Archiv für das Tag 'F. Scott Fitzgerald'

Wunderland Facebook: Ein Ende und ein Anfang

15. Mai 2010

So endet es also.

Ich hatte nicht mehr wirklich erwartet, noch in dieser Nacht zu schlafen. 5 Uhr durch ist es, schon hell, seit Stunden klicke ich zwischen Facebook und Twitter hin und her und starre auf die Timeline. Was für ein belangloser Mist da steht! Rumgequatsche über Schlag den Raab oder Lenas Nacktszene. Halleluja! Nicht, dass ich das alles lesen würde – man macht dann ja immer irgendwas, ganz egal was. Übersprungshandlung nennt das die Psychologie.

Meine ist Facebook. Jetzt – und seit gefühlten Ewigkeiten. Ist es nicht genau das Problem gewesen, frage ich mich. Ich weiß, dass Über-Ich kann jetzt grausame Fragen stellen. Also nur zu. Da ich zu dieser Stunde nicht mehr von Maria, sondern nur noch von Sinatra Zuspruch erwarte, bleibt die Frage an mir hängen.

Ist Facebook schuld?
Ist Facebook schuld an der Trennung? Ist es das?
20 Prozent aller Scheidungen in den USA gehen auf Facebook zurück, habe ich gelernt. Jede fünfte Ehe also. Würde nicht jeder Partner kapitulieren, wenn er merkt, dass man in eine Gegenwelt abtaucht, in der man einfach nicht zu Hause ist? Oder flüchtet man in diese Gegenwelt, weil man zu Hause nicht mehr zu Hause ist?

Ich habe es Saskia zehn- oder zwanzigmal angeboten, auch zu Facebook zu kommen. Es war mir zuerst noch wichtig gewesen. Aber irgendwann hat es aufgehört, wichtig zu sein, und dann haben wir angefangen uns dabei zuzusehen, wem es weniger wichtig ist, wen es mehr trifft – mich, als sie zum ersten Mal auf einer Party mit einem anderen Mann tanzte oder sie, wenn ich meine Zeit mit virtuellen Bekannten, also Frauen, im Internet verbringe, während sie keine drei Meter weiter alleine den Tatort schaut. Ein Austesten, bis irgendwann die Reitstunden immer länger, die SMS am Abend mehr und die Entschuldigungen für Spaziergänge alleine um zehn Uhr abends immer dümmer werden.

Parallelwelt Facebook: Die irrste Zeitreise überhaupt

Ich habe stattdessen eine ungeplante Reise unternommen, die sich schnell als Expedition in eine Parallelwelt herausstellen sollte. Wenn ich an Facebook denke, dann denke ich an diesjährige Verfilmung von Alice im Wunderland.

Es wimmelt ja nur so von Freaks da draußen. Ich habe applaussüchtige Zirkusclowns kennen gelernt ebenso wie Familienväter, die auf Facebook zum Sugar Daddy werden und sich um Kopf und Kragen statusupdaten, nur um der 23-jährigen Praktikantin zu imponieren. Peinliche Egoshooter und getriebene Selbstdarsteller ohne Selbstzweifel.

Und genauso habe ich Dinge gesehen und neue Weggefährten kennen gelernt, von denen ich nie dachte, dass sie schnell zu Freunden im besten Sinne des Wortes werden können, obwohl sie in Südafrika sitzen, in Danzig oder in Lima.

Diese Reise ist nun beendet, irgendwie. Zumindest dieser Teil. Und wie Alice, die aus dem Loch herauskrabbelt, um zur wartenden Adelsgesellschaft zurückzukehren, habe ich etwas mitgenommen aus diesem verrückten halben Jahr: Wenn ich in Facebook eines gelernt habe, dann, was ich nicht will. Es stimmt ja nicht, dass es nur eine luizide Parallelwelt wäre, in der man sich verlöre. Das Gegenteil ist der Fall: Facebook lässt einen vieles im klareren Licht sehen.

Man sieht die Flüchtigkeit mancher Freundschaft.
Man sieht den Narzissmus manches Kollegen.
Man sieht die einfachen Verlockungen, die hinter flirtbereiten Profilbildern stecken.
Man sieht mit einem Klick, was aus der Jugendliebe geworden ist – und freut sich oder sich beglückwünscht sich selbst, dass es zu Ende ist.

