Archiv für das Tag 'Ottensen'

Das große Frühlingserwachen

26. März 2010

Plötzlich war der Frühling da. Fast 20 Grad am 25. März? Unglaublich – aber wahr. Mit einem Mal sind sie wieder da – die Stühle im Freien, die Menschen, die auf die Plätze drängen, die noch vor zwei Wochen zugeschneit und vereist waren.

Die Eiscafés werden gestürmt, als würden sie morgen schon wieder dichtmachen. Kurze Röcke und weit ausgeschnittene Tops flankieren das Schulterblatt in der Schanze, das noch mehr aus allen Nähten zu platzen scheint als an manchem Hochsommertag im letzten Juli – jeder, aber auch jeder, hat sich diesen ersten wahren Frühlingstag herbeigewünscht. Sehnlichst!

Und wenn es so was wie Schönwetterfreunde gibt, sind die auch wieder da. „Drinks, draußen nachher?“, lautet eine Mail am späten Vormittag.  „Hey, chillen heute Abend in Schanze?“, schreibt ein anderer Freund per SMS. Ich bin schon für den Abend verabredet, aber eine SMS, eine Mail – das geht en retour immer. Besonders am ersten Frühlingstag des Jahres. Der Winter war hart, man hat sich lange nicht gesprochen – nun aber wieder. Alte Freundschaften, die aus ihrem Winterschlaf erweckt werden.

Vielleicht ist es an Facebook, die Halbwertzeit einer Freundschaft zu definieren

Und doch – es ist nicht wie früher.

Vor ein paar Jahren, als NEON die erste von unzähligen Geschichten über Freundschaften im digitalen Zeitalter erzählt hat, war ich sehr skeptisch über Sinn und Nachhaltigkeit von virtuellen Freundschaften. Und neidisch, weil natürlich keiner meiner 30+-Freunde auf Facebook wollte.  These: Die NEON-Twentysomethings bekommen ernsthafte Schwierigkeiten, wenn ihnen die realen Freunde nicht in die sozialen Netzwerke folgen – sie würden verloren gehen, weil sie einfach nicht mehr am Alltag teilhätten.

Zeitversetzt um ein halbes Jahrzehnt ist das auch bei mir angekommen. Alle sind bei Facebook – die Freunde, die Bekannten, Kollegen, Alt-Kontakte aus den diversen Stationen meines Lebens. Und die Freunde, die sich bis heute verweigert haben, die haben ein Problem – bzw. ich mit ihnen.

Ein paar sind so tatsächlich verloren gegangen in diesem verlorenen letzten Jahrzehnt, das ist mir kurz vorm Ende des Jahreswechsels aufgefallen, als ich nicht, wie in den vorangegangenen Jahren, mit einem früher besten Freund hereingefeiert habe, und das wird mir in ein paar Wochen auffallen, wenn die Tennissaison beginnt und es keine Grundlinienduelle mit einem alten Weggefährten geben wird.

Vielleicht ist es an Facebook, die Halbwertzeit einer Freundschaft zu definieren. Denn von diesen 1.0-Freunden lese oder höre ich nichts mehr, bis eben ein Anlass wie der Frühlingsanfang sie einmal im halben Jahr per Mail oder SMS nach oben spült. Danach verschwinden sie wieder im Off-Modus der 1.0-Welt.

Frühlingsbeginn 2.0: Live-Bilder, Echtzeit-Updates und Bar-Eröffnungen in der Timeline

Stattdessen lese ich, ob ich will oder nicht, in meiner Timeline in Facebook oder Twitter alles über den Frühlingsbeginn. Wenn ich nicht selbst längst draußen auf dem Balkon wäre, würde ich wahnsinnig werden. Mit dem iPhone den ersten Frühlingstag beginnen, um zu lesen, wie der erste Frühlingstag beginnt.
„Die Twitter-Mädchen zwitschern zum Frühlingsstart aber heute besonders viel“, schreibt da einer. „Endlich! In der Sonne 26 Grad!“ eine andere. Und: „Fühlt sich wie auf ’ner Beachparty! :)“,  ist von der wilden_amazone zu lesen, die im wirklichen Leben bei einer der größten Agenturen des Landes arbeitet und vom Neumarkt gerade ein beneidenswertes Abendbild twittert.

