Monatsarchiv für November 2009

Die lieben Kollegen: Vom Freundschaftszwang

29. November 2009

Facebook ist nicht gesund. Seit ich mich angemeldet habe, steigt meine Verweildauer beständig an – und mit ihr das Unbehagen. Es scheint nur dieses Entweder-Oder zu geben. Entweder man macht es ganz oder gar nicht. Ich habe mich für das ‚Ganz’ entschieden und bekomme gerade eine Vorahnung davon, wie sehr Facebook mein Leben verändern wird.

Facebook, das ist wie ein trügerisches Fenster in eine andere Welt, in der man sich scheinbar spielerisch bewegen kann, ohne die andere zu verlassen. Das stimmt aber nicht. Alles, was wir in der einen Welt tun, hat seine Folgen in der anderen. Wie sehr und warum, bemerke ich im Umgang mit meinen Kollegen, den heikelsten aller Facebook-Freunde.

Wer in der Medienbranche arbeitet, weiß, was ich meine. Grundsätzlich ist hier jeder erst einmal nett, freundlich und extrem aufgeschlossen. In der New Economy-Zeit gab es noch jeden Freitag oder manchmal sogar Montag ab 17 Uhr irgendwelche Anlässe, wieder die Sektflaschen zu entkorken, alles so cool und lässig. Und auch in der größten Medienkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Niedergang mit Fassung getragen – schließlich geht als Journalist ja immer was: Die Neuen Medien, der Paradigmenwechsel, jede Woche irgendwo ein neues Portal – klappt schon.

Befreiung vom Business-Alltag: Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke

Was auch ganz gut klappt, ist das Befreunden auf sogenannten Business-Netzwerken, allen voran natürlich Xing, was bei mir zur wöchentlichen Überflutung der Mailbox mit Anfragen von irrsinnig gut gelaunten PR-Frauen führt, die – ganz selbstlos – wieder auf ein Mega-Event, eine ganze tolle Kooperationsmöglichkeit oder einen exklusiven Gesprächspartner hinweisen.

Xing, das früher openBC hieß, ist das Must für alle Berufstätigen, die entweder in einem größeren Konzern arbeiten oder im entferntesten Sinne etwas mit der Kommunikationsbranche zu tun haben, denn schließlich gibt es ja nichts Wichtigeres als zu netzwerkeln.
Dass das vielleicht sogar auf nur 140 Zeichen geht, glauben immer mehr Bürohengste, die inzwischen den Microblogging-Dienst Twitter stürmen, um mitzuteilen, wen man wieder @Bahnbrechendes getroffen hat und zu RT: retweeten, damit auch ein bisschen Glanz vom schlauen Sprüchlein auf einen selbst abfallen möge. I’m huge on Twitter. Yeah, right.

Man folgt jedem Bekannten und Unbekannten – was liegt also näher, als seine Bekannt-, Verwandt-, und Kollegenschaft nun also auch bedenkenlos auf Facebook zuzuklicken, schließlich geht hier ja alles etwas ungezwungener zu. Facebook, das ist die Befreiung des Büro-Menschen aus seiner selbst verschuldeten Xing-Existenz und die logische Ergänzung der Twitter-Mitteilsamkeit. Es ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke.

In dieses Facebook kriegst du mich nicht: Nun mit jedem Eintrag mehr Erstaunen

Wie ‚casual’ erfahre ich, als ich mich daranmache, die lang aufgeschobenen Xing-Kontakte in Facebook zuzuklicken – oder eben doch nicht. Da ist etwa der ehemalige Ressortleiter aus München, den ich gerne bestätige. Ich mag ihn: Seit zehn Jahren kennen wir uns, reden nicht nur über Aktien und den HSV, sondern auch, wie das mit der Ehe ist und mit Kindern wäre, er hat schließlich schon eine hinter sich und ein Kind auf dem Weg. Und wir sitzen nicht mehr in einer Redaktion. Das sind die besten Facebook-Freunde.

Das gilt auch für Harald, der heute die Redaktion einer großen Hamburger PR-Agentur leitet und den ich dort von einem IT-Projekt kenne – und natürlich von der Financial Times Deutschland. In dieses ‚Facebook’ kriegst du mich nicht, hat er mir noch vor Kurzem beim Lunch gesagt. Nun ist Harald selbst drin und schreibt Sachen, die mich mit jedem Eintrag mehr staunen lassen.

Nicht nur, dass meine Links, Fanpages und ein Snoop Dogg-Video, das ich vor 5 Minuten selbst gepostet habe, nun auf seiner Pinnwand auftauchen („check it out!“) – da ist auch noch ein interessantes Posting über eine Lesung heute Abend im Thalia Theater, die „Schade um den schönen Sex“ heißt. Und die entsprechend kommentiert wird: „Mal schauen, ob ich es jobzeitlich zu der Lesung schaffe. Aber wahrscheinlich komme ich wieder zu spät…“

Alle sind Freunde: Ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt

Doch das ist noch nicht alles. Da gibt es noch die echten Kollegen, die mich seit Tagen daran erinnern, dass sie mir Freundschaftsanfragen geschickt haben. „Wirklich? „, bringe ich so schlecht geschauspielert wie Wolfgang Schäuble bei Maybrit Illner heraus, „sehe ich mir gleich heute Abend an.“

Am nächsten Morgen wird die Nase noch länger, als ich mal wieder zu spät zur Arbeit komme. „Na, gestern gar nicht mehr vorm Rechner gewesen?“, fragt Alex. „Aber cooler Tweet um halb drei. Hat der Google-Conference Call echt sooo lange gedauert? “ In solchen Situationen hasse ich die soziale Realität, die in der Ära des Mitmach-Internets so gerne und so reflexartig als Social Media beschrieben wird.

Warum bekomme ich es nicht hin, die Wahrheit zu sagen? Warum sage ich nicht einfach: Ich finde, Du bist ein prima Kollege, ich sitze gerne neben Dir, es macht einen höllischen Spaß, mit Dir über Fußball – meinetwegen sogar über die Eintracht – zu reden, erst recht über alte Springsteen-Alben und am liebsten über Frauen, die sich seltsam auf Twitter und beim Social Media Club inszenieren. Aber ich will nicht rein in die Rechtfertigungsfalle, die irgendwann zuschnappt, die dir irgendwann den Spiegel vorhält, weil Facebook genau wie Google nie vergisst – und im Gegenteil nicht mal neu bewertet, also sortiert, denn deine Bilder und Postings sind immer greifbar.

Privatsphäre war gestern: Alles ist öffentlich – finde dich damit ab

Ist das paranoid? Wahrscheinlich. Aber ich bin ganz sicher, dass diese leicht anzüglichen Foto-Kommentare von der Polin mit dem engen Oberteil, für jeden sichtbar durch ihr Profilfoto, in der schlechtest denkbaren Situation ebenso auf mich zurückfallen wie ein Status-Update um vier Uhr nachts oder der Startseiten-Eintrag, dass ich nun Fan von Megan Fox bin. Egal, ich bestätige. Es gibt kein Entkommen, ich weiß nicht, was ich heute sagen würde. Alexander sitzt neben mir. Ich muss ihn bestätigen.

„Hammerbilder, Megan Fox“, höre ich am nächsten Morgen als Erstes. „Splitternackt im Hochsicherheitstrakt – bin auch Fan geworden. Gleich heute morgen. Kann ich gut verstehen, dass Du bis vier Uhr wach warst – bei den Bildern“. Gegröle im Newsroom. Mir fällt nichts mehr dazu ein. Außer das Zitat des früheren Sun-CEOs Scott McNealy, der schon Mitte der Neunziger die neue Realität in der Internet-Ära voraussah: Privacy is dead. Deal with it, schreibe ich in mein Status-Update.

Die Phiole der Ex-Freundin

24. November 2009

Sommer 1995, das war This is how we do it, Montell Jordan, die ersten Alben von Aaliyah, Brandy, Monica – der gute R&B lange bevor er Mainstream wurde. Auch der „Battle of Britpop“ zwischen Oasis und Blur fällt in diesen Sommer, aber das war nie mein Geschmack, darüber sollte ich erst von und bei Verena mehr erfahren. Zweites Semester, der letzte Tag vor den Ferien, eine dieser unzähligen Semesterabschlusspartys, die um 8 Uhr morgens im Sitzbanksechseck auf dem Uni-Campus endeten.

Verena. Das war so etwas wie die erste richtige Uni-Eroberung. Linguistik Ib Seminar, Grundlagen der Rhetorik, eine Arbeitsgruppe zur verhängnisvollen Jenninger-Rede, ein Referat mit der drei Jahre älteren Verena, der das Studium ziemlich egal und das richtige Leben ziemlich wichtig war. So was findet man sehr anziehend im zweiten Semester, umzingelt von Gender Issues-besessenen GermanistInnen und AnglistInnen: Eine Frau, die die schwarzen Haare schulterlang und den Lippenstift tiefrot trägt und einen nach dem Kuss noch sekundenlang ansieht, als müsste nachwirken, was gerade passiert ist – irre für einen 21-Jährigen auf der Suche nach echten Erfahrungen.

