Archiv für das Tag 'Barcelona'

Wunderland Facebook: Ein Ende und ein Anfang

15. Mai 2010

So endet es also.

Ich hatte nicht mehr wirklich erwartet, noch in dieser Nacht zu schlafen. 5 Uhr durch ist es, schon hell, seit Stunden klicke ich zwischen Facebook und Twitter hin und her und starre auf die Timeline. Was für ein belangloser Mist da steht! Rumgequatsche über Schlag den Raab oder Lenas Nacktszene. Halleluja! Nicht, dass ich das alles lesen würde – man macht dann ja immer irgendwas, ganz egal was. Übersprungshandlung nennt das die Psychologie.

Meine ist Facebook. Jetzt – und seit gefühlten Ewigkeiten. Ist es nicht genau das Problem gewesen, frage ich mich. Ich weiß, dass Über-Ich kann jetzt grausame Fragen stellen. Also nur zu. Da ich zu dieser Stunde nicht mehr von Maria, sondern nur noch von Sinatra Zuspruch erwarte, bleibt die Frage an mir hängen.

Ist Facebook schuld?
Ist Facebook schuld an der Trennung? Ist es das?
20 Prozent aller Scheidungen in den USA gehen auf Facebook zurück, habe ich gelernt. Jede fünfte Ehe also. Würde nicht jeder Partner kapitulieren, wenn er merkt, dass man in eine Gegenwelt abtaucht, in der man einfach nicht zu Hause ist? Oder flüchtet man in diese Gegenwelt, weil man zu Hause nicht mehr zu Hause ist?

Ich habe es Saskia zehn- oder zwanzigmal angeboten, auch zu Facebook zu kommen. Es war mir zuerst noch wichtig gewesen. Aber irgendwann hat es aufgehört, wichtig zu sein, und dann haben wir angefangen uns dabei zuzusehen, wem es weniger wichtig ist, wen es mehr trifft – mich, als sie zum ersten Mal auf einer Party mit einem anderen Mann tanzte oder sie, wenn ich meine Zeit mit virtuellen Bekannten, also Frauen, im Internet verbringe, während sie keine drei Meter weiter alleine den Tatort schaut. Ein Austesten, bis irgendwann die Reitstunden immer länger, die SMS am Abend mehr und die Entschuldigungen für Spaziergänge alleine um zehn Uhr abends immer dümmer werden.

Parallelwelt Facebook: Die irrste Zeitreise überhaupt

Ich habe stattdessen eine ungeplante Reise unternommen, die sich schnell als Expedition in eine Parallelwelt herausstellen sollte. Wenn ich an Facebook denke, dann denke ich an diesjährige Verfilmung von Alice im Wunderland.

Es wimmelt ja nur so von Freaks da draußen. Ich habe applaussüchtige Zirkusclowns kennen gelernt ebenso wie Familienväter, die auf Facebook zum Sugar Daddy werden und sich um Kopf und Kragen statusupdaten, nur um der 23-jährigen Praktikantin zu imponieren. Peinliche Egoshooter und getriebene Selbstdarsteller ohne Selbstzweifel.

Und genauso habe ich Dinge gesehen und neue Weggefährten kennen gelernt, von denen ich nie dachte, dass sie schnell zu Freunden im besten Sinne des Wortes werden können, obwohl sie in Südafrika sitzen, in Danzig oder in Lima.

Diese Reise ist nun beendet, irgendwie. Zumindest dieser Teil. Und wie Alice, die aus dem Loch herauskrabbelt, um zur wartenden Adelsgesellschaft zurückzukehren, habe ich etwas mitgenommen aus diesem verrückten halben Jahr: Wenn ich in Facebook eines gelernt habe, dann, was ich nicht will. Es stimmt ja nicht, dass es nur eine luizide Parallelwelt wäre, in der man sich verlöre. Das Gegenteil ist der Fall: Facebook lässt einen vieles im klareren Licht sehen.

