Archiv für das Tag 'MacBook'

Eine Facebook-Trennung: Die zweite Halbzeit

10. Mai 2010

Es ist nicht zu Ende, bis es zu Ende ist, lautet diese weit verbreitete amerikanische Redensart. Wie schnell es aber dann zu Ende gehen kann, merkt man ja selbst immer als Letzter.

Samstagabend ist es, wieder ein Samstagabend alleine, wie die letzten Wochenenden, an denen ich in der Wohnung umherschleiche und nichts zu tun hatte, außer über uns nachzudenken. Und wenn selbst das zu nichts führt, gibt es immer noch Facebook, dort gibt es schließlich allerhand  zu tun – bzw. zu kommentieren, posten, klicken.

Frühling soll das sein, was wir an diesem zweiten Maiwochenende haben, aber Frühling sieht anders aus. Ich sitze auf der Couch, zappe durch das TV-Programm, bleibe bei den Bierduschen für Louis van Gaal und seine Bayern stehen, ich habe nicht mal mehr etwas gegen den, eigentlich finde ich den Bayern-Coach in seiner kauzigen Art fast schon Kult, dieses Feierbiest.

Als ich fast drohe, vor dem Aktuellen Sportstudio einzuschlafen, fällt mir ein, dass ich diese neue Erkenntnis twittern könnte: Louis van Gaal, ein Trainer für die zweite Halbzeit. Oder, damit es auch Retweets gibt: Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit. Das hat gestern in der Reh Bar ein ehemaliger Klassenkamerad von mir gesagt, der jetzt bei PriceWaterhouseCoopers arbeitet und das Up in the Air-Leben lebt.

Es gibt immer eine starke zweite Halbzeit, bedeutet: Es geht immer weiter. Oliver Kahn-Weisheiten. Ich will das twittern oder facebooken, finde aber das iPhone nicht – Drama pur. Ich rutsche auf dem Sofa herum und greife nach meinem alten MacBook, das ich mehr oder weniger an Saskia abgetreten habe, seit ich das Pro benutze, Zweitverwendung.

Der Moment, in dem Zeit gefriert: Eine Facebookseite, die nicht meine ist

Auch leer natürlich. Wie gut, dass das Ladekabel in der Nähe ist. Plugin, MacBook hochfahren. Eine Menge Seiten sind da offen, ich kann sie nicht ganz zuordnen. Pferdezeug, Sättel für über tausend Euro, Abschwitzdecken in den Hunderten – alles für den vierbeinigen Liebling. Ist schließlich ein Rassewallach, ein Turnierpferd, ich sollte es mir wirklich häufiger ansehen und nächstes Wochenende mal wieder in den Reitstall kommen, denke ich halb schlaftrunken, während ich durch das Album auf Facebook klicke.

Dann schlägt der Blitz ein. Es gibt diesen Augenblick, wenn der Zeiger über die 12 läuft, wenn das Band zerreißt, wenn man über die Klippe in den Abgrund fällt, aber der Aufprall noch aussteht – man weiß aber, dass er im nächsten Bruchteil der Sekunde kommen wird – der Harry Potter-Moment, in dem Zeit gefriert.

Was ich sehe, als meine Zeitrechnung kristallisiert, ist dies: Eine Facebookseite, die nicht meine ist, das Bild meiner Freundin, Pferdebilder, Kommentare von immer demselben Nutzer, ein Beziehungsstatus, der Single lautet und eine Nutzerin, die sich Sas Kia nennt. Ganz clever.

Trennung 2.0: Nicht Face-to-Face – auf Facebook

Als die Zeit weitertickt, ich meinen Herzschlag hämmern spüre und ich auszuatmen vergesse, lese ich:

Hey Maus, Du machst Dich so gut auf dem Braunen, freu mich schon sooo auf unseren Reiterurlaub!
Samstag, 8. Mai, 8:42 Uhr.

Das Datum wird zum Meilenstein.

Vorbei also.

Es ist eigenartig: Ich habe mir diesen Tag X immer anders vorgestellt. Dramatischer. Ehrlicher. Ohne Dritte. Nicht schriftlich. Face-to-Face. Nicht auf Facebook. Oder ist das Absicht, damit es richtig wirkt, damit es nicht den Hauch eines Zurücks gibt? Keine Frage: Wenn das der Plan war, dann geht er auf.