Dieser erste Kuss, zwei Tage und Nächte hinausgezögert, war das Highlight des Sommers 1995: Es gibt wohl kaum einen Augenblick, in dem man sich lebendiger fühlt, als in den Sekunden davor, wenn man weiß, dass es jetzt passieren muss – oder nie passieren wird. Wenn man diesen Moment versemmelt, war einem nicht mehr zu helfen, dann geht nichts mehr. Im Sommer 1995 ging dann alles – bis zum Herbst, als das nächste Semester begann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook

Wie viele Küsse Verena in den 14 folgenden Sommern bekommen hat, möchte ich nicht wissen: Wohl aber, was mit ihr seitdem passiert ist, wie sie heute aussieht, ob sie Kinder hat – der ganze normale Zeitreisen-Wahnsinn eben. Im jüngsten „Harry Potter“-Blockbuster Der Halbblutprinz, Teil sechs des Epos, gewinnt der Zauberlehrling Einblick in die Vergangenheit der Protagonisten durch Flüssigkeiten, die in einer Phiole verschlossenen sind. In ein Bassin getaucht, werden die Erinnerungen lebendig.

Im digitalen Zeitalter sind die Phiolen der Vergangenheit die Fotoalben auf Facebook. Mit einem Mausklick fließen die Bilder in bunten Fasern zusammen wie im Harry Potter-Trailer – die letzten Jahre werden greifbar. Oder zumindest das, was man davon zeigen möchte. Im Fall von Verena ist das eine Menge, und doch scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Kleider und Begleiter haben sich gewandelt – nicht Verena. Haare, Make-up, Mimik wie 1995.

Unzählige Berlin-Bilder, Barcelona-Schnappschüsse, Fotos auf einer Telekom-Messe und auf einer Dernière, hat sie das wirklich ernst gemeint mit der Schauspielerei, die ich damals eher als Laune gegen die Langeweile des Studienalltags im muffigen Philturm begriffen hatte? Aber da sind noch mehr Fragen: Dieses Kind da auf dem Arm, ist das ihres? Oder gehört es ihrem Bruder, der es auf einem anderen Bild trägt. Und was ist mit ihrer jüngeren Schwester, die noch dramatischer aussieht als früher? Ich will es wissen, in diesem Fall will ich wirklich wissen, was passiert ist in diesen fast eineinhalb Jahrzehnten.

Wiedersehen mit dem Sommerflirt: Wie es damals war und wie das Leben weiterging
Also tue ich, was ich noch nie getan habe. Ich trete mit einer Ex wieder in Kontakt. Aktiv, bewusst – und nicht durch einen dieser peinlichen Party-,  oder Einkaufspassagen-Zufälle. Na so was, lange nicht gesehen, das ist ja eine Überraschung, wirklich, und wie sieht’s aus, vielleicht sehen wir uns ja mal – hoffentlich nicht.

Die Süddeutsche hat im Magazin vor einigen Jahren einmal eine fantastische Reportage veröffentlicht, wie es sich anfühlt, Sommerflirts nach zehn, 15, 20 Jahren wiederzusehen – wie es damals war und wie das Leben weiter ging. Unsentimental und doch berührend.
Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch wissen. Jetzt. Sofort. Also schreibe ich Verena tatsächlich eine Facebook-Mail: Ein Gruß aus der Vergangenheit, bin auf dem Weg von der Alster am Haus Deiner Eltern vorbeigekommen, musste an Dich denken, in Facebook geschaut – und siehe da… Was man so schreibt. Und ab damit!

Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen

Im selben Moment, als ich „Senden“  drücke, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was mache ich hier eigentlich? Facebooke Ex-Beziehungen, bin dabei, sie als Freundin hinzuzufügen und schicke auch noch Mails hinterher. Und meine Freundin? Warum teile ich Facebook nicht mit ihr, warum ermutige ich sie nicht zur Registrierung, auch wenn ich weiß, dass sie alles Öffentliche hasst, warum gebe ich nicht meinen Beziehungsstatus an, warum lasse ich mich in diese Parallelwelt hineinziehen, während ich 22, 23 Stunden in einer anderen lebe?

Ich zögere. Es fühlt sich falsch an, was ich hier in Facebook mache: Dass ich kaum gemeinsame Bilder hochlade, dass ich unsere Beziehung nicht so recht thematisiere und damit irgendwo so tue, als gebe es sie nicht – aber auch die Beziehung selbst fühlt sich inzwischen seltsam an, und das nicht unbedingt erst seit ich bei Facebook bin. Es wäre an der Zeit, darüber ernsthaft und ehrlich nachzudenken. Stattdessen sehe ich zweimal eine  „1“ vor mir – eine rote in der rechten Ecke und eine weiß umrandete über dem Postfach. Ich habe eine Freundschaftsbestätigung und eine neue Mail:

Hey Nils,

wie überraschend und nett, von Dir zu hören!!! Nach all den Jahren… 🙂 Klasse, Du bist also dem Schreiben und Hamburg treu geblieben! Und ich dem Schauspiel! Und ja, bin seit einigen Jahren hauptsächlich in Berlin – aber weißt Du was, lass uns das doch lieber einmal face-to-face fortsetzen, meld Dich mal, wenn Du wieder hierher kommst, dann machen wir was…

LG, Verena

Schön ist das. Als wären die 14 Jahre nicht gewesen, als könnte man diese Erinnerung zurückholen – und als könnte man sie dann wieder in die Phiole zurückgießen. Aber das kann ich natürlich nicht. You can’t get the Genie back in the Bottle, steht in meinem Status-Update, als ich meine Profilseite aktualisiere.

Zurück auf dem Campus

20. November 2009

Comme le temps passe. As time goes by. Wie die Zeit vergeht… Der Stein ist ins Rollen gekommen: Wenn ich über die Schule und meine französische Austauschschülerin nachdenke, dann ist es logisch, dass ich via Facebook auch mehr über die Menschen wissen will, die danach eine Rolle gespielt haben – das heißt: über die Frauen.

Der ziemlich überschätzte britische Schriftsteller Nick Hornby verdankt seinen Erfolg diesem romantischen Ansatz: In High Fidelity nimmt er, mehr oder weniger erfolgreich, die Spur seiner Ex-Freundinnen wieder auf. Im Facebook-Zeitalter muss man dafür nicht mal ein Telefon in die Hand nehmen – ein paar Mausklicks reichen.

Also mache ich mich an die Suche. Ich fange mit dem Studium an, alles davor ist indiskutabel. Danach jedoch war es eine einzige Party. Jedes Semester neue Bekanntschaften, die in der ersten Woche geschlossen wurden, während ich neue Seminare austestete, und die dann genau ein Semester über hielten. Dann kamen die Ferien, und es verflüchtigte sich wieder – auch weil man wusste, dass es mit Semesteranfang wieder von vorne losging, mit dieser ersten Woche, in der sich das Semester und damit das Halbjahr entschieden.

Auf der Suche nach der Vergangenheit zurück zum ersten Semester – und studiVZ
Ich beginne also ganz am Anfang, Orientierungseinheit erstes  Semester. Babsie aus Breisgau, blonder Kurzhaarschnitt, ein ausgeprägtes Faible für Literatur des Mittelalters und R. Kelly, gelebte Gegensätze – was für ein Mädchen. Aber nicht bei Facebook. Ich überprüfe das andere große soziale Netzwerk, das sich vor vier Jahren aufgeschwungen hatte, es Facebook nachzumachen und dabei so kreativ war, gleich den Quellcode zu kopieren, was nicht der einzige Grund ist, warum ich gegen studiVZ voreingenommen bin.

Ich passe einfach nicht mehr zur Zielgruppe, die Uni liegt genau ein Jahrzehnt hinter mir, und obwohl ich die Zeit manchmal zur schönsten meines Leben verkläre, ist es doch gut, dass sie vergangen ist. Vor ein paar Jahren habe ich einmal, genervt von langer Weile und der Monotonie des Redaktionsalltags etwas getan, was man tunlichst vermeiden sollte, wenn man die dreißig erreicht hat und eigentlich zufrieden mit seinem Leben ist – nämlich wieder den Campus betreten und abendliche Vorlesungen und sogar wieder ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht. Besser gesagt: es versucht.

Drei Wochen und zwei Mensa-Besuche später war mir klar: Es geht nichts darüber, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Wer einmal mit dem Journalismus, also mit der täglichen Arbeit mit Deadlines angefangen hat, steht 90 Minuten in Seminaren, die „vorbürgerliche Ideen zu Theatralität und Inszenierung und ihren Nachhall  in der Gegenwart“  zu  analysieren versuchen, nicht mehr durch – zumindest nicht unbeschadet.

