L’Auberge Facebook

5. Januar 2010

Jeder hat seinen Lieblingsfilm. „Ist das Leben nicht schön„, ist so ein Epos, gerade in den Weihnachtstagen. James Stewart erlebt darin an Heiligabend seine ganz persönliche Himmel- und Höllenfahrt, um am Ende buchstäblich zu erkennen, wie schön das Leben ist.

Für mich besitzt ein anderer Film aus den vergangenen Jahren eine solche Faszination.  „L’Auberge Espagnole„, ein Überraschungshit, der 2003 in die Kinos kam und zwei Jahre später eine grandiosen Fortsetzung fand, beschreibt wunderbar die Wirren des jungen Erwachsenenlebens  im globalisierten Europa der Nullerjahre. Es ist gleichzeitig ein Porträt der 20- und 30-Somethings des letzte Woche zu Ende gegangenen Jahrzehnts.

Was waren die 2000er? Von kollabierenden Aktienmärkten und Dauerkrisen mal abgesehen, bleiben vor allem zwei Megatrends hängen, die Menschen näher zueinander brachten. Das Internet und Billigflieger.

„L’Auberge Espagnole“ – das Porträt der Generation „Global Twens“

Beides nutze ich natürlich seit dem Aufkommen intensiv, und doch anders als die Protagonisten in L’Auberge Espagnole. Ich bin nämlich ein paar Jahre zu spät gekommen. Vor exakt zehn Jahren habe ich mein Studium beendet, wenige Tage vor dem Millenniumswechsel. Ein oder zwei Jahre später, und ich hätte vielleicht so ein Auslandssemester drangehängt wie Xavier, der französische Wirtschaftsstudent – und das dann auch noch in der zweitschönsten Stadt der Welt: Barcelona!

Der Plot geht so: Die Protagonisten sind nicht die Global Teens, wie sie Douglas Coupland einst in den 90er Jahren beschrieben hat, sondern nur zehn Jahre später, die Global Twens einer inzwischen wirklich globalisierten Ära. Im ersten Teil treffen in einer WG in Barcelona ein Franzose, ein Italiener, ein Däne, eine Spanierin, eine Engländerin, eine Belgierin  und ein Deutscher aufeinander – das alte Europa, wir schreiben das Jahr 2002.

Im zweiten Teil, der drei Jahre später in die Kinos kommt, aber einen Sprung um fünf Jahre im Leben der Protagonisten macht, sehen sich die ehemaligen Erasmus-Studenten in St. Petersburg wieder, weil der kleine Bruder der Engländerin heiratet – und zwar eine Russin. Keine Frage: Es ist ein anderes Leben. Das osterweiterte Europa hat sich gewandelt, erst recht bei den globalisierten Ex-Erasmus-Studenten, die heute mit ihren ersten Jobs voll im Leben stehen und wie  selbstverständlich für Aufträge mal eben zwischen London, Paris und Brüssel pendeln.

Globale Vernetzung – dank Facebook

Einen dritten Teil gibt es nicht, was unendlich schade ist. Aber wenn es ihn geben würde, ist klar, wer der heimliche Held des nächsten Plots wäre – Facebook, der Campus aller vernetzten Global Twenty- und Thirtysomethings aus der ganzen Welt.

Also entschließe ich mich, an meinem eigenen Plot zu schmieden, so sehr hat meine virtuelle Bekanntschaft mit Nisha nachgewirkt. Ich möchte mehr davon: vernetzt mit der ganzen Welt sein, das wäre mein großer Traum. Bekanntschaften von Andorra bis Zaïre.

Es gibt schließlich so viel nachzuholen: Die ganze Welt möchte ich  kennenlernen – virtuell und real. Nach Thailand soll die nächste Reise gehen. Also auf in die Foren! „Travelling Asia“ lautet eins, auf dem eine enorm attraktive Italienerin, die gerade Thailand und Bali bereist hat, unglaublich hilfsbereit Bilder und Reiseempfehlungen mit anderen Mitgliedern teilt. Also trete ich der Gruppe bei und schreibe Chiara direkt an – wohin zu reisen wäre, welche Geheimtipps sie hätte und welche Unterkünfte sie empfehlen kann.

Meet new people – on Facebook

Am nächsten Tag habe ich nicht nur umgehend eine Nachricht von Chiara, sondern auch ihre Freundschaftsanfrage – eine Facebook-Freundschaft, nach deren Profilfoto zu urteilen, mich jeder beneiden wird. ‚Woher kennst Du die denn?‘, skypt mich umgehend ein Freund an. „Facebook“, tippe ich nur ein und ergänze das obligatorische Smiley 🙂

Doch dabei soll es nicht bleiben. Ich möchte mehr neue Freunde – viel mehr. Ich google, wo man Leute  im weltgrößten Social Network kennenlernen kann. „Meet new people on facebook“ gebe ich ein. Und bekomme genau diese Antwort: Meet new people – on Facebook.  So heißt die Applikation.

Und so geschieht es. Caroline aus Antwerpen kommt hinzu. Ania aus Warschau. Philippa aus Melbourne. Meine Ferientage zwischen den Jahren sind ausgefüllt. Dass Saskia, meine Freundin, unterdessen bei ihren Eltern ein paar Tage im Reitstall  dranhängt – kein Problem, ich habe ja Facebook. Mir mein ganz persönliches weltumfassendes Netzwerk aufzubauen und rund um den Erdball zu schreiben – das ist meine heimliche  Neujahrsresolution. Die L’Auberge Facebook zu finden – daran arbeite ich. Discovering more about Tirana steht in meinem Status-Update, als ich das Profil aktualisiere, während mich Melaz aus Albanien anskypt…

Das Global Network: Völkerverständigung auf Facebook

20. Dezember 2009

Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen, war das Letzte, was ich schrieb, als ich über das Wiedersehen mit meinen früheren Kollegen nachdachte. Warum also länger in der Vergangenheit leben? Ich tue das viel zu oft, archiviere, kann nichts wegschmeißen, hatte zehn Jahre des „Spiegels“ und der „Wirtschaftswoche“ bei mir herumliegen– Stapel, so überkommen wie das Jahrzehnt. Weg damit, man kann das Leben nicht archivieren. Man muss es leben.

Jetzt! Also will ich auf Facebook einmal etwas tun, was ich bisher nicht getan habe. Neue Leute kennenlernen. Die Vergangenheit und die Gegenwart: Mit den beiden bin ich auf Facebook befreundet. Ob ich will oder nicht – ich habe es aufgegeben, mich den Anfragen zu verweigern, ich habe nichts zu verbergen, oder? Life is short and then you die, so it better be damn good, sagt Steve Jobs immer. Also aufhören, über den Rest nachzudenken.

Aber wenn es schon so kurz ist, will ich auch das Maximale rausholen. Nicht nur das Bekannte. Was mich die ganze Zeit bei der Debatte um Facebook fasziniert, ist die unfassbare Größe, die das Social Network längst erreicht hat. 350 Millionen User können wohl nicht irren. Facebook wäre mittlerweile das drittgrößte Land der Erde, wahrscheinlich werden auch irgendwann Indien und China überholt, ich bin mir ziemlich sicher.  Wenn also irgendwann die ganze Welt miteinander auf Facebook befreundet ist – warum sollte ich das nicht auch sein?

Gebremste Globalisierung: Facebook ist nicht für neue Freundschaften da

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ist genau das meine heimliche Sehnsucht , die mich ursprünglich auf Facebook gelockt hat. Den Gedanken dieser einen Welt zu teilen. Das ist für mich wirklich das Größte überhaupt. Die Kollegen, die Freunde, die Bekannt- und Verwandtschaften, die Ex-Freudinnen – geschenkt. Die sind da. Wie gerne würde ich aber mehr kennenlernen über das Unbekannte: über die Web-Designerin aus Bukarest. Oder die Kunst-Studentin aus Rio de Janeiro.

