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re:publica 2010: Lost in Translation 2.0

20. April 2010

Plötzlich stehen Leute vor dir und grinsen. Keine Verwechslung ist das, sondern ein wiederkehrendes Muster, zu besichtigen auf der größten deutschen Internetkonferenz, der re:publica, diesem Event mit seinen über 2700 Teilnehmern, 165 Veranstaltungen in nur drei Tagen, von und für Blogger, das von letztem Mittwoch bis Freitag die Netz-Gemeinde, vor allem aber die Startseite auf Facebook und die Timelines auf Twitter beschäftigte.

Es ist schön, bekannte Gesichter und Ex-Kollegen wiederzusehen, das ist viel wichtiger als die Veranstaltungen, sagt ein neuer Bekannter, und er hat recht damit. Noch viel schöner aber ist es, neue Gesichter zu sehen, die einen angrinsen, weil sie einen vom Twitter-Icon, dem Facebook-Profilbild oder vom eigenen Blog kennen.

Ein bisschen wie Speed-Dating ist das, die Kommunikation ist schnell, auf den Punkt, denken in 140 Zeichen halt, während man zwischendurch noch mal über die Schulter schaut, ob man noch jemand im Getümmel gesehen hat, so wie man dauernd ein neues Browserfenster öffnet, weil man ja noch was nachsehen wollte.
Been there, done that. Haken gemacht.

„Du verpasst Dein ganzes Twitterleben“

Der Haken, auf den ich am meisten gespannt bin, heißt Maria. Maria ist zehn Jahre jünger als ich, arbeitet in einer Wiener Online-Agentur und ist so etwas wie ein digital native. Es ist die Generation, die mit dem Internet groß geworden ist, während Leute wie ich sich Mitte der 90er im Uni-Rechenzentrum allen Ernstes mit Netscape 2.0, Hyperlinks und in Seminaren mit William Gibson herumschlugen.

Ich bin absolut verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit und Geschwindigkeit sie das Web 2.0 in ihr Leben integriert hat – es ist ihr Leben. Während ich dreimal darüber nachdenke, was ich twittere oder als Status-Update auf Facebook poste, macht Maria das einfach. Es sieht aus, als gäbe es keinen Filter, dabei hat sie den längst verinnerlicht.

„Jetzt verstehe ich, warum Du so wenig twitterst“, lacht sie mich bei der Veranstaltung über Modeblogs an, als ich versuche, etwas halbwegs Lustiges über lesmads-Gründerin Julia Knolle zu twittern, aber erst mal ihren Twitteraccount recherchieren muss. Es ist mühsam, deswegen twittere ich kaum mehr als Artikel-Links oder Checkins via Foursquare. „Du verpasst so Dein ganzes Twitterleben“, sagt Maria allen Ernstes und lacht mich an.

Meine „Nordwind“-Erfahrung: Bist Du glücklich?

Sie lacht viel, eigentlich die ganze Zeit, das machte die Sache so angenehm. Wir kennen uns ja bisher nur virtuell: sind einander auf Twitter durch Artikel-Links oder Hashtags gefolgt, Facebook-Freunde geworden und haben angefangen, einander zu schreiben. Nicht nur, weil sie aus Wien kommt, ist Maria meine persönliche „Nordwind“-Erfahrung. Gut gegen Nordwind, das ist der Email-Klassiker des österreichischen Autors Daniel Glattauer, die literarische Version von Email für Dich, der Tom Hanks- und Meg Ryan-Schmonzette aus den späten 90ern, Alle sieben Wellen heißt die Fortsetzung aus dem vergangenen Jahr.

Und so treffen wir uns also nach unzähligen Mails auf der re:publica, das war seit Monaten klar. Ich lerne ihre österreichischen Kollegen und Bekannten kennen und verbringe die Zeit zwischen und nach den Veranstaltungen in Coffeshops, bei Sushi oder in Bars. Ich mag Berlin ja: wie sehr fällt immer wieder erst auf, wenn ich dort bin.

„Bist Du glücklich?“, fragt Maria irgendwann in eine Pause hinein, als wir im Brel sitzen. Solche Fragen stellt sie. Ruhige, schnörkellose Sätze, als kämen sie aus einem Judith Hermann-Roman, vielleicht denke ich mir das aber auch nur aus, weil wir ja in Berlin sind. Sie redet in solchen Sätzen, nur eben wienerisch.

