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Sind deine Freunde schon bei Facebook?

2. November 2009

Also geht es los!

Eine Sekunde später springt die Startseite um, und das Facebook-Universum liegt vor mir – zumindest fast. Bevor ich es nutzen kann, hat Facebook eine Frage an mich. Eigentlich ist es die Frage der Fragen, weshalb man sich schließlich beim größten aller Netzwerke angemeldet hat:

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

Facebook legt mir die Antwort bereits nahe: „Viele deiner Freunde sind vielleicht schon hier“, werde ich gelockt. Wer das wohl ist? „Das Durchsuchen deines E-Mail-Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden“, schlägt mir das Supernetzwerk vor.

Eine solche Aufforderung ist jedoch der sicherste Weg, um Datenneurotiker wie mich in die Flucht zu schlagen. Facebook durchsucht meine Email-Konten? No way! Ich überspringe den Schritt, schließlich gibt es im Online-Zeitalter immer ein Zurück.

Doch dann will Facebook schon wieder etwas von mir wissen: „Gib deine Profilinformationen ein“, lautet die nächste Aufforderung. Warum? „Diese Informationen helfen dir dabei deine Freunde auf Facebook zu finden.““

Freunde bedeutet hier: Klassenkameraden, Kommilitonen und (Ex-)Kollegen. Ich zögere. Möchte ich das? Diese Zeitreise im Fastforward-Modus zurück um fünf, zehn, 15 Jahre – die ersten Jobs, die Studienzeit, die Abiklasse? Eigentlich schon. Eigentlich geht es am Ende bei Facebook um genau diese Neugierde – es ist eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich Köpfe und Gesichter aus dem Web auftauchen lassen könnte, die ich mit Google nie gefunden hätte.


Freunde finden auf Facebook: Per Zeitreise im Fastforward-Modus zurück zur Jugend- und Studienzeit

Und doch: Nicht sofort, nicht nach der Anmeldung, nicht mit diesem blanken Profil. Die Schule könnte komisch werden. Uni indes – Uni geht immer. 40.000 Studenten sind eine Masse. Eine undurchschaubare dazu: Denn die Facebook-Vorschläge gehen alle ins Leere, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nach dem amerikanischen Vorbild der Jahrgänge ausgespuckt werden. Doch so funktionierte es in der Vor-Master-Ära schließlich nicht: Die Absolventen der Jahrtausendwende sind für mich alle Unbekannte.

Also zurück zur Schulzeit. Ich gebe  tatsächlich dieses Gymnasium im Hamburger Nordosten ein, das einst den Ruf der reinsten Streberschule hatte und auf dem ich seinerzeit so urkomische Dinge getan habe, wie Kurzgeschichten in einer Schülerzeitung namens „Cocktail“ zu schreiben – Jugendsünden, möchte man sie zurückholen?

Egal. Ich klicke „Speichern und fortfahren“ und male mir so etwas wie das virtuelle Klassentreffen aus. Das zehnjährige war ein echtes Erlebnis, das fünfzehnjährige indes war einfach ausgefallen. Wird es jetzt auf Facebook nachgeholt? Eine Übersicht aus fingernagelgroßen Porträtfotos poppt auf. Ich scrolle – zwei, drei, vier bekannte Gesichter erkenne ich sofort wieder. Niemand, mit dem mich wirklich viel verbunden hätte, aber spannend natürlich.

Sofort schießen mir die Standardfragen der „Generation NEON“ durch den Kopf: Na, verheiratet, Kinder, Karriere gemacht – oder was man dafür halten könnte? Klickbar sind die Profile leider nicht. Ich müsste den Klassenkamerad als „Freund hinzufügen“.

Spätestens an dieser Stelle wird es für viele von uns problematisch. Man merkt, dass Facebooks Freundesverständnis auf eine amerikanischen Sozialisierung zurückgeht: Ein Facebook-Freund muss noch lange kein echter Freund sein, echte Freunde hat man schließlich vielleicht eine Handvoll, auf Facebook sollte es eigentlich am besten eine dreistellige Anzahl sein.