Also gehe ich auf die Suche! Doch wo findet man neue Freunde in Facebook? Mark Zuckerberg will das ja eigentlich nicht fördern: „Wir wollen keine Community aufbauen“, diktierte der smarte Ex-Harvard-Student dem „Time Magazine“ vor zweieinhalb Jahren, „wir versuchen nicht, neue Verbindungen herzustellen.“ Vielmehr gehe es darum, bestehende zu verbessern.

Tatsächlich sind die regionalen Hürden im weltgrößten sozialen Netzwerk über die Jahre immer höher geworden, was mir ziemlich absurd erscheint. Da ich im Germany-Network bin, kann ich z.B. keine beliebige 27-jährige Norwegerin aus Oslo finden, die gerne in R&B-Clubs geht – ich kann überhaupt nicht nach solchen Kriterien suchen, sondern nur nach Vor- und Nachnamen, was Facebook von Dating-Seiten ganz klar abgrenzt.

Ich finde das verständlich, dann aber doch ein bisschen bedauerlich. Gesetzt den Fall, ich unternehme einen Wochenendtrip nach Oslo und würde mir dort gerne von einer/m Einheimischen die Stadt und das Nachtleben zeigen lassen wollen, wie man das im Lonely Planet-Zeitalter so macht,  so ist mir Facebook nicht besonders behilflich dabei.

Die eigene Stadt zeigen: Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt

Stattdessen lerne ich Nisha kennen. Und das kommt so: Seit einigen Wochen bin ich in einer der unzähligen Hamburg-Gruppen auf Facebook, in denen Mitglieder nicht nur neue Bilder hochladen, sondern auch Anfragen posten. Eine davon kommt von der südafrikanischen Politik-Studentin, die ihr Auslandssemester in Hamburg verbringen wird und sich schon mal nach „Must Sees“ erkundigt.

Also schreibe ich Nisha eine Nachricht, selbstverständlich mache ich das als Lokalpatriot. Ich erzähle ihr von Alster und Elbe, warum es unmöglich ist, zwischen den beiden zu entscheiden, und warum auch total nötig, schreibe ihr vom Alsterufer und Elbstrand, von den Beachclubs, die im Mai öffnen und der schönste Ort in der Stadt sind, um einen Sommerabend zu verbringen, vom Grillen im Stadtpark, von Radtouren im Alten Land und natürlich Partynächten auf der Schanze bis zum Morgengrauen.  Die Antwort kommt am nächsten Tag:

I am already so excited to experience German history, culture and people!
I shall see you sometime when I come to Hamburg 🙂
Be in touch and thank you for your kindness!

Schön ist das. „Wie sich der liebe Gott die Welt vorstellt„, hat Franz Beckenbauer nach der WM 2006 sein Gefühl der Völkerverständigung einmal beschrieben. So geht es mir auch ein bisschen, komplett ohne Hintergedanken. Ich möchte etwas von meiner Stadt zeigen und teilen. Doch das ist nicht ohne Gefahren. „Immer dieses Facebook!“ zischt mich Saskia an, meine Freundin, die plötzlich kopfschüttelnd hinter mir steht. „Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit? Und wem schreibst Du da?“ Tja, wem schreibe ich da eigentlich…?

1.0 vs. 2.0: Der Morgen stirbt nie – das Gestern ein bisschen

10. Dezember 2009

Mann, ist der alt geworden? Mann, bin ich alt geworden! Was haben Hugh Grant und ich gemeinsam? Nichts – außer der Haarfarbe. Und der Tatsache, dass wir beide, mal mehr, mal weniger explizit ausgesprochen, der Binsenweisheit des großen amerikanischen Altmeisters Philip Roth huldigen dürften: Das Alter ist ein Massaker.

Zehn Jahre liegen zwischen den Aufnahmen in „Wetten, dass“. 1999 – 2009. Ich weiß, was diese eine Dekade mit einem machen kann. „Das verlorene Jahrzehnt“ zog der „Spiegel“ am Montag vier Wochen vor dem Ende das vorweggenommene Fazit des Jahrzehnts – um mir damit auch die sorgsam beiseite gelegte Headline für Aktienrückblicke zum Jahresende zu zertrümmern.

Tatsächlich: Diese 2000er waren schon ein seltsam verworrenes Jahrzehnt. Und doch: Rückblicke lassen einen ja traditionell nostalgisch werden. Das gilt auch für ein Wiedersehen mit den ehemaligen Kollegen meines ersten richtigen Arbeitgebers am vergangenen Freitag – zehn Jahre danach.

Zehn Jahres-Revival: Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail

Die Tomorrow Internet AG, in der ich seit  ihrer Vorstufe von 1998 bis 2002 gearbeitet habe, war tatsächlich um die Jahrtausendwende ein heller Stern der deutschen Internetszene. Es war eine jener glorreichen New Economy-Storys, die – das weiß man ohne die Hintergründe zu kennen – natürlich nicht ganz glücklich endete. Vor allem für den überwältigenden Teil der Belegschaft, die sich, dank der virtuellen Verheißungen von Stock Options, zumindest im Februar 2000 für Wochen als angehender Dot.com-Millionär fühlen durfte.

Knapp zehn Jahre und zwei gewaltige Börsencrashs später ist davon nicht mehr besonders viel übrig. Als fusionierte Tomorrow Focus firmiert die AG heute, inklusive der alten Milchstraßen-Marken Amica.de, Fitforfun.de oder natürlich TVSpielfilm.de. Ein printloses Eigengewächs hat die Fusion nicht überlebt – der Playground, einst Deutschlands größte Online-Community und mit seinen Profilseiten und seinen unzähligen Chatapplikationen  in gewisser Weise so etwas wie ein Facebook-Vorläufer.

Geschichten gibt es sich also genug zu erzählen, zehn Jahre später. Doch nicht unbedingt über das Maß aller Dinge der heutigen Dotcom-Generation. Nicht über Facebook, Xing oder Twitter erreicht mich die Einladung – sondern per eMail via meinen längst abgelegten T-Online-Account, den ich spaßeshalber einmal im Monat checke. Hat funktioniert. Als ich so weit bin, mich auf den Weg zu machen, überkommt mich die Skepsis wie beim Klassentreffen. Macht das überhaupt Sinn, zehn Jahre später? Ein paar Kollegen kenne und sehe ich ja noch diese Tage. Aber der Rest? Was ist mit dem Rest?

Generation twitterlos: „Du hast den einzigen #Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Facebook gibt mir keine Auskunft. Vielleicht liegt es an meiner Suchabfrage, vielleicht wurde ich in die Ehemaligen-Gruppen einfach nie eingeladen. Ich checke also Twitter, wer kommen mag. Hashtag #TIAG, das muss funktionieren.

Twitter, das ist ja das Facebook to go. On the fly. Mal so kurz was aus der Hüfte schießen, das macht man hier, am liebsten mit dem iPhone. Ich mache seit rund zwei Jahren mit, ein irrer Spaß ist das – aber auch ein wenig egomaner Slapstick, immer auf der Suche nach dem besten Gassenhauer, das schon. In jedem Fall: Das große Ding des Internet-Jahres 2009, noch heißer als Facebook in diesen Tagen.

