Archiv für das Tag 'Elbe'

Von Schwänen und Haien: Alte Freunde, neue Bekannte

15. Februar 2010

„Beziehungen sind das Schwerste im Leben“, sagt George Clooney im vielleicht bislang besten Film des Jahres, Up in the Air. Clooneys Charakter Ryan Bingham, der durch die USA jettet, um Menschen zu feuern, will sie nicht eingehen. Es bleibt alles ziemlich flüchtig beim Unternehmensberater.

Kaum anders ist es auf Facebook, wenn wir uns einmal auf unserer Pinnwand und Startseite umsehen. Im Minutentakt fliegen dort neue Meldungen ein so wie auf der Abflugtafel des Flughafens:

Maximilian ist jetzt mit Olga befreundet.

Flug Nummer 232 von München nach Moskau steht jetzt zum Boarding bereit.

Alona ist jetzt verlobt.

Bitte gehen Sie zum Gate Nummer B 23, Ihr Flug ist jetzt zum Abflug bereit.

So geht es dauernd zu auf Facebook. Die Nachrichten unserer Freunde heben ab und landen wie Flugzeuge. Immer weiter, immer schneller. 322 Tage im Jahr fliegt Ryan Bingham durch die USA. „Was mich die übrigen 43 Tage hassen lässt“, scherzt der Clooney-Charakter, ganz eins mit seinem smarten Hollywood-Klischee. Sind wir eigentlich so oft im Jahr offline, bzw. nicht auf Facebook? 43 Tage im Jahr? Ich nicht.

„Du bist nicht auf Facebook?“ – „Genau“ – Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“

Vielleicht sollte ich das aber, erklärt mir Ina gestern, die ich auf der Geburtstagsparty einer Freundin kennenlerne. Der Dialog geht so:

„Hey, kennen wir uns schon?“
„Glaube nicht, aber das sollten wir ändern. Ina“. Es kommt zum Handshake.
Pause.
„Auch aus Berlin?“
„Hamburg.“
„Hamburg, wie smart“. Sie grinst und taxiert mich. Luftanhalten, Bauch einziehen und endlich mal mit den Fritz-Kolas aufhören, denke ich.
„Und, was machst Du?“ Die Standardfrage über 30, ob man will oder nicht.
„Ich schreibe“, sage ich.
„Cool, ich auch“, sagt Ina.
Damit hat sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen. „Wirklich, was denn?“
„Romane. Und Du?“
„Da kann ich nicht mithalten. Artikel. Blogs. Und all den Kram dazwischen.“
„Oh.“
„Oh, so schlimm?“
„Oh, nein gar nicht“. Die nächste Pause, etwas länger.
Ich versuche es mit dem Clooney-Lächeln, das ich gestern gelernt habe. „Warum dann ‚oh‘?“

„Darauf war ich nicht vorbereitet. Das ist so öffentlich. Nicht meins.“ Jetzt grinst sie.
„Wieso? Als Autor bist Du doch viel öffentlicher.“
„Bin ich nicht. Ich veröffentliche nicht.“
„Oh. Das ist natürlich auch ein Weg.“ Das ist so großartig berlinerisch, denke ich und halte inne, dann fällt mir etwas anderes ein. „Dann bist Du also auch nicht auf Google auffindbar.“
„Genau“.
Letzte Chance. „Aber auf Facebook.“
„Never.“
„Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“, grinse ich und entschuldige mich in Richtung der Drinks, um das gleich auf meinem iPhone zu kontrollieren.

„Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“

Drei Stunden und zwei leere Rotweinflaschen später bedauere und bewundere ich Ina gleichzeitig. Dass sie schreibt, aber nicht veröffentlicht und dass sie schreibt, aber unerkannt bleibt. Leider wird der Abend nun so enden, dass wir uns nicht befreunden können. Sie existiert schließlich nicht in der digitalen Welt. Das macht sie verdächtig. „Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“, feuere ich unterdessen als Status-Update an meine 300 Freunde auf Facebook und 600 Follower auf Twitter heraus. Musste ja mal so gefragt werden.
Doch statt einer Antwort stellte Ina die Fragen. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit mit deinem Handy?“
„iPhone“, korrigiere ich.
„Was auch immer. Kannst Du nicht mal ohne das Teil zuhören?“ Es fällt mir schwer.
„Ja, nein – Moment“. Es surrt. Statt der SMS, die ich erwarte, eine Direct Message.

„Sag mal, Nils, hast Du über dein digitales Leben eigentlich dein analoges vergessen?“ fragt mich Miriam. „Ich lese seit Monaten nur noch Status-Updates von Dir. Unsere Freundschaft kann ich auch wohl knicken, oder?“ Früher waren wir eng miteinander befreundet, doch über die Jahre ist etwas passiert. Obwohl wir auf Facebook Freunde sind, hat sich unsere Freundschaft spürbar abgekühlt. Miriam wirft mir vor, Neuigkeiten beliebig mit allen sogenannten Freunden auf Facebook zu teilen, statt mit ihr, wie früher, exklusiv per Mail. Weil ich nicht weiß, was ich darauf entgegnen soll, ohne noch mehr Porzellan zu zerschlagen, lasse ich es.

Beziehungen und Freundschaften sind das Schwerste im Leben. „All die Kompromisse, Streitereien und Geheimnisse“, bilanziert George Clooneys Protagonist in Up in the Air. „Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sterben wir.“ Fühlen wir uns deshalb trotz Stunden am Tag vor dem Computer so lebendig, weil einem Facebook so unverbindlich und doch so aufregend erscheint wie ein Transatlantikflug? Moving is living.

Die Gegenwart gewinnt. Man muss schließlich Entscheidungen treffen

„Was ist denn nun“, herrscht mich unterdessen Ina an.
„Moment, das ist wichtig.“ Ich setze zur Antwort auf Facebook an.

„Wichtig, wichtig – was kann wichtiger sein als der Moment?“
„Eine zerbrochene Freundschaft“
„Ja, oder eine nicht geschlossene“. Sie guckt herausfordernd und dabei ziemlich lasziv.

Crunchtime.

Ich blicke sie einen Moment zu lange an, klicke Facebook weg und schalte das iPhone aus.
„Ok“, sage ich ihr, „die Gegenwart gewinnt.“ Man muss schließlich Entscheidungen treffen. Entscheidungen bedeuten Bewegung.

Nicht immer sind die spontanen Entscheidungen allerdings die besten, wie George Clooneys Charakter Ryan Bingham in Up in the Air feststellen muss, als er mitten im bestbezahlten Vortrag seines Lebens eine weiche Stelle in seinem Herz entdeckt und aufbricht, um außerplanmäßig nach Chicago zu fliegen. Dass mir Miriam das Schweigen übel nehmen wird, ahne ich. Dass Saskia, meine Freundin, in den nächsten Stunden zwei SMS verschicken und drei Anrufe starten wird, erwischt mich allerdings auf dem Nachhauseweg so eiskalt wie der Schneesturm im Morgengrauen. Vollkommene Verdrängung.

Die Schneeflocken im Gesicht verharre ich noch einen Moment am Altonaer Balkon und blicke über den Hafen, über die Docklands, die von merklich weniger Eisschollen eingerahmt sind. Ein erster Vogel zwitschert, ein anderer erwidert. In zwei, drei Wochen werden sie den Frühling ankündigen. Manche Tiere sind dazu bestimmt, immer beieinander zu bleiben, symbiotisch, ein Leben lang. Wie Schwäne. Aber machen wir uns nichts vor: Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie.

Das Jahrzehnt der Selbstentblößung

15. Januar 2010

Zwei Wochen ist es her, dass ziemlich still und mit wenig Melancholie das vorherige Jahrzehnt zu Ende ging. Zu viel ist danebengegangen in diesem verlorenen Jahrzehnt, in dem an den Aktienmärkten so viel Kapital wie nie vernichtet wurde, in dem der Terror ein trauriges Comeback erlebte und die Weltgemeinschaft mit kriegerischen Verstrickungen belastet wurde wie lange nicht mehr.

Doch es war nicht alles schlecht an den Nullerjahren. Der ganz große Dekadengewinner war zweifellos das Internet. Erinnern wir uns: Zur Jahrtausendwende war das WWW zwar auch schon in aller Munde – zehn Jahre später ist es indes längst zum festen Bestandteil des Alltags geworden. So ziemlich alles, was wir für unseren Alltag benötigen, können wir im Internet erledigen, kaufen, nachschauen, recherchieren.

So scheint es denn, dass das Internet selbst für immer mehr Menschen zum Alltag geworden ist. 350 Millionen von ihnen sind inzwischen in Facebook, dem ersten wirklich globalen sozialen Netzwerk versammelt, ganz selbstverständlich so wie früher in der Schule oder der Uni. Alles teilen wir inzwischen online – unsere Handynummer, unsere letzten Urlaubsbilder, unsere Befindlichkeiten.

Aktualisierungszwang: Meine Facebook-Freunde bauen sozialen Druck auf

Zehn Jahre zuvor wäre diese Form der Alltags-Kommunikation, die die Branche so gerne als Social Media umschreibt, als sozialer Wahnsinn abgetan worden. Wie gerne haben wir uns noch in den späten 90er-Jahren hinter kryptischen Mail- oder AIM-Pseudonymen versteckt. Moonman73. Oder sweetiegirl84. Oder, am schlimmsten: suessemaus86. Heutige Twitternutzer haben zumindest ihren Jahrgang fallen lassen und nennen sich nun snoopsmaus. Freiwillige Online-Preisgabe unserer aktuellen Gefühlslage, des Arbeitgebers oder gar des Beziehungsstatus‘ an alle unsere Freunde, Bekannten und Verwandten? Ende der 90er undenkbar!

Doch was ist inzwischen eigentlich mit uns – oder zumindest: einigen von uns – passiert? Wie Getriebene teilen wir unser Leben mit den seltsam flüchtigen Netzwerk-Freunden, so dass es manchmal aussieht wie ein realer Lebenswettbewerb in Echtzeit. Die besseren Bilder, die cooleren Status-Updates, die meisten Freunde – das ist aus der Idee des Teilens geworden.

So könnte man es sehen, wenn ich mich durch die Neuigkeiten auf meiner Startseite klicke. So viele Winterbilder sehe ich da, dass ich mich irgendwo unter Druck gesetzt fühle, auch schnell rauszulaufen, so lange die Eisschollen noch auf der Elbe schwimmen und die schneebedeckten Wiesen die Alster umrahmen. Und natürlich sollte ich auch Fan der Facebook-Gruppe Alstereisvergnügen 2010 werden, wie alle meine Hamburger oder Nicht-Hamburger Facebook-Freunde. „Sozialen Druck“ nennt das die Psychologie.

Ein Leben für Facebook: Stunden echter Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt

Dann lese ich in den Neuigkeiten von einem Tool, das wohl als echter Indikator des Social Media-Wahns durchgehen kann. „Time Spent On FaceBook!!“ heißt die Applikation, denn schließlich gibt es auf Facebook genau wie auf dem iPhone keine App, die es nicht gibt. Ich befürchte nichts Gutes. 29 Stunden und 31 Minuten hat eine polnische Freundin, die ich über ‚Meet New People‘ kennengelernt habe, auf Facebook verbracht – in einer Woche. Das sind mehr als 4 Stunden – am Tag!

4 Stunden echte Lebenszeit, um zu berichten, wie man lebt, was man gemacht hat oder machen will: Das Online-Leben beginnt das Offline-Leben zu ersetzen. Dass das nicht erlischt, ist klar – und hat auch ein befreundeter Ex-Kollege erkannt, den ich letztes Jahr zu Facebook verleitet habe. „Countdown: my facebook communication terminates 31-12-2009“, steht da als vorweggenommene Neujahrsresolution ein Tag vor Silvester. „F***ed up with Social Media. Schreibe höchstens noch mal Mails…“

Ein konsequenter, aber auch mutiger Entschluss, schließlich ist der Kollege Chefredakteur einer Hamburger PR-Agentur, die in Sachen Social Media macht. Kann man das durchhalten? Ich finde den Vorsatz so schlecht nicht. Es ist so schnell gegangen mit Facebook und mir – meine Freundeszahl liegt im dreistelligen Bereich, ich teile manches mit manchen, die ich im wirklichen Leben – IRL – gar nicht kenne.

Verlorene Unschuld: „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“

Doch das Leben endet ja nicht einfach am 31.12. – man gibt es ja nicht einfach an der Silvester-Garderobe ab. Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen, und allein das muss mitgeteilt werden. Und weil wir Neujahr alle rund um den Globus anders erlebt haben, ist die Vorlage ziemlich groß, unsere Silvester-Befindlichkeit via Facebook und Twitter mitzuteilen – und zwar in Echtzeit. Mit Bildern dazu.

Plötzlich war es 2010, und „Daisy“ war da. Dann nannten meine Facebook-Freundinnen nur noch eine Farbe in ihren Status-Updates, was am Ende so etwas war wie der erste kollektive Facebook-Flashmob. Manche fanden es lustig, manche behämmert, manche männliche Nutzer einfach eine schön subtile Anspielung auf weibliche Vorzüge, während es um etwas anderes ging. Morgen geht es um Haarfarbe. Übermorgen über den nächsten „Sex-and-the City“-Film. Überübermorgen um Miley Cyrus, Megan Fox oder Cristiano Ronaldo.

Überüberübermorgen beginnt beim Kollegen elf Stunden nach dem Jahreswechsel. „under the blue moon – though hidden I found it“, steht da. Was auch immer. Einen halben Tag später : „blue moon, blue eyes – what else?“ Was sonst? Was auch sonst! „Es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook“, hat die Schriftstellerin und Sascha Lobo-Mitstreiterin Kathrin Passig gestern in einem bemerkenswerten Interview erklärt.

Befreiende Selbstentblößung: Die Katharsis der Beichte beflügelt

So ist das im größten aller sozialen Netzwerke: Wir hängen darin wie eine Spinne – und sind doch selbst Gefangene. Einmal drin im Netz, spinnen wir selbst eifrig unsere Netze und schreiben weiter an Status-Updates, als ginge es um unser Leben, als könnten wir unser Leben umschreiben, als schrieben wir also unsere Biografie.

Warum gibt er das überhaupt zu„, hat Boris Becker über die Medien André Agassi gefragt, der sich mit seiner gerade erschienenen Biografie „Open“ um Kopf und Kragen geschrieben hat – und im schlimmsten Fall wegen seines Drogengeständnisses Titel hätte aberkannt bekommen können. Um Geld kann es nicht mehr gehen. Es ist die Katharsis der Beichte, die beflügelt.

Genauso ist es auch bei Facebook. Es ist ein bisschen wie die Stimmung nach dem Rendezvous, wenn es passiert ist, wenn man nackt im Bett liegt und nichts zu verbergen hat. Nichts mehr zu verbergen. Nackt sein hat etwas Befreiendes – vielleicht gerade, wenn es vor 350 Millionen Menschen geschieht. Vielleicht ist dieser Reiz der Selbstentblößung der Treiber von Selbstoffenbarungsplattformen wie Facebook.

„Today my chances to have Sex are: 81%“, spuckt die Facebook-Applikation einer Freundin aus – und postet es, für alle ersichtlich, auf die Startseite. Der Facebook-Freundin gefällt das. Einem Freund auch. „Go for it“, schreibt er – und setzt das obligatorische Smiley. So öffentlich war der Umgang mit der eigenen Sexualität wohl nie.

Ich will darauf auch etwas schreiben – irgendwas Geistreiches, aber was könnte das sein, was nicht verspießt oder, schlimmer noch, neidisch klingt? Vielleicht sollte ich einfach selbst die Applikation starten und meine Chancen messen? Ich zögere und drehe die Heizung höher. Minus 8 Grad sind es draußen immer noch – mir ist das eindeutig zu kalt für ein schlüpfriges Status-Update im noch so jungen Jahrzehnt der Selbstentblößung.

Das Global Network: Völkerverständigung auf Facebook

20. Dezember 2009

Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen, war das Letzte, was ich schrieb, als ich über das Wiedersehen mit meinen früheren Kollegen nachdachte. Warum also länger in der Vergangenheit leben? Ich tue das viel zu oft, archiviere, kann nichts wegschmeißen, hatte zehn Jahre des „Spiegels“ und der „Wirtschaftswoche“ bei mir herumliegen– Stapel, so überkommen wie das Jahrzehnt. Weg damit, man kann das Leben nicht archivieren. Man muss es leben.

Jetzt! Also will ich auf Facebook einmal etwas tun, was ich bisher nicht getan habe. Neue Leute kennenlernen. Die Vergangenheit und die Gegenwart: Mit den beiden bin ich auf Facebook befreundet. Ob ich will oder nicht – ich habe es aufgegeben, mich den Anfragen zu verweigern, ich habe nichts zu verbergen, oder? Life is short and then you die, so it better be damn good, sagt Steve Jobs immer. Also aufhören, über den Rest nachzudenken.

