Foreign Affairs

4. Dezember 2009

Ich bin nicht alleine. Genauer gesagt bin ich wie alle anderen. Jeder bei uns in der Redaktion findet Megan Fox toll. Jeder Mann. Dabei ist mir das unangenehm. Ich finde es nicht besonders schön, so unter der Gürtellinie getroffen zu werden. So direkt, so mit Anlauf. Wenn man Megan Fox sieht, sieht man, na ja – Sex. Nichts als pure Fleischeslust, rohe, ungezügelte Gedanken.

So etwas passiert mir nur bei dunkelhaarigen Frauen. Das letzte Mal, als eine Frau so etwas in mir ausgelöst hat, war gegen Ende der Uni-Zeit. Und natürlich war sie auch brünett. Giana, Italienerin mit luxemburgischem Pass und die beste Auslandserfahrung, die ich je hatte. Kennengelernt in London, wiedergesehen in Hamburg und Brüssel. Dummerweise war ich damals in einer Beziehung, was alles kompliziert, dann kaputt gemacht hat – die Beziehung und die Sache mit Giana erst recht.

Für den Moment denke ich, dass ich etwas  von dem Chaos gerne zurück hätte – nicht die Folgen, aber das Gefühl von Lebendigkeit. „Behalte das, was zwischen uns geschehen ist, in deiner Schatztruhe, und sag dir einfach, dass es sehr schön war. Au revoir“ – so endete das damals, vor knapp zehn Jahren.

Der Gatsby-Moment in Facebook – zur Liebe am anderen Ufer blicken

In diesen schlauen Hollywood-Blockbustern der Moderne zieht der Protagonist dann weiter, wohl wissend, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Es gehe nichts über einen würdigen Abgang, heißt es – usw, usf. Den hatte ich damals, im Juni 2000, als die Fußball-EM Brüssel lahmlegte – ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft.

Alles, was danach kam, wurde besser – für die DFB-Elf und für mich irgendwo auch. Mit Saskia. Mit unserer Zeit. Lange habe ich nicht mehr an Giana gedacht, die ich danach zu einer jener Liebesgeschichten verklärt habe, die eben nicht sein sollten – heftig, aber aussichtslos. Was aber, wenn sie plötzlich wieder greifbar werden?

Diesen Gatsby-Moment, in dem F. Scott Fitzgerald gedankenversunken am West Egg des nachts auf seine Liebe am anderen Ufer blickt, erlebe ich dank Facebook. Giana finde ich sofort, sogar ihr Profil ist teilweise sichtbar, ohne dass ich die Freundschaftsanfrage hinausschicken muss.

Mail aus der Vergangenheit: Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“

Wow. Neun Jahre sind neun Jahre, aber sie sieht immer noch faszinierend aus. Anders  faszinierend. Damals ein Mädchen von Anfang zwanzig, heute eine Frau von Anfang dreißig. Faszinierender ist das! Ihre Haare sind länger, ihr Lächeln noch gewinnender geworden. Und mit ihren haselnussbraunen Augen nimmt sie weiter Gefangene. Heute arbeitet Giana bei der EU-Kommission  und hat auffallend viele Kommentare von männlichen Freunden unter ihren Fotos. Was habe ich erwartet? Ich schreibe ihr trotzdem eine Mail.

Am nächsten Tag ertappe ich mich dabei, nach dem Aufwachen noch etwas gespannter auf die Facebook-Applikation des iPhones zu blinzeln. Und tatsächlich – eine rote „1“ leuchtet über dem Postfach auf. Giana? Giana!

Hi Nils,

mir geht es wie immer! 🙂 Nichts hat sich wirklich verändert. Das Leben ist auch immer noch „beim Alten“, keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne. Arbeite inzwischen bei der EU, was riesig Spaß macht. So viele verschiedene Menschen, so viel Kulturen. Wie steht es bei dir?

Grüsse aus Brüssel.

Giana

Penser à Bruxelles steht im Status-Update. Wer denkt schließlich nicht an Brüssel?

Das freut und enttäuscht mich zugleich. Eine umgehende Antwort (prima!), noch nicht verheiratet (sehr gut!), noch keine Kinder (noch alles möglich!) – aber doch sehr formell geschrieben.  Ich antworte ihr:

Hey Giana,

wie schön, so schnell von Dir zu hören – klingt doch toll. Bei mir ist auch alles „beim Alten“ 🙂 Viel zu  schreiben, aber „keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne“ 😉  Lass uns doch bei Gelegenheit skypen!