Twitter wäre, genauso wie Facebook, das ultimative Geek-Tool gewesen, auf dem sich die Belegschaft heute vernetzt und digitale Kommunikation gepflegt hätte – der AIM-Messenger von 2009 eben. Doch wo sind die TIAGs heute? Nur mein ehemaliger Chefredakteur twittert: „Berlin-HH zur Party 10 Jahre Tomorrow Internet AG“ Ich antworte umgehend: „Mache mir ernsthaft Sorgen. Du hast den einzigen #TIAG-Hashtag gesetzt. Kommt da überhaupt jemand?“

Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben  offenbar nicht alle mitgemacht

Grund zur Sorge bestand nicht, wie ich sechs Stunden später weiß. 50 bis 60 von einst 250 Kollegen – gar nicht schlecht. Tatsächlich ganz gut: So nett wie beim Klassentreffen, nur netter, höflicher geht es in der Amandabar in der Schanze  zu. Ein vollauf gelungenes Wiedersehen!

Nur etwas befremdet mich. Der Onliner von gestern ist nicht der von heute. Das Upgrade von 1.0 auf 2.0 haben viele offenbar nicht mitgemacht. Wie ein Handlungsreisender bin ich bemüht, jeden netten Kontakt am Ende des Gesprächs auf Facebook zu ziehen – live sogar, ich habe ja das iPhone dabei und fuchtele permanent damit herum.  Erfolglos, zumeist.  Da geht dann so aus:

Bin noch nicht drin, sagen die einen.
Hab so wenig Zeit, sagen die anderen
Nicht meins, geben die Ehrlichsten zu.

Ein bisschen eigenartig für die digital natives von einst ist das schon. Was aber ist mit Twitter?
Twitter ist zu klein, meint ein früherer Kollege, der es wissen muss – der hat heute eine eigene Softwarefirma. Wieso zu klein? 500+ Verfolger habe ich dort. So viel wie nicht in Xing und Facebook zusammen. Twitter ist so 2007, meint meine frühere Redaktionsleiterin. Das ist schon wieder vorbei. Hmm.

Xing und Facebook vertragen sich nicht: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Also bleibt am Ende des Abends nur Xing. Wahrscheinlich ist es doch am besten, so genau will man es vielleicht doch nicht wissen, was der treibt? Damit verhält es sich auch bei den Onlinern wie in jeder anderen Berufsgruppe. Nicht mal 1 Prozent der Xing-Nutzer hat sein Facebook-Profil angegeben, hat mir Xing-Sprecher Thorsten Vespermann beim letzten Social Media Club verraten. Und erklärt: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps.

Der floss doch reichlich am vergangenen Freitag. Ich habe seitdem ein bisschen  herumgeklickt in Facebook und ein paar mehr Ehemalige gefunden. Dann sehe ich auf der Startseite, wie meine Kollegin Julia einer Gruppe mit einem dubiosen Namen beigetreten ist, der mir sehr bekannt vorkommt. The day after Tomorrow! Ich ahne, was jetzt kommt.

Da ist sie doch noch, die TIAG-Gruppe. Irre. Ein Grüppchen, 20 Leutchen sind da – 20  aus 250. Der Morgen stirbt doch nie. Das Gestern – ein bisschen. The day after tomorrow, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Foreign Affairs

4. Dezember 2009

Ich bin nicht alleine. Genauer gesagt bin ich wie alle anderen. Jeder bei uns in der Redaktion findet Megan Fox toll. Jeder Mann. Dabei ist mir das unangenehm. Ich finde es nicht besonders schön, so unter der Gürtellinie getroffen zu werden. So direkt, so mit Anlauf. Wenn man Megan Fox sieht, sieht man, na ja – Sex. Nichts als pure Fleischeslust, rohe, ungezügelte Gedanken.

So etwas passiert mir nur bei dunkelhaarigen Frauen. Das letzte Mal, als eine Frau so etwas in mir ausgelöst hat, war gegen Ende der Uni-Zeit. Und natürlich war sie auch brünett. Giana, Italienerin mit luxemburgischem Pass und die beste Auslandserfahrung, die ich je hatte. Kennengelernt in London, wiedergesehen in Hamburg und Brüssel. Dummerweise war ich damals in einer Beziehung, was alles kompliziert, dann kaputt gemacht hat – die Beziehung und die Sache mit Giana erst recht.

Für den Moment denke ich, dass ich etwas  von dem Chaos gerne zurück hätte – nicht die Folgen, aber das Gefühl von Lebendigkeit. „Behalte das, was zwischen uns geschehen ist, in deiner Schatztruhe, und sag dir einfach, dass es sehr schön war. Au revoir“ – so endete das damals, vor knapp zehn Jahren.

Der Gatsby-Moment in Facebook – zur Liebe am anderen Ufer blicken

In diesen schlauen Hollywood-Blockbustern der Moderne zieht der Protagonist dann weiter, wohl wissend, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Es gehe nichts über einen würdigen Abgang, heißt es – usw, usf. Den hatte ich damals, im Juni 2000, als die Fußball-EM Brüssel lahmlegte – ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft.

Alles, was danach kam, wurde besser – für die DFB-Elf und für mich irgendwo auch. Mit Saskia. Mit unserer Zeit. Lange habe ich nicht mehr an Giana gedacht, die ich danach zu einer jener Liebesgeschichten verklärt habe, die eben nicht sein sollten – heftig, aber aussichtslos. Was aber, wenn sie plötzlich wieder greifbar werden?

Diesen Gatsby-Moment, in dem F. Scott Fitzgerald gedankenversunken am West Egg des nachts auf seine Liebe am anderen Ufer blickt, erlebe ich dank Facebook. Giana finde ich sofort, sogar ihr Profil ist teilweise sichtbar, ohne dass ich die Freundschaftsanfrage hinausschicken muss.

Mail aus der Vergangenheit: Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“

Wow. Neun Jahre sind neun Jahre, aber sie sieht immer noch faszinierend aus. Anders  faszinierend. Damals ein Mädchen von Anfang zwanzig, heute eine Frau von Anfang dreißig. Faszinierender ist das! Ihre Haare sind länger, ihr Lächeln noch gewinnender geworden. Und mit ihren haselnussbraunen Augen nimmt sie weiter Gefangene. Heute arbeitet Giana bei der EU-Kommission  und hat auffallend viele Kommentare von männlichen Freunden unter ihren Fotos. Was habe ich erwartet? Ich schreibe ihr trotzdem eine Mail.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, nach dem Aufwachen noch etwas gespannter auf die Facebook-Applikation des iPhones zu blinzeln. Und tatsächlich – eine rote „1“ leuchtet über dem Postfach auf. Giana? Giana!

Hi Nils,

mir geht es wie immer! 🙂 Nichts hat sich wirklich verändert. Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“, keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne. Arbeite inzwischen bei der EU, was riesig Spaß macht. So viele verschiedene Menschen, so viel Kulturen. Wie steht es bei dir?

Grüsse aus Brüssel.

Giana

Penser à Bruxelles steht im Status-Update. Wer denkt schließlich nicht an Brüssel?

Das freut und enttäuscht mich zugleich. Eine umgehende Antwort (prima!), noch nicht verheiratet (sehr gut!), noch keine Kinder (noch alles möglich!) – aber doch sehr formell geschrieben.  Ich antworte ihr:

Hey Giana,

wie schön, so schnell von Dir zu hören – klingt doch toll. Bei mir ist auch alles „beim Alten“ 🙂 Viel zu  schreiben, aber „keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne“ 😉  Lass uns doch bei Gelegenheit skypen!