Man sieht die Flüchtigkeit mancher Freundschaft.
Man sieht den Narzissmus manches Kollegen.
Man sieht die einfachen Verlockungen, die hinter flirtbereiten Profilbildern stecken.
Man sieht mit einem Klick, was aus der Jugendliebe geworden ist – und freut sich oder sich beglückwünscht sich selbst, dass es zu Ende ist.

Man sieht aber auch die Schönheit, die in der Freundschaft liegt – sei es, dass sie am Strand von Barcelona geschlossen und in Warschau weitergeführt wird oder sei es, dass sie auf Facebook gemacht wird und im echten Leben bestätigt werden muss. Facebook, das ist die irrste Zeitreise überhaupt. Man kann permanent in der Zeitachse nach vorn und hinten springen.

Eine Welt voller Optionen: Aufbrechen, um woanders anzukommen

Herausgekommen ist eine Welt voller Optionen, denke ich, während ich wie im Winter wieder am Altonaer Balkon stehe und den Schiffen nachblicke, die da unten beim Hafengeburtstag auslaufen – immer zieht es mich hierin, ich bin Bürgermeister auf Foursquare von diesem Fleckchen Erde, wirklich wahr.

Nun ist Frühling, echter Frühling jetzt, und die Welt ist voller Verheißungen. Ich sitze auf einer der Bänke und klicke mich auf meinem iPhone durch Flugverbindungen. St. Petersburg steht da oben auf der Liste, das ist klar. Antwerpen für ein Wochenende mit dieser ironischen Belgierin ist schon gebucht, rein freundschaftlich. Aber da ist noch jemand anders, die mich wirklich neugierig macht. Ich recherchiere Flüge nach Tirana.

Im selben Moment poppt eine Facebook-Mail auf. How are you, any improvement with the Hamburg summer? 😉 Melaz macht Witze. 12 Grad bei uns, 25 in Tirana. I’m so sorry for you guys, just embrace the summer! In Tirana you’ll get just that – it’s awesome, it’s the real summer! So come on over 🙂

Das glaube ich ihr aufs Wort. Der Flug ist rausgesucht. Landung um Mitternacht in Rinas, das verrückteste Date aller Zeiten wäre das. Nur ein Klick fehlt – nur ein Fingertipp auf dem iPhone.

Ich blicke in den Hafen, blicke in die majestätische Frühlingskulisse, sehe wie ein Schiff das Trockendock verlässt und aufbricht in die sieben Meere, auf dem Weg ins Irgendwo. Jeden Tag verlassen Menschen ihre Heimat, brechen auf und kommen als andere woanders an.

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu“, beendet F. Scott Fitzgerald den Großen Gatsby. Aber das stimmt ja nicht. Denn wenn man denkt, es wäre vorbei, hat es tatsächlich erst angefangen.

Ich tippe aufs iPhone und sehe, wie die Seite umspringt. Gebucht.

Moving is living, schreibe ich in mein Statusupdate.

Und so beginnt es.

Ein Facebook-Geburtstag

10. April 2010

Wieder ein Jahr älter. Besser wird es ja nicht: Wenn man einmal die magische 30er-Schwelle überschritten hat, ziehen die Jahre an einem vorbei wie Rücklichter auf einer Landstraße – schneller und schneller geht das. Auch wenn gerne behauptet wird, Geburtstage wären nichts Besonderes, stimmt das ja so nicht.

Natürlich gibt es keine schlaflosen Nächte durchzustehen wie beim zehnten Geburtstag, als man der Carrera-Bahn entgegengefiebert hat – oder eben nicht. Aber völlig egal, wie manch älterer Freund von mir behauptet, ist mir der Geburtstag nicht. Und sei es als Reality-Check, um zu wissen, wer an einen gedacht hat – und wer nicht.

Vier SMS und zwei Anrufe lautet die Ausbeute der ersten Viertelstunde im neuen Lebensjahr, denn, seien wir ehrlich, darum es geht doch, so kindisch das auch sein mag: um das Gratulationssammeln wie früher Panini-Bilder auf dem Schulhof.

