kein User etwas gegen die neue Öffentlichkeit sagen kann, schließlich gibt es für sie Regeln. Dass einiges, was im letzten Jahr noch als privat galt, nun plötzlich öffentlich ist, gehört schlicht zur Umschreibung dieser Regeln. Öffentlich ist das neue Privat.

„I’m trying to make the world a more open place“, schreibt Mark Zuckerberg in seinem Statement in seinem eigenen Profil. Plötzlich bekommt das Zitat eine neue Bedeutung. Über Nacht hat Facebook die Privatsphäre neu definiert – böse Zungen könnten auch behaupten: abgeschafft. Alles ist öffentlich. Aber wusste ich das nicht schon vorher?