Eine Mädchenstimme flüstert in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“
Doch kurz bevor ich entnervt dabei war, mir die Blöße zu geben und mitten im Seminar aufzustehen, machte ich meine prägendste Erfahrung der Uni 2.0-Ära, wie ich jenes Mini-Comeback auf den Campus nennen sollte: Während ich hektisch auf meinem iPhone herumspiele und im 30-Sekundentakt Aktienkurse, das Wetter der nächsten fünf Tage und vor allem Twitter checke,  flüstert eine Mädchenstimme in mein Ohr: „Kann ich mal in Studi?“

Wie ein Ufo sah ich sie an. Wasguckstdu? Dabei war nicht mal alles gesagt – aber ich hatte verstanden. Sie wollte Studi VZ checken. Auf meinem iPhone. Jetzt und sofort im Seminar. „Ja, klar“, brachte ich schließlich hervor und händigte ihr das silberne Apple-Smartphone der ersten Generation aus, das damals ein paar Wochen alt war und schon zu seltsamen Bekanntschaften geführt hatte. Die mit Tülay, wie ich später herausfinden sollte, war jedoch bei weitem die seltsamste von allen. „Danke“ sagte sie grinsend. Und das war alles, was sie jemals sagen sollte. Mit einem routinierten Lächeln einer Kellnerin, die froh ist, das Essen endlich abzuräumen,  gab sie mir das iPhone – und damit ihre geöffnete studiVZ-Seite zurück.

Psychopathen mögen einräumen, dass dies sicher so etwas wie eine Botschaft war, wer leiht sich schon während eines Seminars iPhones aus, um sich für 30 Sekunden auf ihnen einzuloggen und die Seite dann offen zu lassen? Das war, wenn man so wollte, die zweinullige Aufforderung, miteinander in Kontakt zu treten, fand ich. Doppelt dumm nur für mich: Nicht nur, dass ich kein Student mehr war,  ich war  auch nicht – was nun viel schlimmer war – auf studiVZ.

Die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009

Aber ich sollte nun lernen, wie es hier zugeht, als ich mich nach dem Seminar zu Balzac Coffee neben dem Abaton geschlichen und einen Lachs Bagel mit Latte Macchiato bestellt hatte, ganz Studi eben. Ich surfte auf Tülays studiVZ-Seite und war so neidisch wie lange nicht mehr. 22 war sie, studierte Germanistik und Skandinavistik auf Bachelor und hatte unfassbare 78 Freunde auf dieser Studentennetzwerke-Seite, 78 Freunde! Ich hatte während meines Studiums vielleicht 7 oder 8 gehabt in den fünf Jahren – Freunde.

Doch die Campus-Freunde von 1999 waren nicht die Studi-Freunde von 2009. Dies waren flüchtige Freunde, die einen „gruschelten“, semi-lustigen Gruppen beitraten, die Namen trugen wie „Kalorien sind kleine Tiere, die nachts die Kleidung enger nähen“ oder „Ich singe immer Lieder mit, auch wenn ich die Texte nicht kann“ und sich Geburtstagsglückwünsche auf ihre Pinnwand schrieben, die lauteten: „Du, ich hatte gestern so viel um die Ohren, dass ich es nicht geschafft habe, dir zu gratulieren… 😉 Also: alles Gute nachträglich! “

Und dann waren da noch die Fotoalben, die das Studentenleben als einzige Party erscheinen ließen – ich erinnerte mich, aber nie an solche Bilderserien. Wie auch, in den 90ern hatte man Besseres zu tun, als mit einer Jackentaschen füllenden Ixus auf Mensapartys herumzuhopsen. Nicht so heute, wo jedes Handy den Job erledigt: „Statt miteinander zu feiern, fotografiert sich die Verwandtschaft lieber beim Fotografieren, um dann  anschließend die digitalen Fotos zu bestaunen“, hatte der SPIEGEL das Phänomen einst auf den Punkt gebracht.

Was für ein Spaß musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt?

Und trotzdem: Student 2.0 zu sein, schien ein noch größerer Spaß zu sein als vor einem Jahrzehnt, als an studiVZ oder Facebook noch nicht zu denken war, ich mich aber ziemlich fortgeschritten fand, als einer der Ersten im Uni-Rechenzentrum zwischen all den Super-Nerds einen Online-Zugang zu beantragen. Ich beneidete die Tülays von heute um diese Möglichkeit, wie toll musste es sein, zu studieren und gleichzeitig abzuchecken, wer da noch so neben einem  im Seminar sitzt, gläsern für alle, die sich auf die Versuchung von studiVZ einließen.

Für einen Moment wollte ich nun genau dasselbe tun und mich mit Tülay befreunden, es wäre schließlich die einzige Möglichkeit. Aber ging das so einfach? ‚Hey, wir saßen heute im Seminar nebeneinander, ich habe zwar keine Freunde auf studiVZ, bin nicht mal ein echter Student,  aber ich dachte, es wäre nett, mit Dir befreundet zu sein?‘ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die einem deutlich machen, dass man älter wird. Ich ließ den Latte Macchiato stehen und klickte Tülays studiVZ-Profil weg. Das hier war nichts für mich.

Zwei Jahre später hatte sich daran nichts geändert. Ich war nun bei Facebook, aber nicht bei der VZ-Gruppe. Vielleicht hätte studiVZ mir dabei geholfen, Babsie aus dem Breisgau wiederzufinden, aber wenn ich sie nicht in meiner Welt, in Facebook,  wiederfand, dann eben nicht – es gab ja noch weitere Semester aufzuarbeiten. Etwa das zweite. Summer of 1995, schreibe ich in mein Status-Update, nachdem Facebook einen Volltreffer gelandet hat. Ein Klick – und ich sehe die Sommerliebe von vor 14 Jahren wieder.

Die französische Austauschschülerin

16. November 2009

Wer A sagt, muss auch B sagen. So heißt dieser dämliche Poesie-Album-Spruch, den man in der Orientierungsstufe immer wieder hineingeschrieben bekommen hat. Snoopy-Weisheiten. Eigentlich müsste es heißen: Wer A sagt, muss auch F sagen. Oder richtiger: Wer F wählt, muss auch A sagen. So war das nämlich in der 9. Klasse, in jenen Wendemonaten, als man für seine Wahl der zweiten Fremdsprache Französisch in das zunächst fragwürdige Vergnügen der Auslandsreise kam.

Doch dass es ein Vergnügen war, das wissen wir erst im Rückspiegel der Zeit. Wenn man gerade 16 geworden und in einer Streberschule ohne Internet aufgewachsen ist, dann erwartet man von einem Schüleraustausch in Frankreich während der Fußballweltmeisterschaft 1990 ungefähr so viel wie von Quarantäne in Gemeinschaft: Man weiß nicht, was einen da erwartet, aber man muss da hin.

Was mich erwartete, war eine frühreife Französin, die sich nicht genierte, vor mir mit ihrem Freund, einem Dorfhorst in Trainingshosen, herumzuknutschen und bei mir im frischen Teenager-Alter einen seltsamen Hormoncocktail aus Neid, Eifersucht und Begierde zu entfachten. Angelique war heiß. Und ich schüchterner als der Klassenlehrer erlaubt. Wo hat Dich Dein Freund geküsst, fragten die Eltern ihre Tochter einmal beim Abendessen. Angelique verdrehte genervt die Augen, neigte den Kopf nach unten und hauchte genervt: . Die Mutter lachte, ich wurde rot. So funktioniert Erziehung auf Französisch. Meilensteine des Erwachsenwerdens.

Acht Jahre später rief Angelique plötzlich bei meinen Eltern an, um meine Nummer zu erfragen. Sie hatte Resturlaub und wollte Hamburg noch mal näher kennenlernen. Und vielleicht auch mich noch mal, nachdem ich nun kein halbes Kind mehr war. Seitdem ist wieder mehr als ein Jahrzehnt vergangen.

Wieder Facebook-Freunde: Ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter von Hogwarts

Also facebooke ich Angelique – und werde natürlich nicht fündig. Man kann nicht alles finden. Ich google sie, was ich das letzte Mal vor ungefähr einem halben Jahrzehnt getan hatte und dabei Ergebnisse von ihrer Arbeit bei einer internationalen Marktforschungsagentur und Marathonstatistiken unter 4 Stunden erhalten hatte – nichts Neues diesmal. Doch es gibt noch eine andere Option. Das Xing für das Ausland. Und tatsächlich: LinkedIn schlägt mir eine Angelique mit anderem Nachnamen vor. Ein Missverständnis?

Eine Heirat! Und Nachwuchs, wie ich dann auf Facebook feststelle: Ein Kind auf dem Profilfoto – ein Realitycheck binnen weniger Sekunden. Wie sollte es auch anders sein: Mit 35 ist es ziemlich normal, verheiratet zu sein und Kinder zu haben – ich bin die Ausnahme. Also klicke ich Angelique hinzu und schreibe ein paar nette Worte in die Einladung. Angelique, it’s been a while, ich will mich mit meinen Kinderfranzösisch für Anfänger nicht komplett blamieren. How is everything in Paris? Would be nice being connected via facebook, after all…

Zwei Stunden später ist genau das der Fall. Angelique und ich sind befreundet. Wieder. Nach mehr als einem Jahrzehnt. Also ab durch das Zeitfenster, das mich vom Damals trennt wie Harry Potter der Bahnsteig 9 3/4 von Hogwarts. Ich klicke auf die Freundschaftsbestätigung und bin in Angeliques Welt, anno 2009.