From iDay to myDay: Die meisten Glückwünsche auf Facebook

Die dickste Ausbeute, das wird bereits kurz nach Mitternacht klar, wird woanders gemacht. In Facebook, in meinem Freundesnetzwerk, das mein Leben wie nichts anderes im vergangenen Jahr bestimmt und verändert hat und viel schneller als ich es für möglich gehalten hätte, in dreistelligen Höhen angekommen ist.

Zugegebenermaßen war die Vorlage dieses Jahr ziemlich groß. Ein reiner Feiermarathon ist das: Ostern, Geburtstag und dann noch der iPad-Verkaufsstart, der für Leute wie mich durchaus eine Bedeutung hat, wie meine Freunde wissen: „Nils, meine besten Wünsche! Gestern war der iDay, heute ist Dein Day! 🙂 Feier schön doppelt – Ostern und Geburtstag in einem – Deinen Ostergeburtstag!! ))“, lauten die ersten Glückwünsche auf Facebook. Auch die anderen Freunde wissen Bescheid:

Happy BirthDay – yourDay : )))
Yes, Nils, today is your day!! 😉 Happy Birthday.., I wish you all the best! 😉
Make a glorious day !!!! I-ppy birthday
Lieber Nils, alles, alles Liebe zu Deinem myDay von Martin und mir!!! Take it easy…
Happy birthday! Best wishes for you! Spend it in a special way and have a good celebration. Bisous!

Mitteilung 2.0: Auf Foursquare einchecken, um jedermann auf Twitter und Facebook wissen zu lassen, wo ich mich gerade befinde

„In a special way“ an Ostern und Geburtstag bedeutet, dass die Nacht nun zum Tag gemacht wird, Saskia hat nur kurz am 12-Uhr-Sekt genippt und schläft längst, das ist wahrscheinlich ohnehin besser für uns. Früher gab es einmalige Geburtstage in einer abgelegenen Bucht in Mallorca, in einer Finca mit Pool in Südspanien, im frühlingshaften Barcelona, in der Sky Bar, im 62. Stock eines 5-Sterne-Hotels in Bangkok – heute geht es nur noch um Konfliktvermeidung, wenn es noch um irgendetwas geht. Es ist die 89. Minute unserer Beziehung, das wissen wir beide. Aber an Geburtstagen will man keine rote Karte provozieren, oder?

Eine halbe Stunde später treffe ich Nico vor der Reh Bar in Ottensen. „Poste doch auf Facebook, dass Du hier feierst“, schlägt er vor, „ich wette, da sind noch ein paar von den Jungs hier in der Gegend.“
„Das ginge doch viel einfacher“, entgegne ich. Ich könnte auf Foursquare klicken und schon wüsste jeder in meiner Timeline auf Twitter und Facebook, dass ich in der Reh Bar „eingecheckt“ habe. Ich weiß auch nicht genau warum, aber ich mache seit einiger Zeit mit bei dieser virtuellen Schnitzeljagd: Dieses Ich-bin-hier-und-wo-bist-Du-Ding? Während ich an der Bar stehe, Cuba Libres bestellen will und überlege ich, ob tatsächlich jeden wissen will, wo ich gerade in meinen Geburtstag reinfeiere, poppen die nächste Glückwünsche auf dem iPhone auf, das vor mir auf der Bar liegt.

Es surrt und leuchtet so auffällig, dass es auch den beiden Blondinen vor mir auffällt. Die sehen sich, mich – und ich sie an. Es wäre nun der Augenblick, etwas zu sagen, aber wie immer sagt niemand etwas in Hamburg. Zum Glück ist das auch nicht nötig, das iPhone übernimmt die Sache . „Lieber Nils, meine herzlichen Glückwünsche. May your wishes come’, steht da. ‚Wie läuft Dein Birthday-WE? Busserl!“

„Du kennst die aber schon im wirklichen Leben, oder ist das wieder so eine Facebook-Nummer?“

