Archiv für das Tag 'Berlin'

Notizzettel 2.0

30. April 2010

Wenn die Nacht am schwärzesten ist, ist der Morgen am nächsten, sagt man ja so gern. Ich sitze im Zug nach Hause von Berlin nach Hamburg, 5:17 Uhr am Gleis 8, voll wie nie, das Vulkanwochenende ist schuld. Das fast leere iPhone auf dem Schoß, 20 Prozent Batterie noch für das letzte Mia-Album, Willkommen im Club, das – zugegeben – ein bisschen zum verkitschten Abziehbild des Berliner Lebensgefühls verkommen ist. Ich mag die Stadt ja.

Was für eine verrückte Nacht, was für eine verrückte Woche. Häuser, Bahnsteige und Rapsfelder ziehen vorbei, während mir einfällt, dass ich ja die Isländerin auf Facebook zuklicken wollte, die ich vorhin im sorsi e morsi kennengelernt habe, eine Isländerin, die ich nicht nach dem Eyjafjallajökull gefragt habe, der mir nicht mal eingefallen war, während mir Facebook einfällt. „Bist Du auf Facebook“ ist ja das neue „Bist du öfter hier“. Die Kontaktaufnahme geht so:

„Hey! Coole Bar, bist Du öfter hier?“
„Ja, schon, gerne, ich mag es hier.“
iPhone zücken.
„Ganz vielen Leuten gefällt das auch auf Facebook, sehe ich gerade.“ Bedeutungsvolle Pause. „Bist Du eigentlich auf Facebook?“
„Ja, klar.“
„Sag mal deinen Namen.“
Es funktioniert immer, ein Automatismus.

Verfängliche Sicherheit der Privacy-Settings: Macht ja nichts, die Freundin liest nicht mit

Ich schweige und denke an das verrückte letzte Jahr mit Facebook. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Das erste Mal war auf einer dieser Datschapartys, als eine junge Türkin angerannt kam und „das iPhone, das iPhone“, schrie. Anfang 2008 war das. Ich dachte zunächst an eine Veralberung, aber dann war es das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich angefangen habe, mit anderen Frauen zu flirten.

Man schickt Mails, man schreibt sich auf die Pinnwand – und glaubt, dass es nichts mache, weil die eigene Freundin da ja nicht lese und ihre Arbeitskollegen in den Privacy Settings gefiltert sind. Man hört von seinen Freunden und Freundinnen, die ihre Freunde und Freundinnen betrügen, liest in Frauen- und Männermagazinen, wie aufregend und belebend ein Seitensprung wäre, hört allen Ernstes Paarpsychologen behaupten, dass ein Seitensprung eine Beziehung retten könne und fühlt sich wie ein Heiliger, weil man lediglich einen Party-Flirt bestätigt und dummes Zeug zurückschreibt.

Internationale Facebook-Freundinnen: Das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und die paar internationalen Frauen, die man über Meet new People kennengelernt hat, weil man den Gedanken der one world so toll findet und sich darüber freut, wie eine rassige Italienerin im Travel Asia Forum zur Thailandreise Unterkünfte auf Koh Koh Phi empfiehlt – das ist doch alles gar nichts, nicht wahr?

Und so freut man sich dann auch am Geburtstag über die nächsten 20 Pinnwand-Glückwünsche und 10 Facebook-Mails, während man am Nachmittag in altbekannten Phrasen über die Reiseziele in der Toskana, die Amalfiküste oder Südfrankreich philosophiert, während man selbst viel lieber nach St. Petersburg, Moskau oder Kiew will, um das Leben von einer ganz anderen Seite zu besichtigen – abseits, dieser ausgetreten Pfade der satten, mediokren 30er-Spießerreisen.

Der Akku ist leer: „Schon wieder?“ „Immer noch“

All das und der Rest von meinem Geburtstag geht mir durch den Kopf, während der ICE langsam in Richtung Hauptbahnhof einläuft. Während wir schweigend vor ein paar Wochen an der Alster entlanggingen, wusste ich schlagartig, was ich ja längst weiß: dass dies der letzte gemeinsame Geburtstag sein würde, dass es nichts gibt, was es mehr aufhalten kann, dass es nur einen einzigen Satz bräuchte, und alles würde in die Luft fliegen. Aber den sprechen wir nicht aus. Stattdessen sagt Saskia in die Pause hinein:

„Was hat Matthias Dir eigentlich geschrieben?“ fragt sie über einen gemeinsamen Bekannten, der in ihrer Agentur arbeitet, „er ist doch auch auf Facebook?“
„Das würde ich auch gern wissen“, entgegne ich ins Nichts hinein, „aber der Akku ist leer.“ Eine glatte Lüge, um nicht die 20 anderen Pinnwandeinträge der Facebook-Freundinnen zeigen zu müssen.
„Schon wieder?“ fragt sie, halb ironisch.
„Immer noch“, entgegne ich bitterernst.