Es gibt wohl nicht viele surrealere Dinge in der digitalen Welt als diese Instant-Zeitreisen. Früher mussten wir einer alten Bekanntschaft schon real begegnen, um von der Macht der Zeit beeindruckt zu werden. Physisch haben wir diese Veränderungen erfahren von Angesicht zu Angesicht, während der Angesehene sich gleichzeitig wie im Zoo fühlen muss, begafft wie ein exotisches Tier. Das Vom-Anderen-gesehen-werden ist die Wahrheit des Den-Anderen-Sehens. Sartre reloaded.

Heute verläuft diese enorm weltliche Erfahrung komplett digital. Mit einem Mausklick bekommen wir die Veränderungen zu sehen, die das Objekt unseres Interesses uns gestattet. Das ist, natürlich, oft geschönt, wer will schon seine unvorteilhaften Seiten präsentieren? Und doch sind selbst diese Bilder so ungleich  vielsagender, weil uns die Veränderungen nach all der Zeit viel weniger auffallen als den anderen.

Verschollene Bilder vom Schüleraustausch: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen
Das, was ich sehe, ist eine ernste, aber glückliche Französin, noch nicht wirklich mittleren Alters, aber eben auch nicht mehr jung. Ich sehe, wie athletisch, fast sehnig Angelique geworden ist. Wie sich Falten über ihre Mundwinkel spannen beim Lachen. Wie sie ihre Haare kürzer trägt und kaum noch Make-up.

Sie ist nicht mehr die sexy femme fatale, sondern sichtbar gealtert. Elegant aber. In Würde, würde man wohl sagen. Nicht unbedingt schön. Und trotzdem ein angenehmes Wesen. Ich schaue heute anderen Frauen nach, sie wäre nicht mehr mein Fall – nicht unbedingt. Das finde ich irgendwie ziemlich erschreckend, sagt aber wahrscheinlich mehr über mich aus als über sie.

Ich klicke immer weiter. Fotos mit dem Kind, ihren Brüdern, dem Mann, den ich völlig unter Wert finde, was soll ich auch anderes finden. Und dann trifft mich der Schlag. Da ist dieses eine Bild, Angelique ist markiert, es kommt nicht aus ihrem Fotoalbum, sondern aus dem einer Freundin. „Échanges scolaire franco-allemands 1990“ steht da. Unser Schüleraustausch, ein Fotoalbum von Delphine, einer Klassenkameradin, längst verschollene Gesichter in unfassbar bunten Grausamkeiten des schlechten Modegeschmacks.

Dieses Bild ist das Schönste, was ich in Facebook finden kann: Es ist, als würde die Vergangenheit Farbe bekommen, kichernde Mädchen in Polsterblazern, halbstarke Jungs auf Poserbildern und dann Angelique mit ihrem Schäferhund auf dem Balkon des chateaus ihrer Eltern – ein Blick, so überrascht, so unverbraucht, so mädchenhaft, wie man mit 16 sein kann, wenn das ganze Leben noch vor einem liegt. So wie sie war. Es macht mich glücklich, das zu sehen.

Ich überlege, ob ich Angelique etwas schreiben soll, eine Gratulation zum Kind, eine Reminiszenz an die Vergangenheit, irgendetwas. Ich überlege, setze an – und lasse es. Es ist alles gesagt. Oder gesehen. Sie ist zu dem geworden, was sie ist. Ganz bei sich. Ich freue mich für Angelique, wahnsinnig freue ich mich für sie. Ich lade ein neues Profilbild von meinem letzten Paris-Besuch aus dem Jardin du Luxembourg hoch und schreibe ein neues Status-Update. Comme le temps passe…, steht da, als ich die Seite aktualisiere.

Meine Klasse: Schulfreunde wiederfinden in Facebook

11. November 2009

Mit der Schule ist es so eine Sache. Lang ist es her, unfassbare 15 Jahre – fast ein halbes Leben also, Zeit genug, um die Schulzeit erneut zu betrachten, in einem anderen Licht vielleicht. Unweigerlich hat sie sich mir plötzlich aufgedrängt, als ich am 9. November zurückdenke an jene Wendetage im Alter von 15, als man gerade begann, einen vagen Eindruck davon zu bekommen, was in der Welt um einen herum passiert.

Der Blick zurück im Rückspiegel löst unweigerlich ein Gefühl von Nostalgie aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich längst ein seidener Schleier der Verklärung über jene Zeit der frühen 90er Jahre gehüllt, Tage des wiedervereinigten Deutschlands, des frühen HipHops und der Geburtsstunde des Grunge. Milde gestimmt blicke ich auf jene Zeit zurück, in der man für neun Jahre immer wieder dieselben Gesichter sah. Eine surreale Schicksalsgemeinschaft. Doch wo und was sind die einstigen Weggefährten heute?

Nicht einmal ein 15-jähriges Klassentreffen kam dieses Jahr zustande, traurig irgendwie. Und trotzdem ist der Faden zur eigenen Vergangenheit nie ganz abgerissen. Überraschend viele Klassenkameraden treffe ich alle halbe Jahre dann doch irgendwo zwischen Ottensen, der Schanze oder der Alster wieder. Meistens zufällig, doch dann immer wieder gerne.

Falsche Klassenkameraden: Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet

Wie wäre es also, bewusst nach seinen Klassenkameraden in Facebook zu suchen? Ich versuche es – und scheitere. Keiner meiner näheren Bekannten ist hier – oder will zu Facebook. Ich versende Einladungsmails, werde schon zum Fürsprecher des weltgrößten Social Networks. Ging schnell. Und dauert lange. Keine Reaktion – und wenn: negative. Lass mal, ist mir zu heikel mit der Privatsphäre, sagt einer. Ich wende ein, dass man darüber volle Kontrolle habe, doch das Unbehagen ist mächtiger. Oder die Bequemlichkeit. Keine Zeit, meint ein anderer, wir kommunizieren doch auch über eMail und SMS prima. Sehr einsnullig.

Dann passiert doch etwas – eine neue Freundschaftsbestätigung. Doch den Sportsfreund kenne ich nicht – persönlich. Ich kenne ihn, nur anders. Aus dem Fernsehen. Nils und Otto Pfister sind jetzt befreundet, verrät mir mein Facebook-Profil. Zuerst finde ich das lustig, dann doof. Otto Pfister war bekanntermaßen lange Zeit Trainer der kamerunischen Nationalmannschaft, bei der WM 2006 in Deutschland noch der togoischen – und nicht zuletzt dank seines Nachnamens eher eine Witzfigur als realer Kontakt.

Da hat sich ein Schulfreund wohl nicht ganz getraut, seinen realen Namen anzugeben und stattdessen den 61-jährigen Handlungsreisenden in Sachen Fußballkultur in Afrika vorgeschickt. Ich belehre den Freund in einer eMail, dass soziale Netzwerke wie Facebook durchaus von ihrer Authentizität leben und er sich doch bitte zu erkennen geben möge. Das will er nicht, und so ist Otto am Ende des Tages nicht mehr mein Freund.

Das Fenster zur Vergangenheit: Plötzlich tauchen die Klassenkameradinnen wieder auf – mit ersten Falten, Umstandskleidern und anderen Nachnamen

Was mir auf Facebook bleibt, ist eine Klassenkameradin, mit der mich zu Schulzeiten nicht so viel verbunden hat und die dann plötzlich in den langen Fluren der Milchstraße vor mir stand. Wiedersehen im Journalismus. Auf Facebook sehe ich, was ich schon aus ihrem Blog wusste: Julia ist verheiratet und hat Kinder. Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen, lese ich da auf der Geburtstagstorte für die Kleinste in einem ihrer Fotoalben. Herzallerliebst!

Und plötzlich öffnet sich damit dann doch das Fenster zur Vergangenheit: Ich finde in Julias Fotoalben die Gesichter wieder, die ich zumindest fünf Jahre nicht gesehen habe – und Bäuche, die noch gar nicht. In der Freundesliste vervollständigt sich dann das Bild. Da sind sie plötzlich wieder, die drei, vier umschwärmten Mädels der Schulzeit, die jeder toll fand, aber niemand aus der Klasse kriegte – sondern nur die Jungs aus der Oberstufe.

Einige Dinge werden sich nie ändern, andere hingegen fundamental – die ersten Falten, die Umstandskleider, die Nachnamen etwa. Doch das ist es nicht, was mich stutzig macht. Mit ein paar Klicks bin ich so tief in die Vergangenheit eingetaucht und gleichzeitig mit Überschallgeschwindigkeit in die Zukunft zurückkatapultiert worden, wie es kein Klassentreffen schaffen könnte. Facebook ist härter und direkter – ein unbarmherziger Reality-Check im Fastforward-Modus. That was then, this is now.

40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg – bei mir sind es mehr

Es wird viel passieren, heißt es im unsäglichen Jingle zur noch unsäglicheren Vorabendserie „Marienhof“, die unsäglicherweise ziemlich genauso alt ist wie die Zeit nach dem Abitur. Es ist viel passiert nach der Schulzeit, in diesen 15 Jahren, die Soziologen „die Rushour des Lebens“ nennen, in der man eigentlich alles geregelt kriegen sollte. Karriere starten, die Beziehung fürs Leben eingehen, Nachwuchs zeugen. Schließlich sollten wir ja eigentlich erwachsen werden.