Die etwas kleinere der beiden Blondinen schaut mich an, groß sind sie beide.
„Du hast Geburtstag?“
Ich nicke etwas peinlich berührt.
„Na Glückwunsch dann“, sagt sie betont gleichgültig.
Offline-Glückwünsche halt, denke ich, während mir noch immer kein gescheiter erster Satz einfällt – meine größte Schwäche im Nachtleben.
Peinliche Pause. Nachdem ich endlich meine Cuba-Order aufgeben kann, sagt sie schließlich: „Die will doch was von Dir?“

Sie spricht über Maria, meine Facebook-Freundin aus Österreich, mit der ich seit einiger Zeit so etwas wie eine Email-Freundschaft pflege, wenn es denn so was gibt. Ich schreibe inzwischen ganz schön viel dafür, dass wir uns noch gar nicht gesehen haben – die klassische Online-Krankheit.
„Glaub ich nicht“, nuschel ich endlich.
„Du kennst die aber schon im wirklichen Leben, oder ist das wieder so eine Facebook-Nummer?“, sagt die Blondine, die mich genau taxiert und mir auf den zweiten Blick ziemlich gut gefällt – der erste gehörte ihrer Freundin. Typische Hamburger Mädel mit Segelschein und so, hieß das bei Christian Kracht vor 15 Jahren in Faserland.

Der Facebook-Add ist die neue Handynummer

„Ja und ja“, entgegne ich bewusst gedehnt und versuche, halbwegs lustig zu sein.
„Ja und ja?“, beißt sie an.
„Ja“, lüge ich, „klar kennen wir uns im wirklichen Leben.“ Ich taxiere sie auf Mitte, Ende 20, eher 26 als 29, irgendwo glaube ich da hinter der coolen Fassade eine gewisse Unerfahrenheit auszumachen, die sie überspielt, „und ja, das ist so ein Facebook-Ding.“

Sie schaut erstaunt, ich nutze die Pause.
„Da bist Du auch, oder?“
„Na, klar“
„Sag mal Deinen Namen.“
Sie schaut verblüfft und lacht.
„Oder besser: Schreib mal.“
Sie schreibt. Es dauert etwas, mit dem iPhone kommt sie nicht zurecht, aber es klappt im dritten Anlauf. Ich klicke sie zu. Live-Adding nennt man so was heute.
„Cool. Morgen sind wir Facebook-Freunde“, freue ich mich.
„Das will ich hoffen“, sagt das blonde Mädchen, das Annika heißt. Passt.

Die Cocktails kommen, Zeit zu gehen, ehe ich das hier vermasseln kann. Ich verabschiede mich und komme mit zwei Cuba Libres und Annikas Facebook-Freundschaftsanfrage zu Nico zurück.
„Hat etwas länger gedauert.“
„Ganz offensichtlich. Geaddet?“
Ich nicke. „Nie ging ein Kontakt schneller.“
„Stimmt, Facebook ist das Tamagotchi der iPhone-Generation.“
„Und der Facebook-Add ist die neue Handynummer.“
Er grinst.
„Schöner Start ins neue Lebensjahr.“
Wir stoßen an.
„Cheerio! Auf Facebook.“
„Auf Facebook.“

L’Auberge Facebook

5. Januar 2010

Jeder hat seinen Lieblingsfilm. „Ist das Leben nicht schön„, ist so ein Epos, gerade in den Weihnachtstagen. James Stewart erlebt darin an Heiligabend seine ganz persönliche Himmel- und Höllenfahrt, um am Ende buchstäblich zu erkennen, wie schön das Leben ist.

Für mich besitzt ein anderer Film aus den vergangenen Jahren eine solche Faszination.  „L’Auberge Espagnole„, ein Überraschungshit, der 2003 in die Kinos kam und zwei Jahre später eine grandiosen Fortsetzung fand, beschreibt wunderbar die Wirren des jungen Erwachsenenlebens  im globalisierten Europa der Nullerjahre. Es ist gleichzeitig ein Porträt der 20- und 30-Somethings des letzte Woche zu Ende gegangenen Jahrzehnts.

Was waren die 2000er? Von kollabierenden Aktienmärkten und Dauerkrisen mal abgesehen, bleiben vor allem zwei Megatrends hängen, die Menschen näher zueinander brachten. Das Internet und Billigflieger.