Aus ihrer Timeline weiß ich auch, dass die Strandperle morgen wieder öffnet, während ich durch den Veranstaltungskalender einer Social Media-Kollegin gelernt habe, dass das frühere Bereuther heute als Bar Hundert wieder zum Leben erweckt wird. Damals, vor neun Jahren, war ich öfter dort, es war ein guter Sommer – lange vor Facebook, Twitter und dem iPhone.

Vor allem war es Katharinas Sommer – der Sommer, in dem unsere Zeit begann. Heute sind wir enge Freunde, wenn man in solchen Kategorien denken will, oft genug geht das ja nicht, danach. Auch sie kommt gut ohne Facebook aus und hat mir einmal auf meine Freundschaftsanfrage erklärt, sie wolle mit dem Aktualisierungszwang einfach nicht mehr mithalten müssen. Und doch: Die Freundschaft funktioniert trotzdem als eine der ganz wenigen aus der Xing-only-Gegenwelt.

Durch Facebook und Twitter etwas verpassen – und diese Erkenntnis gleich facebooken und twittern

Nun ist Frühling, und während um mich herum das Leben zu explodieren scheint, sitzt sie wieder einmal vor mir, bereits im achten Monat schwanger, es ist unser erstes Treffen seit fast einem halben Jahr. Wir sitzen vor diesem gut beleuchteten italienischen Restaurant in Ottensen, essen zum ersten Mal in diesem Jahr draußen, irre ist das an einem 25. März. Wir reden über die letzten sechs Monate, über den schneereichen Winter, den plötzlichen Frühlingsausbruch, die Zeit dazwischen, vor allem aber über uns.

„Was für ein Tag für ein Wiedersehen.“
Sie grinst.
„Beinahe wie früher.“
„Ja, beinahe.“
Pause.
„Weißt du schon, wie ihr es nennen wollt?“
Sie sagt es mir.
„Wow, das ist die beste Wahl überhaupt. Meinen Glückwunsch!“
Sie lächelt. „Danke. Und wie geht es dir?“

Ich sage es ihr. Es ist so viel passiert in dieser Zeit. Unter der Oberfläche bei mir, weitaus erkennbarer bei ihr. Das letzte Mal im September war es nicht mehr als ein Bauchansatz, kleiner als bei den meisten Männern. Nun ist es Leben. Ich fasse den Bauch an und kann das Kind fühlen. Es kommt mir so seltsam vor, so irreal, aber dieses kleine Lebewesen, das schon strampeln kann, wird in wenigen Wochen für immer ihre Welt verändern. Man hat ja keine Vorstellung von so etwas.

Das iPhone habe ich seit Stunden vergessen, Facebook interessiert mich gerade nicht. Sie redet langsam und ist ganz bei sich, unglaublich gelassen, wie eine Figur aus einer Judith Hermann-Kurzgeschichte, im letzten Jahr waren wir noch bei der Lesung, nun erscheint sie mir selbst ein bisschen verwandelt. Noch nie habe ich Katharina so gesehen. Eine enorme Erhabenheit liegt darin. Ich freue mich wahnsinnig für sie – und denke plötzlich mitten bei der dritten Cuba Libre, dass ich bei dem ganzen Gefacebooke und Getwittere vielleicht doch etwas verpasse. Vielleicht doch. Das Schlimmste aber ist, dass ich im nächsten Moment denke, dass ich genau diese Erkenntnis jetzt twittern und facebooken müsste. Missing out – on life.