Bei mir ist es so wie in wohl vielen Beziehungen der Generation NEON: Einige Dinge kommen von selbst, andere lassen auf sich warten. Man schiebt sie Jahr für Jahr vor sich hin, weil es so viel anderes zu erleben gibt. Ein Jahr noch. Die Thailand-Reise, die Lateinamerika-Reise, die geplante Weltreise, Arbeit jeden Tag bis nach 20 Uhr, immer noch eine Geschichte fertig schreiben, immer noch eine Präsentation vorbereiten, in dem Fitzelchen Freizeit bei Saskia das Pferd, bei mir – Facebook?

Wenn ich ehrlich bin, ist es inzwischen meine liebste Freizeit-Beschäftigung geworden. 40 Minuten pro Tag fressen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter von der Arbeitszeit weg, hat eine Studie der britischen IT-Beraterfirma Morse vorvergangene Woche rausgefunden – ein Scherz gegen das, was ich inzwischen auf Facebook zubringe.

Das endet nicht gut, ich weiß. Aber hört man deswegen mittendrin auf? Ich klicke durch die Bilder unseres letzten Australien-Urlaubs, Zeit ein Fotoalbum hochzuladen. „Awesome Australia“, nenne ich es. So war das. Awesome. Und jetzt? Dreaming of days gone by down under, schreibe ich in mein Status-Update. Es wird Zeit, ins Bett zu kommen.

20 Jahre Mauerfall: Das kollektive Gedächtnis

9. November 2009

Als ich aufwachte, war die Mauer offen. Ein solch zeithistorisches Ereignis buchstäblich zu verschlafen, wäre für einen Journalisten die Höchststrafe – am Morgen des 10. November 1989 war ich jedoch nichts anderes als einer von Hunderten Hamburger Schülern in einer 9. Klasse, die im Klassenzimmer aufgeregt diskutieren, was sie im Radio und Frühstücksfernsehen gehört und gesehen hatten. Die Zeitungen hatten die Geschehnisse der Nacht längst noch nicht gedruckt, und die Geburtsstunde des Internet, wie wir es als WWW kennen, sollte noch zwei Jahre auf sich warten lassen.

Zwei Jahrzehnte später findet die Erinnerung an jenen Tag, der für immer die bundesdeutsche Geschichte ändern sollte, in aller erster Linie online statt – und zwar wie selbstverständlich. Keine nachrichtliche Website, die heute nicht mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls aufmacht – keine Features, keine Videodokumente, keine Photostrecken sind zu aufwendig für die multimedialen Angebote von SPIEGEL Online, stern.de, WELT Online oder der Öffentlich-Rechtlichen.

Was mich indes wirklich interessiert, ist die Geschichte hinter der Geschichte. Wo könnte ich sie finden – wo könnte ich Puzzleteile der Vergangenheit zurückholen, wenn nicht im sozialen Internet, bei Facebook, dem mit mehr als sechs Millionen Mitgliedern auch in Deutschland größten Netzwerk, das längst zu so etwas wie dem kollektiven Gedächtnis unserer Zeit geworden ist?

Facebook-Gruppen: Gemeinsame Interessen und Ereignisse teilen

„Mauerfall“ gebe ich in die Facebook-Suche ein und bin überrascht. Zunächst – wenig Treffer. Das liegt daran, dass die Suche natürlich auf die Nachnamen von Personen spezialisiert ist. Unter dem Menüpunkt „Gruppen“, in denen sich Nutzer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen können, dann weitaus mehr Treffer: Da ist etwa die Gruppe „Pro Deutsche Einheit – Berlin – 20 Jahre – Mauerfall„, in der „Geschichten, Gedanken, Erinnerungen und Ideen für die Zukunft, über das Gestern – Heute – Morgen ausgetauscht werden können“.

Aktuelle Artikel rund um den 20. Jahrestag  reihen sich an Videoschnipsel, wie etwa Genschers denkwürdiger Ausreise-Mitteilung in der Prager Botschaft, allesamt gepostet von einer scheinbar übereifrigen Userin, die sich bei einem Klick weiter als CDU Kreisvorsitzende entpuppt. Auch Parteien haben Facebook also bereits als Instrument für Viral Marketing entdeckt. Internationale Gruppen gibt es ebenfalls – etwa „Mauerfall 20 Jahre – Chute du mur de Berlin, 20 ans apres„, die „20 Jahre deutsch-französische Erlebnisse seit dem Fall der Mauer“ sammelt.

Aufruf via Facebook zum größten Flashmob der Welt: Die Mauer als Menschenkette für 15 Minuten

Doch es geht auch weitaus vernetzter: Über die Suchfunktion „Alle Beiträge“  erhalte ich einen Überblick über alle Einträge von Facebook- Nutzern, die das Schlagwort „Mauerfall“ verwendet haben.  Ich stoße etwa auf die Fanpage des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, der eigenwillige Wende-Erinnerungen zum Besten gibt („Wir kamen mit Gitarren, nicht mit Panzern“).
Der französische Ministerpräsident Nicolas Sarkozy erinnert sich unterdessen auf seiner Facebook-Seite, auf der ihm immerhin schon 180.000 „Fans“ folgen, an die historischen Stunden, in denen der seinerzeit 34-Jährige in Erwartung des großen Ereignisses nach West-Berlin gekommen war: „Wir sind dann zum Checkpoint Charlie gezogen, um auf die Ostseite der Stadt zu wechseln und endlich diese Mauer zu sehen, auf die wir einige Pickelhiebe geben konnten.“  Das hat damalige Vizegeneralsekretär der RPR dann auch tatsächlich getan – fraglich ist nur wann – und nun medienwirksam auf Facebook festgehalten: Man sieht Sarkozy als „Mauerspecht“.
Und ich lerne, dass heute um 20 Uhr der größte Flashmob der Welt stattfinden soll: 33.000 Menschen sollen in einer  Menschenkette die einstige Mauer herstellen – für 15 Minuten, um „daran zu erinnern, wie Berlin nach Jahrzehnten der Teilung wieder ein Ganzes wurde – körperlich wie auch in den Köpfen… „, erklärt der britische Performance-Künstler Martin Butler. Das „Mauer Mob.2009“-Projekt soll ein zeitlich begrenztes Monument zur Reflektion sein.

Facebook-Nutzer erinnern sich: „Die Umarmungen, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…“
Doch da ist noch mehr. Wie zur Amtseinführung von Barack Obama haben auch die deutschen Medien längst erkannt, wie wichtig es ist, soziale Netzwerke mit ins Boot zu holen. Entsprechend forderte Nachrichtenmoderator Claus Kleber die ZDF-Zuschauer via Facebook auf, ihre Geschichte  zum Mauerfall zu erzählen: „Wo warst du, als die Mauer fiel?“ fragte der 54-Jährige via Videobotschaft auf der Facebook-Fanpage.

„Ich war auf der damals wöchentlichen Donnerstagsdemo in Erfurt mit selbst bemalten Bettlaken und der Aufforderung zur Reisefreiheit unterwegs“, erinnert sich etwa der User Marco Steinert. Der Nutzer h-g radusch schreibt: „Ich stand mit einem Freund am Checkpoint Charlie und empfing die ersten Trabbi mit „Mumm“ in Plastikbechern. Die Umarmungen, die Fröhlichkeit, die Freudentränen, die Zweitakterabgase, die Bewegtheit in den Gesichtern…ich werde es nie vergessen!!! “ Michael Kopcka fragt sich unterdessen, „… wie wäre es wohl gewesen, wenn wir damals schon so vernetzt gewesen wären?“ Die Antwort scheint klar: Facebook wäre wohl die erste Anlaufstelle gewesen, über die Nutzer ihre mit Smartphones festgehaltenen Eindrücke als Photos und Bewegtbilder miteinander geteilt hätten.

ZDF-Anchorman Claus Kleber war zum Zeitpunkt des Mauerfalls übrigens Segeln in der Karibik und ärgert sich bis heute, das größte zeitgeschichtliche Ereignis in der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg verpasst zu haben – genau wie ich.

Als wollte ich das gutmachen, ertappe ich mich dabei, wie ich Digitalbilder aus dem vergangenen Sommer in der zweitschönsten Stadt Deutschlands durchsuche – ein neues Profilbild muss her, heute sind wir schließlich alle Berliner. Ich bleibe letztendlich beim Brandenburger Tor hängen, an dem letzte Woche erst U2 ihren umjubelten MTV-Auftritt gaben. One, schreibe ich in mein Status-Update.

Status-Update: Ein Leben in Echtzeit

5. November 2009

Ein Geständnis vorab: Ich bin einer dieser Tech-Freaks, die die ganze Zeit mit ihrem iPhone herumspielen, Apps herunterladen, Twittern, Aktienkurse checken und dauernd neue Webseiten öffnen. Always on. Das Internet ist gemacht für Leute wie mich. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wie das früher war, eine Welt im Rückspiegel, analog, schwarzweiß, mit viel freier Zeit, Briefe auf edlem Papier mit Füllfederhalter geschrieben, die Tage später den Adressaten erreichten.