„L’Auberge Espagnole“ – das Porträt der Generation „Global Twens“

Beides nutze ich natürlich seit dem Aufkommen intensiv, und doch anders als die Protagonisten in L’Auberge Espagnole. Ich bin nämlich ein paar Jahre zu spät gekommen. Vor exakt zehn Jahren habe ich mein Studium beendet, wenige Tage vor dem Millenniumswechsel. Ein oder zwei Jahre später, und ich hätte vielleicht so ein Auslandssemester drangehängt wie Xavier, der französische Wirtschaftsstudent – und das dann auch noch in der zweitschönsten Stadt der Welt: Barcelona!

Der Plot geht so: Die Protagonisten sind nicht die Global Teens, wie sie Douglas Coupland einst in den 90er Jahren beschrieben hat, sondern nur zehn Jahre später, die Global Twens einer inzwischen wirklich globalisierten Ära. Im ersten Teil treffen in einer WG in Barcelona ein Franzose, ein Italiener, ein Däne, eine Spanierin, eine Engländerin, eine Belgierin  und ein Deutscher aufeinander – das alte Europa, wir schreiben das Jahr 2002.

Im zweiten Teil, der drei Jahre später in die Kinos kommt, aber einen Sprung um fünf Jahre im Leben der Protagonisten macht, sehen sich die ehemaligen Erasmus-Studenten in St. Petersburg wieder, weil der kleine Bruder der Engländerin heiratet – und zwar eine Russin. Keine Frage: Es ist ein anderes Leben. Das osterweiterte Europa hat sich gewandelt, erst recht bei den globalisierten Ex-Erasmus-Studenten, die heute mit ihren ersten Jobs voll im Leben stehen und wie  selbstverständlich für Aufträge mal eben zwischen London, Paris und Brüssel pendeln.

Globale Vernetzung – dank Facebook

Einen dritten Teil gibt es nicht, was unendlich schade ist. Aber wenn es ihn geben würde, ist klar, wer der heimliche Held des nächsten Plots wäre – Facebook, der Campus aller vernetzten Global Twenty- und Thirtysomethings aus der ganzen Welt.

Also entschließe ich mich, an meinem eigenen Plot zu schmieden, so sehr hat meine virtuelle Bekanntschaft mit Nisha nachgewirkt. Ich möchte mehr davon: vernetzt mit der ganzen Welt sein, das wäre mein großer Traum. Bekanntschaften von Andorra bis Zaïre.

Es gibt schließlich so viel nachzuholen: Die ganze Welt möchte ich  kennenlernen – virtuell und real. Nach Thailand soll die nächste Reise gehen. Also auf in die Foren! „Travelling Asia“ lautet eins, auf dem eine enorm attraktive Italienerin, die gerade Thailand und Bali bereist hat, unglaublich hilfsbereit Bilder und Reiseempfehlungen mit anderen Mitgliedern teilt. Also trete ich der Gruppe bei und schreibe Chiara direkt an – wohin zu reisen wäre, welche Geheimtipps sie hätte und welche Unterkünfte sie empfehlen kann.

Meet new people – on Facebook

Am nächsten Tag habe ich nicht nur umgehend eine Nachricht von Chiara, sondern auch ihre Freundschaftsanfrage – eine Facebook-Freundschaft, nach deren Profilfoto zu urteilen, mich jeder beneiden wird. ‚Woher kennst Du die denn?‘, skypt mich umgehend ein Freund an. „Facebook“, tippe ich nur ein und ergänze das obligatorische Smiley 🙂

Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich möchte mehr neue Freunde – viel mehr. Ich google, wo man Leute  im weltgrößten Social Network kennenlernen kann. „Meet new people on facebook“ gebe ich ein. Und bekomme genau diese Antwort: Meet new people – on Facebook.  So heißt die Applikation.

