Archiv für das Tag 'Brüssel'

L’Auberge Facebook

5. Januar 2010

Jeder hat seinen Lieblingsfilm. „Ist das Leben nicht schön„, ist so ein Epos, gerade in den Weihnachtstagen. James Stewart erlebt darin an Heiligabend seine ganz persönliche Himmel- und Höllenfahrt, um am Ende buchstäblich zu erkennen, wie schön das Leben ist.

Für mich besitzt ein anderer Film aus den vergangenen Jahren eine solche Faszination.  „L’Auberge Espagnole„, ein Überraschungshit, der 2003 in die Kinos kam und zwei Jahre später eine grandiosen Fortsetzung fand, beschreibt wunderbar die Wirren des jungen Erwachsenenlebens  im globalisierten Europa der Nullerjahre. Es ist gleichzeitig ein Porträt der 20- und 30-Somethings des letzte Woche zu Ende gegangenen Jahrzehnts.

Was waren die 2000er? Von kollabierenden Aktienmärkten und Dauerkrisen mal abgesehen, bleiben vor allem zwei Megatrends hängen, die Menschen näher zueinander brachten. Das Internet und Billigflieger.

„L’Auberge Espagnole“ – das Porträt der Generation „Global Twens“

Beides nutze ich natürlich seit dem Aufkommen intensiv, und doch anders als die Protagonisten in L’Auberge Espagnole. Ich bin nämlich ein paar Jahre zu spät gekommen. Vor exakt zehn Jahren habe ich mein Studium beendet, wenige Tage vor dem Millenniumswechsel. Ein oder zwei Jahre später, und ich hätte vielleicht so ein Auslandssemester drangehängt wie Xavier, der französische Wirtschaftsstudent – und das dann auch noch in der zweitschönsten Stadt der Welt: Barcelona!

Der Plot geht so: Die Protagonisten sind nicht die Global Teens, wie sie Douglas Coupland einst in den 90er Jahren beschrieben hat, sondern nur zehn Jahre später, die Global Twens einer inzwischen wirklich globalisierten Ära. Im ersten Teil treffen in einer WG in Barcelona ein Franzose, ein Italiener, ein Däne, eine Spanierin, eine Engländerin, eine Belgierin  und ein Deutscher aufeinander – das alte Europa, wir schreiben das Jahr 2002.

Im zweiten Teil, der drei Jahre später in die Kinos kommt, aber einen Sprung um fünf Jahre im Leben der Protagonisten macht, sehen sich die ehemaligen Erasmus-Studenten in St. Petersburg wieder, weil der kleine Bruder der Engländerin heiratet – und zwar eine Russin. Keine Frage: Es ist ein anderes Leben. Das osterweiterte Europa hat sich gewandelt, erst recht bei den globalisierten Ex-Erasmus-Studenten, die heute mit ihren ersten Jobs voll im Leben stehen und wie  selbstverständlich für Aufträge mal eben zwischen London, Paris und Brüssel pendeln.

Globale Vernetzung – dank Facebook

Einen dritten Teil gibt es nicht, was unendlich schade ist. Aber wenn es ihn geben würde, ist klar, wer der heimliche Held des nächsten Plots wäre – Facebook, der Campus aller vernetzten Global Twenty- und Thirtysomethings aus der ganzen Welt.

Also entschließe ich mich, an meinem eigenen Plot zu schmieden, so sehr hat meine virtuelle Bekanntschaft mit Nisha nachgewirkt. Ich möchte mehr davon: vernetzt mit der ganzen Welt sein, das wäre mein großer Traum. Bekanntschaften von Andorra bis Zaïre.

Es gibt schließlich so viel nachzuholen: Die ganze Welt möchte ich  kennenlernen – virtuell und real. Nach Thailand soll die nächste Reise gehen. Also auf in die Foren! „Travelling Asia“ lautet eins, auf dem eine enorm attraktive Italienerin, die gerade Thailand und Bali bereist hat, unglaublich hilfsbereit Bilder und Reiseempfehlungen mit anderen Mitgliedern teilt. Also trete ich der Gruppe bei und schreibe Chiara direkt an – wohin zu reisen wäre, welche Geheimtipps sie hätte und welche Unterkünfte sie empfehlen kann.

Meet new people – on Facebook

Am nächsten Tag habe ich nicht nur umgehend eine Nachricht von Chiara, sondern auch ihre Freundschaftsanfrage – eine Facebook-Freundschaft, nach deren Profilfoto zu urteilen, mich jeder beneiden wird. ‚Woher kennst Du die denn?‘, skypt mich umgehend ein Freund an. „Facebook“, tippe ich nur ein und ergänze das obligatorische Smiley 🙂

Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich möchte mehr neue Freunde – viel mehr. Ich google, wo man Leute  im weltgrößten Social Network kennenlernen kann. „Meet new people on facebook“ gebe ich ein. Und bekomme genau diese Antwort: Meet new people – on Facebook.  So heißt die Applikation.

Und so geschieht es. Caroline aus Antwerpen kommt hinzu. Ania aus Warschau. Philippa aus Melbourne. Meine Ferientage zwischen den Jahren sind ausgefüllt. Dass Saskia, meine Freundin, unterdessen bei ihren Eltern ein paar Tage im Reitstall  dranhängt – kein Problem, ich habe ja Facebook. Mir mein ganz persönliches weltumfassendes Netzwerk aufzubauen und rund um den Erdball zu schreiben – das ist meine heimliche  Neujahrsresolution. Die L’Auberge Facebook zu finden – daran arbeite ich. Discovering more about Tirana steht in meinem Status-Update, als ich das Profil aktualisiere, während mich Melaz aus Albanien anskypt…

Foreign Affairs

4. Dezember 2009

Ich bin nicht alleine. Genauer gesagt bin ich wie alle anderen. Jeder bei uns in der Redaktion findet Megan Fox toll. Jeder Mann. Dabei ist mir das unangenehm. Ich finde es nicht besonders schön, so unter der Gürtellinie getroffen zu werden. So direkt, so mit Anlauf. Wenn man Megan Fox sieht, sieht man, na ja – Sex. Nichts als pure Fleischeslust, rohe, ungezügelte Gedanken.

