Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

4. November 2009

Eine letzte Frage ist da noch offen. Facebook will etwas über mein Privatleben wissen, was mich doch sehr überrascht. Es gibt dieses Feld, das sich ‚Beziehungsstatus‘ nennt. Es ist die eigentliche Schlüsselfrage von Facebook – das Herzstück der 300-Millionen-Community. Was ist auch elementarer als diese eine Frage: Ist man in einer Beziehung oder nicht? Die ganze Menschheit strebt schließlich danach, in einer zu sein.

Trotzdem wird die Frage danach im Alltagsgebrauch fein gemieden. Man stelle sich einmal folgendes Zusammentreffen zweier Geschäftsleute, die sich vage kennen, auf einer Messe vor:

Hallo, Herr XY, schön Sie wiederzusehen!
Ganz meinerseits, Herr YZ. Wie geht es denn?
Gut! Und Ihnen?
Ebenfalls! Wie laufen die Geschäfte?
Bestens. Und bei Ihnen?
Kann nicht klagen. Krise, welche Krise?
Haha, wie schön. Und die Beziehung? Sie sind doch in einer?
Lange Pause. Nee, nicht mehr. Sie?
Ja, leider.
Betretenes Schweigen beiderseits.

Slapstick, natürlich. Doch klar wird schnell: Im Alltagsgebrauch prallt diese Frage auf unsere Konventionen. Dabei könnte sie so viel abkürzen. Etwa im Nachtleben. An der Uni. Oder sogar im Berufsalltag. Man trifft einen sympathischen Menschen, kennt aber nicht seinen Beziehungsstatus. Fragen ist – wie gesehen – eher unangenehm. Dumm, wenn man dann einen halben Abend investiert hat, um festzustellen, dass die- oder derjenige doch in einer Beziehung steckt.

„In offener Beziehung“: Angeklickt werden wie eine läufige Hündin

In der effizienten Internet-Ära reicht ein Mausklick, um für klare Verhältnisse zu sorgen – oder die komplette Verwirrung loszutreten. Es gibt nämlich bei Facebook nicht nur die Wahl zwischen „In einer Beziehung“ oder „Single“, sondern auch die formellen Beziehungsstufen: „Verlobt“, „Verheiratet“, „Verwitwet“. So weit, so bodenständig.

Und dann beginnt sich das echte Leben einzumischen, in den bunten Schattierungen, die wir unseren Eltern nur noch bedingt erklären können. „In offener Beziehung“ kann auch angeklickt werden – eine mutige Hausnummer, mit der man wahrscheinlich durch Facebook läuft wie eine läufige Hündin, an der andere Hunde schnuppern. Da ginge also immer was.

Das ist hingegen in einem anderen Spezialfall weitaus weniger klar – wie überhaupt alles. Deswegen heißt es hier auch: „Es ist kompliziert“. Das ist wahrscheinlich das entwaffnendste und ehrlichste Statement unserer Generation: Es ist kompliziert.

Eigentlich ist ja alles kompliziert in diesen Tagen: Das Studium, die Praktika, der Einstieg ins Berufsleben, das Drinbleiben im Berufsleben, in Hamburg eine schicke Wohnung in einem schönen Viertel zu finden, dem HSV dabei zuzusehen, wie er die Tabellenführung verspielt, das Vermehren von Kapital an den Aktienmärkten bzw. Vermehren im Allgemeinen. Also Partnerwahl und Generativität, wie es der Entwicklungspsychologe Erikson nennt. Alles nicht so einfach heute für die Generation NEON.

Komplizierte Beziehungen: Alles wird öffentlich gemacht

Facebook zieht der Misere den Zahn. Es ist kompliziert. Das ist so treffend und so gut, dass ich es am liebsten anklicken würde. Macht man natürlich nicht. Hör mal, Schatzi, unsere Beziehung ist kompliziert – das lassen wir jetzt auch alle wissen. Eigentlich ist ja jede Beziehung kompliziert, selbst die Obamas haben das gerade öffentlich vorgemacht, also outen wir uns, ganz zweinullig, als Komplizierte.

Unvorstellbar? Gehen Sie mal in Facebook! Es wimmelt hier nur so von komplizierten Partnerschaften. Aber kann man das aushalten, diese neue Ehrlichkeit? Wie sooft im Leben wollen beide zwar im Grunde dasselbe, empfinden jedoch unterschiedlich. Die eine mehr, der andere weniger. Für die eine ist die Sache klar, für den anderen emotional vielleicht jedoch weniger – liebt man schließlich immer gleich stark? Kompliziert ist das.

Doch wer möchte schon eine komplizierte Beziehung führen. Oder eben schlimmer noch: In einer komplizierten Beziehung geführt werden? „Komplizierte Beziehung“ heißt schließlich so viel wie: Beziehung auf Probe. Oder Abruf. Oder beides. Während der eine das dann irgendwann artikuliert, zerbricht für den anderen eine Welt. Erst recht, wenn es vor einer Kulisse von Hunderten von „Freunden“ passiert. Voyeurismus 2.0. Alles ist öffentlich? Alles wird öffentlich gemacht!