Und so geschieht es. Caroline aus Antwerpen kommt hinzu. Ania aus Warschau. Philippa aus Melbourne. Meine Ferientage zwischen den Jahren sind ausgefüllt. Dass Saskia, meine Freundin, unterdessen bei ihren Eltern ein paar Tage im Reitstall  dranhängt – kein Problem, ich habe ja Facebook. Mir mein ganz persönliches weltumfassendes Netzwerk aufzubauen und rund um den Erdball zu schreiben – das ist meine heimliche  Neujahrsresolution. Die L’Auberge Facebook zu finden – daran arbeite ich. Discovering more about Tirana steht in meinem Status-Update, als ich das Profil aktualisiere, während mich Melaz aus Albanien anskypt…

Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

4. November 2009

Eine letzte Frage ist da noch offen. Facebook will etwas über mein Privatleben wissen, was mich doch sehr überrascht. Es gibt dieses Feld, das sich ‚Beziehungsstatus‘ nennt. Es ist die eigentliche Schlüsselfrage von Facebook – das Herzstück der 300-Millionen-Community. Was ist auch elementarer als diese eine Frage: Ist man in einer Beziehung oder nicht? Die ganze Menschheit strebt schließlich danach, in einer zu sein.

Trotzdem wird die Frage danach im Alltagsgebrauch fein gemieden. Man stelle sich einmal folgendes Zusammentreffen zweier Geschäftsleute, die sich vage kennen, auf einer Messe vor:

Hallo, Herr XY, schön Sie wiederzusehen!
Ganz meinerseits, Herr YZ. Wie geht es denn?
Gut! Und Ihnen?
Ebenfalls! Wie laufen die Geschäfte?
Bestens. Und bei Ihnen?
Kann nicht klagen. Krise, welche Krise?
Haha, wie schön. Und die Beziehung? Sie sind doch in einer?
Lange Pause. Nee, nicht mehr. Sie?
Ja, leider.
Betretenes Schweigen beiderseits.

Slapstick, natürlich. Doch klar wird schnell: Im Alltagsgebrauch prallt diese Frage auf unsere Konventionen. Dabei könnte sie so viel abkürzen. Etwa im Nachtleben. An der Uni. Oder sogar im Berufsalltag. Man trifft einen sympathischen Menschen, kennt aber nicht seinen Beziehungsstatus. Fragen ist – wie gesehen – eher unangenehm. Dumm, wenn man dann einen halben Abend investiert hat, um festzustellen, dass die- oder derjenige doch in einer Beziehung steckt.

„In offener Beziehung“: Angeklickt werden wie eine läufige Hündin

In der effizienten Internet-Ära reicht ein Mausklick, um für klare Verhältnisse zu sorgen – oder die komplette Verwirrung loszutreten. Es gibt nämlich bei Facebook nicht nur die Wahl zwischen „In einer Beziehung“ oder „Single“, sondern auch die formellen Beziehungsstufen: „Verlobt“, „Verheiratet“, „Verwitwet“. So weit, so bodenständig.

Und dann beginnt sich das echte Leben einzumischen, in den bunten Schattierungen, die wir unseren Eltern nur noch bedingt erklären können. „In offener Beziehung“ kann auch angeklickt werden – eine mutige Hausnummer, mit der man wahrscheinlich durch Facebook läuft wie eine läufige Hündin, an der andere Hunde schnuppern. Da ginge also immer was.

Das ist hingegen in einem anderen Spezialfall weitaus weniger klar – wie überhaupt alles. Deswegen heißt es hier auch: „Es ist kompliziert“. Das ist wahrscheinlich das entwaffnendste und ehrlichste Statement unserer Generation: Es ist kompliziert.

Eigentlich ist ja alles kompliziert in diesen Tagen: Das Studium, die Praktika, der Einstieg ins Berufsleben, das Drinbleiben im Berufsleben, in Hamburg eine schicke Wohnung in einem schönen Viertel zu finden, dem HSV dabei zuzusehen, wie er die Tabellenführung verspielt, das Vermehren von Kapital an den Aktienmärkten bzw. Vermehren im Allgemeinen. Also Partnerwahl und Generativität, wie es der Entwicklungspsychologe Erikson nennt. Alles nicht so einfach heute für die Generation NEON.

