Die französische Austauschschülerin

16. November 2009

Wer A sagt, muss auch B sagen. So heißt dieser dämliche Poesie-Album-Spruch, den man in der Orientierungsstufe immer wieder hineingeschrieben bekommen hat. Snoopy-Weisheiten. Eigentlich müsste es heißen: Wer A sagt, muss auch F sagen. Oder richtiger: Wer F wählt, muss auch A sagen. So war das nämlich in der 9. Klasse, in jenen Wendemonaten, als man für seine Wahl der zweiten Fremdsprache Französisch in das zunächst fragwürdige Vergnügen der Auslandsreise kam.

Doch dass es ein Vergnügen war, das wissen wir erst im Rückspiegel der Zeit. Wenn man gerade 16 geworden und in einer Streberschule ohne Internet aufgewachsen ist, dann erwartet man von einem Schüleraustausch in Frankreich während der Fußballweltmeisterschaft 1990 ungefähr so viel wie von Quarantäne in Gemeinschaft: Man weiß nicht, was einen da erwartet, aber man muss da hin.

Was mich erwartete, war eine frühreife Französin, die sich nicht genierte, vor mir mit ihrem Freund, einem Dorfhorst in Trainingshosen, herumzuknutschen und bei mir im frischen Teenager-Alter einen seltsamen Hormoncocktail aus Neid, Eifersucht und Begierde zu entfachten. Angelique war heiß. Und ich schüchterner als der Klassenlehrer erlaubt. Wo hat Dich Dein Freund geküsst, fragten die Eltern ihre Tochter einmal beim Abendessen. Angelique verdrehte genervt die Augen, neigte den Kopf nach unten und hauchte genervt: . Die Mutter lachte, ich wurde rot. So funktioniert Erziehung auf Französisch. Meilensteine des Erwachsenwerdens.

Acht Jahre später rief Angelique plötzlich bei meinen Eltern an, um meine Nummer zu erfragen. Sie hatte Resturlaub und wollte Hamburg noch mal näher kennenlernen. Und vielleicht auch mich noch mal, nachdem ich nun kein halbes Kind mehr war. Seitdem ist wieder mehr als ein Jahrzehnt vergangen.

Wieder Facebook-Freunde: Ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter von Hogwarts

Also facebooke ich Angelique – und werde natürlich nicht fündig. Man kann nicht alles finden. Ich google sie, was ich das letzte Mal vor ungefähr einem halben Jahrzehnt getan hatte und dabei Ergebnisse von ihrer Arbeit bei einer internationalen Marktforschungsagentur und Marathonstatistiken unter 4 Stunden erhalten hatte – nichts Neues diesmal. Doch es gibt noch eine andere Option. Das Xing für das Ausland. Und tatsächlich: LinkedIn schlägt mir eine Angelique mit anderem Nachnamen vor. Ein Missverständnis?

Eine Heirat! Und Nachwuchs, wie ich dann auf Facebook feststelle: Ein Kind auf dem Profilfoto – ein Realitycheck binnen weniger Sekunden. Wie sollte es auch anders sein: Mit 35 ist es ziemlich normal, verheiratet zu sein und Kinder zu haben – ich bin die Ausnahme. Also klicke ich Angelique hinzu und schreibe ein paar nette Worte in die Einladung. Angelique, it’s been a while, ich will mich mit meinen Kinderfranzösisch für Anfänger nicht komplett blamieren. How is everything in Paris? Would be nice being connected via facebook, after all…

Zwei Stunden später ist genau das der Fall. Angelique und ich sind befreundet. Wieder. Nach mehr als einem Jahrzehnt. Also ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter der Bahnsteig 9 3/4 von Hogwarts. Ich klicke auf die Freundschaftsbestätigung und bin in Angeliques Welt, anno 2009.

Es gibt wohl nicht viele surrealere Dinge in der digitalen Welt als diese Instant-Zeitreisen. Früher mussten wir einer alten Bekanntschaft schon real begegnen, um von der Macht der Zeit beeindruckt zu werden. Physisch haben wir diese Veränderungen erfahren von Angesicht zu Angesicht, während der Angesehene sich gleichzeitig wie im Zoo fühlen muss, begafft wie ein exotisches Tier. Das Vom-Anderen-gesehen-werden ist die Wahrheit des Den-Anderen-Sehens. Sartre reloaded.

Heute verläuft diese enorm weltliche Erfahrung komplett digital. Mit einem Mausklick bekommen wir die Veränderungen zu sehen, die das Objekt unseres Interesses uns gestattet. Das ist, natürlich, oft geschönt, wer will schon seine unvorteilhaften Seiten präsentieren? Und doch sind selbst diese Bilder so ungleich  vielsagender, weil uns die Veränderungen nach all der Zeit viel weniger auffallen als den anderen.

Verschollene Bilder vom Schüleraustausch: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen
Das, was ich sehe, ist eine ernste, aber glückliche Französin, noch nicht wirklich mittleren Alters, aber eben auch nicht mehr jung. Ich sehe, wie athletisch, fast sehnig Angelique geworden ist. Wie sich Falten über ihre Mundwinkel spannen beim Lachen. Wie sie ihre Haare kürzer trägt und kaum noch Make-up.

Sie ist nicht mehr die sexy femme fatale, sondern sichtbar gealtert. Elegant aber. In Würde, würde man wohl sagen. Nicht unbedingt schön. Und trotzdem ein angenehmes Wesen. Ich schaue heute anderen Frauen nach, sie wäre nicht mehr mein Fall – nicht unbedingt. Das finde ich irgendwie ziemlich erschreckend, sagt aber wahrscheinlich mehr über mich aus als über sie.