Zuerst ist da die Verachtung: Mit dem Erstbesten, dem Reitlehrer, einem Protagonisten aus einem Groschenroman, in dem es nun Zeit für die Heuszene wäre. Ich bin fast dankbar dafür: Dass mir das, über was ich mir selbst seit geraumer Zeit selbst den Kopf zerbreche, so leicht gemacht wird. Dass –

Dann kommt die zweite Welle. Die Wände scheinen zu bröckeln, der Boden sich aufzutun, Fenster zu zersplittern. Diese Wohnung ist kein zu Hause mehr. Das hier ist vermintes Territorium.

Für einen Moment spiele ich damit, meinen Beziehungstatus auf ‚Single’ zu setzen. Revanchegelüste. Stattdessen fahre ich Skype hoch.
Nico ist online.
St. Peterburg, hämmere ich in die Tastatur, wann?
Im Juni.
Bin dabei, schreibe ich.

Vor mir aus hätte es morgen sein können, aber das ist mir auch recht. Weiße Nächte sind die längsten Nächte.

Und von mir aus danach direkt nach Moskau. Oder was der Sommer noch so an kurzen Röcken hergibt, denke ich, bis mir einfällt, dass gekränkte Kinder die dümmsten Dinge anstellen…

Während die Freundin ihren Feierabend im Reitstall verbrachte, verbrachte ich ihn auf Facebook

Aber darum geht es ja gar nicht. Es ist der Moment danach, wenn man weiß, dass die Schlacht geschlagen, aber noch nicht die Bereitschaft vorhanden ist, die Verluste abzuschätzen. Ein Lebensabschnitt, der zerbirst, statt zu zerfasern – auf Facebook, welch Ironie, dass sich der Kreis hier schließt.

Ich wusste es ja längst: Wir haben uns auseinandergelebt und es verpasst, den nächsten Schritt zu tun. Wenn man sechs Jahre miteinander lebt, geht man davon aus, dass es immer so weitergeht. Irgendwann wird geheiratet, irgendwann kommen Kinder. So der Plan.

Die Wirklichkeit jedoch verläuft ja anders. Wenn der HSV 2:0 in der ersten Halbzeit führt und das Spiel bestimmt, wäre es trotzdem gut, das 3:0 zu machen. Wenn man an der Börse einhundert Prozent vorne liegt, wäre es ganz gut, Gewinne mitzunehmen. Die nächste Krise kommt nämlich bestimmt: an den Aktienmärkten wie in der zweiten Halbzeit – und erst recht in der zweiten Halbzeit der Beziehung.

Statt Hochzeitsglocken und Nachwuchs kam das Pferd – und Facebook. Während die Freundin ihren Feierabend und die Wochenenden im Reitstall verbrachte, verbrachte ich sie vor Facebook. Und wie ich hier nun lernen sollte, verbrachte die Liebste ihre Freizeit nicht nur beim Pferdchen, sondern irgendwann auch beim Reiter. Und sogar auf Facebook.

Simple together: One final goodbye after all those years

Während ich langsam zu begreifen beginne, was ‚vorbei‘ bedeutet, fällt mir schlagartig ein, welchen Song ich dazu auf Facebook posten sollte. Im vermutlich einschneidendsten Moment der letzten Jahre, des letzten Jahrzehnts, ist das mein erster klarer Gedanke – dass zu jedem Abschied auch ein Soundtrack gehört. Der Soundtrack des Lebens. Krankes Leben.

Also bring ich zu Ende, was zu Ende gebracht werden muss. Wir wussten es beide seit einem halben Jahr, als Saskia uns von Boston nach Montreal fuhr und plötzlich auf dem 6.99-Dollar-BestBuy-Alanis Morissette-Bestof der Track lief. Ich wusste damals, dass es unserer Song wäre, im schlechten Sinne, dass es der wäre, der es besiegelt, dass er Wort für Wort ausdrückt, was schiefgelaufen ist, und ich habe mich damals weder getraut ihn wegzuschalten, noch ihn zu facebooken. The autumn leaves von Tony Bennett war der Kompromiss danach, der ist auch traurig genug.

Simple together, steht da nun im Status Update. One final goodbye after all those years.

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.