‚A bisserl was geht immer’: Das Monaco-Franze-Motto in Facebook

Also Augen zu und weiter. Ignorieren. Gar keinen Beziehungsstatus anklicken. Oder? Die Sache beschäftigt mich weiter. Darüber muss ich mit meinen Kumpels sprechen. Fünf Stunden später in der „Daniela Bar“ auf der Schanze warnt mich Manuel, der zweifache Familienvater, dessen Frau ebenfalls in Facebook ist: „Mach das bloß nicht!“

„Warum?“, werfe ich ein.
„Seit sie auch in Facebook ist, ist alles anders. Sie spricht mich auf meine Status-Updates an. Sie fragt mich, wer die Frau ist, die mir wieder auf die Pinnwand geschrieben hat. Und auch, wer die neuen Freunde sind, deren Namen sie nicht kannte. Ein Albtraum!“
„Klingt ganz so“, merkt Leif, der seinen Beziehungsstatus genau wie ich offen gelassen hat: „Was soll das auch? Warum muss man das angeben? Es ist schließlich mein Facebook. “
„Ja, klar“, erwidert Manuel. „Weil du flirten willst.“
„Hab ich nicht gesagt“, wehrt sich Leif.
„Aber gedacht. “
Schweigen.

Denken wir das nicht alle irgendwo? Ist das nicht genau der Punkt, warum wir uns auf ein Bier in einer Bar treffen und nicht im Wohnzimmer, warum wir abends noch losziehen und das Nachtleben dem Schlaf vor Mitternacht vorziehen? Es wäre abwegig, das abzustreiten. Die halbe Gastronomieszene lebt von diesem Faktor. ‚A bisserl was geht immer’, hat Monaco Franze das Flirt-Phänomen einst auf den Punkt gebracht, das ich aus meiner Münchner Zeit bestätigen kann. Warum sollte das in Facebook anders sein?

„Denk einfach nicht so viel nach“, hat mir einmal eine Strandbekanntschaft in Barcelona gesagt, als ich vor einer abendlichen Verabredung einwandte, in einer Beziehung zu sein.

Richtiger Status, doofer Zeitpunkt.

Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, einfach mal weniger nachzudenken. Und ein neues Profilbild hochzuladen. Barcelona, der Strand, der echte Sommer. Summertime and the living is easy. Ganz unkompliziert und so.

8 Reaktionen zu “Beziehungsstatus: Es ist kompliziert”

  1. weltraumhundam 4. November 2009 um 19:38 Uhr

    oder vielleicht doofer Status und richtiger Zeitpunkt ? 🙂

  2. Oldieam 4. November 2009 um 21:15 Uhr

    Hallo Herr Jacobsen,

    mit allergrößtem Interesse verfolge ich schmunzelnd weiter Ihre Bemühungen, zeitgeistgemäß ein „facebooker“ zu werden. Nachdem, was ich bisher gelesen habe, empfinde ich es in etwa so: Auf der Bühne des sozialen Netzwerks spielen die Akteure ihre Rolle und begeistern sich (unterschwellig?) an dem exhibitionistischen und voyeuristischen Anstrich. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden – sofern alle damit glücklich(er) werden.

    Als Oldie verfolge ich schon aus Neugier die ständigen Veränderungen in den Kommunikationsformen und -wegen. Allerdings habe ich Zweifel, ob die ältere Generation sich auf das Abenteuer „Facebook“ einlassen wird. Die Unbefangenheit, sich in den neuen Medien locker zu bewegen, ist zweifellos eher den Jüngeren gegeben. Und das ist auch gut so!

  3. Harryam 5. November 2009 um 16:03 Uhr

    immer doofer Status und eigentlich immer richtiger Zeitpunkt. Und auch nicht kompliziert – nur leider ziemlich komplex. Weiter so Nils J.!

  4. Leifam 17. November 2009 um 14:57 Uhr

    Hmm, der Abend in der Daniela Bar. Vielleicht erleichtert Facebook ja sogar das Gedankenlesen.

  5. giselleam 1. März 2010 um 06:59 Uhr

    ich denke, wenn man wirklich jemanden liebt, hat man gar nicht das beduernis mit anderen auf eine ’sexuelle‘ art zu flirten.

  6. Arbeit Findenam 29. März 2010 um 07:10 Uhr

    Arbeit Finden…

    Ein herzliches Dankeschoen an die Schreiber der Berichte dieser Seite, die ich wirklich sehr gut und informativ beschrieben finde. Hatte heute endlich mal Gelegenheit mir die Seite in Ruhe durchlesen zu koennen. Habe bei der Suche nach dem Thema selbst…

  7. Tee Hamburgam 8. April 2010 um 07:01 Uhr

    Toll danke!

  8. Torsten Ambsam 17. April 2010 um 21:01 Uhr

    Hallo,
    ein wirklich guter Artikel (sieht man vielleicht von der läufigen Hündin ab..).

    „Es ist kompliziert“ hat aus meiner Sicht nichts mehr mit Beziehungen zu tun, es ist vielmehr ein Ausdruck unserer komplexen Gesellschaft. Um Um dem EsistKompliziert-Phänomen auf den Grund gehen zu können, haben wir seit gestern eine „Forschungsseite“ gegründet: http://www.facebook.com/EsIstKompliziert