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Das Jahrzehnt der Selbstentblößung

15. Januar 2010

Zwei Wochen ist es her, dass ziemlich still und mit wenig Melancholie das vorherige Jahrzehnt zu Ende ging. Zu viel ist danebengegangen in diesem verlorenen Jahrzehnt, in dem an den Aktienmärkten so viel Kapital wie nie vernichtet wurde, in dem der Terror ein trauriges Comeback erlebte und die Weltgemeinschaft mit kriegerischen Verstrickungen belastet wurde wie lange nicht mehr.

Doch es war nicht alles schlecht an den Nullerjahren. Der ganz große Dekadengewinner war zweifellos das Internet. Erinnern wir uns: Zur Jahrtausendwende war das WWW zwar auch schon in aller Munde – zehn Jahre später ist es indes längst zum festen Bestandteil des Alltags geworden. So ziemlich alles, was wir für unseren Alltag benötigen, können wir im Internet erledigen, kaufen, nachschauen, recherchieren.

So scheint es denn, dass das Internet selbst für immer mehr Menschen zum Alltag geworden ist. 350 Millionen von ihnen sind inzwischen in Facebook, dem ersten wirklich globalen sozialen Netzwerk versammelt, ganz selbstverständlich so wie früher in der Schule oder der Uni. Alles teilen wir inzwischen online – unsere Handynummer, unsere letzten Urlaubsbilder, unsere Befindlichkeiten.

Aktualisierungszwang: Meine Facebook-Freunde bauen sozialen Druck auf

Zehn Jahre zuvor wäre diese Form der Alltags-Kommunikation, die die Branche so gerne als Social Media umschreibt, als sozialer Wahnsinn abgetan worden. Wie gerne haben wir uns noch in den späten 90er-Jahren hinter kryptischen Mail- oder AIM-Pseudonymen versteckt. Moonman73. Oder sweetiegirl84. Oder, am schlimmsten: suessemaus86. Heutige Twitternutzer haben zumindest ihren Jahrgang fallen lassen und nennen sich nun snoopsmaus. Freiwillige Online-Preisgabe unserer aktuellen Gefühlslage, des Arbeitgebers oder gar des Beziehungsstatus‘ an alle unsere Freunde, Bekannten und Verwandten? Ende der 90er undenkbar!

Doch was ist inzwischen eigentlich mit uns – oder zumindest: einigen von uns – passiert? Wie Getriebene teilen wir unser Leben mit den seltsam flüchtigen Netzwerk-Freunden, so dass es manchmal aussieht wie ein realer Lebenswettbewerb in Echtzeit. Die besseren Bilder, die cooleren Status-Updates, die meisten Freunde – das ist aus der Idee des Teilens geworden.

So könnte man es sehen, wenn ich mich durch die Neuigkeiten auf meiner Startseite klicke. So viele Winterbilder sehe ich da, dass ich mich irgendwo unter Druck gesetzt fühle, auch schnell rauszulaufen, so lange die Eisschollen noch auf der Elbe schwimmen und die schneebedeckten Wiesen die Alster umrahmen. Und natürlich sollte ich auch Fan der Facebook-Gruppe Alstereisvergnügen 2010 werden, wie alle meine Hamburger oder Nicht-Hamburger Facebook-Freunde. „Sozialen Druck“ nennt das die Psychologie.

Ein Leben für Facebook: Stunden echter Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt

Dann lese ich in den Neuigkeiten von einem Tool, das wohl als echter Indikator des Social Media-Wahns durchgehen kann. „Time Spent On FaceBook!!“ heißt die Applikation, denn schließlich gibt es auf Facebook genau wie auf dem iPhone keine App, die es nicht gibt. Ich befürchte nichts Gutes. 29 Stunden und 31 Minuten hat eine polnische Freundin, die ich über ‚Meet New People‘ kennengelernt habe, auf Facebook verbracht – in einer Woche. Das sind mehr als 4 Stunden – am Tag!