LG, Nils

Spätestens, als ich das geschrieben habe, fühle ich mich schäbig. Keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne? Das kann man so kategorisch nicht sagen. Zumindest nicht Saskia. Schreibe ich aber – Giana. Bin ich dabei, die Geschichte zu wiederholen?

Uns bleibt immer Brüssel, hatte Giana in ihrer Abschiedsmail geschrieben. Das bleibt uns. Dieses Facebook weckt nun aber Gedanken in mir, die gar nicht gut sind. Aber kann man Facebook dafür verantwortlich machen, dass es wie die Büchse der Pandora mit etwas lockt, was längst latent in uns schlummert? Papperlapapp!

Ich aktualisiere mein Status-Update. Penser à Bruxelles, steht da. Kann man doch so schreiben – wer denkt nicht mal an Brüssel? Ich fühle mich so verwegen wie ein 14-facher Grand Slam-Gewinner. Ob wohl Tiger Woods auch solche Status-Updates verfasst hat, bevor er seinen Wagen gegen den Baum setzte? Zum Glück bin ich nicht in Gefahr – ich habe ja bis heute keinen Führerschein.

Die lieben Kollegen: Vom Freundschaftszwang

29. November 2009

Facebook ist nicht gesund. Seit ich mich angemeldet habe, steigt meine Verweildauer beständig an – und mit ihr das Unbehagen. Es scheint nur dieses Entweder-Oder zu geben. Entweder man macht es ganz oder gar nicht. Ich habe mich für das ‚Ganz’ entschieden und bekomme gerade eine Vorahnung davon, wie sehr Facebook mein Leben verändern wird.

Facebook, das ist wie ein trügerisches Fenster in eine andere Welt, in der man sich scheinbar spielerisch bewegen kann, ohne die andere zu verlassen. Das stimmt aber nicht. Alles, was wir in der einen Welt tun, hat seine Folgen in der anderen. Wie sehr und warum, bemerke ich im Umgang mit meinen Kollegen, den heikelsten aller Facebook-Freunde.

Wer in der Medienbranche arbeitet, weiß, was ich meine. Grundsätzlich ist hier jeder erst einmal nett, freundlich und extrem aufgeschlossen. In der New Economy-Zeit gab es noch jeden Freitag oder manchmal sogar Montag ab 17 Uhr irgendwelche Anlässe, wieder die Sektflaschen zu entkorken, alles so cool und lässig. Und auch in der größten Medienkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Niedergang mit Fassung getragen – schließlich geht als Journalist ja immer was: Die Neuen Medien, der Paradigmenwechsel, jede Woche irgendwo ein neues Portal – klappt schon.

Befreiung vom Business-Alltag: Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke

Was auch ganz gut klappt, ist das Befreunden auf sogenannten Business-Netzwerken, allen voran natürlich Xing, was bei mir zur wöchentlichen Überflutung der Mailbox mit Anfragen von irrsinnig gut gelaunten PR-Frauen führt, die – ganz selbstlos – wieder auf ein Mega-Event, eine ganze tolle Kooperationsmöglichkeit oder einen exklusiven Gesprächspartner hinweisen.

Xing, das früher openBC hieß, ist das Must für alle Berufstätigen, die entweder in einem größeren Konzern arbeiten oder im entferntesten Sinne etwas mit der Kommunikationsbranche zu tun haben, denn schließlich gibt es ja nichts Wichtigeres als zu netzwerkeln.
Dass das vielleicht sogar auf nur 140 Zeichen geht, glauben immer mehr Bürohengste, die inzwischen den Microblogging-Dienst Twitter stürmen, um mitzuteilen, wen man wieder @Bahnbrechendes getroffen hat und zu RT: retweeten, damit auch ein bisschen Glanz vom schlauen Sprüchlein auf einen selbst abfallen möge. I’m huge on Twitter. Yeah, right.

Man folgt jedem Bekannten und Unbekannten – was liegt also näher, als seine Bekannt-, Verwandt-, und Kollegenschaft nun also auch bedenkenlos auf Facebook zuzuklicken, schließlich geht hier ja alles etwas ungezwungener zu. Facebook, das ist die Befreiung des Büro-Menschen aus seiner selbst verschuldeten Xing-Existenz und die logische Ergänzung der Twitter-Mitteilsamkeit. Es ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke.

In dieses Facebook kriegst du mich nicht: Nun mit jedem Eintrag mehr Erstaunen

Wie ‚casual’ erfahre ich, als ich mich daranmache, die lang aufgeschobenen Xing-Kontakte in Facebook zuzuklicken – oder eben doch nicht. Da ist etwa der ehemalige Ressortleiter aus München, den ich gerne bestätige. Ich mag ihn: Seit zehn Jahren kennen wir uns, reden nicht nur über Aktien und den HSV, sondern auch, wie das mit der Ehe ist und mit Kindern wäre, er hat schließlich schon eine hinter sich und ein Kind auf dem Weg. Und wir sitzen nicht mehr in einer Redaktion. Das sind die besten Facebook-Freunde.

Das gilt auch für Harald, der heute die Redaktion einer großen Hamburger PR-Agentur leitet und den ich dort von einem IT-Projekt kenne – und natürlich von der Financial Times Deutschland. In dieses ‚Facebook’ kriegst du mich nicht, hat er mir noch vor Kurzem beim Lunch gesagt. Nun ist Harald selbst drin und schreibt Sachen, die mich mit jedem Eintrag mehr staunen lassen.

Nicht nur, dass meine Links, Fanpages und ein Snoop Dogg-Video, das ich vor 5 Minuten selbst gepostet habe, nun auf seiner Pinnwand auftauchen („check it out!“) – da ist auch noch ein interessantes Posting über eine Lesung heute Abend im Thalia Theater, die „Schade um den schönen Sex“ heißt. Und die entsprechend kommentiert wird: „Mal schauen, ob ich es jobzeitlich zu der Lesung schaffe. Aber wahrscheinlich komme ich wieder zu spät…“

Alle sind Freunde: Ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt

Doch das ist noch nicht alles. Da gibt es noch die echten Kollegen, die mich seit Tagen daran erinnern, dass sie mir Freundschaftsanfragen geschickt haben. „Wirklich? „, bringe ich so schlecht geschauspielert wie Wolfgang Schäuble bei Maybrit Illner heraus, „sehe ich mir gleich heute Abend an.“

Am nächsten Morgen wird die Nase noch länger, als ich mal wieder zu spät zur Arbeit komme. „Na, gestern gar nicht mehr vorm Rechner gewesen?“, fragt Alex. „Aber cooler Tweet um halb drei. Hat der Google-Conference Call echt sooo lange gedauert? “ In solchen Situationen hasse ich die soziale Realität, die in der Ära des Mitmach-Internets so gerne und so reflexartig als Social Media beschrieben wird.

Warum bekomme ich es nicht hin, die Wahrheit zu sagen? Warum sage ich nicht einfach: Ich finde, Du bist ein prima Kollege, ich sitze gerne neben Dir, es macht einen höllischen Spaß, mit Dir über Fußball – meinetwegen sogar über die Eintracht – zu reden, erst recht über alte Springsteen-Alben und am liebsten über Frauen, die sich seltsam auf Twitter und beim Social Media Club inszenieren. Aber ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt, die dir irgendwann den Spiegel vorhält, weil Facebook genau wie Google nie vergisst – und im Gegenteil nicht mal neu bewertet, also sortiert, denn deine Bilder und Postings sind immer greifbar.