Der Akku ist leer. So war das am Geburtstag. So geht es ja seit Monaten, jeder betrachtet den anderen dabei, wie er den anderen betrachtet. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich heim komme, aber Saskia ist nicht zu Hause. Es ist Samstagmorgen, sie ist beim Pferd, im Reitstall. Bin reiten, warte nicht auf mich, steht da hingeschmiert auf einem Zettel in der Küche.

Dieses Zettelchenschreiben, das war ja einst wie eine Liebeserklärung. Ich habe die kleinen Zettel, dieses Gekritzel auf Briefumschläge oder Post-Its bis heute in einer Schuhbox gesammelt, das weiß Saskia gar nicht. Nun haben die Notizzettel wieder ihren Sinn zurück. Status-Update, Kommentare, Pinnwand-Einträge wären es auf Facebook – Notizzettel 2.0, die Spuren des täglichen Lebens.

re:publica 2010: Lost in Translation 2.0

20. April 2010

Plötzlich stehen Leute vor dir und grinsen. Keine Verwechslung ist das, sondern ein wiederkehrendes Muster, zu besichtigen auf der größten deutschen Internetkonferenz, der re:publica, diesem Event mit seinen über 2700 Teilnehmern, 165 Veranstaltungen in nur drei Tagen, von und für Blogger, das von letztem Mittwoch bis Freitag die Netz-Gemeinde, vor allem aber die Startseite auf Facebook und die Timelines auf Twitter beschäftigte.

Es ist schön, bekannte Gesichter und Ex-Kollegen wiederzusehen, das ist viel wichtiger als die Veranstaltungen, sagt ein neuer Bekannter, und er hat recht damit. Noch viel schöner aber ist es, neue Gesichter zu sehen, die einen angrinsen, weil sie einen vom Twitter-Icon, dem Facebook-Profilbild oder vom eigenen Blog kennen.

Ein bisschen wie Speed-Dating ist das, die Kommunikation ist schnell, auf den Punkt, denken in 140 Zeichen halt, während man zwischendurch noch mal über die Schulter schaut, ob man noch jemand im Getümmel gesehen hat, so wie man dauernd ein neues Browserfenster öffnet, weil man ja noch was nachsehen wollte.
Been there, done that. Haken gemacht.

„Du verpasst Dein ganzes Twitterleben“

Der Haken, auf den ich am meisten gespannt bin, heißt Maria. Maria ist zehn Jahre jünger als ich, arbeitet in einer Wiener Online-Agentur und ist so etwas wie ein digital native. Es ist die Generation, die mit dem Internet groß geworden ist, während Leute wie ich sich Mitte der 90er im Uni-Rechenzentrum allen Ernstes mit Netscape 2.0, Hyperlinks und in Seminaren mit William Gibson herumschlugen.

Ich bin absolut verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit und Geschwindigkeit sie das Web 2.0 in ihr Leben integriert hat – es ist ihr Leben. Während ich dreimal darüber nachdenke, was ich twittere oder als Status-Update auf Facebook poste, macht Maria das einfach. Es sieht aus, als gäbe es keinen Filter, dabei hat sie den längst verinnerlicht.

„Jetzt verstehe ich, warum Du so wenig twitterst“, lacht sie mich bei der Veranstaltung über Modeblogs an, als ich versuche, etwas halbwegs Lustiges über lesmads-Gründerin Julia Knolle zu twittern, aber erst mal ihren Twitteraccount recherchieren muss. Es ist mühsam, deswegen twittere ich kaum mehr als Artikel-Links oder Checkins via Foursquare. „Du verpasst so Dein ganzes Twitterleben“, sagt Maria allen Ernstes und lacht mich an.

Meine „Nordwind“-Erfahrung: Bist Du glücklich?

Sie lacht viel, eigentlich die ganze Zeit, das machte die Sache so angenehm. Wir kennen uns ja bisher nur virtuell: sind einander auf Twitter durch Artikel-Links oder Hashtags gefolgt, Facebook-Freunde geworden und haben angefangen, einander zu schreiben. Nicht nur, weil sie aus Wien kommt, ist Maria meine persönliche „Nordwind“-Erfahrung. Gut gegen Nordwind, das ist der Email-Klassiker des österreichischen Autors Daniel Glattauer, die literarische Version von Email für Dich, der Tom Hanks- und Meg Ryan-Schmonzette aus den späten 90ern, Alle sieben Wellen heißt die Fortsetzung aus dem vergangenen Jahr.