Heute passiert alles live. Das ganze Leben scheint wie ein Aktienticker zu verlaufen, jede Minute poppt etwas Neues auf, eine neue Mail, eine SMS, eine Breaking News. Protokollführer dieses Lebens in Echtzeit ist Facebook, wie ich gerade lerne, als ich wieder eingeloggt bin und die ersten Freundschaftsbestätigungen bekommen habe.

Status-Update: Die Mitteilung an alle

„Live-Meldungen“ nennt Facebook dieses Killer-Feature mit erheblichem Suchtpotential. Live-Meldungen sind Benachrichtigungen über die Aktivitäten eines Nutzers auf Facebook: Mit wem er eine neue Freundschaft geschlossen hat, dass er gerade ein Fan von Roger Federer, Kim Clijsters oder John Mayer geworden oder etwa einer Nutzer-Gruppe mit dem skurrilen Namen „I don’t sleep enough because I stay up late for no reason“ beigetreten ist, welches Musik-Video er auf seiner Profilseite veröffentlicht und welche Botschaft ihm die Glücknuss, eine der unzähligen Spiele-Applikationen auf Facebook, hinterlassen hat.

Vor allem jedoch ist da das Status-Update (im deutschen Facebook: Statusmeldung), in dem Nutzer ihren Freunden mitteilen, was sie gerade machen. „HSV-Celtic… „, lese ich ganz oben in meinen Live-Meldungen neben dem Profilbild meines ehemaligen Redaktionsleiters, der seit Jahren in München lebt. Geschrieben vor 8 Minuten über die Applikation „Facebook für iPhone“, der frühere Kollege muss als echter HSV-Fan für das Spiel nach Hamburg gekommen sein. „Gefällt mir“, klicke ich neben dem Eintrag an und sehe, wie ein nach oben ausgestreckter Daumen unter dem Posting genau das bestätigt: Dir gefällt das.

Anderen Facebook-Freunden gefällt ganz anderes. „Fängt gerade eine Liebelei mit ihrem neuen MacBook Pro an. Bisher mag ich alles an ihm“, teilt etwa eine ehemalige Klassenkameradin mit. Der Inhaber einer großen Hamburger PR-Agentur, der gleichzeitig bekennender HSV-Fan ist, hat unterdessen über sein Lunch Folgendes zu berichten: „War heute mit einem Werder-Bremen-Fan Mittag essen. Sind auch Menschen, habe ich gelernt.“ Sein Chefredakteur lässt seine Facebook-Freunde unterdessen an Reise- und Urlaubsplänen teilhaben: „Fühlt sich etwas verwöhnt. Letzte Woche London, diese Zürich, nächste Südafrika. Nennt mich jetzt aber keinen Poser!“

Facebook als persönlicher Newsticker: Erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets

So geht es zu in Facebook: Es menschelt! Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Geschichten von Aktivitäten, Ansichten und anderen Befindlichkeiten, mal belanglos, mal informativ, mal provokant – ein Live-Journal der Nichtig- und Wichtigkeiten.

„Was machst Du gerade? “ fragt uns Facebook in der Kopfzeile unseres Profils und provoziert damit sage und schreibe 45 Millionen Status-Updates – am Tag! Das vom boomenden Mikroblogging-Dienst Twitter nachempfundene Kommunikationstool ist die eigentliche Nahtstelle zwischen den Nutzern – natürlich können wir unseren Freunden auf Facebook Mails schreiben, mit ihnen chatten und Beiträge an ihre Pinnwände posten, doch mit dem Status-Update treten wir in direkte Verbindung mit allen Freunden.

Gerade bei übergreifenden zeithistorischen Ereignissen sind die Status-Updates die erste gemeinschaftliche Ausdrucksform des sozialen Internets, die auch traditionelle Medien immer mehr faszinieren. Mehr als 1,5 Millionen Status-Updates via Facebook flossen am 20. Januar dieses Jahres auf der Website von CNN ein, als Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA vereidigt wurde – Facebook wurde zur ersten Anlaufstelle, um mit seinen Freunden ein besonderes Ereignis zu teilen.

Und die werden immer mehr: Der Tod von Michael Jackson, die folgende Trauerfeier, der Tod von Patrick Swayze, die Olympia-Vergabe an Rio de Janeiro oder der Friedensnobelpreis für Barack Obama – es gibt Ereignisse, die Menschen auf der ganzen Welt bewegen. Bei Facebook werden diese Ereignisse zum gemeinsamen Erlebnis. Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie erführen durch ihre Freunde bei Facebook als Erstes davon und würden kein Nachrichtenportal mehr benötigen – Facebook als persönlicher Newsticker.

Facebook auf dem iPhone: Das Status-Update von unterwegs

Wie schnell das gehen kann, wird mir selbst klar, als ich wieder auf meine Startseite blicke.
Schottenkick – Grottenkick. 0:0„, lese ich da als Status-Update von Ulf. Facebook hat für mich gerade zum ersten Mal SPIEGEL Online ersetzt. 21 Uhr, es ist noch Zeit: „Wie wäre es mit einem Drink in Ottensen?“ kommentiere ich umgehend den Beitrag. Eine Minute später leuchtet eine rote „1“ in der rechten Ecke des Browsers auf – ich habe eine Benachrichtigung. „Prima Idee, in einer Stunde in der Reh-Bar“. So verabredet man sich heute.

In der U-Bahn lade ich die Facebook-Applikation für das iPhone herunter und blicke auf die ovale Kopfzeile. Zeit für mein erstes Update: „Auf dem Weg nach… „, tippe ich hinein und ergänze schließlich: „Ottensen“. Die „Reh-Bar“ bleibt mein Geheimnis. Für multiple Verabredungen bin ich nicht reif – noch nicht.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

4. November 2009

Eine letzte Frage ist da noch offen. Facebook will etwas über mein Privatleben wissen, was mich doch sehr überrascht. Es gibt dieses Feld, das sich ‚Beziehungsstatus‘ nennt. Es ist die eigentliche Schlüsselfrage von Facebook – das Herzstück der 300-Millionen-Community. Was ist auch elementarer als diese eine Frage: Ist man in einer Beziehung oder nicht? Die ganze Menschheit strebt schließlich danach, in einer zu sein.

Trotzdem wird die Frage danach im Alltagsgebrauch fein gemieden. Man stelle sich einmal folgendes Zusammentreffen zweier Geschäftsleute, die sich vage kennen, auf einer Messe vor:

Hallo, Herr XY, schön Sie wiederzusehen!
Ganz meinerseits, Herr YZ. Wie geht es denn?
Gut! Und Ihnen?
Ebenfalls! Wie laufen die Geschäfte?
Bestens. Und bei Ihnen?
Kann nicht klagen. Krise, welche Krise?
Haha, wie schön. Und die Beziehung? Sie sind doch in einer?
Lange Pause. Nee, nicht mehr. Sie?
Ja, leider.
Betretenes Schweigen beiderseits.

Slapstick, natürlich. Doch klar wird schnell: Im Alltagsgebrauch prallt diese Frage auf unsere Konventionen. Dabei könnte sie so viel abkürzen. Etwa im Nachtleben. An der Uni. Oder sogar im Berufsalltag. Man trifft einen sympathischen Menschen, kennt aber nicht seinen Beziehungsstatus. Fragen ist – wie gesehen – eher unangenehm. Dumm, wenn man dann einen halben Abend investiert hat, um festzustellen, dass die- oder derjenige doch in einer Beziehung steckt.

„In offener Beziehung“: Angeklickt werden wie eine läufige Hündin

In der effizienten Internet-Ära reicht ein Mausklick, um für klare Verhältnisse zu sorgen – oder die komplette Verwirrung loszutreten. Es gibt nämlich bei Facebook nicht nur die Wahl zwischen „In einer Beziehung“ oder „Single“, sondern auch die formellen Beziehungsstufen: „Verlobt“, „Verheiratet“, „Verwitwet“. So weit, so bodenständig.

Und dann beginnt sich das echte Leben einzumischen, in den bunten Schattierungen, die wir unseren Eltern nur noch bedingt erklären können. „In offener Beziehung“ kann auch angeklickt werden – eine mutige Hausnummer, mit der man wahrscheinlich durch Facebook läuft wie eine läufige Hündin, an der andere Hunde schnuppern. Da ginge also immer was.

Das ist hingegen in einem anderen Spezialfall weitaus weniger klar – wie überhaupt alles. Deswegen heißt es hier auch: „Es ist kompliziert“. Das ist wahrscheinlich das entwaffnendste und ehrlichste Statement unserer Generation: Es ist kompliziert.

Eigentlich ist ja alles kompliziert in diesen Tagen: Das Studium, die Praktika, der Einstieg ins Berufsleben, das Drinbleiben im Berufsleben, in Hamburg eine schicke Wohnung in einem schönen Viertel zu finden, dem HSV dabei zuzusehen, wie er die Tabellenführung verspielt, das Vermehren von Kapital an den Aktienmärkten bzw. Vermehren im Allgemeinen. Also Partnerwahl und Generativität, wie es der Entwicklungspsychologe Erikson nennt. Alles nicht so einfach heute für die Generation NEON.