„Manchmal mehr, manchmal weniger“, sage ich.
„Jetzt?“
„Eher mehr. Du?“
„Ja. Natürlich.“ Sie lacht, als wäre das selbstverständlich. Ich glaube, es liegt in ihrer Natur, glücklich zu sein. Junges Glück.

Lost in Translation 2.0: Soulmates ohne Flirtmoment

Es ist eine Lost in Translation-Geschichte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich wirklich alt, und dann wieder ziemlich gelassen im selben Moment, so viel von dem, was sie noch erfahren wird, liegt schon hinter mir, das ist traurig und beruhigend im selben Augenblick, ein bisschen so wie bei Bill Murray und Scarlett Johansson, die soulmates sind, aber Vater und Tochter sein könnten, was in der westlichen Kultur bekanntlich eher nicht funktioniert.

So schlimm ist es bei uns nicht, aber zehn Jahre und eineinhalb Beziehungen liegen zwischen uns, ihre ganze und das, was von meiner übrig ist, das ist angenehm unanstrengend. Es gibt keinen echten Flirt-Moment in den drei Tagen – keine Steilvorlage, kein Austesten. Ich benehme mich.

Manchmal sagen wir nichts und schauen uns nur an. Einer von beiden lächelt dann, dann beide. Gemeinsam schweigen wird unterschätzt. Irgendwann wird mir klar, dass Maria mich an Saskia erinnert. An die junge Saskia: aufgeschlossen, ein bisschen schüchtern, aber ambitioniert, vor allem unverdorben – die gute Saskia, bevor sie durch unzählige Coachings, Workshops und Pitches irgendwann mit der Rolle der PR-Strategin verschmolz und Targets und Guidelines in unsere Beziehung einbrachte und sie so behandelte wie das, was sie jeden Tag macht: ein Projekt abarbeiten.

„Wenn ich die beiden sehe, geht mir mein Freund ab“

Auf der Abschlussparty in der Kalkscheune sitzen wir so am Rande und sehen, wie sich die Tanzfläche füllt. Es ist zehn Uhr und könnte nun mal losgehen.
„Ist das da vorne Lisa Rank?“, fragt mich Maria.
Ich nicke.
„Genauso hab ich sie mir vorgestellt“, sagt sie, „…so Berlin, sie trägt auch die Berlin-Frisur.“

Lisa ist genauso alt wie Maria, aber doch noch viel mehr der Inbegriff der weiblichen Generation 2.0, der she:publica, wie sie sagen würde, sie twittert und bloggt im großen Stil, hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht und tanzt nun zu den Grooves von Nilz Bokelberg, dem früheren Viva-DJ, an dessen „Laberflashmob“ sie am Vortag teilgenommen und natürlich gewonnen hat, tanzt vor uns mit ihrer schweren Tasche behängt, die viel zu schwer zum Tanzen ist, so dass selbst das aussieht wie ein cooles Statement.

„Wenn ich die beiden sehe, geht mir mein Freund ab“, sagt Maria. Ich muss einen Moment überlegen, wie sie das meint, dann fällt es mir ein – auch das Lost in Translation. So ist das Leben, denke ich, sage es aber nicht. Saskia fehlt mir bis dahin nicht, dann schon, ich weiß nicht mal, was sie die letzten drei Tage gemacht hat. Wird sie mir fehlen, wenn sie weg ist? Ich weiß, dass ich bald alle Zeit der Welt haben werde, das herauszufinden.

„Sind Sie auch Blogger?“

Maria will gehen, ich bringe sie zum Taxi, das sie zum Hotel fährt, ich will noch weiter, ein Schulfreund hat Geburtstag.
„Sind Sie auch Blogger“, fragt der Taxifahrer, der vor der Kalkscheune gewartet hat.
Ich schweige und überlasse Maria die Antwort, die darauf gewartet hat, dass ich antworte.
„So ein bisschen“ , sagt sie schließlich.
„Und Sie?“ grummelt der Taximann.
„Ich beobachte nur“, sage ich.
„Und, was haben Sie heute beobachtet?“
„Das Glück“, sage ich. Maria schaut mich fragend von der Seite an.
„Na, dann haben Sie ja Glück gehabt“, taut der Taximann auf.
„Ja“, sage ich. „Aber festhalten kann man es trotzdem nicht“
„Nur anschauen, nicht anfassen, was?“ witzelt der Taximann. Vielleicht sollte er Blogger werden. Twitter ginge zur Not auch – Facebook immer.