Und so treffen wir uns also nach unzähligen Mails auf der re:publica, das war seit Monaten klar. Ich lerne ihre österreichischen Kollegen und Bekannten kennen und verbringe die Zeit zwischen und nach den Veranstaltungen in Coffeshops, bei Sushi oder in Bars. Ich mag Berlin ja: wie sehr fällt immer wieder erst auf, wenn ich dort bin.

„Bist Du glücklich?“, fragt Maria irgendwann in eine Pause hinein, als wir im Brel sitzen. Solche Fragen stellt sie. Ruhige, schnörkellose Sätze, als kämen sie aus einem Judith Hermann-Roman, vielleicht denke ich mir das aber auch nur aus, weil wir ja in Berlin sind. Sie redet in solchen Sätzen, nur eben wienerisch.

„Manchmal mehr, manchmal weniger“, sage ich.
„Jetzt?“
„Eher mehr. Du?“
„Ja. Natürlich.“ Sie lacht, als wäre das selbstverständlich. Ich glaube, es liegt in ihrer Natur, glücklich zu sein. Junges Glück.

Lost in Translation 2.0: Soulmates ohne Flirtmoment

Es ist eine Lost in Translation-Geschichte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich wirklich alt, und dann wieder ziemlich gelassen im selben Moment, so viel von dem, was sie noch erfahren wird, liegt schon hinter mir, das ist traurig und beruhigend im selben Augenblick, ein bisschen so wie bei Bill Murray und Scarlett Johansson, die soulmates sind, aber Vater und Tochter sein könnten, was in der westlichen Kultur bekanntlich eher nicht funktioniert.

So schlimm ist es bei uns nicht, aber zehn Jahre und eineinhalb Beziehungen liegen zwischen uns, ihre ganze und das, was von meiner übrig ist, das ist angenehm unanstrengend. Es gibt keinen echten Flirt-Moment in den drei Tagen – keine Steilvorlage, kein Austesten. Ich benehme mich.

Manchmal sagen wir nichts und schauen uns nur an. Einer von beiden lächelt dann, dann beide. Gemeinsam schweigen wird unterschätzt. Irgendwann wird mir klar, dass Maria mich an Saskia erinnert. An die junge Saskia: aufgeschlossen, ein bisschen schüchtern, aber ambitioniert, vor allem unverdorben – die gute Saskia, bevor sie durch unzählige Coachings, Workshops und Pitches irgendwann mit der Rolle der PR-Strategin verschmolz und Targets und Guidelines in unsere Beziehung einbrachte und sie so behandelte wie das, was sie jeden Tag macht: ein Projekt abarbeiten.

„Wenn ich die beiden sehe, geht mir mein Freund ab“

Auf der Abschlussparty in der Kalkscheune sitzen wir so am Rande und sehen, wie sich die Tanzfläche füllt. Es ist zehn Uhr und könnte nun mal losgehen.
„Ist das da vorne Lisa Rank?“, fragt mich Maria.
Ich nicke.
„Genauso hab ich sie mir vorgestellt“, sagt sie, „…so Berlin, sie trägt auch die Berlin-Frisur.“

Lisa ist genauso alt wie Maria, aber doch noch viel mehr der Inbegriff der weiblichen Generation 2.0, der she:publica, wie sie sagen würde, sie twittert und bloggt im großen Stil, hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht und tanzt nun zu den Grooves von Nilz Bokelberg, dem früheren Viva-DJ, an dessen „Laberflashmob“ sie am Vortag teilgenommen und natürlich gewonnen hat, tanzt vor uns mit ihrer schweren Tasche behängt, die viel zu schwer zum Tanzen ist, so dass selbst das aussieht wie ein cooles Statement.

„Wenn ich die beiden sehe, geht mir mein Freund ab“, sagt Maria. Ich muss einen Moment überlegen, wie sie das meint, dann fällt es mir ein – auch das Lost in Translation. So ist das Leben, denke ich, sage es aber nicht. Saskia fehlt mir bis dahin nicht, dann schon, ich weiß nicht mal, was sie die letzten drei Tage gemacht hat. Wird sie mir fehlen, wenn sie weg ist? Ich weiß, dass ich bald alle Zeit der Welt haben werde, das herauszufinden.