Ich klicke immer weiter. Fotos mit dem Kind, ihren Brüdern, dem Mann, den ich völlig unter Wert finde, was soll ich auch anderes finden. Und dann trifft mich der Schlag. Da ist dieses eine Bild, Angelique ist markiert, es kommt nicht aus ihrem Fotoalbum, sondern aus dem einer Freundin. „Échanges scolaire franco-allemands 1990“ steht da. Unser Schüleraustausch, ein Fotoalbum von Delphine, einer Klassenkameradin, längst verschollene Gesichter in unfassbar bunten Grausamkeiten des schlechten Modegeschmacks.

Dieses Bild ist das Schönste, was ich in Facebook finden kann: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen, kichernde Mädchen in Polsterblazern, halbstarke Jungs auf Poserbildern und dann Angelique mit ihrem Schäferhund auf dem Balkon des chateaus ihrer Eltern – ein Blick, so überrascht, so unverbraucht, so mädchenhaft, wie man mit 16 sein kann, wenn das ganze Leben noch vor einem liegt. So wie sie war. Es macht mich glücklich, das zu sehen.

Ich überlege, ob ich Angelique etwas schreiben soll, eine Gratulation zum Kind, eine Reminiszenz an die Vergangenheit, irgendetwas. Ich überlege, setze an – und lasse es. Es ist alles gesagt. Oder gesehen. Sie ist zu dem geworden, was sie ist. Ganz bei sich. Ich freue mich für Angelique, wahnsinnig freue ich mich für sie. Ich lade ein neues Profilbild von meinem letzten Paris-Besuch aus dem Jardin du Luxembourg hoch und schreibe ein neues Status-Update. Comme le temps passe…, steht da, als ich die Seite aktualisiere.

11 Reaktionen zu “Die französische Austauschschülerin”

  1. Oldieam 16. November 2009 um 15:13 Uhr

    Frankreisch, Frankreisch! Ihre Beschreibung für facebook klingt sehr authentisch. So könnte eine Suche tatsächlich aussehen. Es ist wie das erfolgreiche Finden der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen und herauskommt der Vergleich Retrospektive : Gegenwart und wie man damit umgeht.

  2. Armelaam 16. November 2009 um 15:25 Uhr

    Great point and well done! I can so relate to the feeling of curiosity and eagerness of click after click that feels the gap of years passed by… Not later than last night i found a friend on facebook that I’ve been loosing contact with for over a decate. She is married, with a little girl and living in Canada. Looking at her wall immidiately raised a Cynical thought, felt like from moving back the lectures environment to the „Desperate Housewives“ series;) But it’s great to be connected, not only gives a chance for catching up after all these years but also sets bridges that perhaps were never there…A Renaissance of tailored life pieces covered by the dust of time 🙂

  3. Stefan M.am 16. November 2009 um 23:40 Uhr

    Tolle Rückschau, die ganz melancholisch macht. Und neidisch! Hatte nämlich nur einen Austauschschüler :-;

  4. Arianeam 17. November 2009 um 10:10 Uhr

    Wahr oder schön erfunden? Oder wahr und schön und nicht erfunden? War schön zu lesen jedenfalls.

  5. Franziskaam 17. November 2009 um 11:53 Uhr

    Wirklich lesenswerte Zeitreise zurück in die Schulzeit, wird einem ja fast wehmütig ums Herz 😉 Aber wie gut, dass wir Facebook haben, ich habe darüber sogar Leute aus meiner Grundschule wiedergefunden. Irre.

  6. weltraumhundam 17. November 2009 um 13:23 Uhr

    Am Tag der Zuweisung der französischen Austauschschüler war ich krank gewesen und dann bekam ich einen Computerfreak mit dicker Brille :/ ich habe mir nicht die Mühe gemacht ihn in Facebook zu suchen 🙂

  7. Leifam 17. November 2009 um 14:54 Uhr

    Schöne Erinnerung. Mich hat kürzlich in diesem Schulklassen Social Network eine Dame angeschrieben, die mit mir im Kindergarten war und noch viele Fotos von damals hat. Ich kann mich an keine Frau aus dieser Zeit erinnern! Wie weit in die Vergangenheit wollen uns die Social Networks eigentlich noch ziehen?

  8. Harryam 18. November 2009 um 08:14 Uhr

    also ich suche noch in Facebook, Google&Co. – und verzage langsam – Brigitte H., Petra K. und Danelle P. Wenn Ihr das hier seht, bitte bei Nils J. melden. Und ich meine nicht die Kindergarten-Freundschaften…

  9. Hendrikam 19. November 2009 um 09:37 Uhr

    Sehr schön geschrieben. Ich fühlte mich ehrlich gesagt etwas ertappt bei der Beschreibung. 😉

    Selbstverständlich habe ich auch bereits alle süßen Häschen von damals gefacebookt. Aber es ist, wie du schreibst: Der Reiz von damals ist weg! 😉

  10. aroam 20. November 2009 um 14:48 Uhr

    Da haben die „älteren“ Generationen uns Jugendlichen gegenüber einen Vorteil. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen. Wir kriegen dank Social Media von jedem Bekannten alles sofort mit. Große Überraschungen gibts da keine. Schade eigentlich 🙂

  11. […] by. Wie die Zeit vergeht… Der Stein ist ins Rollen gekommen: Wenn ich über die Schule und meine französische Austauschschülerin nachdenke, dann ist es logisch, dass ich via Facebook auch mehr über die Menschen wissen will, die […]