4 Stunden echte Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt, was man gemacht hat oder machen will: Das Online-Leben beginnt das Offline-Leben zu ersetzen. Dass das nicht erlischt, ist klar – und hat auch ein befreundeter Ex-Kollege erkannt, den ich letztes Jahr zu Facebook verleitet habe. „Countdown: my facebook communication terminates 31-12-2009“, steht da als vorweggenommene Neujahrsresolution ein Tag vor Silvester. „F***ed up with Social Media. Schreibe höchstens noch mal Mails…“

Ein konsequenter, aber auch mutiger Entschluss, schließlich ist der Kollege Chefredakteur einer Hamburger PR-Agentur, die in Sachen Social Media macht. Kann man das durchhalten? Ich finde den Vorsatz so schlecht nicht. Es ist so schnell gegangen mit Facebook und mir – meine Freundeszahl liegt im dreistelligen Bereich, ich teile manches mit manchen, die ich im wirklichen Leben – IRL – gar nicht kenne.

Verlorene Unschuld: „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“

Doch das Leben endet ja nicht einfach am 31.12. – man gibt es ja nicht einfach an der Silvester-Garderobe ab. Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen, und allein das muss mitgeteilt werden. Und weil wir Neujahr alle rund um den Globus anders erlebt haben, ist die Vorlage ziemlich groß, unsere Silvester-Befindlichkeit via Facebook und Twitter mitzuteilen – und zwar in Echtzeit. Mit Bildern dazu.

Plötzlich war es 2010, und „Daisy“ war da. Dann nannten meine Facebook-Freundinnen nur noch eine Farbe in ihren Status-Updates, was am Ende so etwas war wie der erste kollektive Facebook-Flashmob. Manche fanden es lustig, manche behämmert, manche männliche Nutzer einfach eine schön subtile Anspielung auf weibliche Vorzüge, während es um etwas anderes ging. Morgen geht es um Haarfarbe. Übermorgen über den nächsten „Sex-and-the City“-Film. Überübermorgen um Miley Cyrus, Megan Fox oder Cristiano Ronaldo.

Überüberübermorgen beginnt beim Kollegen elf Stunden nach dem Jahreswechsel. „under the blue moon – though hidden I found it“, steht da. Was auch immer. Einen halben Tag später : „blue moon, blue eyes – what else?“ Was sonst? Was auch sonst! „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“, hat die Schriftstellerin und Sascha Lobo-Mitstreiterin Kathrin Passig gestern in einem bemerkenswerten Interview erklärt.

Befreiende Selbstentblößung: Die Katharsis der Beichte beflügelt

So ist das im größten aller sozialen Netzwerke: Wir hängen darin wie eine Spinne – und sind doch selbst Gefangene. Einmal drin im Netz, spinnen wir selbst eifrig unsere Netze und schreiben weiter an Status-Updates, als ginge es um unser Leben, als könnten wir unser Leben umschreiben, als schrieben wir also unsere Biografie.

Warum gibt er das überhaupt zu„, hat Boris Becker über die Medien André Agassi gefragt, der sich mit seiner gerade erschienenen Biografie „Open“ um Kopf und Kragen geschrieben hat – und im schlimmsten Fall wegen seines Drogengeständnisses Titel hätte aberkannt bekommen können. Um Geld kann es nicht mehr gehen. Es ist die Katharsis der Beichte, die beflügelt.

Genauso ist es auch bei Facebook. Es ist ein bisschen wie die Stimmung nach dem Rendezvous, wenn es passiert ist, wenn man nackt im Bett liegt und nichts zu verbergen hat. Nichts mehr zu verbergen. Nackt sein hat etwas Befreiendes – vielleicht gerade, wenn es vor 350 Millionen Menschen geschieht. Vielleicht ist dieser Reiz der Selbstentblößung der Treiber von Selbstoffenbarungsplattformen wie Facebook.

„Today my chances to have Sex are: 81%“, spuckt die Facebook-Applikation einer Freundin aus – und postet es, für alle ersichtlich, auf die Startseite. Der Facebook-Freundin gefällt das. Einem Freund auch. „Go for it“, schreibt er – und setzt das obligatorische Smiley. So öffentlich war der Umgang mit der eigenen Sexualität wohl nie.

Ich will darauf auch etwas schreiben – irgendwas Geistreiches, aber was könnte das sein, was nicht verspießt oder, schlimmer noch, neidisch klingt? Vielleicht sollte ich einfach selbst die Applikation starten und meine Chancen messen? Ich zögere und drehe die Heizung höher. Minus 8 Grad sind es draußen immer noch – mir ist das eindeutig zu kalt für ein schlüpfriges Status-Update im noch so jungen Jahrzehnt der Selbstentblößung.