„Sind Sie auch Blogger?“

Maria will gehen, ich bringe sie zum Taxi, das sie zum Hotel fährt, ich will noch weiter, ein Schulfreund hat Geburtstag.
„Sind Sie auch Blogger“, fragt der Taxifahrer, der vor der Kalkscheune gewartet hat.
Ich schweige und überlasse Maria die Antwort, die darauf gewartet hat, dass ich antworte.
„So ein bisschen“ , sagt sie schließlich.
„Und Sie?“ grummelt der Taximann.
„Ich beobachte nur“, sage ich.
„Und, was haben Sie heute beobachtet?“
„Das Glück“, sage ich. Maria schaut mich fragend von der Seite an.
„Na, dann haben Sie ja Glück gehabt“, taut der Taximann auf.
„Ja“, sage ich. „Aber festhalten kann man es trotzdem nicht“
„Nur anschauen, nicht anfassen, was?“ witzelt der Taximann. Vielleicht sollte er Blogger werden. Twitter ginge zur Not auch – Facebook immer.

Ich steige aus und verabschiede Maria. Ehe ich darüber nachdenken kann, ob wir uns wiedersehen, bin ich schon wieder im Taxi und nenne die Adresse, die ich per SMS bekommen habe: sorsi e morsi, Prenzlauer Berg. Mein Schulfreund ist 35 geworden. Facebook nutzt er bis heute nicht.

Facebook? Twitter? Im Zweifel für Lisa

5. März 2010

Jonah Peretti muss ein ziemlich smarter Bursche sein. Der amerikanische Internet-Unternehmer ist Co-Gründer des enorm beliebten News-Aggregators The Huffington Post und des Medienmagazins BuzzFeed. Nahe liegend also, dass man von Medienmenschen seines Schlages Geistesblitze am Fließband erwarten kann. Perettis letzter kluger Einfall wurde dann gleich von mehr als hundert Nutzern des Mikroblogging-Dienstes Twitter geretweeted – also: zitiert. Er lautet: „Twitter ist ein einfacher Service, der von smarten Leuten genutzt wird. Facebook hingegen ist ein smarter Service, der von einfachen Leuten genutzt wird.“

Das stimmt natürlich, wie es nicht stimmt. Während man bei Facebook bei inzwischen über 400 Millionen Nutzern so ziemlich alles zu lesen bekommt, gilt es für den noch immer weitaus kleineren Echtzeitnachrichten-Konkurrenten, der seinen Durchbruch in erster Linie der Verbreitung des iPhones und Blackberrys zu verdanken hat, nur, wenn man „die Schwatzbude Twitter“ (Der SPIEGEL) richtig zu filtern weiß.

Und wenn man Lisa liest. Lisa Rank heißt auf Twitter kumullus und schreibt die fantastischsten Sachen, die in 140 Zeichen – oder manchmal auch nur vier Worte passen. „Endorphinparty. Powered by Sonne“, ist da zu den ersten frühlingshaften Tagen zu lesen. Oder: „Wenn mir das Herz aufgeht, macht es das Geräusch von zwischen den Zähnen zerploppenden Nimm2Soft.“ Oder: „Ich als Arzt würde schleimlösende Mittel ja verstärkt bei Werbern einsetzen.“

Lisa Ranks bemerkenswertes Roman-Debüt

Lisa schreibt gerne, das wird schnell klar. So gerne, dass 140 Zeichen dafür nicht reichen – und digitale Formate wie ihr enorm lesenwertes Blog auch nicht. Manche Gedanken wollen zu Papier gebracht, gedruckt und verleimt werden. So geschehen in den vergangenen drei Jahren, in denen Lisa nicht nur in der Berliner Social Media-Szene um Sasha Lobos Zentrale Intelligenz Agentur ihre Spuren hinterlassen, sondern auch noch nebenbei einen bemerkenswerten Debütroman geschrieben hat.

Und im Zweifel für dich selbst“ heißt er und ist seit Montag in den Buchhandlungen. Mittwochabend hat die Neu-Hamburgerin, die seit Ende vergangenen Jahres für eine der größten PR-Agenturen des Landes arbeitet, ihre erste Lesung in Hasenschaukel auf dem Kiez gegeben. Book Release-Party, nennt man das heute. „Ich geh Hasen schaukeln jetzt“ , twittert Lisa ein paar Stunden vorher.

Die Agentur ist zahlreich versammelt, der Chefredakteur hat mich freundlicherweise eingeladen, auch wenn er mein iPhone nicht leiden kann. Der Agenturchef, der auch gekommen ist, dagegen schon. Seltsam komplizenhaft liegen unsere iPhones auf dem Tisch nebeneinander. Er checkt Facebook, ich Twitter. Dass es nicht genau anders herum der Fall ist, liegt an einer anderen Sache, die auffällt, als ich während der Lesung nicht aufhören kann, herumzutippen.