So etwas passiert mir nur bei dunkelhaarigen Frauen. Das letzte Mal, als eine Frau so etwas in mir ausgelöst hat, war gegen Ende der Uni-Zeit. Und natürlich war sie auch brünett. Giana, Italienerin mit luxemburgischem Pass und die beste Auslandserfahrung, die ich je hatte. Kennengelernt in London, wiedergesehen in Hamburg und Brüssel. Dummerweise war ich damals in einer Beziehung, was alles kompliziert, dann kaputt gemacht hat – die Beziehung und die Sache mit Giana erst recht.

Für den Moment denke ich, dass ich etwas  von dem Chaos gerne zurück hätte – nicht die Folgen, aber das Gefühl von Lebendigkeit. „Behalte das, was zwischen uns geschehen ist, in deiner Schatztruhe, und sag dir einfach, dass es sehr schön war. Au revoir“ – so endete das damals, vor knapp zehn Jahren.

Der Gatsby-Moment in Facebook – zur Liebe am anderen Ufer blicken

In diesen schlauen Hollywood-Blockbustern der Moderne zieht der Protagonist dann weiter, wohl wissend, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Es gehe nichts über einen würdigen Abgang, heißt es – usw, usf. Den hatte ich damals, im Juni 2000, als die Fußball-EM Brüssel lahmlegte – ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft.

Alles, was danach kam, wurde besser – für die DFB-Elf und für mich irgendwo auch. Mit Saskia. Mit unserer Zeit. Lange habe ich nicht mehr an Giana gedacht, die ich danach zu einer jener Liebesgeschichten verklärt habe, die eben nicht sein sollten – heftig, aber aussichtslos. Was aber, wenn sie plötzlich wieder greifbar werden?

Diesen Gatsby-Moment, in dem F. Scott Fitzgerald gedankenversunken am West Egg des nachts auf seine Liebe am anderen Ufer blickt, erlebe ich dank Facebook. Giana finde ich sofort, sogar ihr Profil ist teilweise sichtbar, ohne dass ich die Freundschaftsanfrage hinausschicken muss.

Mail aus der Vergangenheit: Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“

Wow. Neun Jahre sind neun Jahre, aber sie sieht immer noch faszinierend aus. Anders  faszinierend. Damals ein Mädchen von Anfang zwanzig, heute eine Frau von Anfang dreißig. Faszinierender ist das! Ihre Haare sind länger, ihr Lächeln noch gewinnender geworden. Und mit ihren haselnussbraunen Augen nimmt sie weiter Gefangene. Heute arbeitet Giana bei der EU-Kommission  und hat auffallend viele Kommentare von männlichen Freunden unter ihren Fotos. Was habe ich erwartet? Ich schreibe ihr trotzdem eine Mail.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, nach dem Aufwachen noch etwas gespannter auf die Facebook-Applikation des iPhones zu blinzeln. Und tatsächlich – eine rote „1“ leuchtet über dem Postfach auf. Giana? Giana!

Hi Nils,

mir geht es wie immer! 🙂 Nichts hat sich wirklich verändert. Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“, keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne. Arbeite inzwischen bei der EU, was riesig Spaß macht. So viele verschiedene Menschen, so viel Kulturen. Wie steht es bei dir?

Grüsse aus Brüssel.

Giana

Penser à Bruxelles steht im Status-Update. Wer denkt schließlich nicht an Brüssel?

Das freut und enttäuscht mich zugleich. Eine umgehende Antwort (prima!), noch nicht verheiratet (sehr gut!), noch keine Kinder (noch alles möglich!) – aber doch sehr formell geschrieben.  Ich antworte ihr:

Hey Giana,

wie schön, so schnell von Dir zu hören – klingt doch toll. Bei mir ist auch alles „beim Alten“ 🙂 Viel zu  schreiben, aber „keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne“ 😉  Lass uns doch bei Gelegenheit skypen!

LG, Nils

Spätestens, als ich das geschrieben habe, fühle ich mich schäbig. Keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne? Das kann man so kategorisch nicht sagen. Zumindest nicht Saskia. Schreibe ich aber – Giana. Bin ich dabei, die Geschichte zu wiederholen?

Uns bleibt immer Brüssel, hatte Giana in ihrer Abschiedsmail geschrieben. Das bleibt uns. Dieses Facebook weckt nun aber Gedanken in mir, die gar nicht gut sind. Aber kann man Facebook dafür verantwortlich machen, dass es wie die Büchse der Pandora mit etwas lockt, was längst latent in uns schlummert? Papperlapapp!

Ich aktualisiere mein Status-Update. Penser à Bruxelles, steht da. Kann man doch so schreiben – wer denkt nicht mal an Brüssel? Ich fühle mich so verwegen wie ein 14-facher Grand Slam-Gewinner. Ob wohl Tiger Woods auch solche Status-Updates verfasst hat, bevor er seinen Wagen gegen den Baum setzte? Zum Glück bin ich nicht in Gefahr – ich habe ja bis heute keinen Führerschein.