Ich steige aus und verabschiede Maria. Ehe ich darüber nachdenken kann, ob wir uns wiedersehen, bin ich schon wieder im Taxi und nenne die Adresse, die ich per SMS bekommen habe: sorsi e morsi, Prenzlauer Berg. Mein Schulfreund ist 35 geworden. Facebook nutzt er bis heute nicht.

Die lieben Kollegen: Vom Freundschaftszwang

29. November 2009

Facebook ist nicht gesund. Seit ich mich angemeldet habe, steigt meine Verweildauer beständig an – und mit ihr das Unbehagen. Es scheint nur dieses Entweder-Oder zu geben. Entweder man macht es ganz oder gar nicht. Ich habe mich für das ‚Ganz’ entschieden und bekomme gerade eine Vorahnung davon, wie sehr Facebook mein Leben verändern wird.

Facebook, das ist wie ein trügerisches Fenster in eine andere Welt, in der man sich scheinbar spielerisch bewegen kann, ohne die andere zu verlassen. Das stimmt aber nicht. Alles, was wir in der einen Welt tun, hat seine Folgen in der anderen. Wie sehr und warum, bemerke ich im Umgang mit meinen Kollegen, den heikelsten aller Facebook-Freunde.

Wer in der Medienbranche arbeitet, weiß, was ich meine. Grundsätzlich ist hier jeder erst einmal nett, freundlich und extrem aufgeschlossen. In der New Economy-Zeit gab es noch jeden Freitag oder manchmal sogar Montag ab 17 Uhr irgendwelche Anlässe, wieder die Sektflaschen zu entkorken, alles so cool und lässig. Und auch in der größten Medienkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Niedergang mit Fassung getragen – schließlich geht als Journalist ja immer was: Die Neuen Medien, der Paradigmenwechsel, jede Woche irgendwo ein neues Portal – klappt schon.

Befreiung vom Business-Alltag: Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke

Was auch ganz gut klappt, ist das Befreunden auf sogenannten Business-Netzwerken, allen voran natürlich Xing, was bei mir zur wöchentlichen Überflutung der Mailbox mit Anfragen von irrsinnig gut gelaunten PR-Frauen führt, die – ganz selbstlos – wieder auf ein Mega-Event, eine ganze tolle Kooperationsmöglichkeit oder einen exklusiven Gesprächspartner hinweisen.

Xing, das früher openBC hieß, ist das Must für alle Berufstätigen, die entweder in einem größeren Konzern arbeiten oder im entferntesten Sinne etwas mit der Kommunikationsbranche zu tun haben, denn schließlich gibt es ja nichts Wichtigeres als zu netzwerkeln.
Dass das vielleicht sogar auf nur 140 Zeichen geht, glauben immer mehr Bürohengste, die inzwischen den Microblogging-Dienst Twitter stürmen, um mitzuteilen, wen man wieder @Bahnbrechendes getroffen hat und zu RT: retweeten, damit auch ein bisschen Glanz vom schlauen Sprüchlein auf einen selbst abfallen möge. I’m huge on Twitter. Yeah, right.

Man folgt jedem Bekannten und Unbekannten – was liegt also näher, als seine Bekannt-, Verwandt-, und Kollegenschaft nun also auch bedenkenlos auf Facebook zuzuklicken, schließlich geht hier ja alles etwas ungezwungener zu. Facebook, das ist die Befreiung des Büro-Menschen aus seiner selbst verschuldeten Xing-Existenz und die logische Ergänzung der Twitter-Mitteilsamkeit. Es ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke.