LG, Nils

Spätestens, als ich das geschrieben habe, fühle ich mich schäbig. Keine Hochzeits- oder Nachwuchspläne? Das kann man so kategorisch nicht sagen. Zumindest nicht Saskia. Schreibe ich aber – Giana. Bin ich dabei, die Geschichte zu wiederholen?

Uns bleibt immer Brüssel, hatte Giana in ihrer Abschiedsmail geschrieben. Das bleibt uns. Dieses Facebook weckt nun aber Gedanken in mir, die gar nicht gut sind. Aber kann man Facebook dafür verantwortlich machen, dass es wie die Büchse der Pandora mit etwas lockt, was längst latent in uns schlummert? Papperlapapp!

Ich aktualisiere mein Status-Update. Penser à Bruxelles, steht da. Kann man doch so schreiben – wer denkt nicht mal an Brüssel? Ich fühle mich so verwegen wie ein 14-facher Grand Slam-Gewinner. Ob wohl Tiger Woods auch solche Status-Updates verfasst hat, bevor er seinen Wagen gegen den Baum setzte? Zum Glück bin ich nicht in Gefahr – ich habe ja bis heute keinen Führerschein.

8 Reaktionen zu “Foreign Affairs”

  1. fantasticmanam 4. Dezember 2009 um 16:16 Uhr

    Den Hinweis mit Tiger Woods finde ich lustig – mal sehen, was Saskia macht:)

    btw: ich gehöre zu den Männern welche die 1,64m kleine Megan Fox nicht toll finden.

  2. The Wam 7. Dezember 2009 um 09:47 Uhr

    Schöne Episode lieber Nils. Und das gute an einer Episode ist ja, dass man sie als eingeschobene (abgeschlossene) Handlung abhaken oder auf eine (weitere) Folge hoffen kann. Fortsetzung folgt… (vielleicht)

  3. Tomam 7. Dezember 2009 um 10:41 Uhr

    Haha, köstlich!

  4. Elaam 7. Dezember 2009 um 12:09 Uhr

    Ja, ja. Facebook ist ein gefährliches Pflaster und es geht verdammt vielen so. Aber wie bereits bemerkt: man sollte die Vergangenheit ruhen lassen…

  5. Siehiebenam 7. Dezember 2009 um 22:22 Uhr

    „Uns bleibt immer Brüssel“
    – schrieb sie vor neun Jahren!
    Eine lange Zeit.

  6. Amelyam 8. Dezember 2009 um 11:18 Uhr

    Genau… auch Männer sind nur Menschen und in mancher Hinsicht
    auch nicht viel anders als Frauen. Ich habe mich auch schon ertappt
    mal nach einem Verflossenen zu suchen bei Facebook – zwar gefunden
    aber nicht angeschrieben. Was gewesen ist, ist Vergangenheit und manchmal
    ist es besser diese Ruhen zu lassen, sich weiter durchs Leben
    zu bewegen und vielleicht wieder eine neue große Liebe zu finden.
    Aber Respekt, Nils, das Du nach dem angedeuteten Drama anno 2000
    noch mal den Mut hattest ihr zu schreiben… Dennoch, die Realität sollte
    man bei all der schöngedachten Romantik nicht vergessen.

  7. Harryam 8. Dezember 2009 um 17:18 Uhr

    oha, das wird ja immer larmoyanter. Frauen mögen keine wehleidigen Weicheier, die immerzu in der Vergangenheit graben – ganz bestimmt auch nicht Megan Fox…

    ich wünschte mir in der nächsten Folge ein bisschen mehr zum Thema „wie schaffe ich von mir ein Profil auf Facebook, das ganz und gar mein wirkliches Ich verdeckt“.

    oder was zukunftsweisendes

    spannende Hoffnung

  8. Foobaram 10. Dezember 2009 um 15:57 Uhr

    schöne Geschichte! Ich finde es – im Gegensatz zu meinen Vorrednern – durchaus Rechtens in der Vergangenheit zu „forschen“. Bei mir wurden allerdings nach 12 Jahren bei einem (von mir beabsichtigten) Real-Live Treffen die zauberhaften Erinnerungen an einer Woche Verliebtheit zerstört bzw. durch den nicht mehr so schönen Gedanken „was hast du an der nur so gefunden?“ verdrängt.

    Deshalb als Ausgleich: Bitte, bitte noch mehr von diesen schönen Geschichte aus der Vergangenheit!