Es ist kompliziert: Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde

‚Lisa’ steht da oben auf meinem Multitouch-Display neben dem Bild-Icon. „Du schreibst ihr jetzt Direct Messages?“ flüstert der Agenturchef halb belustigt, als er auf meinem Display liest: Skype nachher? Oder musst Du noch arg viel machen?  „Ähem, nein, das ist ’ne andere Lisa“, nuschel ich vor mich hin. „Die ist, naja, aus – Facebook. Also: ursprünglich Twitter. Egal, beides.“ Er nickt, als hätte er verstanden.

Das war keine richtig gute Idee. Er kennt Saskia, meine Freundin, wenn auch nicht den aktuellen Beziehungsstand. Passendes Bar-Gespräch dazu vorhin vor der Lesung, beschwingt bei einem Drink: Trennungen – und wie man sie am anständigsten über die Bühne bekommt. „Einfach ehrlich sein“, meinte jemand. „Wir sind halt an unterschiedlichen Punkten in unserem Leben.“ Was für eine Phrase. „Es ist kompliziert“, meinte eine andere. Der Facebook-Beziehungsstatus, den ich nie aktivieren würde.

Auch Lisa liest, so scheint es, unterdessen über Abschiede – wenn auch andere: „Wenn du dann aus der Tür bist, ist die Realität ohne dich, mein Leben ohne dich. Die Kissen liegen zerfleddert über der Bettdecke. Hier und da ein Haar auf dem Überwurf, der sich dazwischen schlängelt wie ein Fluss, Flecken auf dem Laken.“

Beziehungs-Ende auf Facebook: Nicht mal 140 Zeichen braucht eine Trennung

Auf dem Nachhauseweg scrolle ich durch meinen Newsfeed. Auf Facebook lerne ich, dass Deutschland heute 0:1 gegen Argentinien verloren hat. Das fließt direkt in meine Timeline ein. Auf Twitter dagegen: „Hmm, Hunger, aber keine Ahnung, was ich essen soll“, schreibt eine Viel-Twitterin. „Ich will in den Arm!“ eine andere besonders mitteilsame Kurznachrichtenversenderin, während manchem einfach ein kurzer, schmachtender Ausruf reicht: „Hach“. Ich klicke Tweetie weg und schalte das iPhone aus, während die S3 an der Reeperbahn einläuft.

Stattdessen lese ich Lisas letzte Seite. Eine dumme, aber auch schöne Angewohnheit:  „Wenn du mir die Hand auf den Kopf legst, weil ich kein Ende finde, dann liebe ich dich, weil ich nie ein Ende finde und du dann allem ein Ende machst mit deiner Hand, dem Streit und dem Überschwang; und ich liebe Dich sogar, wenn du gehst.“ Die Worte fliegen vorbei wie Plakate im S-Bahn-Tunnel. Wenn es in der jungen deutschen Popliteratur einen Gegenentwurf zur „übelst geilen“ Kraftmeierei gerade so Volljähriger gibt, die aus anderen Blogs abschreiben, dann lese ich ihn nun – schließlich zitiert Lisa, wenn überhaupt mal, nur ihr eigenes.

Ich denke an Saskia, meine Freundin, den Valentinstag und die seltsame Begegnung mit dem Reitlehrer im Reitstall. Der Täter verrät sich am Übereifer, war das nicht immer so im Tatort? War es das? Macht man das so, funktioniert das so mit der Trennung? Der Gedanke von vorhin füllt meinen Kopf, als wollte er platzen.

„Denn wenn du gehst, dann ist das immer noch so, dann geht das nicht weg, was ich immer zu dir sage und was du zu mir sagst, denn auch wenn du schon am S-Bahnhof bist oder in einem anderen Land, ist es immer noch bei mir und drückt kleine Falten in den Kissenbezug“, heißt es in Lisas Roman. Im Zweifel für dich selbst. „XY ist jetzt nicht mehr in einer Beziehung“, heißt es bei Facebook, das Twitter hier sogar in der Effizienz schlägt: Nicht mal 140 Zeichen braucht man dafür. Nur ein Klick wäre das. Nur ein Klick.

Von Schwänen und Haien: Alte Freunde, neue Bekannte

15. Februar 2010

„Beziehungen sind das Schwerste im Leben“, sagt George Clooney im vielleicht bislang besten Film des Jahres, Up in the Air. Clooneys Charakter Ryan Bingham, der durch die USA jettet, um Menschen zu feuern, will sie nicht eingehen. Es bleibt alles ziemlich flüchtig beim Unternehmensberater.

Kaum anders ist es auf Facebook, wenn wir uns einmal auf unserer Pinnwand und Startseite umsehen. Im Minutentakt fliegen dort neue Meldungen ein so wie auf der Abflugtafel des Flughafens:

Maximilian ist jetzt mit Olga befreundet.