Foreign Affairs

4. Dezember 2009

Ich bin nicht alleine. Genauer gesagt bin ich wie alle anderen. Jeder bei uns in der Redaktion findet Megan Fox toll. Jeder Mann. Dabei ist mir das unangenehm. Ich finde es nicht besonders schön, so unter der Gürtellinie getroffen zu werden. So direkt, so mit Anlauf. Wenn man Megan Fox sieht, sieht man, na ja – Sex. Nichts als pure Fleischeslust, rohe, ungezügelte Gedanken.

So etwas passiert mir nur bei dunkelhaarigen Frauen. Das letzte Mal, als eine Frau so etwas in mir ausgelöst hat, war gegen Ende der Uni-Zeit. Und natürlich war sie auch brünett. Giana, Italienerin mit luxemburgischem Pass und die beste Auslandserfahrung, die ich je hatte. Kennengelernt in London, wiedergesehen in Hamburg und Brüssel. Dummerweise war ich damals in einer Beziehung, was alles kompliziert, dann kaputt gemacht hat – die Beziehung und die Sache mit Giana erst recht.

Für den Moment denke ich, dass ich etwas  von dem Chaos gerne zurück hätte – nicht die Folgen, aber das Gefühl von Lebendigkeit. „Behalte das, was zwischen uns geschehen ist, in deiner Schatztruhe, und sag dir einfach, dass es sehr schön war. Au revoir“ – so endete das damals, vor knapp zehn Jahren.

Der Gatsby-Moment in Facebook – zur Liebe am anderen Ufer blicken

In diesen schlauen Hollywood-Blockbustern der Moderne zieht der Protagonist dann weiter, wohl wissend, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Es gehe nichts über einen würdigen Abgang, heißt es – usw, usf. Den hatte ich damals, im Juni 2000, als die Fußball-EM Brüssel lahmlegte – ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft.

Alles, was danach kam, wurde besser – für die DFB-Elf und für mich irgendwo auch. Mit Saskia. Mit unserer Zeit. Lange habe ich nicht mehr an Giana gedacht, die ich danach zu einer jener Liebesgeschichten verklärt habe, die eben nicht sein sollten – heftig, aber aussichtslos. Was aber, wenn sie plötzlich wieder greifbar werden?

Diesen Gatsby-Moment, in dem F. Scott Fitzgerald gedankenversunken am West Egg des nachts auf seine Liebe am anderen Ufer blickt, erlebe ich dank Facebook. Giana finde ich sofort, sogar ihr Profil ist teilweise sichtbar, ohne dass ich die Freundschaftsanfrage hinausschicken muss.

Mail aus der Vergangenheit: Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“

Wow. Neun Jahre sind neun Jahre, aber sie sieht immer noch faszinierend aus. Anders  faszinierend. Damals ein Mädchen von Anfang zwanzig, heute eine Frau von Anfang dreißig. Faszinierender ist das! Ihre Haare sind länger, ihr Lächeln noch gewinnender geworden. Und mit ihren haselnussbraunen Augen nimmt sie weiter Gefangene. Heute arbeitet Giana bei der EU-Kommission  und hat auffallend viele Kommentare von männlichen Freunden unter ihren Fotos. Was habe ich erwartet? Ich schreibe ihr trotzdem eine Mail.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, nach dem Aufwachen noch etwas gespannter auf die Facebook-Applikation des iPhones zu blinzeln. Und tatsächlich – eine rote „1“ leuchtet über dem Postfach auf. Giana? Giana!

Hi Nils,

mir geht es wie immer! 🙂 Nichts hat sich wirklich verändert. Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“, keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne. Arbeite inzwischen bei der EU, was riesig Spaß macht. So viele verschiedene Menschen, so viel Kulturen. Wie steht es bei dir?

Grüsse aus Brüssel.

Giana

Penser à Bruxelles steht im Status-Update. Wer denkt schließlich nicht an Brüssel?

Das freut und enttäuscht mich zugleich. Eine umgehende Antwort (prima!), noch nicht verheiratet (sehr gut!), noch keine Kinder (noch alles möglich!) – aber doch sehr formell geschrieben.  Ich antworte ihr:

Hey Giana,

wie schön, so schnell von Dir zu hören – klingt doch toll. Bei mir ist auch alles „beim Alten“ 🙂 Viel zu  schreiben, aber „keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne“ 😉  Lass uns doch bei Gelegenheit skypen!