Privatsphäre war gestern: Alles ist öffentlich – finde dich damit ab

Ist das paranoid? Wahrscheinlich. Aber ich bin ganz sicher, dass diese leicht anzüglichen Foto-Kommentare von der Polin mit dem engen Oberteil, für jeden sichtbar durch ihr Profilfoto, in der schlechtest denkbaren Situation ebenso auf mich zurückfallen wie ein Status-Update um vier Uhr nachts oder der Startseiten-Eintrag, dass ich nun Fan von Megan Fox bin. Egal, ich bestätige. Es gibt kein Entkommen, ich weiß nicht, was ich heute sagen würde. Alexander sitzt neben mir. Ich muss ihn bestätigen.

„Hammerbilder, Megan Fox“, höre ich am nächsten Morgen als Erstes. „Splitternackt im Hochsicherheitstrakt – bin auch Fan geworden. Gleich heute morgen. Kann ich gut verstehen, dass Du bis vier Uhr wach warst – bei den Bildern“. Gegröle im Newsroom. Mir fällt nichts mehr dazu ein. Außer das Zitat des früheren Sun-CEOs Scott McNealy, der schon Mitte der Neunziger die neue Realität in der Internet-Ära voraussah: Privacy is dead. Deal with it, schreibe ich in mein Status-Update.

Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Zurück auf dem Campus

20. November 2009

Comme le temps passe. As time goes by. Wie die Zeit vergeht… Der Stein ist ins Rollen gekommen: Wenn ich über die Schule und meine französische Austauschschülerin nachdenke, dann ist es logisch, dass ich via Facebook auch mehr über die Menschen wissen will, die danach eine Rolle gespielt haben – das heißt: über die Frauen.

Der ziemlich überschätzte britische Schriftsteller Nick Hornby verdankt seinen Erfolg diesem romantischen Ansatz: In High Fidelity nimmt er, mehr oder weniger erfolgreich, die Spur seiner Ex-Freundinnen wieder auf. Im Facebook-Zeitalter muss man dafür nicht mal ein Telefon in die Hand nehmen – ein paar Mausklicks reichen.

Also mache ich mich an die Suche. Ich fange mit dem Studium an, alles davor ist indiskutabel. Danach jedoch war es eine einzige Party. Jedes Semester neue Bekanntschaften, die in der ersten Woche geschlossen wurden, während ich neue Seminare austestete, und die dann genau ein Semester über hielten. Dann kamen die Ferien, und es verflüchtigte sich wieder – auch weil man wusste, dass es mit Semesteranfang wieder von vorne losging, mit dieser ersten Woche, in der sich das Semester und damit das Halbjahr entschieden.

Auf der Suche nach der Vergangenheit zurück zum ersten Semester – und studiVZ
Ich beginne also ganz am Anfang, Orientierungseinheit erstes  Semester. Babsie aus Breisgau, blonder Kurzhaarschnitt, ein ausgeprägtes Faible für Literatur des Mittelalters und R. Kelly, gelebte Gegensätze – was für ein Mädchen. Aber nicht bei Facebook. Ich überprüfe das andere große soziale Netzwerk, das sich vor vier Jahren aufgeschwungen hatte, es Facebook nachzumachen und dabei so kreativ war, gleich den Quellcode zu kopieren, was nicht der einzige Grund ist, warum ich gegen studiVZ voreingenommen bin.

Ich passe einfach nicht mehr zur Zielgruppe, die Uni liegt genau ein Jahrzehnt hinter mir, und obwohl ich die Zeit manchmal zur schönsten meines Leben verkläre, ist es doch gut, dass sie vergangen ist. Vor ein paar Jahren habe ich einmal, genervt von langer Weile und der Monotonie des Redaktionsalltags etwas getan, was man tunlichst vermeiden sollte, wenn man die dreißig erreicht hat und eigentlich zufrieden mit seinem Leben ist – nämlich wieder den Campus betreten und abendliche Vorlesungen und sogar wieder ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht. Besser gesagt: es versucht.

Drei Wochen und zwei Mensa-Besuche später war mir klar: Es geht nichts darüber, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Wer einmal mit dem Journalismus, also mit der täglichen Arbeit mit Deadlines angefangen hat, steht 90 Minuten in Seminaren, die „vorbürgerliche Ideen zu Theatralität und Inszenierung und ihren Nachhall  in der Gegenwart“  zu  analysieren versuchen, nicht mehr durch – zumindest nicht unbeschadet.

Eine Mädchenstimme flüstert in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“
Doch kurz bevor ich entnervt dabei war, mir die Blöße zu geben und mitten im Seminar aufzustehen, machte ich meine prägendste Erfahrung der Uni 2.0-Ära, wie ich jenes Mini-Comeback auf den Campus nennen sollte: Während ich hektisch auf meinem iPhone herumspiele und im 30-Sekundentakt Aktienkurse, das Wetter der nächsten fünf Tage und vor allem Twitter checke,  flüstert eine Mädchenstimme in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“

Wie ein Ufo sah ich sie an. Wasguckstdu? Dabei war nicht mal alles gesagt – aber ich hatte verstanden. Sie wollte Studi VZ checken. Auf meinem iPhone. Jetzt und sofort im Seminar. „Ja, klar“, brachte ich schließlich hervor und händigte ihr das silberne Apple-Smartphone der ersten Generation aus, das damals ein paar Wochen alt war und schon zu seltsamen Bekanntschaften geführt hatte. Die mit Tülay, wie ich später herausfinden sollte, war jedoch bei weitem die seltsamste von allen. „Danke“ sagte sie grinsend. Und das war alles, was sie jemals sagen sollte. Mit einem routinierten Lächeln einer Kellnerin, die froh ist, das Essen endlich abzuräumen,  gab sie mir das iPhone – und damit ihre geöffnete studiVZ-Seite zurück.

Psychopathen mögen einräumen, dass dies sicher so etwas wie eine Botschaft war, wer leiht sich schon während eines Seminars iPhones aus, um sich für 30 Sekunden auf ihnen einzuloggen und die Seite dann offen zu lassen? Das war, wenn man so wollte, die zweinullige Aufforderung, miteinander in Kontakt zu treten, fand ich. Doppelt dumm nur für mich: Nicht nur, dass ich kein Student mehr war,  ich war  auch nicht – was nun viel schlimmer war – auf studiVZ.

Die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009

Aber ich sollte nun lernen, wie es hier zugeht, als ich mich nach dem Seminar zu Balzac Coffee neben dem Abaton geschlichen und einen Lachs Bagel mit Latte Macchiato bestellt hatte, ganz Studi eben. Ich surfte auf Tülays studiVZ-Seite und war so neidisch wie lange nicht mehr. 22 war sie, studierte Germanistik und Skandinavistik auf Bachelor und hatte unfassbare 78 Freunde auf dieser Studentennetzwerke-Seite, 78 Freunde! Ich hatte während meines Studiums vielleicht 7 oder 8 gehabt in den fünf Jahren – Freunde.

Doch die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009. Dies waren flüchtige Freunde, die einen „gruschelten“, semi-lustigen Gruppen beitraten, die Namen trugen wie „Kalorien sind kleine Tiere, die nachts die Kleidung enger nähen“ oder „Ich singe immer Lieder mit, auch wenn ich die Texte nicht kann“ und sich Geburtstagsglückwünsche auf ihre Pinnwand schrieben, die lauteten: „Du, ich hatte gestern so viel um die Ohren, dass ich es nicht geschafft habe, dir zu gratulieren… 😉 Also: alles Gute nachträglich! “

Und dann waren da noch die Fotoalben, die das Studentenleben als einzige Party erscheinen ließen – ich erinnerte mich, aber nie an solche Bilderserien. Wie auch, in den 90ern hatte man Besseres zu tun, als mit einer Jackentaschen füllenden Ixus auf Mensapartys herumzuhopsen. Nicht so heute, wo jedes Handy den Job erledigt: „Statt miteinander zu feiern, fotografiert sich die Verwandtschaft lieber beim Fotografieren, um dann  anschließend die digitalen Fotos zu bestaunen“, hatte der SPIEGEL das Phänomen einst auf den Punkt gebracht.