Das Beste am ersten Frühlingstag: Zu wissen, dass noch alles vor einem liegt

Das Allerschlimmste: Dass ich den richtigen Moment vielleicht selbst schon verpasst habe. Diesen – und jenen. Ich bringe sie zum Auto, winke ihr nach und sehe, wie die Rücklichter kleiner werden und hinter der Kurve verschwinden.
Katharina war die Frau vor Saskia.

Allein in der Frühlingsnacht, an der Alster entlang den ganzen Weg nach Winterhude. Aufgeregte, kehlige Stimmen hallen durch die Nacht und künden vom Aufbruch. Ich liebe das ja, die Nacht alleine für mich, die ersten Vögel zwitschern. So kann es sechs Monate weitergehen, steht da in meiner Timeline bei Facebook. Das kann es. Das ist ja das Beste am ersten Frühlingstag: Zu wissen, dass wieder alles vor einem liegt.

Die Wohnung ist leer, Saskia schon zu ihren Eltern gefahren. Sie hat sich den Freitag frei genommen, ein langes Reitwochenende. Ich gehe auf den Balkon und inhaliere ein letztes Mal die süßliche Frühlingsluft. Die blaue Stunde. Frühling, das ist immer Aufbruch, das ist ein Neuanfang. Der Preis dafür ist der Abschied von etwas.

Meine Klasse: Schulfreunde wiederfinden in Facebook

11. November 2009

Mit der Schule ist es so eine Sache. Lang ist es her, unfassbare 15 Jahre – fast ein halbes Leben also, Zeit genug, um die Schulzeit erneut zu betrachten, in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon zu bekommen, was in der Welt um einen herum passiert.

Der Blick zurück im Rückspiegel löst unweigerlich ein Gefühl von Nostalgie aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich längst ein seidener Schleier der Verklärung über jene Zeit der frühen 90er Jahre gehüllt, Tage des wiedervereinigten Deutschlands, des frühen HipHops und der Geburtsstunde des Grunge. Milde gestimmt blicke ich auf jene Zeit zurück, in der man für neun Jahre immer wieder dieselben Gesichter sah. Eine surreale Schicksalsgemeinschaft. Doch wo und was sind die einstigen Weggefährten heute?

Nicht einmal ein 15-jähriges Klassentreffen kam dieses Jahr zustande, traurig irgendwie. Und trotzdem ist der Faden zur eigenen Vergangenheit nie ganz abgerissen. Überraschend viele Klassenkameraden treffe ich alle halbe Jahre dann doch irgendwo zwischen Ottensen, der Schanze oder der Alster wieder. Meistens zufällig, doch dann immer wieder gerne.

Falsche Klassenkameraden: Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet

Wie wäre es also, bewusst nach seinen Klassenkameraden in Facebook zu suchen? Ich versuche es – und scheitere. Keiner meiner näheren Bekannten ist hier – oder will zu Facebook. Ich versende Einladungsmails, werde schon zum Fürsprecher des weltgrößten Social Networks. Ging schnell. Und dauert lange. Keine Reaktion – und wenn: negative. Lass mal, ist mir zu heikel mit der Privatsphäre, sagt einer. Ich wende ein, dass man darüber volle Kontrolle habe, doch das Unbehagen ist mächtiger. Oder die Bequemlichkeit. Keine Zeit, meint ein anderer, wir kommunizieren doch auch über eMail und SMS prima. Sehr einsnullig.

Dann passiert doch etwas – eine neue Freundschaftsbestätigung. Doch den Sportsfreund kenne ich nicht – persönlich. Ich kenne ihn, nur anders. Aus dem Fernsehen. Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet, verrät mir mein Facebook-Profil. Zuerst finde ich das lustig, dann doof. Otto Pfister war bekanntermaßen lange Zeit Trainer der kamerunischen Nationalmannschaft, bei der WM 2006 in Deutschland noch der togoischen – und nicht zuletzt dank seines Nachnamens eher eine Witzfigur als realer Kontakt.