In dieses Facebook kriegst du mich nicht: Nun mit jedem Eintrag mehr Erstaunen

Wie ‚casual’ erfahre ich, als ich mich daranmache, die lang aufgeschobenen Xing-Kontakte in Facebook zuzuklicken – oder eben doch nicht. Da ist etwa der ehemalige Ressortleiter aus München, den ich gerne bestätige. Ich mag ihn: Seit zehn Jahren kennen wir uns, reden nicht nur über Aktien und den HSV, sondern auch, wie das mit der Ehe ist und mit Kindern wäre, er hat schließlich schon eine hinter sich und ein Kind auf dem Weg. Und wir sitzen nicht mehr in einer Redaktion. Das sind die besten Facebook-Freunde.

Das gilt auch für Harald, der heute die Redaktion einer großen Hamburger PR-Agentur leitet und den ich dort von einem IT-Projekt kenne – und natürlich von der Financial Times Deutschland. In dieses ‚Facebook’ kriegst du mich nicht, hat er mir noch vor Kurzem beim Lunch gesagt. Nun ist Harald selbst drin und schreibt Sachen, die mich mit jedem Eintrag mehr staunen lassen.

Nicht nur, dass meine Links, Fanpages und ein Snoop Dogg-Video, das ich vor 5 Minuten selbst gepostet habe, nun auf seiner Pinnwand auftauchen („check it out!“) – da ist auch noch ein interessantes Posting über eine Lesung heute Abend im Thalia Theater, die „Schade um den schönen Sex“ heißt. Und die entsprechend kommentiert wird: „Mal schauen, ob ich es jobzeitlich zu der Lesung schaffe. Aber wahrscheinlich komme ich wieder zu spät…“

Alle sind Freunde: Ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt

Doch das ist noch nicht alles. Da gibt es noch die echten Kollegen, die mich seit Tagen daran erinnern, dass sie mir Freundschaftsanfragen geschickt haben. „Wirklich? „, bringe ich so schlecht geschauspielert wie Wolfgang Schäuble bei Maybrit Illner heraus, „sehe ich mir gleich heute Abend an.“

Am nächsten Morgen wird die Nase noch länger, als ich mal wieder zu spät zur Arbeit komme. „Na, gestern gar nicht mehr vorm Rechner gewesen?“, fragt Alex. „Aber cooler Tweet um halb drei. Hat der Google-Conference Call echt sooo lange gedauert? “ In solchen Situationen hasse ich die soziale Realität, die in der Ära des Mitmach-Internets so gerne und so reflexartig als Social Media beschrieben wird.

Warum bekomme ich es nicht hin, die Wahrheit zu sagen? Warum sage ich nicht einfach: Ich finde, Du bist ein prima Kollege, ich sitze gerne neben Dir, es macht einen höllischen Spaß, mit Dir über Fußball – meinetwegen sogar über die Eintracht – zu reden, erst recht über alte Springsteen-Alben und am liebsten über Frauen, die sich seltsam auf Twitter und beim Social Media Club inszenieren. Aber ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt, die dir irgendwann den Spiegel vorhält, weil Facebook genau wie Google nie vergisst – und im Gegenteil nicht mal neu bewertet, also sortiert, denn deine Bilder und Postings sind immer greifbar.

Privatsphäre war gestern: Alles ist öffentlich – finde dich damit ab

Ist das paranoid? Wahrscheinlich. Aber ich bin ganz sicher, dass diese leicht anzüglichen Foto-Kommentare von der Polin mit dem engen Oberteil, für jeden sichtbar durch ihr Profilfoto, in der schlechtest denkbaren Situation ebenso auf mich zurückfallen wie ein Status-Update um vier Uhr nachts oder der Startseiten-Eintrag, dass ich nun Fan von Megan Fox bin. Egal, ich bestätige. Es gibt kein Entkommen, ich weiß nicht, was ich heute sagen würde. Alexander sitzt neben mir. Ich muss ihn bestätigen.

„Hammerbilder, Megan Fox“, höre ich am nächsten Morgen als Erstes. „Splitternackt im Hochsicherheitstrakt – bin auch Fan geworden. Gleich heute morgen. Kann ich gut verstehen, dass Du bis vier Uhr wach warst – bei den Bildern“. Gegröle im Newsroom. Mir fällt nichts mehr dazu ein. Außer das Zitat des früheren Sun-CEOs Scott McNealy, der schon Mitte der Neunziger die neue Realität in der Internet-Ära voraussah: Privacy is dead. Deal with it, schreibe ich in mein Status-Update.