Flug Nummer 232 von München nach Moskau steht jetzt zum Boarding bereit.

Alona ist jetzt verlobt.

Bitte gehen Sie zum Gate Nummer B 23, Ihr Flug ist jetzt zum Abflug bereit.

So geht es dauernd zu auf Facebook. Die Nachrichten unserer Freunde heben ab und landen wie Flugzeuge. Immer weiter, immer schneller. 322 Tage im Jahr fliegt Ryan Bingham durch die USA. „Was mich die übrigen 43 Tage hassen lässt“, scherzt der Clooney-Charakter, ganz eins mit seinem smarten Hollywood-Klischee. Sind wir eigentlich so oft im Jahr offline, bzw. nicht auf Facebook? 43 Tage im Jahr? Ich nicht.

„Du bist nicht auf Facebook?“ – „Genau“ – Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“

Vielleicht sollte ich das aber, erklärt mir Ina gestern, die ich auf der Geburtstagsparty einer Freundin kennenlerne. Der Dialog geht so:

„Hey, kennen wir uns schon?“
„Glaube nicht, aber das sollten wir ändern. Ina“. Es kommt zum Handshake.
Pause.
„Auch aus Berlin?“
„Hamburg.“
„Hamburg, wie smart“. Sie grinst und taxiert mich. Luftanhalten, Bauch einziehen und endlich mal mit den Fritz-Kolas aufhören, denke ich.
„Und, was machst Du?“ Die Standardfrage über 30, ob man will oder nicht.
„Ich schreibe“, sage ich.
„Cool, ich auch“, sagt Ina.
Damit hat sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit gewonnen. „Wirklich, was denn?“
„Romane. Und Du?“
„Da kann ich nicht mithalten. Artikel. Blogs. Und all den Kram dazwischen.“
„Oh.“
„Oh, so schlimm?“
„Oh, nein gar nicht“. Die nächste Pause, etwas länger.
Ich versuche es mit dem Clooney-Lächeln, das ich gestern gelernt habe. „Warum dann ‚oh‘?“

„Darauf war ich nicht vorbereitet. Das ist so öffentlich. Nicht meins.“ Jetzt grinst sie.
„Wieso? Als Autor bist Du doch viel öffentlicher.“
„Bin ich nicht. Ich veröffentliche nicht.“
„Oh. Das ist natürlich auch ein Weg.“ Das ist so großartig berlinerisch, denke ich und halte inne, dann fällt mir etwas anderes ein. „Dann bist Du also auch nicht auf Google auffindbar.“
„Genau“.
Letzte Chance. „Aber auf Facebook.“
„Never.“
„Oh, darauf war ich nicht vorbereitet“, grinse ich und entschuldige mich in Richtung der Drinks, um das gleich auf meinem iPhone zu kontrollieren.

„Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“

Drei Stunden und zwei leere Rotweinflaschen später bedauere und bewundere ich Ina gleichzeitig. Dass sie schreibt, aber nicht veröffentlicht und dass sie schreibt, aber unerkannt bleibt. Leider wird der Abend nun so enden, dass wir uns nicht befreunden können. Sie existiert schließlich nicht in der digitalen Welt. Das macht sie verdächtig. „Gibt es ein Leben ohne digitale Existenz?“, feuere ich unterdessen als Status-Update an meine 300 Freunde auf Facebook und 600 Follower auf Twitter heraus. Musste ja mal so gefragt werden.
Doch statt einer Antwort stellte Ina die Fragen. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit mit deinem Handy?“
„iPhone“, korrigiere ich.
„Was auch immer. Kannst Du nicht mal ohne das Teil zuhören?“ Es fällt mir schwer.
„Ja, nein – Moment“. Es surrt. Statt der SMS, die ich erwarte, eine Direct Message.

„Sag mal, Nils, hast Du über dein digitales Leben eigentlich dein analoges vergessen?“ fragt mich Miriam. „Ich lese seit Monaten nur noch Status-Updates von Dir. Unsere Freundschaft kann ich auch wohl knicken, oder?“ Früher waren wir eng miteinander befreundet, doch über die Jahre ist etwas passiert. Obwohl wir auf Facebook Freunde sind, hat sich unsere Freundschaft spürbar abgekühlt. Miriam wirft mir vor, Neuigkeiten beliebig mit allen sogenannten Freunden auf Facebook zu teilen, statt mit ihr, wie früher, exklusiv per Mail. Weil ich nicht weiß, was ich darauf entgegnen soll, ohne noch mehr Porzellan zu zerschlagen, lasse ich es.