Da hat sich ein Schulfreund wohl nicht ganz getraut, seinen realen Namen anzugeben und stattdessen den 61-jährigen Handlungsreisenden in Sachen Fußballkultur in Afrika vorgeschickt. Ich belehre den Freund in einer eMail, dass soziale Netzwerke wie Facebook durchaus von ihrer Authentizität leben und er sich doch bitte zu erkennen geben möge. Das will er nicht, und so ist Otto am Ende des Tages nicht mehr mein Freund.

Das Fenster zur Vergangenheit: Plötzlich tauchen die Klassenkameradinnen wieder auf – mit ersten Falten, Umstandskleidern und anderen Nachnamen

Was mir auf Facebook bleibt, ist eine Klassenkameradin, mit der mich zu Schulzeiten nicht so viel verbunden hat und die dann plötzlich in den langen Fluren der Milchstraße vor mir stand. Wiedersehen im Journalismus. Auf Facebook sehe ich, was ich schon aus ihrem Blog wusste: Julia ist verheiratet und hat Kinder. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen, lese ich da auf der Geburtstagstorte für die Kleinste in einem ihrer Fotoalben. Herzallerliebst!

Und plötzlich öffnet sich damit dann doch das Fenster zur Vergangenheit: Ich finde in Julias Fotoalben die Gesichter wieder, die ich zumindest fünf Jahre nicht gesehen habe – und Bäuche, die noch gar nicht. In der Freundesliste vervollständigt sich dann das Bild. Da sind sie plötzlich wieder, die drei, vier umschwärmten Mädels der Schulzeit, die jeder toll fand, aber niemand aus der Klasse kriegte – sondern nur die Jungs aus der Oberstufe.

Einige Dinge werden sich nie ändern, andere hingegen fundamental – die ersten Falten, die Umstandskleider, die Nachnamen etwa. Doch das ist es nicht, was mich stutzig macht. Mit ein paar Klicks bin ich so tief in die Vergangenheit eingetaucht und gleichzeitig mit Überschallgeschwindigkeit in die Zukunft zurückkatapultiert worden, wie es kein Klassentreffen schaffen könnte. Facebook ist härter und direkter – ein unbarmherziger Reality-Check im Fastforward-Modus. That was then, this is now.

40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg – bei mir sind es mehr

Es wird viel passieren, heißt es im unsäglichen Jingle zur noch unsäglicheren Vorabendserie „Marienhof“, die unsäglicherweise ziemlich genauso alt ist wie die Zeit nach dem Abitur. Es ist viel passiert nach der Schulzeit, in diesen 15 Jahren, die Soziologen „die Rushour des Lebens“ nennen, in der man eigentlich alles geregelt kriegen sollte. Karriere starten, die Beziehung fürs Leben eingehen, Nachwuchs zeugen. Schließlich sollten wir ja eigentlich erwachsen werden.

Bei mir ist es so wie in wohl vielen Beziehungen der Generation NEON: Einige Dinge kommen von selbst, andere lassen auf sich warten. Man schiebt sie Jahr für Jahr vor sich hin, weil es so viel anderes zu erleben gibt. Ein Jahr noch. Die Thailand-Reise, die Lateinamerika-Reise, die geplante Weltreise, Arbeit jeden Tag bis nach 20 Uhr, immer noch eine Geschichte fertig schreiben, immer noch eine Präsentation vorbereiten, in dem Fitzelchen Freizeit bei Saskia das Pferd, bei mir – Facebook?

Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen meine liebste Freizeit-Beschäftigung geworden. 40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg, hat eine Studie der britischen IT-Beraterfirma Morse vorvergangene Woche rausgefunden – ein Scherz gegen das, was ich inzwischen auf Facebook zubringe.

Das endet nicht gut, ich weiß. Aber hört man deswegen mittendrin auf? Ich klicke durch die Bilder unseres letzten Australien-Urlaubs, Zeit ein Fotoalbum hochzuladen. „Awesome Australia“, nenne ich es. So war das. Awesome. Und jetzt? Dreaming of days gone by down under, schreibe ich in mein Status-Update. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen.