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Facebook? Twitter? Im Zweifel für Lisa

5. März 2010

Jonah Peretti muss ein ziemlich smarter Bursche sein. Der amerikanische Internet-Unternehmer ist Co-Gründer des enorm beliebten News-Aggregators The Huffington Post und des Medienmagazins BuzzFeed. Nahe liegend also, dass man von Medienmenschen seines Schlages Geistesblitze am Fließband erwarten kann. Perettis letzter kluger Einfall wurde dann gleich von mehr als hundert Nutzern des Mikroblogging-Dienstes Twitter geretweeted – also: zitiert. Er lautet: „Twitter ist ein einfacher Service, der von smarten Leuten genutzt wird. Facebook hingegen ist ein smarter Service, der von einfachen Leuten genutzt wird.“

Das stimmt natürlich, wie es nicht stimmt. Während man bei Facebook bei inzwischen über 400 Millionen Nutzern so ziemlich alles zu lesen bekommt, gilt es für den noch immer weitaus kleineren Echtzeitnachrichten-Konkurrenten, der seinen Durchbruch in erster Linie der Verbreitung des iPhones und Blackberrys zu verdanken hat, nur, wenn man „die Schwatzbude Twitter“ (Der SPIEGEL) richtig zu filtern weiß.

Und wenn man Lisa liest. Lisa Rank heißt auf Twitter kumullus und schreibt die fantastischsten Sachen, die in 140 Zeichen – oder manchmal auch nur vier Worte passen. „Endorphinparty. Powered by Sonne“, ist da zu den ersten frühlingshaften Tagen zu lesen. Oder: „Wenn mir das Herz aufgeht, macht es das Geräusch von zwischen den Zähnen zerploppenden Nimm2Soft.“ Oder: „Ich als Arzt würde schleimlösende Mittel ja verstärkt bei Werbern einsetzen.“

Lisa Ranks bemerkenswertes Roman-Debüt

Lisa schreibt gerne, das wird schnell klar. So gerne, dass 140 Zeichen dafür nicht reichen – und digitale Formate wie ihr enorm lesenwertes Blog auch nicht. Manche Gedanken wollen zu Papier gebracht, gedruckt und verleimt werden. So geschehen in den vergangenen drei Jahren, in denen Lisa nicht nur in der Berliner Social Media-Szene um Sasha Lobos Zentrale Intelligenz Agentur ihre Spuren hinterlassen, sondern auch noch nebenbei einen bemerkenswerten Debütroman geschrieben hat.

Und im Zweifel für dich selbst“ heißt er und ist seit Montag in den Buchhandlungen. Mittwochabend hat die Neu-Hamburgerin, die seit Ende vergangenen Jahres für eine der größten PR-Agenturen des Landes arbeitet, ihre erste Lesung in Hasenschaukel auf dem Kiez gegeben. Book Release-Party, nennt man das heute. „Ich geh Hasen schaukeln jetzt“ , twittert Lisa ein paar Stunden vorher.

Die Agentur ist zahlreich versammelt, der Chefredakteur hat mich freundlicherweise eingeladen, auch wenn er mein iPhone nicht leiden kann. Der Agenturchef, der auch gekommen ist, dagegen schon. Seltsam komplizenhaft liegen unsere iPhones auf dem Tisch nebeneinander. Er checkt Facebook, ich Twitter. Dass es nicht genau anders herum der Fall ist, liegt an einer anderen Sache, die auffällt, als ich während der Lesung nicht aufhören kann, herumzutippen.

Es ist kompliziert: Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde

‚Lisa’ steht da oben auf meinem Multitouch-Display neben dem Bild-Icon. „Du schreibst ihr jetzt Direct Messages?“ flüstert der Agenturchef halb belustigt, als er auf meinem Display liest: Skype nachher? Oder musst Du noch arg viel machen?  „Ähem, nein, das ist ’ne andere Lisa“, nuschel ich vor mich hin. „Die ist, naja, aus – Facebook. Also: ursprünglich Twitter. Egal, beides.“ Er nickt, als hätte er verstanden.

Das war keine richtig gute Idee. Er kennt Saskia, meine Freundin, wenn auch nicht den aktuellen Beziehungsstand. Passendes Bar-Gespräch dazu vorhin vor der Lesung, beschwingt bei einem Drink: Trennungen – und wie man sie am anständigsten über die Bühne bekommt. „Einfach ehrlich sein“, meinte jemand. „Wir sind halt an unterschiedlichen Punkten in unserem Leben.“ Was für eine Phrase. „Es ist kompliziert“, meinte eine andere. Der Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde.

Auch Lisa liest, so scheint es, unterdessen über Abschiede – wenn auch andere: „Wenn du dann aus der Tür bist, ist die Realität ohne dich, mein Leben ohne dich. Die Kissen liegen zerfleddert über der Bettdecke. Hier und da ein Haar auf dem Überwurf, der sich dazwischen schlängelt wie ein Fluss, Flecken auf dem Laken.“

Beziehungs-Ende auf Facebook: Nicht mal 140 Zeichen braucht eine Trennung

Auf dem Nachhauseweg scrolle ich durch meinen Newsfeed. Auf Facebook lerne ich, dass Deutschland heute 0:1 gegen Argentinien verloren hat. Das fließt direkt in meine Timeline ein. Auf Twitter dagegen: „Hmm, Hunger, aber keine Ahnung, was ich essen soll“, schreibt eine Viel-Twitterin. „Ich will in den Arm!“ eine andere besonders mitteilsame Kurznachrichtenversenderin, während manchem einfach ein kurzer, schmachtender Ausruf reicht: „Hach“. Ich klicke Tweetie weg und schalte das iPhone aus, während die S3 an der Reeperbahn einläuft.

Stattdessen lese ich Lisas letzte Seite. Eine dumme, aber auch schöne Angewohnheit:  „Wenn du mir die Hand auf den Kopf legst, weil ich kein Ende finde, dann liebe ich dich, weil ich nie ein Ende finde und du dann allem ein Ende machst mit deiner Hand, dem Streit und dem Überschwang; und ich liebe Dich sogar, wenn du gehst.“ Die Worte fliegen vorbei wie Plakate im S-Bahn-Tunnel. Wenn es in der jungen deutschen Popliteratur einen Gegenentwurf zur „übelst geilen“ Kraftmeierei gerade so Volljähriger gibt, die aus anderen Blogs abschreiben, dann lese ich ihn nun – schließlich zitiert Lisa, wenn überhaupt mal, nur ihr eigenes.

Ich denke an Saskia, meine Freundin, den Valentinstag und die seltsame Begegnung mit dem Reitlehrer im Reitstall. Der Täter verrät sich am Übereifer, war das nicht immer so im Tatort? War es das? Macht man das so, funktioniert das so mit der Trennung? Der Gedanke von vorhin füllt meinen Kopf, als wollte er platzen.

„Denn wenn du gehst, dann ist das immer noch so, dann geht das nicht weg, was ich immer zu dir sage und was du zu mir sagst, denn auch wenn du schon am S-Bahnhof bist oder in einem anderen Land, ist es immer noch bei mir und drückt kleine Falten in den Kissenbezug“, heißt es in Lisas Roman. Im Zweifel für dich selbst. „XY ist jetzt nicht mehr in einer Beziehung“, heißt es bei Facebook, das Twitter hier sogar in der Effizienz schlägt: Nicht mal 140 Zeichen braucht man dafür. Nur ein Klick wäre das. Nur ein Klick.