Aber wenn es schon so kurz ist, will ich auch das Maximale rausholen. Nicht nur das Bekannte. Was mich die ganze Zeit bei der Debatte um Facebook fasziniert, ist die unfassbare Größe, die das Social Network längst erreicht hat. 350 Millionen User können wohl nicht irren. Facebook wäre mittlerweile das drittgrößte Land der Erde, wahrscheinlich werden auch irgendwann Indien und China überholt, ich bin mir ziemlich sicher.  Wenn also irgendwann die ganze Welt miteinander auf Facebook befreundet ist – warum sollte ich das nicht auch sein?

Gebremste Globalisierung: Facebook ist nicht für neue Freundschaften da

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ist genau das meine heimliche Sehnsucht , die mich ursprünglich auf Facebook gelockt hat. Den Gedanken dieser einen Welt zu teilen. Das ist für mich wirklich das Größte überhaupt. Die Kollegen, die Freunde, die Bekannt- und Verwandtschaften, die Ex-Freudinnen – geschenkt. Die sind da. Wie gerne würde ich aber mehr kennenlernen über das Unbekannte: über die Web-Designerin aus Bukarest. Oder die Kunst-Studentin aus Rio de Janeiro.

Also gehe ich auf die Suche! Doch wo findet man neue Freunde in Facebook? Mark Zuckerberg will das ja eigentlich nicht fördern: „Wir wollen keine Community aufbauen“, diktierte der smarte Ex-Harvard-Student dem „Time Magazine“ vor zweieinhalb Jahren, „wir versuchen nicht, neue Verbindungen herzustellen.“ Vielmehr gehe es darum, bestehende zu verbessern.

Tatsächlich sind die regionalen Hürden im weltgrößten sozialen Netzwerk über die Jahre immer höher geworden, was mir ziemlich absurd erscheint. Da ich im Germany-Network bin, kann ich z.B. keine beliebige 27-jährige Norwegerin aus Oslo finden, die gerne in R&B-Clubs geht – ich kann überhaupt nicht nach solchen Kriterien suchen, sondern nur nach Vor- und Nachnamen, was Facebook von Dating-Seiten ganz klar abgrenzt.

Ich finde das verständlich, dann aber doch ein bisschen bedauerlich. Gesetzt den Fall, ich unternehme einen Wochenendtrip nach Oslo und würde mir dort gerne von einer/m Einheimischen die Stadt und das Nachtleben zeigen lassen wollen, wie man das im Lonely Planet-Zeitalter so macht,  so ist mir Facebook nicht besonders behilflich dabei.

Die eigene Stadt zeigen: Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt

Stattdessen lerne ich Nisha kennen. Und das kommt so: Seit einigen Wochen bin ich in einer der unzähligen Hamburg-Gruppen auf Facebook, in denen Mitglieder nicht nur neue Bilder hochladen, sondern auch Anfragen posten. Eine davon kommt von der südafrikanischen Politik-Studentin, die ihr Auslandssemester in Hamburg verbringen wird und sich schon mal nach „Must Sees“ erkundigt.

Also schreibe ich Nisha eine Nachricht, selbstverständlich mache ich das als Lokalpatriot. Ich erzähle ihr von Alster und Elbe, warum es unmöglich ist, zwischen den beiden zu entscheiden, und warum auch total nötig, schreibe ihr vom Alsterufer und Elbstrand, von den Beachclubs, die im Mai öffnen und der schönste Ort in der Stadt sind, um einen Sommerabend zu verbringen, vom Grillen im Stadtpark, von Radtouren im Alten Land und natürlich Partynächten auf der Schanze bis zum Morgengrauen.  Die Antwort kommt am nächsten Tag:

I am already so excited to experience German history, culture and people!
I shall see you sometime when I come to Hamburg 🙂
Be in touch and thank you for your kindness!

Schön ist das. „Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt„, hat Franz Beckenbauer nach der WM 2006 sein Gefühl der Völkerverständigung einmal beschrieben. So geht es mir auch ein bisschen, komplett ohne Hintergedanken. Ich möchte etwas von meiner Stadt zeigen und teilen. Doch das ist nicht ohne Gefahren. „Immer dieses Facebook!“ zischt mich Saskia an, meine Freundin, die plötzlich kopfschüttelnd hinter mir steht. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit? Und wem schreibst Du da?“ Tja, wem schreibe ich da eigentlich…?