Komplizierte Beziehungen: Alles wird öffentlich gemacht

Facebook zieht der Misere den Zahn. Es ist kompliziert. Das ist so treffend und so gut, dass ich es am liebsten anklicken würde. Macht man natürlich nicht. Hör mal, Schatzi, unsere Beziehung ist kompliziert – das lassen wir jetzt auch alle wissen. Eigentlich ist ja jede Beziehung kompliziert, selbst die Obamas haben das gerade öffentlich vorgemacht, also outen wir uns, ganz zweinullig, als Komplizierte.

Unvorstellbar? Gehen Sie mal in Facebook! Es wimmelt hier nur so von komplizierten Partnerschaften. Aber kann man das aushalten, diese neue Ehrlichkeit? Wie sooft im Leben wollen beide zwar im Grunde dasselbe, empfinden jedoch unterschiedlich. Die eine mehr, der andere weniger. Für die eine ist die Sache klar, für den anderen emotional vielleicht jedoch weniger – liebt man schließlich immer gleich stark? Kompliziert ist das.

Doch wer möchte schon eine komplizierte Beziehung führen. Oder eben schlimmer noch: In einer komplizierten Beziehung geführt werden? „Komplizierte Beziehung“ heißt schließlich so viel wie: Beziehung auf Probe. Oder Abruf. Oder beides. Während der eine das dann irgendwann artikuliert, zerbricht für den anderen eine Welt. Erst recht, wenn es vor einer Kulisse von Hunderten von „Freunden“ passiert. Voyeurismus 2.0. Alles ist öffentlich? Alles wird öffentlich gemacht!

‚A bisserl was geht immer’: Das Monaco-Franze-Motto in Facebook

Also Augen zu und weiter. Ignorieren. Gar keinen Beziehungsstatus anklicken. Oder? Die Sache beschäftigt mich weiter. Darüber muss ich mit meinen Kumpels sprechen. Fünf Stunden später in der „Daniela Bar“ auf der Schanze warnt mich Manuel, der zweifache Familienvater, dessen Frau ebenfalls in Facebook ist: „Mach das bloß nicht!“

„Warum?“, werfe ich ein.
„Seit sie auch in Facebook ist, ist alles anders. Sie spricht mich auf meine Status-Updates an. Sie fragt mich, wer die Frau ist, die mir wieder auf die Pinnwand geschrieben hat. Und auch, wer die neuen Freunde sind, deren Namen sie nicht kannte. Ein Albtraum!“
„Klingt ganz so“, merkt Leif, der seinen Beziehungsstatus genau wie ich offen gelassen hat: „Was soll das auch? Warum muss man das angeben? Es ist schließlich mein Facebook. “
„Ja, klar“, erwidert Manuel. „Weil du flirten willst.“
„Hab ich nicht gesagt“, wehrt sich Leif.
„Aber gedacht. “
Schweigen.

Denken wir das nicht alle irgendwo? Ist das nicht genau der Punkt, warum wir uns auf ein Bier in einer Bar treffen und nicht im Wohnzimmer, warum wir abends noch losziehen und das Nachtleben dem Schlaf vor Mitternacht vorziehen? Es wäre abwegig, das abzustreiten. Die halbe Gastronomieszene lebt von diesem Faktor. ‚A bisserl was geht immer’, hat Monaco Franze das Flirt-Phänomen einst auf den Punkt gebracht, das ich aus meiner Münchner Zeit bestätigen kann. Warum sollte das in Facebook anders sein?

„Denk einfach nicht so viel nach“, hat mir einmal eine Strandbekanntschaft in Barcelona gesagt, als ich vor einer abendlichen Verabredung einwandte, in einer Beziehung zu sein.

Richtiger Status, doofer Zeitpunkt.

Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, einfach mal weniger nachzudenken. Und ein neues Profilbild hochzuladen. Barcelona, der Strand, der echte Sommer. Summertime and the living is easy. Ganz unkompliziert und so.

Die Sache mit der Suche

3. November 2009

Ich bin bei der Suche nicht fündig geworden. Kein vernünftiges Profilbild. Oder wahrscheinlich: Zu viele, aber keinen Mut, sie hochzuladen, diese fünf, sechs Favoriten: am Strand von Barcelona, an der Alster im Frühling, auf der Sylvesterfeier mit dem ersten iPhone, am Kreml mit der Moskwa im Hintergrund, im Kulturpalast von Warschau – unmöglich, sich da zu entscheiden.

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Prestigeobjekt Profilbilder: Von welcher Seite möchte ich mich heute zeigen?

Das geht mir auch bei anderen Dingen so – Facebook will einiges wissen von mir. Geschlecht, Geburtstag und meine Heimatstadt, ok geschenkt. Gebe ich bedenkenlos ein, vor allem, nachdem Facebook mir freundlicherweise eine Extra-Option gewährt, für die Menschen über dreißig sehr dankbar sind: „Nur Monat & Tag in meinem Profil anzeigen“, heißt es da. Das mache ich, bin schließlich ein stolzer Widder.

Meine vierte oder fünfte Email-Adresse kann Facebook zur Sendung der Benachrichtigungen auch haben, meinen bevorzugten Instant Messanger-Account (Skype) ebenso – aber dann hört die Facebook-Freundschaft für mich auch vorläufig auf. Name meines Arbeitgebers, am besten noch der Jahre zuvor? Was soll das, bei Xing bin ich schon. Und meine Handy-Nummer hat hier schon gar nichts zu suchen.

Generation sorglos: 25 Prozent ungefragt Handynummer hinterlegt

Das findet sogar Gründer Mark Zuckerberg:  „Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“, erklärte der ehemalige Harvard-Student einst dem Lifestyle-Magazin „Vanity Fair“.

Selbstmitteilung geht auch anders – etwa über die persönlichen Angaben zu den ganz persönlichen Lieblingen in Musik, Film, Fernsehen, Literatur oder den Aktivitäten, die man gerne mag. Das fällt mir nicht schwer, es gibt so viele fantastische Arten, seine Zeit zu verbringen: beim Fußball im Sommer im Stadtpark, im Kanu auf der Alster, auf dem Tennisplatz, auf der Couch mit F. Scott Fitzgerald und Judith Hermann, Sinatra und Springsteen – oder, wie jetzt, vor meinem MacBook.

Ein ganz schlaues Motto, mit dem ich mein Profil schmücken kann, fällt mir dann auch noch ein: „In life, we don’t get a chance to do that many things“, hat Apple-CEO Steve Jobs nach seiner überstandenen Bauchspeicheldrüsen-Krebs-OP einmal gesagt. „Every one should be really excellent. Life is brief and then you die… So it better be damn good.“ Besser kann man es nicht sagen.

Wonach suchen wir bei Facebook: Freundschaft, Verabredung, neuen Kontakten, einer Beziehung?
Dann ist da noch diese eine Sache.  Facebook fragt mich, wonach ich suche. Allein die Frage ist purer Irrsinn: Seit wann stellen soziale Netzwerke Sinnfragen? Doch genau das passiert, bevor ich meine Profilbearbeitung abschließe – ich muss das nicht anklicken, aber einmal ausgesprochen, steht sie im Raum, diese große Frage:

Wonach suchen wir bei Facebook? Vier Optionen werden mir angeboten:

• Freundschaft
• Verabredung
• Feste Beziehung
• Kontakte knüpfen

Wonach suche ich also bei Facebook: Freundschaft, Verabredung? Hm, findet man neue Freunde online? Ich bin skeptisch. Wenn man über dreißig ist, geht das nicht mehr so schnell wie noch im Studium. Schade, dass es studiVZ nicht zu meinen Uni-Zeiten gegeben hat, denke ich. Das wäre lustig gewesen: Studieren, oder als was man die Zeit zwischen 20 und 25 so ausgibt, und nebenbei jede Menge neue Leute kennenlernen. Offline, auf dem Campus. Und online, nach dem Campus. Eine einzige Party wäre das. Und doch: Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Ich kann mit studiVZ rein gar nichts anfangen, die Uni-Zeiten sind so was von vorbei, und da ist nicht einmal etwas Schlechtes dran.

Das Beste aller Welten: studiVZ, Xing, LinkedIn, Dating-Portal

Kontakte knüpfen? Können wir bei Xing oder LinkedIn haben. Das Business-Netzwerk Xing, das früher einmal openBC hieß (was eigentlich viel cooler klang, aber eine höhere Börsenbewertung gefährdete), ist für die arbeitende Bevölkerung gedacht, die noch dabei ist, ihre Karriere aufzubauen, wobei  Netzwerke schließlich helfen – die Generation 30+, Leute wie mich also. Jeder ist drin, man klickt eifrig dazu. Man sammelt Kontakte wie auf einer Messe Visitenkarten. Und damit endet die Faszination bereits. LinkedIn, der größere US-Rivale, ist das internationale Pendant – dasselbe in Englisch. For the global player in you.