Man sieht aber auch die Schönheit, die in der Freundschaft liegt – sei es, dass sie am Strand von Barcelona geschlossen und in Warschau weitergeführt wird oder sei es, dass sie auf Facebook gemacht wird und im echten Leben bestätigt werden muss. Facebook, das ist die irrste Zeitreise überhaupt. Man kann permanent in der Zeitachse nach vorn und hinten springen.

Eine Welt voller Optionen: Aufbrechen, um woanders anzukommen

Herausgekommen ist eine Welt voller Optionen, denke ich, während ich wie im Winter wieder am Altonaer Balkon stehe und den Schiffen nachblicke, die da unten beim Hafengeburtstag auslaufen – immer zieht es mich hierin, ich bin Bürgermeister auf Foursquare von diesem Fleckchen Erde, wirklich wahr.

Nun ist Frühling, echter Frühling jetzt, und die Welt ist voller Verheißungen. Ich sitze auf einer der Bänke und klicke mich auf meinem iPhone durch Flugverbindungen. St. Petersburg steht da oben auf der Liste, das ist klar. Antwerpen für ein Wochenende mit dieser ironischen Belgierin ist schon gebucht, rein freundschaftlich. Aber da ist noch jemand anders, die mich wirklich neugierig macht. Ich recherchiere Flüge nach Tirana.

Im selben Moment poppt eine Facebook-Mail auf. How are you, any improvement with the Hamburg summer? 😉 Melaz macht Witze. 12 Grad bei uns, 25 in Tirana. I’m so sorry for you guys, just embrace the summer! In Tirana you’ll get just that – it’s awesome, it’s the real summer! So come on over 🙂

Das glaube ich ihr aufs Wort. Der Flug ist rausgesucht. Landung um Mitternacht in Rinas, das verrückteste Date aller Zeiten wäre das. Nur ein Klick fehlt – nur ein Fingertipp auf dem iPhone.

Ich blicke in den Hafen, blicke in die majestätische Frühlingskulisse, sehe wie ein Schiff das Trockendock verlässt und aufbricht in die sieben Meere, auf dem Weg ins Irgendwo. Jeden Tag verlassen Menschen ihre Heimat, brechen auf und kommen als andere woanders an.

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu“, beendet F. Scott Fitzgerald den Großen Gatsby. Aber das stimmt ja nicht. Denn wenn man denkt, es wäre vorbei, hat es tatsächlich erst angefangen.

Ich tippe aufs iPhone und sehe, wie die Seite umspringt. Gebucht.

Moving is living, schreibe ich in mein Statusupdate.

Und so beginnt es.

Foreign Affairs

4. Dezember 2009

Ich bin nicht alleine. Genauer gesagt bin ich wie alle anderen. Jeder bei uns in der Redaktion findet Megan Fox toll. Jeder Mann. Dabei ist mir das unangenehm. Ich finde es nicht besonders schön, so unter der Gürtellinie getroffen zu werden. So direkt, so mit Anlauf. Wenn man Megan Fox sieht, sieht man, na ja – Sex. Nichts als pure Fleischeslust, rohe, ungezügelte Gedanken.

So etwas passiert mir nur bei dunkelhaarigen Frauen. Das letzte Mal, als eine Frau so etwas in mir ausgelöst hat, war gegen Ende der Uni-Zeit. Und natürlich war sie auch brünett. Giana, Italienerin mit luxemburgischem Pass und die beste Auslandserfahrung, die ich je hatte. Kennengelernt in London, wiedergesehen in Hamburg und Brüssel. Dummerweise war ich damals in einer Beziehung, was alles kompliziert, dann kaputt gemacht hat – die Beziehung und die Sache mit Giana erst recht.

Für den Moment denke ich, dass ich etwas  von dem Chaos gerne zurück hätte – nicht die Folgen, aber das Gefühl von Lebendigkeit. „Behalte das, was zwischen uns geschehen ist, in deiner Schatztruhe, und sag dir einfach, dass es sehr schön war. Au revoir“ – so endete das damals, vor knapp zehn Jahren.