Was für ein Spaß musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt?

Und trotzdem: Student 2.0 zu sein, schien ein noch größerer Spaß zu sein als vor einem Jahrzehnt, als an studiVZ oder Facebook noch nicht zu denken war, ich mich aber ziemlich fortgeschritten fand, als einer der Ersten im Uni-Rechenzentrum zwischen all den Super-Nerds einen Online-Zugang zu beantragen. Ich beneidete die Tülays von heute um diese Möglichkeit, wie toll musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt, gläsern für alle, die sich auf die Versuchung von studiVZ einließen.

Für einen Moment wollte ich nun genau dasselbe tun und mich mit Tülay befreunden, es wäre schließlich die einzige Möglichkeit. Aber ging das so einfach? ‚Hey, wir saßen heute im Seminar nebeneinander, ich habe zwar keine Freunde auf studiVZ, bin nicht mal ein echter Student,  aber ich dachte, es wäre nett, mit Dir befreundet zu sein?‘ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die einem deutlich machen, dass man älter wird. Ich ließ den Latte Macchiato stehen und klickte Tülays studiVZ-Profil weg. Das hier war nichts für mich.

Zwei Jahre später hatte sich daran nichts geändert. Ich war nun bei Facebook, aber nicht bei der VZ-Gruppe. Vielleicht hätte studiVZ mir dabei geholfen, Babsie aus dem Breisgau wiederzufinden, aber wenn ich sie nicht in meiner Welt, in Facebook,  wiederfand, dann eben nicht – es gab ja noch weitere Semester aufzuarbeiten. Etwa das zweite. Summer of 1995, schreibe ich in mein Status-Update, nachdem Facebook einen Volltreffer gelandet hat. Ein Klick – und ich sehe die Sommerliebe von vor 14 Jahren wieder.

Die französische Austauschschülerin

16. November 2009

Wer A sagt, muss auch B sagen. So heißt dieser dämliche Poesie-Album-Spruch, den man in der Orientierungsstufe immer wieder hineingeschrieben bekommen hat. Snoopy-Weisheiten. Eigentlich müsste es heißen: Wer A sagt, muss auch F sagen. Oder richtiger: Wer F wählt, muss auch A sagen. So war das nämlich in der 9. Klasse, in jenen Wendemonaten, als man für seine Wahl der zweiten Fremdsprache Französisch in das zunächst fragwürdige Vergnügen der Auslandsreise kam.

Doch dass es ein Vergnügen war, das wissen wir erst im Rückspiegel der Zeit. Wenn man gerade 16 geworden und in einer Streberschule ohne Internet aufgewachsen ist, dann erwartet man von einem Schüleraustausch in Frankreich während der Fußballweltmeisterschaft 1990 ungefähr so viel wie von Quarantäne in Gemeinschaft: Man weiß nicht, was einen da erwartet, aber man muss da hin.

Was mich erwartete, war eine frühreife Französin, die sich nicht genierte, vor mir mit ihrem Freund, einem Dorfhorst in Trainingshosen, herumzuknutschen und bei mir im frischen Teenager-Alter einen seltsamen Hormoncocktail aus Neid, Eifersucht und Begierde zu entfachten. Angelique war heiß. Und ich schüchterner als der Klassenlehrer erlaubt. Wo hat Dich Dein Freund geküsst, fragten die Eltern ihre Tochter einmal beim Abendessen. Angelique verdrehte genervt die Augen, neigte den Kopf nach unten und hauchte genervt: . Die Mutter lachte, ich wurde rot. So funktioniert Erziehung auf Französisch. Meilensteine des Erwachsenwerdens.

Acht Jahre später rief Angelique plötzlich bei meinen Eltern an, um meine Nummer zu erfragen. Sie hatte Resturlaub und wollte Hamburg noch mal näher kennenlernen. Und vielleicht auch mich noch mal, nachdem ich nun kein halbes Kind mehr war. Seitdem ist wieder mehr als ein Jahrzehnt vergangen.

Wieder Facebook-Freunde: Ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter von Hogwarts

Also facebooke ich Angelique – und werde natürlich nicht fündig. Man kann nicht alles finden. Ich google sie, was ich das letzte Mal vor ungefähr einem halben Jahrzehnt getan hatte und dabei Ergebnisse von ihrer Arbeit bei einer internationalen Marktforschungsagentur und Marathonstatistiken unter 4 Stunden erhalten hatte – nichts Neues diesmal. Doch es gibt noch eine andere Option. Das Xing für das Ausland. Und tatsächlich: LinkedIn schlägt mir eine Angelique mit anderem Nachnamen vor. Ein Missverständnis?

Eine Heirat! Und Nachwuchs, wie ich dann auf Facebook feststelle: Ein Kind auf dem Profilfoto – ein Realitycheck binnen weniger Sekunden. Wie sollte es auch anders sein: Mit 35 ist es ziemlich normal, verheiratet zu sein und Kinder zu haben – ich bin die Ausnahme. Also klicke ich Angelique hinzu und schreibe ein paar nette Worte in die Einladung. Angelique, it’s been a while, ich will mich mit meinen Kinderfranzösisch für Anfänger nicht komplett blamieren. How is everything in Paris? Would be nice being connected via facebook, after all…

Zwei Stunden später ist genau das der Fall. Angelique und ich sind befreundet. Wieder. Nach mehr als einem Jahrzehnt. Also ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter der Bahnsteig 9 3/4 von Hogwarts. Ich klicke auf die Freundschaftsbestätigung und bin in Angeliques Welt, anno 2009.

Es gibt wohl nicht viele surrealere Dinge in der digitalen Welt als diese Instant-Zeitreisen. Früher mussten wir einer alten Bekanntschaft schon real begegnen, um von der Macht der Zeit beeindruckt zu werden. Physisch haben wir diese Veränderungen erfahren von Angesicht zu Angesicht, während der Angesehene sich gleichzeitig wie im Zoo fühlen muss, begafft wie ein exotisches Tier. Das Vom-Anderen-gesehen-werden ist die Wahrheit des Den-Anderen-Sehens. Sartre reloaded.

Heute verläuft diese enorm weltliche Erfahrung komplett digital. Mit einem Mausklick bekommen wir die Veränderungen zu sehen, die das Objekt unseres Interesses uns gestattet. Das ist, natürlich, oft geschönt, wer will schon seine unvorteilhaften Seiten präsentieren? Und doch sind selbst diese Bilder so ungleich  vielsagender, weil uns die Veränderungen nach all der Zeit viel weniger auffallen als den anderen.

Verschollene Bilder vom Schüleraustausch: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen
Das, was ich sehe, ist eine ernste, aber glückliche Französin, noch nicht wirklich mittleren Alters, aber eben auch nicht mehr jung. Ich sehe, wie athletisch, fast sehnig Angelique geworden ist. Wie sich Falten über ihre Mundwinkel spannen beim Lachen. Wie sie ihre Haare kürzer trägt und kaum noch Make-up.

Sie ist nicht mehr die sexy femme fatale, sondern sichtbar gealtert. Elegant aber. In Würde, würde man wohl sagen. Nicht unbedingt schön. Und trotzdem ein angenehmes Wesen. Ich schaue heute anderen Frauen nach, sie wäre nicht mehr mein Fall – nicht unbedingt. Das finde ich irgendwie ziemlich erschreckend, sagt aber wahrscheinlich mehr über mich aus als über sie.