Feste Beziehung?  Flirten, wenn es das denn sein soll, geht bestimmt in den einschlägigen Datingportalen besser – keine Ahnung, ich habe es nicht mehr probiert, seit die AMICA Singlebox abgeschaltet wurde, es gab danach ja auch keinen Anlass mehr dazu. Eigentlich.

Eigentlich? Eigentlich ist Facebook alles und nichts. Eigentlich findet man es schön, seine Kollegen im Internet privater wiederzufinden, aber gleichzeitig den Gedanken unschön, selbst etwas online im Überschwang preiszugeben, was man doch besser für sich behalten hätte. Eigentlich wäre man gerne viel besser vernetzt, findet es aber schon zu anstrengend, seine Freundschaftsanfrage zum Studienkollegen von vor zehn Jahren sinnvoll zu begründen, nur weil er jetzt bei Google arbeitet. Und eigentlich reizt einen nach all den Jahren, in denen die Freundin zu Hause auf der Couch liegt und im Pyjama den „Tatort“ schaut, auch wieder so etwas wie die Erinnerung an einen Flirt – rein virtuell, unverfänglich, ganz egal wo, irgendwo zwischen São Paulo und St. Petersburg.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden.

Stattdessen lade ich ein neues Profilbild hoch. Die Ausläufer der Kremlmauer, die Abenddämmerung über der Moskwa, klirrende Kälte. A Stranger in Moscow, schreibe ich darunter.

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

2. November 2009

Also geht es los!

Eine Sekunde später springt die Startseite um, und das Facebook-Universum liegt vor mir – zumindest fast. Bevor ich es nutzen kann, hat Facebook eine Frage an mich. Eigentlich ist es die Frage der Fragen, weshalb man sich schließlich beim größten aller Netzwerke angemeldet hat:

Sind deine Freunde schon bei Facebook?

Facebook legt mir die Antwort bereits nahe: „Viele deiner Freunde sind vielleicht schon hier“, werde ich gelockt. Wer das wohl ist? „Das Durchsuchen deines E-Mail-Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden“, schlägt mir das Supernetzwerk vor.

Eine solche Aufforderung ist jedoch der sicherste Weg, um Datenneurotiker wie mich in die Flucht zu schlagen. Facebook durchsucht meine Email-Konten? No way! Ich überspringe den Schritt, schließlich gibt es im Online-Zeitalter immer ein Zurück.

Doch dann will Facebook schon wieder etwas von mir wissen: „Gib deine Profilinformationen ein“, lautet die nächste Aufforderung. Warum? „Diese Informationen helfen dir dabei deine Freunde auf Facebook zu finden.““

Freunde bedeutet hier: Klassenkameraden, Kommilitonen und (Ex-)Kollegen. Ich zögere. Möchte ich das? Diese Zeitreise im Fastforward-Modus zurück um fünf, zehn, 15 Jahre – die ersten Jobs, die Studienzeit, die Abiklasse? Eigentlich schon. Eigentlich geht es am Ende bei Facebook um genau diese Neugierde – es ist eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich Köpfe und Gesichter aus dem Web auftauchen lassen könnte, die ich mit Google nie gefunden hätte.


Freunde finden auf Facebook: Per Zeitreise im Fastforward-Modus zurück zur Jugend- und Studienzeit

Und doch: Nicht sofort, nicht nach der Anmeldung, nicht mit diesem blanken Profil. Die Schule könnte komisch werden. Uni indes – Uni geht immer. 40.000 Studenten sind eine Masse. Eine undurchschaubare dazu: Denn die Facebook-Vorschläge gehen alle ins Leere, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nach dem amerikanischen Vorbild der Jahrgänge ausgespuckt werden. Doch so funktionierte es in der Vor-Master-Ära schließlich nicht: Die Absolventen der Jahrtausendwende sind für mich alle Unbekannte.

Also zurück zur Schulzeit. Ich gebe  tatsächlich dieses Gymnasium im Hamburger Nordosten ein, das einst den Ruf der reinsten Streberschule hatte und auf dem ich seinerzeit so urkomische Dinge getan habe, wie Kurzgeschichten in einer Schülerzeitung namens „Cocktail“ zu schreiben – Jugendsünden, möchte man sie zurückholen?

Egal. Ich klicke „Speichern und fortfahren“ und male mir so etwas wie das virtuelle Klassentreffen aus. Das zehnjährige war ein echtes Erlebnis, das fünfzehnjährige indes war einfach ausgefallen. Wird es jetzt auf Facebook nachgeholt? Eine Übersicht aus fingernagelgroßen Porträtfotos poppt auf. Ich scrolle – zwei, drei, vier bekannte Gesichter erkenne ich sofort wieder. Niemand, mit dem mich wirklich viel verbunden hätte, aber spannend natürlich.

Sofort schießen mir die Standardfragen der „Generation NEON“ durch den Kopf: Na, verheiratet, Kinder, Karriere gemacht – oder was man dafür halten könnte? Klickbar sind die Profile leider nicht. Ich müsste den Klassenkamerad als „Freund hinzufügen“.

Spätestens an dieser Stelle wird es für viele von uns problematisch. Man merkt, dass Facebooks Freundesverständnis auf eine amerikanischen Sozialisierung zurückgeht: Ein Facebook-Freund muss noch lange kein echter Freund sein, echte Freunde hat man schließlich vielleicht eine Handvoll, auf Facebook sollte es eigentlich am besten eine dreistellige Anzahl sein.


Die Crux mit dem Profilfoto: Angestrengte Lässigkeit im Casual Friday der sozialen Netzwerke

Dumm nur, dass ich immer noch keinen einzigen habe. Es muss also etwas passieren – und dafür gibt es schließlich noch die dritte Kontaktmöglichkeit; man kann nachUnternehmen“ suchen, also der Zeit im Berufsleben.

Hier muss einem nichts peinlich sein – oder alles, doch das sollte ich erst später erfahren. Zunächst sind viele Berufstätige bei Facebook Newbies, echte Anfänger also, die sich gerne mit dem Hauch des Coolen schmücken würden – in Xing sind wir schließlich alle, in Facebook möchten wir alle rein.

Also gebe ich nun diverse Verlage in die Suche ein, aus zehn Jahren in der Medienbranche sollte etwas hängen geblieben sein. Und siehe da: Meine Kollegen sind natürlich schon längst drin, fast alle aus der Online-Redaktion, und auch aus diversen Internet- und PR-Agenturen erkenne ich jede Menge bekannter Gesichter. Ich fange bei meinem ehemaligen Redaktionsleiter, jetzt in München, an – die erste Freundschaftsanfrage. Zwölf weitere folgen, immerhin zweistellig sollte die Ausbeute zum Start sein, finde ich.

Dann der nächste Schritt, der schwierigste: Ich soll ein Profilbild festlegen. Ich weiß ja – Facebook ist der Casual Friday der sozialen Netzwerke, hier ist alles ein bisschen lässiger. Aber wie lässig ist lässig wirklich – und wann wird lässig peinlich? Jetzt wäre es wohl an der Zeit für das Urlaubsbild meines Lebens, denke ich – für das Dauergrinsen beim Sonnenuntergang auf Ko Phi Phi oder das Glücklich-wie-ein-Honigkuchenpferd-Foto unter der Sydney-Harbour-Bridge mit der Freundin, der ich damals besser den Antrag gemacht hätte. Aber das eine tut hier so wenig zur Sache wie das andere, finde ich.


Facebook als Metapher unseres Erwachsenenlebens: Was wollen wir sein – und wie wollen wir von anderen gesehen werden?

Mir ist das zu privat, ich bin wohl noch zu sehr in der Xing-Welt geerdet, muss ich zugeben. Also bleibt eben nur dieses Profil-Bild, das inzwischen überall gelandet ist – auf Blogs, über Artikeln, auf meinem Presseausweis. Sieh es als Marke, schreibt mir die Fotografin, der ich parallel meine Bedenken mitteile, über Skype.

Doch auch Marken haben ihre Lebenszeit, muss ich schnell feststellen, während ich dabei bin, die letzten Angaben für meine Profilseite einzugeben:

„Nils! Endlich bei Facebook!“ lese ich da tatsächlich als ersten Eintrag auf meiner noch so nackten Pinnwand von einer Ex-Kollegin aus der Milchstraße: „Aber wie wäre es mal mit einem neuen Foto, mh? Schön, dass Du hier bist! Enjoy, J.“

So ist das also, denke ich, während ich mich noch immer nicht entschieden habe, was ich auf die Frage angeben soll, was ich bei Facebook eigentlich suche: Facebook ist Freizeitstress. Selbstdarstellungsstress. Inszenierungsstress.

Doch bildet dieses Supernetzwerk damit nicht genau die Grundsatzfrage unseres Erwachsenenlebens ab: Der Frage, was wir sein wollen – und wie wir von anderen gesehen werden wollen? Ich starte iPhoto und sehe noch einmal genau hin. Ich weiß, wie ich den Abend heute verbringen werde – auf der Suche nach diesem einen coolen Bild, das es zum Profilfoto schaffen soll. Wozu habe ich schließlich die 40 GB Digitalbilder angehäuft, in all den Jahren?