Komplizierte Beziehungen: Alles wird öffentlich gemacht

Facebook zieht der Misere den Zahn. Es ist kompliziert. Das ist so treffend und so gut, dass ich es am liebsten anklicken würde. Macht man natürlich nicht. Hör mal, Schatzi, unsere Beziehung ist kompliziert – das lassen wir jetzt auch alle wissen. Eigentlich ist ja jede Beziehung kompliziert, selbst die Obamas haben das gerade öffentlich vorgemacht, also outen wir uns, ganz zweinullig, als Komplizierte.

Unvorstellbar? Gehen Sie mal in Facebook! Es wimmelt hier nur so von komplizierten Partnerschaften. Aber kann man das aushalten, diese neue Ehrlichkeit? Wie sooft im Leben wollen beide zwar im Grunde dasselbe, empfinden jedoch unterschiedlich. Die eine mehr, der andere weniger. Für die eine ist die Sache klar, für den anderen emotional vielleicht jedoch weniger – liebt man schließlich immer gleich stark? Kompliziert ist das.

Doch wer möchte schon eine komplizierte Beziehung führen. Oder eben schlimmer noch: In einer komplizierten Beziehung geführt werden? „Komplizierte Beziehung“ heißt schließlich so viel wie: Beziehung auf Probe. Oder Abruf. Oder beides. Während der eine das dann irgendwann artikuliert, zerbricht für den anderen eine Welt. Erst recht, wenn es vor einer Kulisse von Hunderten von „Freunden“ passiert. Voyeurismus 2.0. Alles ist öffentlich? Alles wird öffentlich gemacht!

‚A bisserl was geht immer’: Das Monaco-Franze-Motto in Facebook

Also Augen zu und weiter. Ignorieren. Gar keinen Beziehungsstatus anklicken. Oder? Die Sache beschäftigt mich weiter. Darüber muss ich mit meinen Kumpels sprechen. Fünf Stunden später in der „Daniela Bar“ auf der Schanze warnt mich Manuel, der zweifache Familienvater, dessen Frau ebenfalls in Facebook ist: „Mach das bloß nicht!“

„Warum?“, werfe ich ein.
„Seit sie auch in Facebook ist, ist alles anders. Sie spricht mich auf meine Status-Updates an. Sie fragt mich, wer die Frau ist, die mir wieder auf die Pinnwand geschrieben hat. Und auch, wer die neuen Freunde sind, deren Namen sie nicht kannte. Ein Albtraum!“
„Klingt ganz so“, merkt Leif, der seinen Beziehungsstatus genau wie ich offen gelassen hat: „Was soll das auch? Warum muss man das angeben? Es ist schließlich mein Facebook. “
„Ja, klar“, erwidert Manuel. „Weil du flirten willst.“
„Hab ich nicht gesagt“, wehrt sich Leif.
„Aber gedacht. “
Schweigen.

Denken wir das nicht alle irgendwo? Ist das nicht genau der Punkt, warum wir uns auf ein Bier in einer Bar treffen und nicht im Wohnzimmer, warum wir abends noch losziehen und das Nachtleben dem Schlaf vor Mitternacht vorziehen? Es wäre abwegig, das abzustreiten. Die halbe Gastronomieszene lebt von diesem Faktor. ‚A bisserl was geht immer’, hat Monaco Franze das Flirt-Phänomen einst auf den Punkt gebracht, das ich aus meiner Münchner Zeit bestätigen kann. Warum sollte das in Facebook anders sein?

„Denk einfach nicht so viel nach“, hat mir einmal eine Strandbekanntschaft in Barcelona gesagt, als ich vor einer abendlichen Verabredung einwandte, in einer Beziehung zu sein.

Richtiger Status, doofer Zeitpunkt.

Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, einfach mal weniger nachzudenken. Und ein neues Profilbild hochzuladen. Barcelona, der Strand, der echte Sommer. Summertime and the living is easy. Ganz unkompliziert und so.

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.