20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis

9. November 2009

Als ich aufwachte, war die Mauer offen. Ein solch zeithistorisches Ereignis buchstäblich zu verschlafen, wäre für einen Journalisten die Höchststrafe – am Morgen des 10. November 1989 war ich jedoch nichts anderes als einer von Hunderten Hamburger Schülern in einer 9. Klasse, die im Klassenzimmer aufgeregt diskutieren, was sie im Radio und Frühstücksfernsehen gehört und gesehen hatten. Die Zeitungen hatten die Geschehnisse der Nacht längst noch nicht gedruckt, und die Geburtsstunde des Internet, wie wir es als WWW kennen, sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen.

Zwei Jahrzehnte später findet die Erinnerung an jenen Tag, der für immer die bundesdeutsche Geschichte ändern sollte, in aller erster Linie online statt – und zwar wie selbstverständlich. Keine nachrichtliche Website, die heute nicht mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls aufmacht – keine Features, keine Videodokumente, keine Photostrecken sind zu aufwendig für die multimedialen Angebote von SPIEGEL Online, stern.de, WELT Online oder der Öffentlich-Rechtlichen.

Was mich indes wirklich interessiert, ist die Geschichte hinter der Geschichte. Wo könnte ich sie finden – wo könnte ich Puzzleteile der Vergangenheit zurückholen, wenn nicht im sozialen Internet, bei Facebook, dem mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern auch in Deutschland größten Netzwerk, das längst zu so etwas wie dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit geworden ist?

Facebook-Gruppen: Gemeinsame Interessen und Ereignisse teilen

„Mauerfall“ gebe ich in die Facebook-Suche ein und bin überrascht. Zunächst – wenig Treffer. Das liegt daran, dass die Suche natürlich auf die Nachnamen von Personen spezialisiert ist. Unter dem Menüpunkt „Gruppen“, in denen sich Nutzer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen können, dann weitaus mehr Treffer: Da ist etwa die Gruppe „Pro Deutsche Einheit – Berlin – 20 Jahre – Mauerfall„, in der „Geschichten, Gedanken, Erinnerungen und Ideen für die Zukunft, über das Gestern – Heute – Morgen ausgetauscht werden können“.

Aktuelle Artikel rund um den 20. Jahrestag  reihen sich an Videoschnipsel, wie etwa Genschers denkwürdiger Ausreise-Mitteilung in der Prager Botschaft, allesamt gepostet von einer scheinbar übereifrigen Userin, die sich bei einem Klick weiter als CDU Kreisvorsitzende entpuppt. Auch Parteien haben Facebook also bereits als Instrument für Viral Marketing entdeckt. Internationale Gruppen gibt es ebenfalls – etwa „Mauerfall 20 Jahre – Chute du mur de Berlin, 20 ans apres„, die „20 Jahre deutsch-französische Erlebnisse seit dem Fall der Mauer“ sammelt.

Aufruf via Facebook zum größten Flashmob der Welt: Die Mauer als Menschenkette für 15 Minuten

Doch es geht auch weitaus vernetzter: Über die Suchfunktion „Alle Beiträge“  erhalte ich einen Überblick über alle Einträge von Facebook- Nutzern, die das Schlagwort „Mauerfall“ verwendet haben.  Ich stoße etwa auf die Fanpage des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, der eigenwillige Wende-Erinnerungen zum Besten gibt („Wir kamen mit Gitarren, nicht mit Panzern“).
Der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy erinnert sich unterdessen auf seiner Facebook-Seite, auf der ihm immerhin schon 180.000 „Fans“ folgen, an die historischen Stunden, in denen der seinerzeit 34-Jährige in Erwartung des großen Ereignisses nach West-Berlin gekommen war: „Wir sind dann zum Checkpoint Charlie gezogen, um auf die Ostseite der Stadt zu wechseln und endlich diese Mauer zu sehen, auf die wir einige Pickelhiebe geben konnten.“  Das hat damalige Vizegeneralsekretär der RPR dann auch tatsächlich getan – fraglich ist nur wann – und nun medienwirksam auf Facebook festgehalten: Man sieht Sarkozy als „Mauerspecht“.
Und ich lerne, dass heute um 20 Uhr der größte Flashmob der Welt stattfinden soll: 33.000 Menschen sollen in einer  Menschenkette die einstige Mauer herstellen – für 15 Minuten, um „daran zu erinnern, wie Berlin nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein Ganzes wurde – körperlich wie auch in den Köpfen… „, erklärt der britische Performance-Künstler Martin Butler. Das „Mauer Mob.2009“-Projekt soll ein zeitlich begrenztes Monument zur Reflektion sein.