Beziehungen und Freundschaften sind das Schwerste im Leben. „All die Kompromisse, Streitereien und Geheimnisse“, bilanziert George Clooneys Protagonist in Up in the Air. „Je langsamer wir uns bewegen, desto schneller sterben wir.“ Fühlen wir uns deshalb trotz Stunden am Tag vor dem Computer so lebendig, weil einem Facebook so unverbindlich und doch so aufregend erscheint wie ein Transatlantikflug? Moving is living.

Die Gegenwart gewinnt. Man muss schließlich Entscheidungen treffen

„Was ist denn nun“, herrscht mich unterdessen Ina an.
„Moment, das ist wichtig.“ Ich setze zur Antwort auf Facebook an.

„Wichtig, wichtig – was kann wichtiger sein als der Moment?“
„Eine zerbrochene Freundschaft“
„Ja, oder eine nicht geschlossene“. Sie guckt herausfordernd und dabei ziemlich lasziv.

Crunchtime.

Ich blicke sie einen Moment zu lange an, klicke Facebook weg und schalte das iPhone aus.
„Ok“, sage ich ihr, „die Gegenwart gewinnt.“ Man muss schließlich Entscheidungen treffen. Entscheidungen bedeuten Bewegung.

Nicht immer sind die spontanen Entscheidungen allerdings die besten, wie George Clooneys Charakter Ryan Bingham in Up in the Air feststellen muss, als er mitten im bestbezahlten Vortrag seines Lebens eine weiche Stelle in seinem Herz entdeckt und aufbricht, um außerplanmäßig nach Chicago zu fliegen. Dass mir Miriam das Schweigen übel nehmen wird, ahne ich. Dass Saskia, meine Freundin, in den nächsten Stunden zwei SMS verschicken und drei Anrufe starten wird, erwischt mich allerdings auf dem Nachhauseweg so eiskalt wie der Schneesturm im Morgengrauen. Vollkommene Verdrängung.

Die Schneeflocken im Gesicht verharre ich noch einen Moment am Altonaer Balkon und blicke über den Hafen, über die Docklands, die von merklich weniger Eisschollen eingerahmt sind. Ein erster Vogel zwitschert, ein anderer erwidert. In zwei, drei Wochen werden sie den Frühling ankündigen. Manche Tiere sind dazu bestimmt, immer beieinander zu bleiben, symbiotisch, ein Leben lang. Wie Schwäne. Aber machen wir uns nichts vor: Wir sind keine Schwäne. Wir sind Haie.

Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis

9. November 2009

Als ich aufwachte, war die Mauer offen. Ein solch zeithistorisches Ereignis buchstäblich zu verschlafen, wäre für einen Journalisten die Höchststrafe – am Morgen des 10. November 1989 war ich jedoch nichts anderes als einer von Hunderten Hamburger Schülern in einer 9. Klasse, die im Klassenzimmer aufgeregt diskutieren, was sie im Radio und Frühstücksfernsehen gehört und gesehen hatten. Die Zeitungen hatten die Geschehnisse der Nacht längst noch nicht gedruckt, und die Geburtsstunde des Internet, wie wir es als WWW kennen, sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen.

Zwei Jahrzehnte später findet die Erinnerung an jenen Tag, der für immer die bundesdeutsche Geschichte ändern sollte, in aller erster Linie online statt – und zwar wie selbstverständlich. Keine nachrichtliche Website, die heute nicht mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls aufmacht – keine Features, keine Videodokumente, keine Photostrecken sind zu aufwendig für die multimedialen Angebote von SPIEGEL Online, stern.de, WELT Online oder der Öffentlich-Rechtlichen.

Was mich indes wirklich interessiert, ist die Geschichte hinter der Geschichte. Wo könnte ich sie finden – wo könnte ich Puzzleteile der Vergangenheit zurückholen, wenn nicht im sozialen Internet, bei Facebook, dem mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern auch in Deutschland größten Netzwerk, das längst zu so etwas wie dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit geworden ist?

Facebook-Gruppen: Gemeinsame Interessen und Ereignisse teilen

„Mauerfall“ gebe ich in die Facebook-Suche ein und bin überrascht. Zunächst – wenig Treffer. Das liegt daran, dass die Suche natürlich auf die Nachnamen von Personen spezialisiert ist. Unter dem Menüpunkt „Gruppen“, in denen sich Nutzer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen können, dann weitaus mehr Treffer: Da ist etwa die Gruppe „Pro Deutsche Einheit – Berlin – 20 Jahre – Mauerfall„, in der „Geschichten, Gedanken, Erinnerungen und Ideen für die Zukunft, über das Gestern – Heute – Morgen ausgetauscht werden können“.

