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1.0 vs. 2.0: Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen

10. Dezember 2009

Mann, ist der alt geworden? Mann, bin ich alt geworden! Was haben Hugh Grant und ich gemeinsam? Nichts – außer der Haarfarbe. Und der Tatsache, dass wir beide, mal mehr, mal weniger explizit ausgesprochen, der Binsenweisheit des großen amerikanischen Altmeisters Philip Roth huldigen dürften: Das Alter ist ein Massaker.

Zehn Jahre liegen zwischen den Aufnahmen in „Wetten, dass“. 1999 – 2009. Ich weiß, was diese eine Dekade mit einem machen kann. „Das verlorene Jahrzehnt“ zog der „Spiegel“ am Montag vier Wochen vor dem Ende das vorweggenommene Fazit des Jahrzehnts – um mir damit auch die sorgsam beiseite gelegte Headline für Aktienrückblicke zum Jahresende zu zertrümmern.

Tatsächlich: Diese 2000er waren schon ein seltsam verworrenes Jahrzehnt. Und doch: Rückblicke lassen einen ja traditionell nostalgisch werden. Das gilt auch für ein Wiedersehen mit den ehemaligen Kollegen meines ersten richtigen Arbeitgebers am vergangenen Freitag – zehn Jahre danach.

Zehn Jahres-Revival: Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail

Die Tomorrow Internet AG, in der ich seit  ihrer Vorstufe von 1998 bis 2002 gearbeitet habe, war tatsächlich um die Jahrtausendwende ein heller Stern der deutschen Internetszene. Es war eine jener glorreichen New Economy-Storys, die – das weiß man ohne die Hintergründe zu kennen – natürlich nicht ganz glücklich endete. Vor allem für den überwältigenden Teil der Belegschaft, die sich, dank der virtuellen Verheißungen von Stock Options, zumindest im Februar 2000 für Wochen als angehender Dot.com-Millionär fühlen durfte.

Knapp zehn Jahre und zwei gewaltige Börsencrashs später ist davon nicht mehr besonders viel übrig. Als fusionierte Tomorrow Focus firmiert die AG heute, inklusive der alten Milchstraßen-Marken Amica.de, Fitforfun.de oder natürlich TVSpielfilm.de. Ein printloses Eigengewächs hat die Fusion nicht überlebt – der Playground, einst Deutschlands größte Online-Community und mit seinen Profilseiten und seinen unzähligen Chatapplikationen  in gewisser Weise so etwas wie ein Facebook-Vorläufer.

Geschichten gibt es sich also genug zu erzählen, zehn Jahre später. Doch nicht unbedingt über das Maß aller Dinge der heutigen Dotcom-Generation. Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail via meinen längst abgelegten T-Online-Account, den ich spaßeshalber einmal im Monat checke. Hat funktioniert. Als ich so weit bin, mich auf den Weg zu machen, überkommt mich die Skepsis wie beim Klassentreffen. Macht das überhaupt Sinn, zehn Jahre später? Ein paar Kollegen kenne und sehe ich ja noch diese Tage. Aber der Rest? Was ist mit dem Rest?

Generation twitterlos: „Du hast den einzigen #Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Facebook gibt mir keine Auskunft. Vielleicht liegt es an meiner Suchabfrage, vielleicht wurde ich in die Ehemaligen-Gruppen einfach nie eingeladen. Ich checke also Twitter, wer kommen mag. Hashtag #TIAG, das muss funktionieren.

Twitter, das ist ja das Facebook to go. On the fly. Mal so kurz was aus der Hüfte schießen, das macht man hier, am liebsten mit dem iPhone. Ich mache seit rund zwei Jahren mit, ein irrer Spaß ist das – aber auch ein wenig egomaner Slapstick, immer auf der Suche nach dem besten Gassenhauer, das schon. In jedem Fall: Das große Ding des Internet-Jahres 2009, noch heißer als Facebook in diesen Tagen.

Twitter wäre, genauso wie Facebook, das ultimative Geek-Tool gewesen, auf dem sich die Belegschaft heute vernetzt und digitale Kommunikation gepflegt hätte – der AIM-Messenger von 2009 eben. Doch wo sind die TIAGs heute? Nur mein ehemaliger Chefredakteur twittert: „Berlin-HH zur Party 10 Jahre Tomorrow Internet AG“ Ich antworte umgehend: „Mache mir ernsthaft Sorgen. Du hast den einzigen #TIAG-Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben  offenbar nicht alle mitgemacht

Grund zur Sorge bestand nicht, wie ich sechs Stunden später weiß. 50 bis 60 von einst 250 Kollegen – gar nicht schlecht. Tatsächlich ganz gut: So nett wie beim Klassentreffen, nur netter, höflicher geht es in der Amandabar in der Schanze  zu. Ein vollauf gelungenes Wiedersehen!

Nur etwas befremdet mich. Der Onliner von gestern ist nicht der von heute. Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben viele offenbar nicht mitgemacht. Wie ein Handlungsreisender bin ich bemüht, jeden netten Kontakt am Ende des Gesprächs auf Facebook zu ziehen – live sogar, ich habe ja das iPhone dabei und fuchtele permanent damit herum.  Erfolglos, zumeist.  Da geht dann so aus:

Bin noch nicht drin, sagen die einen.
Hab so wenig Zeit, sagen die anderen
Nicht meins, geben die Ehrlichsten zu.

Ein bisschen eigenartig für die digital natives von einst ist das schon. Was aber ist mit Twitter?
Twitter ist zu klein, meint ein früherer Kollege, der es wissen muss – der hat heute eine eigene Softwarefirma. Wieso zu klein? 500+ Verfolger habe ich dort. So viel wie nicht in Xing und Facebook zusammen. Twitter ist so 2007, meint meine frühere Redaktionsleiterin. Das ist schon wieder vorbei. Hmm.

Xing und Facebook vertragen sich nicht: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Also bleibt am Ende des Abends nur Xing. Wahrscheinlich ist es doch am besten, so genau will man es vielleicht doch nicht wissen, was der treibt? Damit verhält es sich auch bei den Onlinern wie in jeder anderen Berufsgruppe. Nicht mal 1 Prozent der Xing-Nutzer hat sein Facebook-Profil angegeben, hat mir Xing-Sprecher Thorsten Vespermann beim letzten Social Media Club verraten. Und erklärt: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Der floss doch reichlich am vergangenen Freitag. Ich habe seitdem ein bisschen  herumgeklickt in Facebook und ein paar mehr Ehemalige gefunden. Dann sehe ich auf der Startseite, wie meine Kollegin Julia einer Gruppe mit einem dubiosen Namen beigetreten ist, der mir sehr bekannt vorkommt. The day after Tomorrow! Ich ahne, was jetzt kommt.

Da ist sie doch noch, die TIAG-Gruppe. Irre. Ein Grüppchen, 20 Leutchen sind da – 20  aus 250. Der Morgen stirbt doch nie. Das Gestern – ein bisschen. The day after tomorrow, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.