LG, Nils

Spätestens, als ich das geschrieben habe, fühle ich mich schäbig. Keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne? Das kann man so kategorisch nicht sagen. Zumindest nicht Saskia. Schreibe ich aber – Giana. Bin ich dabei, die Geschichte zu wiederholen?

Uns bleibt immer Brüssel, hatte Giana in ihrer Abschiedsmail geschrieben. Das bleibt uns. Dieses Facebook weckt nun aber Gedanken in mir, die gar nicht gut sind. Aber kann man Facebook dafür verantwortlich machen, dass es wie die Büchse der Pandora mit etwas lockt, was längst latent in uns schlummert? Papperlapapp!

Ich aktualisiere mein Status-Update. Penser à Bruxelles, steht da. Kann man doch so schreiben – wer denkt nicht mal an Brüssel? Ich fühle mich so verwegen wie ein 14-facher Grand Slam-Gewinner. Ob wohl Tiger Woods auch solche Status-Updates verfasst hat, bevor er seinen Wagen gegen den Baum setzte? Zum Glück bin ich nicht in Gefahr – ich habe ja bis heute keinen Führerschein.

Die lieben Kollegen: Vom Freundschaftszwang

29. November 2009

Facebook ist nicht gesund. Seit ich mich angemeldet habe, steigt meine Verweildauer beständig an – und mit ihr das Unbehagen. Es scheint nur dieses Entweder-Oder zu geben. Entweder man macht es ganz oder gar nicht. Ich habe mich für das ‚Ganz’ entschieden und bekomme gerade eine Vorahnung davon, wie sehr Facebook mein Leben verändern wird.

Facebook, das ist wie ein trügerisches Fenster in eine andere Welt, in der man sich scheinbar spielerisch bewegen kann, ohne die andere zu verlassen. Das stimmt aber nicht. Alles, was wir in der einen Welt tun, hat seine Folgen in der anderen. Wie sehr und warum, bemerke ich im Umgang mit meinen Kollegen, den heikelsten aller Facebook-Freunde.

Wer in der Medienbranche arbeitet, weiß, was ich meine. Grundsätzlich ist hier jeder erst einmal nett, freundlich und extrem aufgeschlossen. In der New Economy-Zeit gab es noch jeden Freitag oder manchmal sogar Montag ab 17 Uhr irgendwelche Anlässe, wieder die Sektflaschen zu entkorken, alles so cool und lässig. Und auch in der größten Medienkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Niedergang mit Fassung getragen – schließlich geht als Journalist ja immer was: Die Neuen Medien, der Paradigmenwechsel, jede Woche irgendwo ein neues Portal – klappt schon.

Befreiung vom Business-Alltag: Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke

Was auch ganz gut klappt, ist das Befreunden auf sogenannten Business-Netzwerken, allen voran natürlich Xing, was bei mir zur wöchentlichen Überflutung der Mailbox mit Anfragen von irrsinnig gut gelaunten PR-Frauen führt, die – ganz selbstlos – wieder auf ein Mega-Event, eine ganze tolle Kooperationsmöglichkeit oder einen exklusiven Gesprächspartner hinweisen.

Xing, das früher openBC hieß, ist das Must für alle Berufstätigen, die entweder in einem größeren Konzern arbeiten oder im entferntesten Sinne etwas mit der Kommunikationsbranche zu tun haben, denn schließlich gibt es ja nichts Wichtigeres als zu netzwerkeln.
Dass das vielleicht sogar auf nur 140 Zeichen geht, glauben immer mehr Bürohengste, die inzwischen den Microblogging-Dienst Twitter stürmen, um mitzuteilen, wen man wieder @Bahnbrechendes getroffen hat und zu RT: retweeten, damit auch ein bisschen Glanz vom schlauen Sprüchlein auf einen selbst abfallen möge. I’m huge on Twitter. Yeah, right.

Man folgt jedem Bekannten und Unbekannten – was liegt also näher, als seine Bekannt-, Verwandt-, und Kollegenschaft nun also auch bedenkenlos auf Facebook zuzuklicken, schließlich geht hier ja alles etwas ungezwungener zu. Facebook, das ist die Befreiung des Büro-Menschen aus seiner selbst verschuldeten Xing-Existenz und die logische Ergänzung der Twitter-Mitteilsamkeit. Es ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke.