Aktuelle Artikel rund um den 20. Jahrestag  reihen sich an Videoschnipsel, wie etwa Genschers denkwürdiger Ausreise-Mitteilung in der Prager Botschaft, allesamt gepostet von einer scheinbar übereifrigen Userin, die sich bei einem Klick weiter als CDU Kreisvorsitzende entpuppt. Auch Parteien haben Facebook also bereits als Instrument für Viral Marketing entdeckt. Internationale Gruppen gibt es ebenfalls – etwa „Mauerfall 20 Jahre – Chute du mur de Berlin, 20 ans apres„, die „20 Jahre deutsch-französische Erlebnisse seit dem Fall der Mauer“ sammelt.

Aufruf via Facebook zum größten Flashmob der Welt: Die Mauer als Menschenkette für 15 Minuten

Doch es geht auch weitaus vernetzter: Über die Suchfunktion „Alle Beiträge“  erhalte ich einen Überblick über alle Einträge von Facebook- Nutzern, die das Schlagwort „Mauerfall“ verwendet haben.  Ich stoße etwa auf die Fanpage des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, der eigenwillige Wende-Erinnerungen zum Besten gibt („Wir kamen mit Gitarren, nicht mit Panzern“).
Der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy erinnert sich unterdessen auf seiner Facebook-Seite, auf der ihm immerhin schon 180.000 „Fans“ folgen, an die historischen Stunden, in denen der seinerzeit 34-Jährige in Erwartung des großen Ereignisses nach West-Berlin gekommen war: „Wir sind dann zum Checkpoint Charlie gezogen, um auf die Ostseite der Stadt zu wechseln und endlich diese Mauer zu sehen, auf die wir einige Pickelhiebe geben konnten.“  Das hat damalige Vizegeneralsekretär der RPR dann auch tatsächlich getan – fraglich ist nur wann – und nun medienwirksam auf Facebook festgehalten: Man sieht Sarkozy als „Mauerspecht“.
Und ich lerne, dass heute um 20 Uhr der größte Flashmob der Welt stattfinden soll: 33.000 Menschen sollen in einer  Menschenkette die einstige Mauer herstellen – für 15 Minuten, um „daran zu erinnern, wie Berlin nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein Ganzes wurde – körperlich wie auch in den Köpfen… „, erklärt der britische Performance-Künstler Martin Butler. Das „Mauer Mob.2009“-Projekt soll ein zeitlich begrenztes Monument zur Reflektion sein.

Facebook-Nutzer erinnern sich: „Die Umarmungen, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…“
Doch da ist noch mehr. Wie zur Amtseinführung von Barack Obama haben auch die deutschen Medien längst erkannt, wie wichtig es ist, soziale Netzwerke mit ins Boot zu holen. Entsprechend forderte Nachrichtenmoderator Claus Kleber die ZDF-Zuschauer via Facebook auf, ihre Geschichte  zum Mauerfall zu erzählen: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ fragte der 54-Jährige via Videobotschaft auf der Facebook-Fanpage.

„Ich war auf der damals wöchentlichen Donnerstagsdemo in Erfurt mit selbst bemalten Bettlaken und der Aufforderung zur Reisefreiheit unterwegs“, erinnert sich etwa der User Marco Steinert. Der Nutzer h-g radusch schreibt: „Ich stand mit einem Freund am Checkpoint Charlie und empfing die ersten Trabbi mit „Mumm“ in Plastikbechern. Die Umarmungen, die Fröhlichkeit, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…ich werde es nie vergessen!!! “ Michael Kopcka fragt sich unterdessen, „… wie wäre es wohl gewesen, wenn wir damals schon so vernetzt gewesen wären?“ Die Antwort scheint klar: Facebook wäre wohl die erste Anlaufstelle gewesen, über die Nutzer ihre mit Smartphones festgehaltenen Eindrücke als Photos und Bewegtbilder miteinander geteilt hätten.

ZDF-Anchorman Claus Kleber war zum Zeitpunkt des Mauerfalls übrigens Segeln in der Karibik und ärgert sich bis heute, das größte zeitgeschichtliche Ereignis in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst zu haben – genau wie ich.

Als wollte ich das gutmachen, ertappe ich mich dabei, wie ich Digitalbilder aus dem vergangenen Sommer in der zweitschönsten Stadt Deutschlands durchsuche – ein neues Profilbild muss her, heute sind wir schließlich alle Berliner. Ich bleibe letztendlich beim Brandenburger Tor hängen, an dem letzte Woche erst U2 ihren umjubelten MTV-Auftritt gaben. One, schreibe ich in mein Status-Update.