Der Gatsby-Moment in Facebook – zur Liebe am anderen Ufer blicken

In diesen schlauen Hollywood-Blockbustern der Moderne zieht der Protagonist dann weiter, wohl wissend, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Es gehe nichts über einen würdigen Abgang, heißt es – usw, usf. Den hatte ich damals, im Juni 2000, als die Fußball-EM Brüssel lahmlegte – ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft.

Alles, was danach kam, wurde besser – für die DFB-Elf und für mich irgendwo auch. Mit Saskia. Mit unserer Zeit. Lange habe ich nicht mehr an Giana gedacht, die ich danach zu einer jener Liebesgeschichten verklärt habe, die eben nicht sein sollten – heftig, aber aussichtslos. Was aber, wenn sie plötzlich wieder greifbar werden?

Diesen Gatsby-Moment, in dem F. Scott Fitzgerald gedankenversunken am West Egg des nachts auf seine Liebe am anderen Ufer blickt, erlebe ich dank Facebook. Giana finde ich sofort, sogar ihr Profil ist teilweise sichtbar, ohne dass ich die Freundschaftsanfrage hinausschicken muss.

Mail aus der Vergangenheit: Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“

Wow. Neun Jahre sind neun Jahre, aber sie sieht immer noch faszinierend aus. Anders  faszinierend. Damals ein Mädchen von Anfang zwanzig, heute eine Frau von Anfang dreißig. Faszinierender ist das! Ihre Haare sind länger, ihr Lächeln noch gewinnender geworden. Und mit ihren haselnussbraunen Augen nimmt sie weiter Gefangene. Heute arbeitet Giana bei der EU-Kommission  und hat auffallend viele Kommentare von männlichen Freunden unter ihren Fotos. Was habe ich erwartet? Ich schreibe ihr trotzdem eine Mail.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, nach dem Aufwachen noch etwas gespannter auf die Facebook-Applikation des iPhones zu blinzeln. Und tatsächlich – eine rote „1“ leuchtet über dem Postfach auf. Giana? Giana!

Hi Nils,

mir geht es wie immer! 🙂 Nichts hat sich wirklich verändert. Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“, keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne. Arbeite inzwischen bei der EU, was riesig Spaß macht. So viele verschiedene Menschen, so viel Kulturen. Wie steht es bei dir?

Grüsse aus Brüssel.

Giana

Penser à Bruxelles steht im Status-Update. Wer denkt schließlich nicht an Brüssel?

Das freut und enttäuscht mich zugleich. Eine umgehende Antwort (prima!), noch nicht verheiratet (sehr gut!), noch keine Kinder (noch alles möglich!) – aber doch sehr formell geschrieben.  Ich antworte ihr:

Hey Giana,

wie schön, so schnell von Dir zu hören – klingt doch toll. Bei mir ist auch alles „beim Alten“ 🙂 Viel zu  schreiben, aber „keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne“ 😉  Lass uns doch bei Gelegenheit skypen!

LG, Nils

Spätestens, als ich das geschrieben habe, fühle ich mich schäbig. Keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne? Das kann man so kategorisch nicht sagen. Zumindest nicht Saskia. Schreibe ich aber – Giana. Bin ich dabei, die Geschichte zu wiederholen?

Uns bleibt immer Brüssel, hatte Giana in ihrer Abschiedsmail geschrieben. Das bleibt uns. Dieses Facebook weckt nun aber Gedanken in mir, die gar nicht gut sind. Aber kann man Facebook dafür verantwortlich machen, dass es wie die Büchse der Pandora mit etwas lockt, was längst latent in uns schlummert? Papperlapapp!

Ich aktualisiere mein Status-Update. Penser à Bruxelles, steht da. Kann man doch so schreiben – wer denkt nicht mal an Brüssel? Ich fühle mich so verwegen wie ein 14-facher Grand Slam-Gewinner. Ob wohl Tiger Woods auch solche Status-Updates verfasst hat, bevor er seinen Wagen gegen den Baum setzte? Zum Glück bin ich nicht in Gefahr – ich habe ja bis heute keinen Führerschein.