In dieses Facebook kriegst du mich nicht: Nun mit jedem Eintrag mehr Erstaunen

Wie ‚casual’ erfahre ich, als ich mich daranmache, die lang aufgeschobenen Xing-Kontakte in Facebook zuzuklicken – oder eben doch nicht. Da ist etwa der ehemalige Ressortleiter aus München, den ich gerne bestätige. Ich mag ihn: Seit zehn Jahren kennen wir uns, reden nicht nur über Aktien und den HSV, sondern auch, wie das mit der Ehe ist und mit Kindern wäre, er hat schließlich schon eine hinter sich und ein Kind auf dem Weg. Und wir sitzen nicht mehr in einer Redaktion. Das sind die besten Facebook-Freunde.

Das gilt auch für Harald, der heute die Redaktion einer großen Hamburger PR-Agentur leitet und den ich dort von einem IT-Projekt kenne – und natürlich von der Financial Times Deutschland. In dieses ‚Facebook’ kriegst du mich nicht, hat er mir noch vor Kurzem beim Lunch gesagt. Nun ist Harald selbst drin und schreibt Sachen, die mich mit jedem Eintrag mehr staunen lassen.

Nicht nur, dass meine Links, Fanpages und ein Snoop Dogg-Video, das ich vor 5 Minuten selbst gepostet habe, nun auf seiner Pinnwand auftauchen („check it out!“) – da ist auch noch ein interessantes Posting über eine Lesung heute Abend im Thalia Theater, die „Schade um den schönen Sex“ heißt. Und die entsprechend kommentiert wird: „Mal schauen, ob ich es jobzeitlich zu der Lesung schaffe. Aber wahrscheinlich komme ich wieder zu spät…“

Alle sind Freunde: Ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt

Doch das ist noch nicht alles. Da gibt es noch die echten Kollegen, die mich seit Tagen daran erinnern, dass sie mir Freundschaftsanfragen geschickt haben. „Wirklich? „, bringe ich so schlecht geschauspielert wie Wolfgang Schäuble bei Maybrit Illner heraus, „sehe ich mir gleich heute Abend an.“

Am nächsten Morgen wird die Nase noch länger, als ich mal wieder zu spät zur Arbeit komme. „Na, gestern gar nicht mehr vorm Rechner gewesen?“, fragt Alex. „Aber cooler Tweet um halb drei. Hat der Google-Conference Call echt sooo lange gedauert? “ In solchen Situationen hasse ich die soziale Realität, die in der Ära des Mitmach-Internets so gerne und so reflexartig als Social Media beschrieben wird.

Warum bekomme ich es nicht hin, die Wahrheit zu sagen? Warum sage ich nicht einfach: Ich finde, Du bist ein prima Kollege, ich sitze gerne neben Dir, es macht einen höllischen Spaß, mit Dir über Fußball – meinetwegen sogar über die Eintracht – zu reden, erst recht über alte Springsteen-Alben und am liebsten über Frauen, die sich seltsam auf Twitter und beim Social Media Club inszenieren. Aber ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt, die dir irgendwann den Spiegel vorhält, weil Facebook genau wie Google nie vergisst – und im Gegenteil nicht mal neu bewertet, also sortiert, denn deine Bilder und Postings sind immer greifbar.

Privatsphäre war gestern: Alles ist öffentlich – finde dich damit ab

Ist das paranoid? Wahrscheinlich. Aber ich bin ganz sicher, dass diese leicht anzüglichen Foto-Kommentare von der Polin mit dem engen Oberteil, für jeden sichtbar durch ihr Profilfoto, in der schlechtest denkbaren Situation ebenso auf mich zurückfallen wie ein Status-Update um vier Uhr nachts oder der Startseiten-Eintrag, dass ich nun Fan von Megan Fox bin. Egal, ich bestätige. Es gibt kein Entkommen, ich weiß nicht, was ich heute sagen würde. Alexander sitzt neben mir. Ich muss ihn bestätigen.

„Hammerbilder, Megan Fox“, höre ich am nächsten Morgen als Erstes. „Splitternackt im Hochsicherheitstrakt – bin auch Fan geworden. Gleich heute morgen. Kann ich gut verstehen, dass Du bis vier Uhr wach warst – bei den Bildern“. Gegröle im Newsroom. Mir fällt nichts mehr dazu ein. Außer das Zitat des früheren Sun-CEOs Scott McNealy, der schon Mitte der Neunziger die neue Realität in der Internet-Ära voraussah: Privacy is dead. Deal with it, schreibe ich in mein Status-Update.