Ich klicke immer weiter. Fotos mit dem Kind, ihren Brüdern, dem Mann, den ich völlig unter Wert finde, was soll ich auch anderes finden. Und dann trifft mich der Schlag. Da ist dieses eine Bild, Angelique ist markiert, es kommt nicht aus ihrem Fotoalbum, sondern aus dem einer Freundin. „Échanges scolaire franco-allemands 1990“ steht da. Unser Schüleraustausch, ein Fotoalbum von Delphine, einer Klassenkameradin, längst verschollene Gesichter in unfassbar bunten Grausamkeiten des schlechten Modegeschmacks.

Dieses Bild ist das Schönste, was ich in Facebook finden kann: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen, kichernde Mädchen in Polsterblazern, halbstarke Jungs auf Poserbildern und dann Angelique mit ihrem Schäferhund auf dem Balkon des chateaus ihrer Eltern – ein Blick, so überrascht, so unverbraucht, so mädchenhaft, wie man mit 16 sein kann, wenn das ganze Leben noch vor einem liegt. So wie sie war. Es macht mich glücklich, das zu sehen.

Ich überlege, ob ich Angelique etwas schreiben soll, eine Gratulation zum Kind, eine Reminiszenz an die Vergangenheit, irgendetwas. Ich überlege, setze an – und lasse es. Es ist alles gesagt. Oder gesehen. Sie ist zu dem geworden, was sie ist. Ganz bei sich. Ich freue mich für Angelique, wahnsinnig freue ich mich für sie. Ich lade ein neues Profilbild von meinem letzten Paris-Besuch aus dem Jardin du Luxembourg hoch und schreibe ein neues Status-Update. Comme le temps passe…, steht da, als ich die Seite aktualisiere.

Meine Klasse: Schulfreunde wiederfinden in Facebook

11. November 2009

Mit der Schule ist es so eine Sache. Lang ist es her, unfassbare 15 Jahre – fast ein halbes Leben also, Zeit genug, um die Schulzeit erneut zu betrachten, in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon zu bekommen, was in der Welt um einen herum passiert.

Der Blick zurück im Rückspiegel löst unweigerlich ein Gefühl von Nostalgie aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich längst ein seidener Schleier der Verklärung über jene Zeit der frühen 90er Jahre gehüllt, Tage des wiedervereinigten Deutschlands, des frühen HipHops und der Geburtsstunde des Grunge. Milde gestimmt blicke ich auf jene Zeit zurück, in der man für neun Jahre immer wieder dieselben Gesichter sah. Eine surreale Schicksalsgemeinschaft. Doch wo und was sind die einstigen Weggefährten heute?

Nicht einmal ein 15-jähriges Klassentreffen kam dieses Jahr zustande, traurig irgendwie. Und trotzdem ist der Faden zur eigenen Vergangenheit nie ganz abgerissen. Überraschend viele Klassenkameraden treffe ich alle halbe Jahre dann doch irgendwo zwischen Ottensen, der Schanze oder der Alster wieder. Meistens zufällig, doch dann immer wieder gerne.

Falsche Klassenkameraden: Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet

Wie wäre es also, bewusst nach seinen Klassenkameraden in Facebook zu suchen? Ich versuche es – und scheitere. Keiner meiner näheren Bekannten ist hier – oder will zu Facebook. Ich versende Einladungsmails, werde schon zum Fürsprecher des weltgrößten Social Networks. Ging schnell. Und dauert lange. Keine Reaktion – und wenn: negative. Lass mal, ist mir zu heikel mit der Privatsphäre, sagt einer. Ich wende ein, dass man darüber volle Kontrolle habe, doch das Unbehagen ist mächtiger. Oder die Bequemlichkeit. Keine Zeit, meint ein anderer, wir kommunizieren doch auch über eMail und SMS prima. Sehr einsnullig.

Dann passiert doch etwas – eine neue Freundschaftsbestätigung. Doch den Sportsfreund kenne ich nicht – persönlich. Ich kenne ihn, nur anders. Aus dem Fernsehen. Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet, verrät mir mein Facebook-Profil. Zuerst finde ich das lustig, dann doof. Otto Pfister war bekanntermaßen lange Zeit Trainer der kamerunischen Nationalmannschaft, bei der WM 2006 in Deutschland noch der togoischen – und nicht zuletzt dank seines Nachnamens eher eine Witzfigur als realer Kontakt.

Da hat sich ein Schulfreund wohl nicht ganz getraut, seinen realen Namen anzugeben und stattdessen den 61-jährigen Handlungsreisenden in Sachen Fußballkultur in Afrika vorgeschickt. Ich belehre den Freund in einer eMail, dass soziale Netzwerke wie Facebook durchaus von ihrer Authentizität leben und er sich doch bitte zu erkennen geben möge. Das will er nicht, und so ist Otto am Ende des Tages nicht mehr mein Freund.

Das Fenster zur Vergangenheit: Plötzlich tauchen die Klassenkameradinnen wieder auf – mit ersten Falten, Umstandskleidern und anderen Nachnamen

Was mir auf Facebook bleibt, ist eine Klassenkameradin, mit der mich zu Schulzeiten nicht so viel verbunden hat und die dann plötzlich in den langen Fluren der Milchstraße vor mir stand. Wiedersehen im Journalismus. Auf Facebook sehe ich, was ich schon aus ihrem Blog wusste: Julia ist verheiratet und hat Kinder. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen, lese ich da auf der Geburtstagstorte für die Kleinste in einem ihrer Fotoalben. Herzallerliebst!

Und plötzlich öffnet sich damit dann doch das Fenster zur Vergangenheit: Ich finde in Julias Fotoalben die Gesichter wieder, die ich zumindest fünf Jahre nicht gesehen habe – und Bäuche, die noch gar nicht. In der Freundesliste vervollständigt sich dann das Bild. Da sind sie plötzlich wieder, die drei, vier umschwärmten Mädels der Schulzeit, die jeder toll fand, aber niemand aus der Klasse kriegte – sondern nur die Jungs aus der Oberstufe.

Einige Dinge werden sich nie ändern, andere hingegen fundamental – die ersten Falten, die Umstandskleider, die Nachnamen etwa. Doch das ist es nicht, was mich stutzig macht. Mit ein paar Klicks bin ich so tief in die Vergangenheit eingetaucht und gleichzeitig mit Überschallgeschwindigkeit in die Zukunft zurückkatapultiert worden, wie es kein Klassentreffen schaffen könnte. Facebook ist härter und direkter – ein unbarmherziger Reality-Check im Fastforward-Modus. That was then, this is now.

40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg – bei mir sind es mehr

Es wird viel passieren, heißt es im unsäglichen Jingle zur noch unsäglicheren Vorabendserie „Marienhof“, die unsäglicherweise ziemlich genauso alt ist wie die Zeit nach dem Abitur. Es ist viel passiert nach der Schulzeit, in diesen 15 Jahren, die Soziologen „die Rushour des Lebens“ nennen, in der man eigentlich alles geregelt kriegen sollte. Karriere starten, die Beziehung fürs Leben eingehen, Nachwuchs zeugen. Schließlich sollten wir ja eigentlich erwachsen werden.

Bei mir ist es so wie in wohl vielen Beziehungen der Generation NEON: Einige Dinge kommen von selbst, andere lassen auf sich warten. Man schiebt sie Jahr für Jahr vor sich hin, weil es so viel anderes zu erleben gibt. Ein Jahr noch. Die Thailand-Reise, die Lateinamerika-Reise, die geplante Weltreise, Arbeit jeden Tag bis nach 20 Uhr, immer noch eine Geschichte fertig schreiben, immer noch eine Präsentation vorbereiten, in dem Fitzelchen Freizeit bei Saskia das Pferd, bei mir – Facebook?

Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen meine liebste Freizeit-Beschäftigung geworden. 40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg, hat eine Studie der britischen IT-Beraterfirma Morse vorvergangene Woche rausgefunden – ein Scherz gegen das, was ich inzwischen auf Facebook zubringe.

Das endet nicht gut, ich weiß. Aber hört man deswegen mittendrin auf? Ich klicke durch die Bilder unseres letzten Australien-Urlaubs, Zeit ein Fotoalbum hochzuladen. „Awesome Australia“, nenne ich es. So war das. Awesome. Und jetzt? Dreaming of days gone by down under, schreibe ich in mein Status-Update. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen.

20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis

9. November 2009

Als ich aufwachte, war die Mauer offen. Ein solch zeithistorisches Ereignis buchstäblich zu verschlafen, wäre für einen Journalisten die Höchststrafe – am Morgen des 10. November 1989 war ich jedoch nichts anderes als einer von Hunderten Hamburger Schülern in einer 9. Klasse, die im Klassenzimmer aufgeregt diskutieren, was sie im Radio und Frühstücksfernsehen gehört und gesehen hatten. Die Zeitungen hatten die Geschehnisse der Nacht längst noch nicht gedruckt, und die Geburtsstunde des Internet, wie wir es als WWW kennen, sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen.

Zwei Jahrzehnte später findet die Erinnerung an jenen Tag, der für immer die bundesdeutsche Geschichte ändern sollte, in aller erster Linie online statt – und zwar wie selbstverständlich. Keine nachrichtliche Website, die heute nicht mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls aufmacht – keine Features, keine Videodokumente, keine Photostrecken sind zu aufwendig für die multimedialen Angebote von SPIEGEL Online, stern.de, WELT Online oder der Öffentlich-Rechtlichen.

Was mich indes wirklich interessiert, ist die Geschichte hinter der Geschichte. Wo könnte ich sie finden – wo könnte ich Puzzleteile der Vergangenheit zurückholen, wenn nicht im sozialen Internet, bei Facebook, dem mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern auch in Deutschland größten Netzwerk, das längst zu so etwas wie dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit geworden ist?

Facebook-Gruppen: Gemeinsame Interessen und Ereignisse teilen

„Mauerfall“ gebe ich in die Facebook-Suche ein und bin überrascht. Zunächst – wenig Treffer. Das liegt daran, dass die Suche natürlich auf die Nachnamen von Personen spezialisiert ist. Unter dem Menüpunkt „Gruppen“, in denen sich Nutzer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen können, dann weitaus mehr Treffer: Da ist etwa die Gruppe „Pro Deutsche Einheit – Berlin – 20 Jahre – Mauerfall„, in der „Geschichten, Gedanken, Erinnerungen und Ideen für die Zukunft, über das Gestern – Heute – Morgen ausgetauscht werden können“.

Aktuelle Artikel rund um den 20. Jahrestag  reihen sich an Videoschnipsel, wie etwa Genschers denkwürdiger Ausreise-Mitteilung in der Prager Botschaft, allesamt gepostet von einer scheinbar übereifrigen Userin, die sich bei einem Klick weiter als CDU Kreisvorsitzende entpuppt. Auch Parteien haben Facebook also bereits als Instrument für Viral Marketing entdeckt. Internationale Gruppen gibt es ebenfalls – etwa „Mauerfall 20 Jahre – Chute du mur de Berlin, 20 ans apres„, die „20 Jahre deutsch-französische Erlebnisse seit dem Fall der Mauer“ sammelt.

Aufruf via Facebook zum größten Flashmob der Welt: Die Mauer als Menschenkette für 15 Minuten

Doch es geht auch weitaus vernetzter: Über die Suchfunktion „Alle Beiträge“  erhalte ich einen Überblick über alle Einträge von Facebook- Nutzern, die das Schlagwort „Mauerfall“ verwendet haben.  Ich stoße etwa auf die Fanpage des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, der eigenwillige Wende-Erinnerungen zum Besten gibt („Wir kamen mit Gitarren, nicht mit Panzern“).
Der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy erinnert sich unterdessen auf seiner Facebook-Seite, auf der ihm immerhin schon 180.000 „Fans“ folgen, an die historischen Stunden, in denen der seinerzeit 34-Jährige in Erwartung des großen Ereignisses nach West-Berlin gekommen war: „Wir sind dann zum Checkpoint Charlie gezogen, um auf die Ostseite der Stadt zu wechseln und endlich diese Mauer zu sehen, auf die wir einige Pickelhiebe geben konnten.“  Das hat damalige Vizegeneralsekretär der RPR dann auch tatsächlich getan – fraglich ist nur wann – und nun medienwirksam auf Facebook festgehalten: Man sieht Sarkozy als „Mauerspecht“.
Und ich lerne, dass heute um 20 Uhr der größte Flashmob der Welt stattfinden soll: 33.000 Menschen sollen in einer  Menschenkette die einstige Mauer herstellen – für 15 Minuten, um „daran zu erinnern, wie Berlin nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein Ganzes wurde – körperlich wie auch in den Köpfen… „, erklärt der britische Performance-Künstler Martin Butler. Das „Mauer Mob.2009“-Projekt soll ein zeitlich begrenztes Monument zur Reflektion sein.

Facebook-Nutzer erinnern sich: „Die Umarmungen, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…“
Doch da ist noch mehr. Wie zur Amtseinführung von Barack Obama haben auch die deutschen Medien längst erkannt, wie wichtig es ist, soziale Netzwerke mit ins Boot zu holen. Entsprechend forderte Nachrichtenmoderator Claus Kleber die ZDF-Zuschauer via Facebook auf, ihre Geschichte  zum Mauerfall zu erzählen: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ fragte der 54-Jährige via Videobotschaft auf der Facebook-Fanpage.

„Ich war auf der damals wöchentlichen Donnerstagsdemo in Erfurt mit selbst bemalten Bettlaken und der Aufforderung zur Reisefreiheit unterwegs“, erinnert sich etwa der User Marco Steinert. Der Nutzer h-g radusch schreibt: „Ich stand mit einem Freund am Checkpoint Charlie und empfing die ersten Trabbi mit „Mumm“ in Plastikbechern. Die Umarmungen, die Fröhlichkeit, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…ich werde es nie vergessen!!! “ Michael Kopcka fragt sich unterdessen, „… wie wäre es wohl gewesen, wenn wir damals schon so vernetzt gewesen wären?“ Die Antwort scheint klar: Facebook wäre wohl die erste Anlaufstelle gewesen, über die Nutzer ihre mit Smartphones festgehaltenen Eindrücke als Photos und Bewegtbilder miteinander geteilt hätten.

ZDF-Anchorman Claus Kleber war zum Zeitpunkt des Mauerfalls übrigens Segeln in der Karibik und ärgert sich bis heute, das größte zeitgeschichtliche Ereignis in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst zu haben – genau wie ich.

Als wollte ich das gutmachen, ertappe ich mich dabei, wie ich Digitalbilder aus dem vergangenen Sommer in der zweitschönsten Stadt Deutschlands durchsuche – ein neues Profilbild muss her, heute sind wir schließlich alle Berliner. Ich bleibe letztendlich beim Brandenburger Tor hängen, an dem letzte Woche erst U2 ihren umjubelten MTV-Auftritt gaben. One, schreibe ich in mein Status-Update.

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