Facebook-Nutzer erinnern sich: „Die Umarmungen, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…“
Doch da ist noch mehr. Wie zur Amtseinführung von Barack Obama haben auch die deutschen Medien längst erkannt, wie wichtig es ist, soziale Netzwerke mit ins Boot zu holen. Entsprechend forderte Nachrichtenmoderator Claus Kleber die ZDF-Zuschauer via Facebook auf, ihre Geschichte  zum Mauerfall zu erzählen: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ fragte der 54-Jährige via Videobotschaft auf der Facebook-Fanpage.

„Ich war auf der damals wöchentlichen Donnerstagsdemo in Erfurt mit selbst bemalten Bettlaken und der Aufforderung zur Reisefreiheit unterwegs“, erinnert sich etwa der User Marco Steinert. Der Nutzer h-g radusch schreibt: „Ich stand mit einem Freund am Checkpoint Charlie und empfing die ersten Trabbi mit „Mumm“ in Plastikbechern. Die Umarmungen, die Fröhlichkeit, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…ich werde es nie vergessen!!! “ Michael Kopcka fragt sich unterdessen, „… wie wäre es wohl gewesen, wenn wir damals schon so vernetzt gewesen wären?“ Die Antwort scheint klar: Facebook wäre wohl die erste Anlaufstelle gewesen, über die Nutzer ihre mit Smartphones festgehaltenen Eindrücke als Photos und Bewegtbilder miteinander geteilt hätten.

ZDF-Anchorman Claus Kleber war zum Zeitpunkt des Mauerfalls übrigens Segeln in der Karibik und ärgert sich bis heute, das größte zeitgeschichtliche Ereignis in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst zu haben – genau wie ich.

Als wollte ich das gutmachen, ertappe ich mich dabei, wie ich Digitalbilder aus dem vergangenen Sommer in der zweitschönsten Stadt Deutschlands durchsuche – ein neues Profilbild muss her, heute sind wir schließlich alle Berliner. Ich bleibe letztendlich beim Brandenburger Tor hängen, an dem letzte Woche erst U2 ihren umjubelten MTV-Auftritt gaben. One, schreibe ich in mein Status-Update.

5 Reaktionen zu “20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis”

  1. weltraumhundam 10. November 2009 um 00:19 Uhr

    Berlin zweitschönste Stadt … dann ist ja Hamburg wohl die schönste Stadt 😉

  2. Harryam 10. November 2009 um 14:20 Uhr

    schon faszinierend, dass die Mauer auch ohne Internet, Facebook, Twitter&Co. gefallen ist. Warum kriegen wir das heutzutage auf diesem bis an die Zähne mit Social-Media-Instrumenten „bewaffneten“ Planeten nicht auch in den anderen Diktatur-Dreck-Ecken hin? Aber mit Menschen, die ihr i-Phone, Mac oder PC nur fürs Daddeln, Sport- und Pornogucken einsetzen, kriegt man keine friedliche Revolution wie damals vor 20 Jahren hin…

  3. Oldieam 10. November 2009 um 17:15 Uhr

    Mich würde interessieren, wie der Mauerfall seinerzeit stattgefunden hätte, wenn es denn schon damals soziale Netzwerke gegeben hätte.

    Ich könnte mir vorstellen, dass es friedliche, übermächtige Verstärkerinstrumente wären – wenn sie denn ihre Wirkung hätten entfalten dürfen.

  4. […] in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon […]

  5. Gebäudereinigung Hamburgam 3. Mai 2010 um 11:50 Uhr

    Gut geschrieben!