Monatsarchiv für Oktober 2009

Auf zu Facebook!

30. Oktober 2009

Die ganze Welt redet über Facebook. 300 Millionen Nutzer können schließlich nicht irren: Es wäre das spannendste aller Web 2.0-Angebote, sagen die einen. Man treffe dort die coolsten Leute, glauben die anderen. Genug der Manie, auf zu Facebook!   Für das HAMBURGER ABENDBLATT will ich ab sofort Woche für Woche skizzieren, was passiert, wenn man sich auf das Abenteuer einlässt und beim mit Abstand größten sozialen Netzwerk unserer Zeit anmeldet.

Zugegeben: Dies ist natürlich nicht meine erste Begegnung mit Facebook. Im Gegenteil: Der Anfang ist Jahre her. Er geht zurück in eine Zeit, in der die Finanzkrise noch nicht ausgebrochen, das iPhone gerade auf den Markt gekommen und Social Networks für nicht mehr als eine ‚nerdige’ Randnotiz taugten – der Zeit vor Facebook. Seitdem ist alles anders – auch und vor allem durch Facebook. Aber das sollte ich erst später erfahren. Als ich an jenem Winterabend vor zwei Jahren vor meinem MacBook saß und auf diese unspektakuläre Seite mit blauem Logo starrte, die seinerzeit in Deutschland kaum einer wahrnahm, ging es mir, wie es Millionen Nutzern nach mir ging – und noch heute geht.

Es ist die Neugierde, die einen auf Facebook treibt – diese unbändige Neugierde, dass sich hinter diesem seinerzeit in den USA schon viel gehypten sozialen Netzwerk die Einlösung eines Versprechens verbirgt, das unausgesprochen durch das Web geistert. Nämlich: Dass dieses Netzwerk endlich die menschliche Seite des Internet hervorbringen könnte – all meine Freunde, Kollegen, Bekannten endlich auf einer Seite, wäre das nicht toll?

Ein Klick bis dahin ist es noch. Nur noch dieser eine Klick, der mich davon trennt, in etwas einzutauchen, das faszinierender, unkontrollierbarer und vielleicht größer ist als das Leben da draußen – das Leben, das so mechanisch verläuft zwischen Montag und Sonntag, zwischen dem Arbeitsalltag und dem bisschen Freizeit, das dazwischen bleibt.


Das Facebook-Motto: Erleben, um davon zu erzählen

Und doch: Welche Hemmschwelle! Wenn man einmal die 30 überschritten hat, ist der Umgang mit dem öffentlichen Leben im Netz nicht so einfach, nicht ganz so unbefangen. Um Gottes willen: Da sind doch diese Webseiten, auf denen man so viel von sich preisgibt – Dinge, die man am Ende nicht mehr löschen kann, sagen die Eltern, wenn sie etwas über Datensicherheit bei sozialen Netzwerken hören. Der ultimative Karrierekiller könnte das sein, vielleicht sogar Online-Mobbing entstehen. Sogar Morde und Selbstmorde soll es wegen Facebook schon gegeben haben. Wie verrückt muss man also sein, um freiwillig diese Büchse der Pandora zu öffnen?

Ziemlich verrückt, wie die inzwischen unglaublichen 300 Millionen Nutzer beweisen. Damit wäre Facebook das viertgrößte Land der Erde. In ein paar Jahren soll sogar die Milliardengrenze fallen. Jeden Tag kommen 250.000 neue Mitglieder dazu, die meisten zwischen 20 und 30, die offenbar nicht mehr anders können, als pausenlos Partybilder zu kommentieren und jeden Winkel ihres Privatlebens öffentlich in Status-Updates auszubreiten: Ist genervt von der Arbeit, ist da etwa zu lesen. Ist auf dem Weg in den Waagenbau „. Oder: „Sucht Karten fürs HSV-Heimspiel am Samstag gegen Gladbach (unter 40 EUR!). Oder: Kommt noch nicht ins Rollen, weil immer noch kein Kaffee in Sicht… Dazu Tapeten von Bilderschnipseln – aus fernsten und absurdesten Ländern, den ausschweifendsten und offenkundig lustigsten Partys der Republik.

Genug vom Vernetzungszwang und den aufpolierten Lebensläufen der Xing-Welt

So klingt das gute Leben, das richtige vielleicht. Oder: So könnte es aussehen, ich weiß nicht. Erleben, um davon zu berichten. Das scheint das Facebook-Motto zu sein. Eine ewige Live-Reportage. Das Leben ist, was du zu erzählen – und erst recht zu bebildern hast. Es macht mich ein bisschen neidisch, sehnsüchtig zumindest.

Dabei bin ich eigentlich längst zu alt für solche Ego-Spielchen! Ich bin über 30, Generation Xing. StudiVZ habe ich im Studium nicht mehr kennengelernt, leider – das wäre ein Spaß gewesen -, LinkedIn noch nicht wirklich gebraucht. Xing also, das ist der kleinste gemeinsame Nenner meiner meisten Bekannten, Kollegen und Freunde. Doch was für eine lahme Veranstaltung! Das öffentliche Aufpolieren der Lebensläufe, dieser Vernetzungszwang, diese dauernde Klickkontrolle beim Besuch eines Profils – es geht mir so auf die Nerven, dass ich schon oft überlegt habe, die Mitgliedschaft zu kündigen. Macht man ja aber dann doch nicht.

Also Facebook. Nicht, dass es eine Alternative wäre. Das eine hat mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Das eine ist Business, das andere Privatleben. Wobei sich die Grenzen zunehmend vermischen: Xing versucht mit seinen Status-Meldungen lässiger zu werden, während Facebook ernsthafter wird, indem es nach und nach die Xing-Zielgruppe anspricht. Die Generation 30+ ist angeblich die stärkste Wachstumsgruppe, habe ich gelernt.

Ein letzter Moment des Innehaltens: Soll ich wirklich diese Spielwiese der Eitelkeiten betreten?

Also rein da! Fünf einfache Fragen hat Facebook an mich: Meinen Namen, meine E-Mail-Adresse, ein Passwort soll ich mir ausdenken, mein Geschlecht auswählen und meinen Geburtstag angeben. All das tippe ich intuitiv ein, längst in Gedanken daran, welche bekannten Gesichter ich in der Facebook-Welt wohl wiedersehen werde – und wie?

Ein letzter Moment des Innehaltens… Sollte ich das wirklich tun: Soll ich wirklich diese Spielwiese der Selbstdarstellung und Eitelkeiten betreten? Die Antwort kommt von selbst: Den Bruchteil einer Sekunde später haue ich entschlossen auf die Entertaste meiner Tastatur und sehe, wie das Browserfenster umspringt. Es gibt kein Zurück mehr: Ich bin drin im Facebook-Universum!