Die Crux mit dem Profilfoto: Angestrengte Lässigkeit im Casual Friday der sozialen Netzwerke

Dumm nur, dass ich immer noch keinen einzigen habe. Es muss also etwas passieren – und dafür gibt es schließlich noch die dritte Kontaktmöglichkeit; man kann nachUnternehmen“ suchen, also der Zeit im Berufsleben.

Hier muss einem nichts peinlich sein – oder alles, doch das sollte ich erst später erfahren. Zunächst sind viele Berufstätige bei Facebook Newbies, echte Anfänger also, die sich gerne mit dem Hauch des Coolen schmücken würden – in Xing sind wir schließlich alle, in Facebook möchten wir alle rein.

Also gebe ich nun diverse Verlage in die Suche ein, aus zehn Jahren in der Medienbranche sollte etwas hängen geblieben sein. Und siehe da: Meine Kollegen sind natürlich schon längst drin, fast alle aus der Online-Redaktion, und auch aus diversen Internet- und PR-Agenturen erkenne ich jede Menge bekannter Gesichter. Ich fange bei meinem ehemaligen Redaktionsleiter, jetzt in München, an – die erste Freundschaftsanfrage. Zwölf weitere folgen, immerhin zweistellig sollte die Ausbeute zum Start sein, finde ich.

Dann der nächste Schritt, der schwierigste: Ich soll ein Profilbild festlegen. Ich weiß ja – Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke, hier ist alles ein bisschen lässiger. Aber wie lässig ist lässig wirklich – und wann wird lässig peinlich? Jetzt wäre es wohl an der Zeit für das Urlaubsbild meines Lebens, denke ich – für das Dauergrinsen beim Sonnenuntergang auf Ko Phi Phi oder das Glücklich-wie-ein-Honigkuchenpferd-Foto unter der Sydney-Harbour-Bridge mit der Freundin, der ich damals besser den Antrag gemacht hätte. Aber das eine tut hier so wenig zur Sache wie das andere, finde ich.


Facebook als Metapher unseres Erwachsenenlebens: Was wollen wir sein – und wie wollen wir von anderen gesehen werden?

Mir ist das zu privat, ich bin wohl noch zu sehr in der Xing-Welt geerdet, muss ich zugeben. Also bleibt eben nur dieses Profil-Bild, das inzwischen überall gelandet ist – auf Blogs, über Artikeln, auf meinem Presseausweis. Sieh es als Marke, schreibt mir die Fotografin, der ich parallel meine Bedenken mitteile, über Skype.

Doch auch Marken haben ihre Lebenszeit, muss ich schnell feststellen, während ich dabei bin, die letzten Angaben für meine Profilseite einzugeben:

„Nils! Endlich bei Facebook!“ lese ich da tatsächlich als ersten Eintrag auf meiner noch so nackten Pinnwand von einer Ex-Kollegin aus der Milchstraße: „Aber wie wäre es mal mit einem neuen Foto, mh? Schön, dass Du hier bist! Enjoy, J.“

So ist das also, denke ich, während ich mich noch immer nicht entschieden habe, was ich auf die Frage angeben soll, was ich bei Facebook eigentlich suche: Facebook ist Freizeitstress. Selbstdarstellungsstress. Inszenierungsstress.

Doch bildet dieses Supernetzwerk damit nicht genau die Grundsatzfrage unseres Erwachsenenlebens ab: Der Frage, was wir sein wollen – und wie wir von anderen gesehen werden wollen? Ich starte iPhoto und sehe noch einmal genau hin. Ich weiß, wie ich den Abend heute verbringen werde – auf der Suche nach diesem einen coolen Bild, das es zum Profilfoto schaffen soll. Wozu habe ich schließlich die 40 GB Digitalbilder angehäuft, in all den Jahren?